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SCHAUSPIEL: »Das Sextett oder Roma und Julian« - Andreas Herrmann - Sächsische Zeitung

Geschlechterwechsel als Familienbeglückung

Das Gerhart-Hauptmann-Theater erweitert das deutsche Komödienrepertoire um eine absurd-witzige polnische Facette.

Von Andreas Herrmann

Es ist der orgiastische Hahnenschrei von Gregorio, der ihn verrät – und über Wirrungen und Umwege und viel Schmalz neues Glück beschert. Aber eigentlich ist er just am Boden, denn seine junge Frau namens Roma fühlt sich als Mann – nun macht sie ernst–, und er will sich scheiden lassen, um nicht als schwul zu gelten. Im anderen Doppelzimmer einer schicken Privatklinik wartet Julian, 26-jähriger Sohn der Hyperhelikoptermutter Halina. Die scheint seit seiner Zeugung offenbar so sehr Single, dass sie schon beim Genuss von Erdbeerkompottsaft in Wallung gerät. Der Jüngling ist nicht der über alles geliebte Sohn – sondern gleichzeitig Enkel eines italienischen Müllmagnaten, der zum baldigen 80. des Opas alles erben soll. Aber natürlich nicht als Enkelin. Schließlich stammt der Text von „Das Sextett oder Roma und Julian“ vom polnischen Autor Krzysztof Jaroszynski, der nun erstaunlicherweise am Freitag in Zittau hinterm Vorhang zur deutschsprachigen Erstaufführung kam.
Ob Polen oder Italien: Hauptsache katholisch-konservativ ist hier das entscheidende Credo, damit die Komödie um eine doppelte Geschlechtsumwandlung funktioniert. Die Lösung zur Verhinderung der vermeintlichen Katastrophe wäre eine rasche Besinnung durch wahre Liebe, also echtem Sex. So denken die beiden Alten, die kurz vor der Geburt von Julian dieses Erlebnis (samt Kikeri beim Höhepunkt) teilten und sich nun zufällig wiedersehen. Die burschikose Roma törnt hingegen eher den langhaarigen Julian im Nachbarzimmer an. Und Halina kann sich gut daran erinnern, wie der damalige Torschützenkönig der dritten Liga – hier in Erinnerung an die WM 1982 im Mittelstürmer-Trainingsanzug von Paoli Rossi – zu bezirzen ist, um den Weg frei für die Liebe der jungen Generation zu bekommen.
Was Gregorio nicht ahnt: Sein kommendes Glück hängt nicht so sehr von seinem finalen Hahnengeschrei und modernen Hormonpräperaten, sondern ganz entscheidend von neuer Fortpflanzungstechnik ab – und seine neue, alte Geliebte hat noch ein zweites elementares Geheimnis auf Lager…
Renate Schneider spielt die Mutter und Geliebte, hier Halina genannt, als Traumrolle perfekt aus: Mit vermeintlich naivem Sexappeal und mit allen psychologischen Kenntnissen der Frauenzeitschriftenwelt gewappnet, hat sie nach Erfassung der komplexen Situation bald alle Fäden in der Hand und regelt mit List und leichter Tücke alles zum familiären Gusto – damit ihr alle drei plötzlich Anverwandten erhalten bleiben.
So akzeptiert sie den Rollentausch der Kinder, die ihre Liebe vor und nach der Operation wie wild weiter frönen, wenn auch mit gewissen Anpassungsschwierigkeiten. Martha Pohla als Roma(n) und Stephan Bestier als Julia(n) meistern das sehr dynamisch und hinreichend plakativ, damit es witzig bleibt, aber Regisseur Wolfram verzichtet zum Glück auf vulgäre Übertreibungen, so dass die Figuren auch nach dem Wandel charakterfest und damit glaubwürdig bis sympathisch bleiben, und das ernste Grundthema, vermeintlich im falschen Körper geboren zu sein, nicht persifliert wird. Auch Gastspieler Alberto Fortuzzi hat seine großen komischen Momente fürs Publikum bei der nicht ganz ausverkauften Premiere. Vor allem, weil er als doppelter Ehemann mehrfach gefoppt wird. Drei weitere obskure Wendungen plus die Aufzählung der neuen Familienverhältnisse folgen noch bis zum Schluss der hundertminütigen pausenlosen Farce ohne Längen.
Nun wird „Das Sextett“ das trinationale Theaterfestival in Zittau am 17. Mai eröffnen. Das Gerhart-Hauptmann-Theater hat sich entschlossen, dieses um einen Tag zu erweitern – und zwar exklusiv für die Studenten der Hochschule Zittau-Görlitz, die per 5-Euro-Studententag nicht nur das wilde Gendering durchschauen und diskutieren dürfen, sondern anschließend mit einer kostenfreien Studentenparty mit der Warschauer Folkband Paula & Karol im Foyer eine Art Festivalpreview feiern. An den Folgetagen warten täglich mindestens drei Höhepunkte, darunter Gastspiele aus vier polnischen und zwei tschechischen Theatern, dabei zum Abschluss am Sonntag auch erstmals Pardubice.
Fürs „Sextett“ wäre derweil ein rascher Export neißeabwärts nach Görlitz als Europastadt mit polnischer Fangemeinde und in Wolframs neuem Hauptwirkungsort Bautzen wünschenswert, wo eine Woche vor der Premiere dessen vorherige Zittauer Inszenierung von „Alois Nebel“ große Begeisterung hervorrief. Aber auch anderen deutschen Stadttheatern kann man Jaroszynskis Stück nur empfehlen, zumal es durchaus andere Deutungen zulässt als die italienische Variante wie in Zittau. Der Witzgehalt und der Abstraktionsgrad ist den üblichen Quartett-Partnertausch-Spielplanpositionen für die mittelalte Mittelschicht, gewöhnlich aus amerikanischen oder französischen Edelfedern geflossen, durchaus überlegen.
Nächste Vorstellungen am 28. April sowie 17. Mai (je 19.30 Uhr). Karten: www.g-h-t.de

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