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SCHAUSPIEL: »Alois Nebel« - Robert Lorenc - Serbske Nowiny

Der Vulkan in uns
Das Theater Görlitz-Zittau bringt „Alois Nebel“ in deutscher Uraufführung auf die Bühne


Man sollte zum Besuch von „Alois Nebel“ mit der Bahn nach Zittau anreisen. Noch verkehren hier von Görlitz herauf Züge. Dieser Zustand muss im autoverliebten Sachsen erfahrungsgemäß nicht von Dauer sein – also besser jede sich bietende Chance nutzen. Das Stück ist „Ein Eisenbahnerblues aus dem Altvatergebirge“, und die stiefmütterliche Behandlung dieses einst so stolzen Verkehrsmittels ist eine seiner Strophen. Der landschaftlich vielleicht schönste Streckenabschnitt der Oberlausitz ist aber auch aus einem anderen Grund die richtige Einstimmung. Denn hinter Hagenwerder geht es bis Hirschfelde auf die jenseitige Neißeseite. Beim Bau der Strecke 1875 konnte niemand ahnen, dass sie dadurch ab 1945 für einige Kilometer die Grenze nach Polen überqueren würde und der Ostritzer Bahnhof sich nun plötzlich im Ausland befindet. Das Jahr 1945 steht am Ende eines zivilisatorischen Bruchs in Europa. Die seit damals klaffenden Wunden heilen nur sehr langsam. Es ist das europäische Eisenbahnnetz, das aus der Zeit vor diesem Bruch noch herüberragt und uns die damals gewaltsam durchtrennten Linien und zerschnittenen Räume unseres Kontinentes vor Augen führt. „Alois Nebel“ ist eine historische Spurensuche in diesem Netz und zugleich eine Auseinandersetzung mit dem deutsch-tschechischen Anteil seiner Zertrennung und dem Schmerz, der auf sie bis heute folgt. Erzählt aus tschechischer Perspektive – ohne Selbstschonung und ohne bequem Täter-Opfer-Zuschreibungen einseitig entlang von Volkszugehörigkeiten zu verteilen. Denn so einfach waren die Dinge auch im Altvatergebirge in der Regel nicht.

„Alois Nebel“ verhandelt keine leichte Thematik. Es geht um verdrängte Schuld und die Traumata, die aus ihr erwachsen. Aber Rudišs von den Geistern der Geschichte heimgesuchter Bahnwärter steht auch in der Tradition von Hašeks Schwejk oder den „Pábitelé“ Hrabals. Alois liebt es also zu erzählen und dabei, immer mit dem Fokus auf seine geliebte Welt der Eisenbahn, Anekdoten „kleiner Leute“ mit der„großen Geschichte“ zu einem eng verwobenen Puzzle zu verknüpfen. In der Graphic Novel finden sich bei aller Schwere und Gewalt so immer wieder auch hellere, spielerisch-charmante und tief poetische Momente. Für den Film haben Rudiš und Jaromír 99 diesen Stoff stark gestrafft, Nebel deutlich schweigsamer gemacht und die Geschichte auf ihren Grundkonflikt hin zugespitzt. Er ist dadurch düsterer als das Buch. Die Zittauer Inszenierung von Stefan Wolfram (Regie) und Gerhard Herfeldt (Dramaturgie) verbindet nun diesen narrativen Ansatz des Films mit dem zugänglicheren, redseligen Alois Nebel des Comics. Viele schöne Geschichten halten so wieder Einzug in die noch immer sehr dramatische Handlung. Besonders zentral war den Autoren für ihre Adaption dabei der folgende geschichtsphilosophische Satz Nebels, der an diesem Abend mehrfach fällt: „Schlechtes schlummert in uns wie in einem Vulkan, und da Vulkane von Zeit zu Zeit ausbrechen müssen, sollten wir über das, was uns quält, auch sprechen, damit der Vulkan nicht so oft speien muss.“

Tilo Werner gibt seinen Nebel zunächst leise und suchend, als eine Figur, die erst durch das Erinnern und das Reden darüber im Sinn dieses Satzes an Festigkeit gewinnt. Zu Beginn fällt es ihr daher schwer, sich gegen die laute Dominanz der anderen Figuren, allen voran Klaus Beyer als sehr stark polternder Stationsarbeiter Wachek, zu behaupten. Dadurch entsteht aber auch eine Intimität zum quasi auf der Bühne platzierten Publikum, die bis zum zweiten Akt eine große Vertrautheit zu Nebel aufbauen hilft. Diese gipfelt in einem wunderschönen Moment, in dem er buchstäblich inmitten der Zuschauer sein rührendes Rendezvous mit Květa (Patricia Hachtel), der Toilettenfrau des Prager Hauptbahnhofs, erlebt. Einer von mehreren in Erinnerung bleibenden Höhepunkten dieser intensiven hundertminütigen, klugen aber auch fordernden Inszenierung, mit der das Theater Görlitz-Zittau der Oberlausitz eines der Theaterhighlights der Saison beschert. Ihre Figuren, ob sie nun Erlösung erfahren, die Liebe finden oder an ihrer Schuld zerbrechen, bleiben noch bei einem wenn man schon längst wieder im letzten Zug zurück nach Bautzen sitzt.


Robert Lorenc
Serbske Nowiny
11.05.2016

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