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Foto: Marlies Kross

MUSIKTHEATER: »Wiener Blut« - Marcel Pochanke - Sächsische Zeitung

Das Blut kommt in Wallung
Das Görlitzer Theater geht die Operette „Wiener Blut“ ganz klassisch an – und hat damit Erfolg.

Wahr ist, was schön ist – auf diesen Nenner ließe sich die Inszenierung von „Wiener Blut“ bringen, die am Sonnabend am Görlitzer Gerhart-Hauptmann Theater Premiere hatte. Die Operette von Johann Strauß ist eine Abfolge schwelgerischer Melodien, kaum gibt es Pausen, in denen dem Ohr nicht neue Schmankerl vor gesetzt würden. Der alternde Strauß hatte für sein Spätwerk aus dem Jahr 1899 auf zahlreiche Themen zurückgegriffen, die er im Laufe seines Lebens zu diversen Anlässen erdacht hatte.

Raffinierte und ja, schöne Kompositionen sind es, und Steffen Piontek schafft ihnen mit seiner Regiearbeit einen Rahmen, in dem sie ungebrochen wirken können. Wien im 19. Jahrhundert, das sind Adelshäuser mit Bordüren an den Wänden, das sind große, aufbrausende Herren und kleine, spitzfindige Unterlinge, und das sind Volksfeste mit heurigem Wein und lauschigen Lauben, in denen die Moral nicht so eng gesehen wird. So stand es Johann Strauß vor Augen, und so ersteht es am Görlitzer Demianiplatz wieder auf.

Ausstatter Mike Hahne arbeitete schon mit Steffen Piontek zusammen, als der noch am Volkstheater Rostock Intendant war, und so gehen Regie, Bühnenbild und Kostüme Hand in Hand bei der Mission, „das Wiener Blut“ ganz klassisch in Wallung zu bringen. So klassisch, dass es tief im 21. Jahrhundert fast als Wagnis erscheint.

Aber es funktioniert erstaunlich gut. Wenn die Erotik sich in wiederholten Handküssen dem Höhepunkt nähert, wenn die Verwechslung von Gattin und Geliebter eine ganze Geschichte fast allein tragen muss, dann kommt es auf das klare Spiel an, die Akzentuierung der angegrauten Pointen, und der Wurf ist Piontek gelungen. Zudem kann er auf das Charisma seiner Darsteller bauen. Drei Frauen werben abwechselnd um die Gunst des Grafen und andersherum. Patricia Bänsch als mondän-verspielte Gräfin, Alison Scherzer als verlockende Geliebte des Grafen und Mirjam Miesterfeldt als spitzbübisch-aufmüpfige Probiermamsell drücken dem Stück ihren Stempel auf und geizen auch stimmlich nicht mit ihren Reizen. Miesterfeldt wurde vom Premierenpublikum besonders gewürdigt, auch weil sie mit ihrem Auftritt viel von dem frechen Wiener Schmäh versprühte, der schließlich die Daseinsgrundlage der Operette ist.

Ihr männliches Gegenstück ist Josef, der Diener, und auch Michael Berner weiß, wie man mit dem Publikum spielt. Als gebürtiger Sindelfinger ist seine Sprachprägung süddeutsch genug, um ernstzunehmend und mit seinem Dauergag „I sag’s wie’s is!“ stimmungsträchtig zu wienern. Stefan Bley wiederum kam in Meißen zur Welt. Sein Fürst Ypsheim erklärt folglich in breitem Sächsisch, aber nicht ohne Feinheiten, wie er die Welt sieht. Wobei „Welt“ vornehmlich die der Damen meint – herrlich-bornierte Stelzböcke sind sie allesamt.

Schließlich muss man Steffen Schantz erwähnen, der als Gasttenor den Grafen Zedlau gibt – den, der die drei Frauen und seine Neigungen unter einen Hut bekommen muss. Schantz strahlt famose Bühnen präsenz aus, sein Organ packt sich die Lieder regelrecht und zelebriert jede Szene. Leicht gemacht wird ihm das von der Neuen Lausitzer Philharmonie im Graben. Man fragt sich, ob ein Orchester diese Spannung halten kann, mit der es „Wiener Blut“ amSonnabend gestaltete, bis in den Dezember und das neue Jahr, wenn die Operette über die Feiertage einschließlich Silvester nicht nur für viele Görlitzer zum Pflichtprogramm gehört. Andrea Sanguineti am Pult schafft eine starke Dramaturgie, beinahe schlafwandlerisch sicher, und die Einsätze der Blechbläser, meint man, könnten die Witze auch ohne Dialoge zünden.

So geht es meist im Dreivierteltakt durch den kurzweiligen, vergnüglichen Abend, ein stilvoller Weg, dem Alltag zu entrinnen, und es nähme nicht Wunder, würden Görlitzer Tanzschulen demnächst mehr Anfragen von Menschen bekommen, die Walzer lernen wollen. An dieser Stelle ließe sich ein Wermutstropfen unterbringen. Der Kaiserwalzer – wieder so ein Ohrwurm – wird von der Tanzcompany des Theaters als Intermezzo gegeben, fünf Herren im Frack bitten fünf Damen in weiten, lachsfarbenen Röcken aufs Parkett. Hier hätte man sich mehr an Leichtigkeit und Abstimmung gewünscht, da sprang der Funke noch nicht so, wie es den Möglichkeiten des Hauses entspricht.

Ganz anders gelingt das der kleinen Kapelle mit ihrer Bühnenmusik. Die vier Mitglieder der Neuen Lausitzer Philharmonie schlüpfen in die Rolle von „Musikanten“ und zelebrieren als ihren Höhepunkt das Trinklied „Ich riech den Wein“, charaktervoll gesungen von Hans-Peter Struppe. Er spielt den Kogler, der vom Aufstieg seiner Tochter zur Gräfin träumt, dabei aber mehr als einmal auf den Boden zurückgeholt wird und gegenüber den Mächtigen nur resolut wird, wenn er sie nicht erkennt oder der Rausch die Zunge lockert. Töneund Figuren aus einer fernen, längst unter gegangenen Zeit.


Marcel Pochanke
Sächsische Zeitung
26.09.2016

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