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Foto: Pawel Sosnowski

SCHAUSPIEL: »Alois Nebel« - Oliver Reinhard - Sächsische Zeitung

Nazis in Nebelstreifen

Vom Comic übers Kino aufdie Bühne: In Zittau wurde das Eisenbahner-Historiendrama „Alois Nebel“ uraufgeführt.


Der kleine Ort Bily Potok steht so verloren im tschechischen Altvatergebirge herum wie Alois Nebel im Leben. Der Bahnhofsvorsteher ist einsam und bedrückt; ihn durchgeistern trübe Erinnerungen. An die letzten Tage der Nazis und die Deportation der Sudetendeutschen, an Zugunglücke und desertierte Sowjetbesatzungs-soldaten, durchsiebt von eigenen Kameraden. Aber Alois hat seine Fahrpläne. Immer wenn ihm alles zu wüst wird, liest er darin. Die Pläne geben ihm Halt. Weil sie das Einzige sind, das sich seit 1938, also seit 50 Jahren, so gut wie nicht verändert hat. Bis er nachts im Nebel den Pfiff einer Dampflok hört, einen Zug mit Wehrmachtssoldaten und Verwundeten sieht – und den Fehler begeht, das seinen Vorgesetzten zu melden.

Wie und warum das Leben des Bahners anno 1988 aus der Bahn gerät, daraus haben der tschechische Autor Jaroslav Rudis und sein Kumpel Jaromir Svejdik ein wunderbares Stück grafische Literatur geschaffen, einen Comic. Der gleichnamige Animationsfilm holte gar den europäischen Filmpreis. Vier Jahre danach erlebt die Geschichte im Zittauer Gerhart Hauptmann Theater am Freitag ihre Uraufführung als Bühnendrama. Rudis selbst hat mit Stefanie Witzlsperger Hand angelegt, wohl auch Dramaturg Gerhard Herfeld, die Inszenierung besorgte Stefan Wolfram. Lässt sich dieses hochliterarische Epos um einen im Strudel der deutsch-polnisch-böhmischen Geschichte, zwischen Gestern und Heute, Gut und Böse, Falsch und Richtig Treiben den mit seinen vielen Verästelungen zum schlüssigen Theaterabend verkürzen und verdichten? Möglich; die Zittauer Uraufführung kann das nicht beantworten.

Alle Shades of Grey
Dass „Alois Nebel“ gleichwohl ein im Wortsinn ansehnlicher Abend ist, liegt zum guten Teil an Ausstatter Udo Herbster. Sind die holzschnittartigen Zeichnungen des Comics konsequent in Schwarz-Weiß gehalten, schimmern Bühnen- und Kostümbild nun in allen Shades of Grey, vom Schnapskarton bis zur Herrensocke. Grau wie die Wahrheiten der Geschichte und der Gegenwart. Wie die Seelen der Protagonisten. Und wie der Nebel. Das gibt dem Ambiente eine reizvolle und prima zur Story passende expressionistische Note.

Aber nicht nur das Leben des Titelhelden gerät zur Erzählzeit 1988/1989 aus dem Lot. Deshalb bespielen die sieben Akteure in 14 Rollen zumeist schräge Ebenen. Man ist dabei auch oft expressionistisch, wirft sich in Haltungen, knallt jede Tür und jede Luke mit lautem Rumms! Thilo Werners Alois Nebel: arg angebrochen, fahrige Bewegungen, fahrige Worte. Leichte Beute für Ausbeuter wie Wachek (Klaus Beyer). Der macht Schwarzgeschäfte mit den abziehenden Sowjets, hat es auf Alois‘ Job und Heim abgesehen und reißt sich auch alles unter den Nagel, als Alois wegen der Nazizug-Sache im Sanatorium sitzt. Dort soll er einen seltsamen Stummen aushorchen, „Grenzverletzer“ aus Polen, von dem sicher scheint: Er ist wegen damals gekommen, als der Vater von Wachek erst mit den Nazis paktiert, dann die Sudetendeutschen ausgepresst und vertrieben, dabei einen Mann erschossen und dessen Mädchen vergewaltigt hat – Alois’ geliebte Kinderfrau, die ihn oft im Traum besucht.

Doch der Stumme bleibt stumm. Alois wird 1989 entlassen, will sich am Prager Hauptbahnhof wegen Job und Haus beschweren, strandet dort, wird zum Penner, findet die Liebe zur Kioskbesitzerin Kveta, verliert sie wieder, scheinbar zumindest. Als er zurückkehrt nach Bily Potok, zu Wachek Junior und Senior, gerät die eh fragile Balance der Lügen und des Schweigens endgültig ins Kippen, beginnt der Nebel, sich zu lichten ... Aber nicht genug.

Ja, „Alois Nebel“ ist ein schwerer Brocken. Die Geschichte geht kühn bis an die Grenzen dessen, was sich mit den Mitteln des Comic, ja der Literatur überhaupt noch erzählen lässt. Die Handlungsstränge und -ebenen sind überaus komplex, die Verhältnisse der Figuren nicht minder, die der deutsch-tschechisch-polnischen Geschichte seit 1938 sowieso. Zwar liefert Stefan Wolframs Inszenierung manch kluge Idee, wie sich Rückblenden erzählen lassen, als Einsprechungen, als Schattenriss-Filmprojektionen. Aber sehr viel, zu viel vom Buch sollte rein, auch in die Dialoge der Bühnenfassung. Darunter etliches wunderbar Literarisches, das indes für die Kernhandlung eher nebensächlich ist, sie oft sogar vernebelt, gerade für Zuschauer, die Comic oder Film noch nicht kennen. Es ist, als stünde der Abend immer wieder mit einem Fuß auf der Bremse, wenn auch mit ABS.

Ein Fall für eine Entschlackung
Hinzu kommt: Alois Nebel ist kein Typ, der dem Leben passiert, eher umgekehrt. Eine Figur, die kaum handelt, die dahintreibt, gewissermaßen im Auge des Handlungssturms. Auf leicht gekräuselten Wellen, nicht auf den Wogen drumherum. Man sieht ihm beim Treiben zu, mit interessierter Anteilnahme, aber ohne innere Bewegung. Im Comic und im Film kein Problem; man ist genug gebannt vom Drumherum. Auf der Bühne aber, in unmittelbarer Konfrontation mit der Figur, ist das zu wenig. Wie wär‘s, wenn man Alois Nebel zur Entschlackungskur beim Spezialisten schickt? Er hätte eine zweite Chance verdient.


Oliver Reinhard
Sächsische Zeitung
02. Mai 2016

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