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Foto: Pawel Sosnowski
 

MUSIKTHEATER: »Powder Her Face« - Martin Morgenstern - Sächsische Zeitung

Liebes Tagebuch...

Auf der Görlitzer Bühne bleibt die kleine Skandal-Oper „Powder Her Face“ fast zu brav. Sensationell aber ist die Musik.


Vor einem halben Jahrhundert hielt ein spektakulärer Scheidungsprozess die englische Klatschpresse in Atem. Elf Tage lang zitierte der Herzog von Argyll genüsslich aus den Tagebüchern seiner Frau, die seine Tochter ihr entwendet hatte. Die hübsche Herzogin hatte darin die Liebesabenteuer mit 88 Männern der britischen Oberschicht notiert. Auf den beiliegenden Polaroidfotos trug sie nichts außer ihrer Perlenkette – und noch jahrelang spekulierten die Briten, wer denn nun die glücklichen Liebediener gewesen sein könnten: Mitglieder des Königshauses, des Parlaments? Gar der Verteidigungsminister?

Nach dem Tod der Herzogin in den neunziger Jahren verarbeitete der englische Komponist Thomas Adès das skandalträchtige Stöffchen zu einer Kammeroper für vier Sänger und fünfzehn Instrumentalisten. Die betagte Krawallnudel stöckelt darin durch ihre Hotelsuite, in die sie sich, verarmt und von allen Freunden verlassen, zurückgezogen hat. In acht Szenen werden wir in einer Rückschau, die sich über die Jahrzehnte spannt, Zeuge des ausschweifenden Lebens der „Dirty Duchess“, wie die Regenbogenpresse die Herzogin titulierte. Immer deutlicher wird dabei, wie leer und eintönig ihr von Gerichtsprozessen, Verleumdungsklagen und Liebesaffärchen gesäumter Lebensweg doch eigentlich war. Nach der Uraufführung der Oper war eine einzige Szene in aller Munde: eine Arie, in der die Worte allmählich in Summen und Gurgeln übergehen, weil die Protagonistin schlicht den Mund voll hat. Der so hintersinnig vertonte Oralverkehr findet in der Görlitzer Inszenierung, die die Schauspiel-Intendantin Dorotty Szalma übernommen hat, in zurückhaltender Beklommenheit statt.

Es ist und bleibt an diesem Abend vor allem die extravagante Musik, die mit Abstand den stärksten Eindruck hinterlässt. In ihr sind feine Reminiszenzen an frühere Zeiten und Opernstoffe, an kompositorische Stile von Franz Schubert bis Astor Piazzolla gleich im Dutzend enthalten. An jeder Ecke, in jeder Arie klingen diese musikalischen Erinnerungsschnipsel an und sind verflogen, bevor man sich’s versieht. Ein grandioses Instrumentarium steht dem Dirigenten Andrea Sanguineti dabei zur Verfügung: die fünfzehn Musiker der Neuen Lausitzer Philharmonie sind sichtlich und hörbar leidenschaftlich bei der Sache, stürzen sich in akrobatische Stunts auf Klarinetten, Saxofonen und einem kuriosen Sammelsurium verschiedener Schlagwerke. Der Kontrabassist bedient nebenbei noch eine Angelrolle, die Klarinettisten diverse Pfeifchen und die Harfenistin und die Akkordeonistin eine Auswahl an Klingeln. Das Ganze fügt sich zu einer quicken, rast losen und anspielungsreichen Oper, die am Ende klingt – so beschrieb es der polnische Regisseur Mariusz Trelinski – „als ob Quen tin Tarantino Visconti-Filme mit der Axt zerlegt hätte“.

Unglaublich gefordert sind in „Powder Her Face“ auch die vier Gesangssolisten. Ob es nun Hotelangestellte sind, die der Herzogin ausgewählte Wendepunkte ihres Lebens hastig kostümiert in Erinnerung rufen, oder das ärztliche Personal des Altersheims, in dem die Greisin nach dem Rauswurf aus ihrer Suite Unterschlupf findet – darin bleibt Dorotty Szalmas Lesart bis zum Ende unentschieden. Nicht immer wird ganz klar, auf welcher Erinnerungsebene, in welchem Lebensabschnitt die Sänger agieren, wer ihre Erinnerungen teilt und wie viel die verarmte Herzogin von diesem Maskenspiel überhaupt noch mitbekommt.

Nicht der oberflächliche Skandal, sondern die psychologischen Tiefendeutungen sind es offenbar, die es dem Regieteam angetan haben. Und die schöpfen die Sänger auch aus: Patricia Bänsch wirft sich mit glutvoller Stimme und überdramatischem Vibrato in die amourösen Abenteuer der Herzogin, kämpft und schimpft bis zum Exzess. Thembi Nkosi gibt seine Stimme einem brünstigen Elektriker wie einem abgeklärten Zimmerdiener, großartig und überzeugend ist das. Ein keckes Zimmermädchen wie eine devote Klatschjournalistin werden von Alison Scherzer zum Leben erweckt. Während Scherzer in höchste Sopranhöhen vorstößt, brummt, ächzt und stöhnt Tobias Pfülb sich durch die Abgründe des herzöglichen Liebes- und Gesellschaftslebens, dass es eine Lust ist.

Diese vier Protagonisten zeigen wenig Mitleid miteinander. Ihre Rollenbilder bleiben bei aller Psychologie gewollt stereotyp, wie es ferne Erinnerungen es manchmal eben sind. Das Libretto ist dabei übrigens von Christian Tagger und Roland Quitt großartig und ohne falsche Peinlichkeit ins Deutsche gebracht. Die beiden haben die feinen Ambivalenzen und den Humor des Textes gut herausarbeitet. Von der erwähnten unkeuschen Szene abgesehen, bleiben die Regisseurin und ihre Ausstatterin in ihren Andeutungen zurückhaltend, oft fast ein bisschen zu zahm für diesen skandalösen Opernstoff. Selbst als die Herzogin in die Dusche steigt, darf sie ihr Negligé anbehalten. Diese Zurückhaltung findet beim Publikum im nicht ausverkauften Parkett des Gerhart-Hauptmann-Theaters indes ungeteilt Anklang. Erleichtert und herzlich applaudierten die Görlitzer am Sonnabendabend allen Mitwirkenden.


Martin Morgenstern
30.01.2017
Sächsische Zeitung

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