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Foto: Pavel Sosnowski

SCHAUSPIEL: »SEITE EINS« - Andreas Herrmann - Sächsische Zeitung

Boulevardreporter auf Scoopjagd

Das Gerhart-Hauptmann-Theater macht in Zittau „Seite Eins“ von Johannes Kram zum Echt- und Jetzt-Zeit-Drama. Selbst der Autor ist angetan.

Die Arbeitsweise von Redaktionen ist für viele einerseits ein unbeschriebenes Blatt, andererseits ein rotes Tuch. Dabei wird es oft genug auch fiktional beschrieben, gern per Filmschnulze oder Boulevardkomödie.
Und nahezu immer als Außendienst. Also ohne die komplexen Prozesse der Planung, Vorrecherchen und Koordinations- und Abstimmungsprozesse im minutiös getakteten Arbeitsalltag. Nun läuft in Zittau „Seite Eins“, per Untertitel beschrieben als „Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“. Dieser heißt Marco, ist freier Reporter eines deutschen Zwölf-Millionen-Blattes, der sich, weil unterbeschäftigt, aber geltungssüchtig, zudem im Netz per Video-Podcast oder -Livechat als Welterklärer geriert.Nun ruft ihn ein unschuldiges, blondes Popsternchen namens Lea Seeberg an, die ein neues Album („Das Leben und ich“) hat und ihn zur Promo braucht. Marco hat weder Ahnung von Musik noch von dessen Business, sein nie ruhendes Smartphone kennt aber alle möglichen Zuträger und Informanten.
Und er braucht den Scoop – so nötigt er Lea, sich als Geliebte eines Bekannten zu outen, um die Story auf Seite 1 zu bringen. Leider ist dieser nicht der vermutete Millionenerbe einer Industriellenfamilie, sondern heißt nur zufällig so: Statt des großen Erfolges eine klassische Ente! Und eigentlich auch sein Karriereende, wäre nicht das „Schätzchen“ in der Fotoredaktion, welches dann doch noch „schöne Fotos“ von der vermeintlich braven Lea findet und aufkauft …
Regisseur Toni Burghard Friedrich, in Zittau geboren, in Ostritz aufgewachsen und nach Abitur in Dresden und Studium in Wien seit dieser Spielzeit als fester Regieassistent am Heimattheater zurück,wartet nun – nach mehreren Dresdner Inszenierungen in der Freien Szene – mit einem respektablen Debüt auf, bei dem er gemeinsam mit Ausstatter René Fußhöller die Gegebenheiten des schnieken Zittauer Foyers, vor allem dessen hervorragende Akustik, gut ausnutzt. David Thomas Pawlak, dessen Monolog als geschickter Mix
vieler Telefonate genau ein Fußballpunktspiel dauert, meistert das souverän – und zeigt die Charakterdeformation zwischen Anspruch („Wir sind die Wahrheit des Volkes und dürfen deshalb alles sagen“) und widerlicher, personenverachtender Wirklichkeit so prägnant, dass es schaudert.
Nur an zwei Sachen krankt die Grundgeschichte: Neben den mühseligen Abstimmungsroutinen im Redaktionsalltag, die vor allem Freien eine gewisse (in diesem Fall wäre es gesunde) Skepsis entgegenbringen, funktioniert das Musikbusiness heute schon ohne die Promotionfunktion klassischer Medien.
Dennoch funktioniert die moralische Pointe: Wenn schon nicht Lea, dann muss wenigstens ein anderer über die Klinge springen, weil die Angst vorm Industrieadel beim Verlag dann doch überwiegt. Im herzlichen Premierenapplaus, der sofort in moralinsaure Diskussionen überging, wobei den Meisten nicht bewusst scheint, dass in der gesamten Oberlausitz nur zwei dieser Typen herumhirschen, lauert eine Überraschung: Autor Johannes Kram, bislang mehr Medien- als Theaterexperte, der sein Motiv aus dem bildhaften Wulff-Abschuss sog und die Debatten um sein Stück als Blogger (www.onlinekram.com) aktiv begleitet, war eigens aus Berlin nach Zittau gekommen – und zeigte sich von der neuen Sichtweise durchaus angetan. Dabei läuft der Einmannmonolog, seit der Uraufführung vor zweieinhalb Jahren in Gütersloh mit Ingolf Lück in der Hauptrolle, vor allem in Metropolen erfolgreich – und der Urtext ist bei den Krautreportern öffentlich
nachlesbar. Auch das lohnt.

Andreas Herrmann
Sächsische Zeitung
10. April 2017

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