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Foto: Pawel Sosnowski

SCHAUSPIEL: »Alois Nebel« - Andreas Herrmann - DNN

Langzeitdrama im Kursbuchtakt
Steffen Wolfram inszeniert die Uraufführung von „Alois Nebel“ am Zittauer Hauptmann-Theater


Mutiges Theaterprogramm im Dreiländereck: Nur einige Wochen nach Klimkes „Der obdachlose Mond“ ist mit „Alois Nebel“ die nächste Uraufführung hinterm Eisernen Vorhang am Start. Wieder harter Tobak, wieder geht es um Flucht und Vertreibung dank großer Politik, wobei im Fokus keine Helden, sondern niedere Schicksale, geprägt von purer – also guter wie böser – Menschlichkeit, stehen.

Diesmal führt die Story ins abgelegene Altvatergebirge in Nordmähren, genau zweihundert Kilometer östlich von Prag und hundertzehn Kilometer südlich von Wroclaw. Das einst schlesische, später polnische Grenzland ist ein ebenso von alteuropäischen Machtgeschichte gebeuteltes Gebiet wie die Lausitzer Neißeregion. Dort liegt Weißbach: Im Jahre 1888 fast sechs Jahrhunderte alt und bei jedem Krieg arg betroffen, bestehend aus rund 160 Häusern, in denen 800 Deutsche lebten. Für sie wurde ein Bahnhof gebaut – die Bahnlinie dazu wird noch heute Schlesischer Semmering genannt. Nach dem ersten Weltkrieg kam Weißbach zur neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik und heißt seit 1921 amtlich Bilý Potok, woraufhin zehn Tschechen ansässig wurden. Heute wohnen dort deren 281 in abgeschiedener Ruhe auf 287 Meter Höhe über dem Meeresspiegel.

Überliefert sind zudem zwei Sehenswürdigkeiten und ein Dorfpromi: Bürgermeistersohn Rudolf Rittner, der als Schauspieler in Berlin passenderweise die Hauptrollen in Gerhart Hauptmanns „Fuhrmann Henschel“ und „Florian Geyer“ gab und auch den Moritz Jäger in „Die Weber“ spielte“. Als Filmstar ist er aus Fritz Langs „Die Nibelungen“ und als Hans Sachse in „Der Meister von Nürnberg“ ein Begriff, wurde aber nie Großstädter, sondern blieb immer Weißbacher Hofbetreiber, der in Österreich-Ungarn aufwuchs, in der Tschechoslowakei alterte und im Reichsgau Sudetenland starb.

Altvater bleibt Altvater
Grund der Treue ist vermutlich das klare Gebirgswasser, aus dem köstliches „Altvater“ gebraut wird, ein Bier, viel besser als das Prager Staropramen, das Alois Nebel – in fünfter Generation Fahrdienstleister im Bahnhof von Bilý Potok, der in der zweiten Lebenshälfte keinen Schnaps mehr verträgt, immer wieder mundet: „Altvater bleibt Altvater“ wird so zum geflügelten Trinkspruch – denn der Bahnangestellte trinkt wie all seine Mitbürger gern, mangels Alternativen auch mit seinem unsympathischen Kollegen und Gegenspieler Wachek, der mit seinem Vater rare Konsumgüter in allen Systemen zollfrei über die Grenze schmuggelt. Dessen gewalttätiger Alter hat hingegen ein finsteres Geheimnis und fürchtet sich darob vor einem unsichtbaren Grenzgänger. Dieses verleiht einer eigentlich trivialen wie obskuren, aber liebevollen tschechischen Wendegeschichte im Herbst 1989 geschickt eine historische Tiefe, die ihm zur Relevanz verhilft.

„Alois Nebel“ sorgte als Comic-Trilogie im Geiste von Jaroslav Rudiš und Jaromír „99“ Švejdík in Böhmen wie Mähren für Furore und Reflexion. Man sagt passenderweise „Graphic Novel, die deutsche Ausgabe wurde in Dresden bei Voland & Quist verlegt. Vor fünf Jahren wurde „Alois Nebel“ dank der Produktion von Balance-Film – den legitimen Defa-Trickfilmstudio-Erben – per Rotoskopie zum abendfüllenden tschechischen Kinowerk in Regie von Tomáš Lunák, das sich 2012 in Malta den europäischen Filmpreis als bester Animationsfilm und daraufhin auch auf Deutsch einiges an Pulikum holte.

So blickten viele Prager wie Dresdner Augen gespannt auf die Zittauer Hinterbühne, wo der „Eisenbahnerblues aus dem Altvatergebirge” nun seine Uraufführung in Regie von Stefan Wolfram auf der Bühne erlebte – auch wenn der anfangs geplante Einbau der Kafka Band, in der beide Autoren musikalisch mitwirken, nicht klappte. Aber gerade Rudiš, der die Premiere wegen Beinbruchs versäumen musste, war oft vor Ort – sein Roman-„Grandhotel” liegt auf dem Jeschkin. Jener Hausberg vom „Pisspott Europas”, wie er Liberec nennt, ist stets in Sichtweite und dank Bahn und Auto weit näher als Bautzen und Görlitz.

Das Gleismovie mit eingebauten Familiendrama erschließt sich mählich: Nebel trifft einen stummen jungen Mann in der derben Klinik wieder, den alle für einen bösen Grenzgänger halten und dementsprechend behandeln, und muss, da Wachek ihm den Arbeitsplatz klaut, nach Prag. Dort erlebt er Weihnachten 89 in der Mitropa und trifft auf der Bahnhofstoilette sein spätes, aber herzliches Glück namens Kveta. Ganz zum Schluss – Comic wie Film bieten ein recht brutales Beilfinale – stehen sich Vater und Sohn sowie dessen Halbbruder und neue Liebste jeweils gegenüber, bieten Ansätze zur Versöhnung und Vertrauen in die Phantasie des Publikums …

Comic, Film und Stück als eigene Werke
Wolframs Konzept – durch die Vorlagen reichlich begrenzt – ist konsequent: Er verzichtet auf bahntechnische Spielereien und bietet nur wenig Nostalgiemomente für „Pufferknutscher”, dafür zeichnet er die Figuren viel aktiver, verzichtet aber auch nicht auf die Prager Bahnhofsszenen, inklusive Trink- und Sexspielchen. Erwartungsgemäß ist der Verzicht auf Farben, gut wirkt das Bühnenbild von Udo Herbster, der schräge Bahnen als Geleise auf die Bühne setzt, von denen eines unter dem eisernen Vorhang durch in den Zuschauerraum führt.

Der Erfolg liegt am subtilen, sinngerechten Spiel: Tilo Werner gestaltet die Hauptrolle als unbeholfener, einsamer Bahnwärter in originaler Optik, dessen Leben komplett durchs Kursbuch getaktet ist, wunderbar einfältig, lässt aber gelegentlich durchtriebenen Schalk durchscheinen – sicher seine bislang eindrücklichste Rolle in Zittau. Alle anderen haben – zum Teil genau gegenbesetzte – Rollentausche zu erledigen: So ist Stefan Sieh als Kneipier, Bahnchef und Mitropamusiker ebenso souverän wie Martha Pohla, die mit einfühlsamen Schwung Dorothee, Krankenschwester und das Prager Flittchen spielt. Ganz stark auch Patricia Hachtel, die als eiskalte Ärztin erst den Stummen zum Reden bringen will, sich dann aber als warmherzige Kveta im Nebel nicht irrt. Einzig der dynamische Klaus Beyer muss als Wachek und Olda zwei fiese Gauner spielen – wie gewohnt mit Gänsehautbravour.

Dazu kommen als Gäste der körperlich präsente Stumme, gespielt vom polnischen Filmidealheld Grzegorz Stosz. Noch schillernder die Biografie von Ludvík Kavín, der den alten Wachek gibt. Geboren 1943 in Brünn, also im Protektorat Böhmen und Mähren, erlebte er als Lehrer aktiv den Prager Frühling, gründete das erste und einzige postsurrealistische Theater in der CSSR, unterschrieb später die Charta 77, um just am 7.7.1977 samt Familie politisches Asyl in Wien zu finden und sofort eine Compagnie zu gründen.

Über eine Uraufführung ähnlicher Dichte und Klarheit samt stringent durchgewebter Stimmung muss man ein Weilchen nachdenken, an gleicher Stelle ist es wohl Bogdan Kocas „Die Zimtläden” nach Bruno Schulz, aber auch Wolframs eigener „Kafka” in Chemnitz war ähnlich gelungen. Zum sächsischen Theatertreffen vom 18. bis 22. Mai in Bautzen kommt das Zittauer Hauptmann-Theater allerdings mit Klimkes „Der obdachlose Mond”, der Alois wird einer der Höhepunkte beim hauseigenen trinationalen „3Länderspiel“, zu dem die benachtbarten Ensembles aus Liberec und Jelenia Gora vom 26. bis 29. Mai anreisen.

Andreas Herrmann
Dresdener Neueste Nachrichten
10. Mai 2016


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