Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau GHT | Musiktheater | Schauspiel | Tanz | Neue Lausitzer Philharmonie... - Rezensionen

Rezensionen

Das Ännchen (Mirjam Miesterfeldt) ist mit den "Freikugeln", die sich Max (Michael Bedjai) am Görlitzer Theater gibt, gar nicht einverstanden.

Foto: Marlies Kross
 

MUSIKTHEATER: »Der Freischütz« — Marcel Pochanke — Sächsische Zeitung

Zypressen im deutschen Wohnzimmer

Der Görlitzer Freischütz findet einen neuartigen Teufel. Auch sonst erhält er eine Frischekur, die ihm gut zu Gesicht steht.


Ein Pakt mit dem Teufel, der gut ausginge, ist aus der Weltgeschichte nicht überliefert. Allein die Ausgestaltung der satanischen Macht und ihrer Vasallen ließ der menschlichen Fantasie von jeher viel Spielraum. In Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ ist es ein umtriebiger Geist, der Samiel gerufen wird. Dieser Samiel ist allgegenwärtig, die schöne Agathe ahnt ihn, dunkle Streicherklänge künden ihn, nur bleibt er unsichtbar für alle Personen auf der Bühne – bis auf Kaspar. Der finstere Jägerbursche hat sich ihm verschrieben. Als Gegenleistung für die Vergünstigungen, die so ein Teufel anbieten kann, muss er, das kennt man, turnusmäßig Seelen abliefern. So will es das Libretto von 1821.

Für das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz hat Jan-Richard Kehl den Freischütz neu inszeniert. Und den Samiel prompt von der Bühne verbannt. Das Böse, das Kaspar zu dessen Glück verhilft, sind im Görlitzer Freischütz Drogen. Ein Kapitel im Programmheft ist folgerichtig Crystal Meth gewidmet. Wo die Besetzungsliste die Stimme Samiels verlangt, steuert Kaspar (Björn E. Werner) selbst sie bei. Lehnt, zunehmend vom Zerfall gezeichnet an der Wand, ruft zitternd: „Samiel hilf!“ und schluckt das arglistige Zeug. Und auch Max, der andere, der „gute“ Jägerbursche, kann nach dem ersten Schuss der „Freikugel“ nicht mehr genug bekommen.

Für seine Inszenierung kassierte Jan-Richard Kehl bei der Premiere am Sonnabend einige Buhs, aber auch Bravos. Man konnte von ihm, einem Schüler des großen Regisseurs und Werkhinterfragers Peter Konwitschny, nicht erwarten, dass er die altdeutsche Sage traditionsgetreu auf die große Bühne stellt. Also setzt Kehl in Görlitz die Säge an den deutschen Wald. Das war der geheiligte Sehnsuchtsort, in dem der „Freischütz“ spielt, seine Ausmalung durch die Musik machte Carl Maria von Weber berühmt. Kehl zimmert gewissermaßen Bretter daraus und liefert sie als Mobiliar eines deutschen Wohnzimmers wieder auf der Bühne ab.

Dort nehmen die Darsteller auf dem Sofa Platz und das In-die-Ferne-Sehen, Ausdruck der Ursehnsucht des Romantischen, wörtlich: Sie sehen fern. Die Geschichte um die Liebe zweier Waldleute und finstere Mächte, die sich dazwischenschieben, rührt Kehl bei aller Deutungslust nicht an. Im dritten Akt nach der Pause nimmt er die Regieeingriffe zunehmend zurück, überlässt Musik und Sängern die Bühne, das Publikum zu überwältigen. Kehls Inszenierung ist weder belanglos, noch mutet sie dem Opernbesucher eine zugespitzte Überformung zu. Der „Freischütz“ funktioniert, das zeigt er, auch ohne den Teufel, wie die Überlieferung ihn kennt. Die Gestalt mit der Kapuze (Won Jang), die in Görlitz mysteriös über die Bühne schleicht, ist, wie wir am Ende erfahren, sein Gegenteil.

Während der Aufführung sind die besagten Sägearbeiten des Regisseurs nicht mehr zu hören. Es herrscht die Neue Lausitzer Philharmonie mit eher lieblichen Klängen. Der italienische Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti ersetzt hier und da Kiefern durch Zypressen, nimmt dem Freischütz seinen schwer-dunklen Habitus. Weber hatte eine Oper komponiert, die zwar die Androhung des Dunklen selbst in den leichten Momenten in sich trägt, aber auch die düsteren Stellen mit ironischen Tupfern versieht. Die beschwingten Klänge lässt Sanguineti mit erkennbarem Vergnügen aus dem Graben springen, selbst auf dem Pult mittanzend, sodass ihm beim berühmten böhmischen Walzer der Taktstock davonfliegt. Sanguineti weiß, was er auf dem Notenblatt vor sich hat: eine Oper, deren Lieder nach der Uraufführung zu Gassenhauern wurden. Von Heinrich Heine ist die Klage überliefert, dass er sich auf allen Straßen Berlins von den Melodien Webers verfolgt fühlte.

Michael Bedjai agiert als Max bei der Arie „Durch die Wälder“ noch zurückhaltend, gewinnt aber zunehmend an Präsenz und beeindruckender Stimmkraft. Jörn E. Werner als sein Gegenspieler wird mit viel Applaus bedacht, obwohl das Orchester bei seiner fiesen Arie „Schweig, schweig!“ mit so viel eigener, rasender Rachsucht unterwegs ist, dass es ihn zu überdecken droht. Ein Einzelfall am Premierenabend, an dem Philharmonie und Sänger aufmerksam zusammenwirkten. Patricia Bänsch als Agathe ist ganz Gefühl, singt warm und genau. Das Publikum dankt es ihr mit viel Applaus und Bravos. Noch mehr Zustimmung erhält Mirjam Miesterfeldt, die als Ännchen zeigt, dass sie für das Gerhart-Hauptmann-Theater nicht nur stimmlich ein Gewinn ist, sondern auch sehr gut schauspielert. Kokett ist sie den anderen meist einen Schritt voraus, und droht auch Max um den Finger zu wickeln. Herauszuheben sind der phänomenal-doppelbödige Opernchor sowie der Auftritt der Solo-Bratscherin Henriette Mittag, die mit ihrem Instrument zeigt, wie man mit dem frechen Ännchen umgehen muss.

Das sind Gründe, dem Publikum den Görlitzer „Freischütz“ sehr zu empfehlen. Und sei es, um herzhaft zu streiten, was das denn eigentlich sei: deutsche Romantik.


Marcel Pochanke
Sächsische Zeitung
12.10.2015


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