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Schauspiel: »Der Fleck« - Andreas Herrmann - DNN

Die Kehrseite der Reisedekadenz
Jürgen Esser inszeniert in Zittau die Uraufführung „Der Fleck“ als herzhaft-kühle Urlaubsdystopie

von Andreas Herrmann

Das Problem am finalen Blutfleck ist, dass er nicht aus dem Teppich gehen wird. Ansonsten wird auch nach dem Unfall alles weitergehen wie gehabt – hinten den Kulissen eines Urlaubshotels auf einer unbekannten Insel, vielleicht in Ost- oder Nordsee – vielleicht aber auch im Mittelmeer, in der Adria oder auf dem Atlantik?

Weder Namen noch Währungen oder irgendeinen Hinweis auf die Art der Gäste bekommt man geboten. Man bleib auf der Zittauer Hinterbühne schlicht hinter den Kulissen im Personalbereich: Küche, Abfallbox und eine Wohnkammer fürs gesamte Personal sind alleiniger Ort des Geschehens von „Der Fleck“. Nur acht Prozent Lohn- oder Einkommenssteuer böten einen Anhaltspunkt auf den Ort des Geschehens.
Hier treffen sich zwei alte Einheimische und das neue Projektprekariat aller Herren Länder, die längst aufgegeben haben, dem Wohlstandsversprechen des Kapitalismus auf irgendeine Form von Kariere oder abgesichertem Leben auf den Leim zu gehen. Sie begeben sich in die Fänge der Hoffnung auf eine dank Geduld und kargem Ausharren in Summe üppigen Lohnzahlung am Ende der Dienstzeit.

Dies wird dadurch beschleunigt, dass plötzlich ein junger Student (David Thomas Pawlak) einbricht: Er bekommt auf der digitalen Stechuhr, die für alle sichtbar an die Wand projiziert wird, die laufende Nummer 0716 und beginnt bei Stunde Null. Zwei, vielleicht drei Monate für 25 Dinger die Stunde will er rasch abrotzen – damit seine Freundin in der Prüfungszeit ein bisschen Ruhe hat und sie sich danach etwas leisten können.
Alle anderen sind weit länger da – und lachen ihn, ob seines Planes, rasch wieder zu verduften, aus. Zwischen sieben und 27 Jahre, also zwischen knapp 21 000 und über 62 000 Arbeitsstunden haben die anderen angehäuft – warum der Laden läuft, bleibt dennoch unklar. Den beim echten Arbeiten sieht man jenseits des Neuen kaum jemanden. Auch die Chefin hat als Nummer 0002 ein mitlafende Uhr, die bereits knapp sechsstellig ist. Sie kommt in Form von Zittaus frisch gekürte Lieblingsschauspielerin Sabine Krug ab und an barsch hereingeschwebt, gibt sinnfreie Befehle, kuschelt mit dem Drittdienstältesten, dem nur am Handy sitzenden Afrikaner mit der Nummer 0324, und klärt kurz vor Ende den meckernden Einheimischen, der ob der Brandrettung des Hotelgründers, also ihres geizigen Vaters, hinkenden alten Einheimischen darob auf, dass jener einst gar nicht gerettet werden wollte.
In Zittau werden heutige Probleme der ost- wie südeuropäischen Unterschicht verhandelt, die über halbe Kontinente pendeln müssen, um einigermaßen zu überleben. „Der Fleck“ ist als Uraufführung von Joanna Mazur zugleich deren Theatererstling. Sie gewann damit 2016 beim internationalen Dramenwettbewerb „Talking about Borders“ den zweiten Preis und offenbart eigene Erfahrungen. In Regie des erfahrenen Jürgen Esser geht es in Urlaubsgefilde und zeig symbolisch den Ansatz der tinationalen Schauspielinitiative J-O-S, die seit sechs Jahren mit den Partnertheatern in Jelenia GOra und Liberec nach eigenem Manifest funktioniert. So kommt der polnische Text zuerst auf Deutsch, die Austtatter aus Prag, die Schauspieler aus allen drei Grenzländern.

Nun sind fünf, vielleicht auch sechs der neun Zeitticket, die auf der Wand beständig mitlaufen, mit leibhaftigen Figuren besetzt. Bei Stephan Bestier (neuer Lieblingsschauspieler der Zittauer), der als nur beim anfänglichen Chorus als Sprecher gefordert ist, weiß man es nicht. Er kommt als livehaftender Kammerkameramann den drei dort Hausenden beängstigend nahe – und zeigt damit weit größer (und damit wirksamer als bisher üblich) die Szenerie, vor allem anhand kleiner Details und leibhaftiger Unschärfen die fehlende Privatsphäre.
Bewegende Züge bekommt die Inszenierung vor allem durch Jana Podlipná aus Prag, die mit Nummer 0407 als verzweifelte Mutter aus Liebe zu ihrem neunjährigen Sohn hier weilt und unermüdlich rabottet. Immer in der Angst, dass ihr Kind sie ob ihrer Abwesenheit verständlicherweise hassen könnte. Ab und an verspürt sie auch eine zärtliche Regung – und wird dafür hart bestraft.

Großartig widerlich in ihrer abgeklärten Empathiefreiheit agieren sowohl Pawlak als auch Tilo Werner als alter Meckerkopp Nummer 0115 – beide verkörpern im Einklang mit der Chefin anschaulich die menschliche Deformierung aufgrund geschilderter Herrschaftsverhältnisse, während der Pole Grzegorz Stosz als Afrikaner, der bis auf einen emotionalen Ausbruch nur immer „Not understand“ als Textparole hat, und ansonsten quasi als guter, in sich ruhender Geist durch die Inszenierung schwebt. Er hört sich mit wachen Augen und starken Armen auch die Tiraden über „Polacken“ seelenruhig an – und gönnt junger Mutter wie alter Chefin deren Phantasien.
Das Ganze, aufgepeppt mit uniformartiger Einheitskleidung von Petra Goldflamová-Stetinová und eines im Theater sicher bislang einmaligen Geschirrbandes, erfunden von Bühnenbildner David Marek (beide aus Prag), das in Endlosschleife direkt den Müllcontainer bedient, könnte sogar auf einem dieser seltsamen Kreuzfahrtgefängnisse spielen, wo die Verhältnisse ähnlich sklavenartig sein sollen. Allein – und das bleibt das große Manko des Abends – sind hier der Zwang, der Druck, die Isolation und die Sanktionsmöglichkeiten so vage dargestellt, dass man sich fragt, warum keiner einfach eher geht. So wird der allseits unbeliebte Alte von der Insel, der angeblich sogar Rente bekäme und sich von seinem als Batzen ausgezahlten Lohn eine Wohnung seiner Ex-Herrin leisten könnte, wenn sie ihn raus wirft, Opfer seiner erstmalige echten Courage als Pointe. Aber diese gelingt – es bleibt der Fleck.
Bereits eine Woche zuvor hatte Zittaus frisch verlängert Intendantin Dorotty Szalma mit „Am Boden“ eine thematisch mindestens genauso lebensbedrohlich-relevante Inszenierung mit Martha Pohla in einem eindrücklichen Monolog einer schwangeren Kriegspilotin geschaffen, während sie nun schon im Görlitzer Musiktheater mit „Der Konsul“ eine Oper von Gian Carlo Menotti inszeniert und im Problemduktus bleiben kann: Denn es geht um Flucht und Diplomatie, lau Libretto des Komponisten: „Irgendwo in Europa, Gegenwart“ – Premiere ist am 18. November.

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