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Rezensionen

MUSIKTHEATER: »Hänsel & Gretel« — Jens Daniel Schubert — Sächsische Zeitung

… zum Fressen gern!

"Hänsel und Gretel" auf dem Teller. Neue Seiten an einem alten Märchen entdeckt das Musiktheater in Görlitz.


In den Reigen der vorweihnachtlichen Familieninszenierungen reihte sich am Sonnabend das Gerhart-Hauptmann-Theater mit »Hänsel und Gretel« ein. Die beliebte Märchenoper wurde in heutiger, überhöhter Optik, mit nachdenkenswertem Subtext gespielt, blieb dabei aber unterhaltsames, fantasieanregendes Märchen und große Oper auf beachtlichem Niveau.

Dafür kamen ganz wichtige Impulse aus dem Graben, wo Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti mit der Neuen Lausitzer Philharmonie mehr als nur einen Soundteppich ausbreitete. Der Italiener weiß genau, was er will. Das ist nie nur normal und so, wie man es überall hört. Er arbeitet leitmotivische Linien heraus, verschiebt die Schwerpunkte zwischen den Orchestergruppen, sodass selbst der Kenner neue Dinge hört. Auch für die Tempi hat er sehr eigene Vorstellungen, die manchmal ungewohnt, meistens anregend und interessant, immer aber wohl überlegt und auf die Spielhandlung bezogen sind. Ambitioniert steht Sanguineti in der Gesamtverantwortung des Abends, nimmt für die Sänger und natürlich für den Kinderchor die Orchesterlautstärke bis ins Piano zurück, das so zu klingen beginnt und eine eigene Kultur entwickelt.

Humperdinck, seine textdichtende Schwester Wette und die Kinder: Das ist so eine Sache. Manch Textpassage ist für heutiges Verständnis von Kindsein nur schwer zu ertragen. Und Humperdincks Musik hat sich vom schlichten Singspiel zur ausgewachsenen großen Oper gemausert. Schon die reiche Ouvertüre, gerade wenn sie gut interpretiert wird, lässt jedes Musikliebhabers Herz höher schlagen. Um Kinder bei der Stange zu halten, sollte was passieren.

Das Inszenierungsteam um Regisseur Sebastian Ritschel und Ausstatterin Barbara Blaschke entschied sich für einen Film. Steffen Cieplik hat ein Video produziert, das im zweiten Teil der Ouvertüre auf den Zwischenvorhang projiziert wird. Der Teller ist leer, wird hier gezeigt. Dann, was so alles Leckeres oder auch weniger Beliebtes auf den Tellern zu finden ist, wie es verputzt wird und was übrig bleibt. Das geht flott, das ist witzig, das hat aber mit der Ouvertüre und erst recht mit dem Märchen scheinbar wenig zu tun. Doch Ritschel, der gern scheinbare Nebengedanken in großen Bildern aufrollt, weiß genau, was man wie zeigen kann. Und »der Teller ist leer«, oder wie es bei dem »Brot für die Welt«-Plakat heißt »Weniger ist leer«, zieht sich durch den ganzen Abend. Da ist die »Besenbinderstube«, in der Hänsel und Gretel sich singend und tobend vom eigenen Hunger ablenken, ein überdimensionierter, zerbrochener Teller. Der »Besen« ist folgerichtig ein riesiger Schneebesenaufsatz einer Küchenmaschine. Im Traumbild kommt erst ein Kind, dann mehrere, schließlich eine fast nicht zu überblickende Kinderschar mit leeren Tellern auf die Bühne, bis ihnen der Sandmann einen Weihnachtsbaum rotbackiger Äpfel herbeizaubert. Und selbst im Hexenbild – einem riesigen bunten Teller voll überdimensionaler, schaumstoffweicher und bonbonbunter Süßigkeiten – spielt der leere Teller eine wichtige Rolle.

Barbara Blaschkes Ausstattung hat also keine beschauliche Stube, keinen realistischen Märchenwald, kein duftendes Lebkuchenhaus. In den Kostümen bleibt sie, bis auf die drastisch überhöhte Hexe und die dunkelbemantelten Eltern, im schlicht-zeitlosen Märchenstil. Dennoch funktioniert das Märchen. Auch, weil Ritschel die Figuren genau geführt hat: die wohlerzogene Gretel und der hyperaktive Hänsel, die strengen, wohlgeordneten Eltern, die lustvoll-hemmungslose Hexe. Er gibt ihnen nachvollziehbare Differenzierungen und legt sie vielschichtig, widerspruchsvoll und gerade darin menschlich nachvollziehbar an. Und hier trifft er sich dann wieder mit Sanguineti. So beeindrucken Ji-Su Park als Vater und Patricia Bänsch mit ihrer differenzierten wie klangvollen Darstellung der
Mutter. Laura Scherwitzl hat sichtbar Spaß an ihren gegensätzlichen Märchenfiguren, dem schwebenden Sand- und dem kurzbeinig-erdverbundenen Taumännchen.

Bernd Könnes ist eine erfrischende Hexe, deren drastisches Spiel und tenorale Charakterisierung schon zur Premiere Jubel hervorrief. Und dann sind da Christel Loetzsch als Hänsel und Cristina Piccardi, die mit großem Einsatz, turbulentem Spiel und dabei immer gut kontrolliertem Gesang die Titelpartien gestalteten. Und natürlich der Kinderchor, der schon vor dem finalen Auftritt einiges zu spielen hat. Das Theater hat dazu mit der Grundschule Schöpstal zusammengearbeitet, und die Kinder sind mit solcher Begeisterung dabei, dass sich eine Bewertung des Gesangs verbietet. Das sind die Märchenkinder, das sind die Kinder von heute, die in der vorweihnachtlichen Familieninszenierung mitspielen, was sie sicher für ihr ganzes Leben prägen wird: »Hänsel und Gretel«, der Klassiker in Görlitz.

Von Jens Daniel Schubert
Sächsische Zeitung, 17.11.2014

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