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Foto: Marlies Kross
 

MUSIKTHEATER: »Nacht der Geheimnisse« - Jens-Daniel Schubert - Sächsische Zeitung

Mehr Schein als Sein

Die „Nacht der Geheimnisse“ bietet flottes, ansprechendes Unterhaltungstheater in Görlitz.


„Nacht der Geheimnisse“ hieß vielversprechend die Musiktheaterpremiere am Sonnabend in Görlitz. Man sollte den Untertitel „zwei Opernkomödien“ nicht überlesen, um nicht enttäuscht zu werden. Denn weder „Susannas Geheimnis“ noch die „Nacht der Ängste“ sind mystischer Nervenkitzel, als vielmehr gut gebaute Unterhaltungsstücke der leichteren Machart. Beiden gemeinsam ist zunächst eine sehr gut komponierte Musik mit Charme und Esprit. Ermanno Wolf-Ferrari, der Deutsch-Italiener, der seine Werke Anfang des 20. Jahrhunderts schuf, war in Görlitz 1994 mit „Il Campiello“ zu erleben. Nino Rota, der 45 Jahre jüngere italienische Komponist, ist insbesondere durch seine Filmmusiken, etwa Fellinis „La dolce vita“ oder Coppolas „Der Pate“ im Ohr.

Chefdirigent Andrea Sanguineti hat die Musik seiner Landsleute mit leichter Hand und heiterem Grundton interpretiert. Er gibt der Oper Ferraris und ihren Sängern was sie brauchen, lässt die Farbigkeit der Musik in mediterraner Sonne strahlen, findet den rechten Sound für Rota und kommt mit den Revue- und Musical-Elementen dieser Komposition der Inszenierung entgegen. Die Neue Lausitzer Philharmonie, Chor und Solistenensemble ziehen überzeugend mit.

„Susannas Geheimnis“ ist ziemlich banal: sie raucht heimlich. Aber ihr Mann, der ihr das überhaupt nicht zutraut, wittert Betrug und Ehebruch. Den Zuschauer amüsieren die Missverständnisse, die die handelnden Personen zur Verzweiflung treiben. Regisseur Christian Papke inszeniert die Komödie mit Leichtigkeit, überraschen den Gags und kuriosen Zuspitzungen. Da die Handlung nicht nur dünn, sondern im heutigen Kontext von Emanzipation und Nichtrauchergesetzen auch etwas aus der Zeit gefallen ist, wäre eine dramaturgische Idee, die der Geschichte zusätzliche Tiefe gibt, eine echte Bereicherung gewesen. Angelegt ist sie im Bezug zum zweiten Stück. Leider wird die so denkbare Doppelbödig keit nicht konsequent durchgespielt, bleiben die Figuren zu sehr in Äußerlichkeiten, als dass in ihren Beziehungen bewegende Zusammenhänge hätten deutlich werden können.

„Die Nacht der Ängste“, wörtlich übersetzt „Die Nacht eines Neurasthenikers“, spielt in einem Hotel. Die Inszenierung interpretiert sie als Vorgeschichte zu „Susannas Geheimnis“. Der Gast im zentralen Zimmer ist Neurastheniker, was im 19. bis 20. Jahrhundert eine psychische „Modekrankheit“ der gehobenen Mittelschicht war, heute genauer differenziert zwischen Erschöpfungsdepression und Burnout zu verorten ist. Getrieben von der Angst, nachts nicht schlafen zu können, mietet der Neurastheniker auch die Nachbarzimmer. Hans-Peter Struppe kann mit dieser skurrilen Type sein ganzes komisches Talent ausspielen. Doch der geschäftstüchtige
Portier, Stefan Bley, der in „Susannas Geheimnis“ schon dem allgegenwärtigen Faktotum Sante kurioses Profil verlieh, vermietet die Zimmer noch ein zweites Mal. Links quartiert er einen sturzbetrunkenen „Kommandeur“ ein. Michael Berner spielt mit großem Elan einen abgestürzten Rodeo-Reiter. Rechts wird ein Liebespärchen mit auffälligen Cowboy-Hüten untergebracht. Beide Parteien können die erforderliche Ruhe nicht halten. Sie stören den Neurastheniker auf, der seinerseits Randale macht, die der Portier und die herbeigeeilte Dienerschaft statt zu beruhigen noch weiter beheizen.

So entsteht ein hollywoodreifes Durcheinander, dem Rota eine herrlich überdrehte Revue-Musik unterlegt. Die Inszenierung lässt „sie“ auf der Seite des Liebespärchens von Patricia Bänsch spielen, die schon als Susanna überzeugend sang und agierte. Unter dem braven Mäntelchen verbirgt sie – wie schon beim ersten Susanna-Auftritt – ein scharfes, knapp geschnittenes Leder-Cowgirl-Outfit. Ihr Liebhaber, der sympathisch-lyrische Tenor Thembi Nkosi, trägt, inklusive Strapsen, das Gleiche in Weiß. Zum Höhepunkt des Liebespiels zieht sie die Peitsche. Schließlich taucht auch Susannas Ehemann, Ji-Su Park hier als Hoteldirektor, auf. Das hätte eine spannende Lesart werden können!

Doch Regisseur Papke konzentriert sich mehr auf ein rasantes Spiel. Britta Bremer hat ihm dazu nicht nur fantasievoll-kuriose Kostüme, sondern ein türreiches, doppelstöckiges Bühnenbild gebaut. Papke spielt schon im ersten Teil virtuos mit Auftritten, Abgängen und Türen, hinter denen sich jedes Mal ein neuer Raum auftut. Im zweiten Teil zeigt er auf der Bühnenebene die Hotelzimmer von innen, darüber zeitgleich die Szene aus Sicht des Hotelflures. Mit szenischen Doubles aus dem Chor, die mit beeindruckender Präzision spielen, werden frappierende Momente kreiert, die sich selbst nach einer Dreiviertelstunde noch nicht erschöpft haben.

So wird die „Nacht der Geheimnisse“ ein unterhaltsamer, kurzweiliger Opernabend, der leicht noch etwas mehr Tief gang hätte haben können.

Jens-Daniel Schubert
Sächsische Zeitung
21. November 2016

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