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Musiktheater: »Der Konsul« - Andreas Herrmann - DNN

Flüchtlingsstau im herrenlosen Konsulat

Zittaus Intendantin Dorotty Szalma befragt in Görlitz Menottis „Der Konsul“ nach deutschen Gegenwartsbezügen


von Andreas Herrmann
Ganz klar ist: Es hätte zum Schluss viehisch gerummst, als es an der Tür klingelt. Denn das Opfer namens Magda Sorel lag mit dem Kopf auf dem offenen, flammenlosen Gasherd, um sich und ihren Mann, den Dissidenten, vom Regime zu erlösen, nachdem zuvor schon Kind und Schwiegermutter abhanden kamen.
Jedes halbwegs polytechnisch gebildete Ossi hielt sich zwar die Ohren zu – aber nichts passierte, das Theater wackelte und wankte nicht, das Orchester spielte weiter bis zum tragischen Ende, das darob durchaus in Betroffenheit mündete.
Denn dieser Tod ist einerseits total sinnlos, andererseits dreht sich draußen, in der vermutlich autoritären Grauwelt eines unbenannten EU-Landes, alles weiter.

Denn selten – sieht man von Wagner oder tragischem Herzschmerzzeug ab – wird eine trostlose Geschichte im
Musiktheater so gnadenlos zu Ende gebracht wie jene von Gian Carlo Menotti, der nicht nur die Musik, sondern auch das Libretto stiftete. In „Der Konsul“ erzählt er die Auslöschung der Familie Sorel – vermeintlich aufgrund
schräger Bürokratie in einer seltsamen, anonymen Diktatur zu vor allem sinfonisch sehr gelungener Musik.
Dabei wartet ein illustres Figurenensemble auf die Papiere eines ebenso anonymen Konsulates. Herkunft und
Nationalität könnte man vielleicht aus den Namen schließen, die der Italiener im amerikanischen Exil erfand, spielen aber keine Rolle. Anhand der skurrilen Gestalten, die alle irgendwie weg wollen, vermutet man es eher im Süden, anhand der Korrektheit ähnelt die Behörde allerdings eher einer deutschen Jobagentur.

Dort hat die Konsulsekretärin (Anne Werle als gestrenge Exotendompteuse) auf ihrer schwer zu erklimmenden scheinweißen Ausreiserutschbahn (hervorragende Ausstattung: Gretl Kautzsch), einer schrägen Rampe zum Herrn Konsul, alles im Griff. Solange, bis die einzige, die als „Politische“ wirklich schnell weg müsste – unsere
omnipräsente Magda Sorel – die entscheidende Frage stellt: Gibt es diesen Konsul (und damit die Hoffnung) überhaupt? Um damit rasch Panik und Chaos auszulösen –
durchaus amüsant aufgelöst in zwei Tanznummern, deren eine man als Persiflage auf „Be happy“ werten kann.
Doch Sorel hat Todesangst, vor allem um ihren Mann John, der in Form von Ji-Su Park (wie gewohnt stark in Stimme wie Spiel), anfangs vor den Bundesbehörden durch den Gasherd in eine Nachbarkammer, später ganz und gar geflüchtet ist. Er zögert aber noch, auf Nimmerwiedersehen ins Ausland zu fliehen, wartet derweil in den Bergen auf die Ausreise seiner Frau und kommt, wie von seinen Häschern erwartet, aus Liebe zurück. Patricia Bänsch, die in dieser Titelrolle – jenseits des Wutausbruchs– sehr sensibel bis zerbrechlich wirkt und die Tücken, vor allem ihrer lange Klagearie, souverän meistert, will – nachdem ihrer Schwiegermutter (Beate Maria Vorwerk) schon mal posthuman ihren Enkel erstickt hat – wenigstens den Mann retten, nachdem sie ihren Zweikampf mit Stefan Bley als kraftvollem (BND-?) Agenten verlor.

Zittaus Schauspielintendantin Dorotty Szalma entschied sich schon vor fast zwei Jahren mutig für eine Uraufführung von Christoph Klimkes Drei-Personen-Farce „Der obdachlose Mond“. Diese flüchtige Flüchtlingsgeschichte enttäuschte nicht nur beim Sächsischen Theatertreffen in Bautzen, sondern auch in Zittau redet davon heute keiner mehr, was vor allem an der seltsamen Regiearbeit von Hannes Hametner lag. Nun hat sie selbst geliefert und gemeinsam mit ihrem Zittauer Team – neben Kautzsch Dramaturg Gerhard Herfeldt und Videokünstler Adam Synyszyn – das Mögliche an dramaturgischer Spannung aus der Geschichte heraus geholt.

Nicht vorbei kommt sie an der mangelnden Vergleichbarkeit mit der Jetztzeit – denn Gegenwartsbezug in Zeiten von knastartigen Flüchtlingslagern, absoluter Überwachung (vor allem dank netzsozialer Ro- und Biobots) und demokratisch legitimierten Drohnenmorden zu behaupten, ist recht gewagt. Die Broadwayoper kann ihre Herkunft und Nähe zum Film nicht verleugnen – und bezöge hierzulande just Rente, stammt sie doch aus dem Jahre 1950. Sie erschließt sich wohl nur im einstigen Kontext geordneter Verhältnisse mit echten Grenzen und Posten – plus eisernem Vorgang, der heute woanders rostet.

Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti dirigiert seinen Werkvorschlag, den er ungefähr zu Zittauer Mondzeiten offerierte, als Menottis Landsmann natürlich sehr souverän. So liefern der Italiener, der ohne Probleme aus Hannover, und die Ungarin, die ebenso aus Wien in die Lausitz einreiste, gemeinsam eine Geschichte, die trotz der Verortung im Europa der Gegenwart in eine Zeit verweist, als Diplomatie noch etwas zählte und in denen ein richtiger Pass als Wert erschien. Heute vagabundieren auf Botschaften nur noch Whistleblower, denen Geheimdienste wie Justiz geile Damen unterschieben, um ihrer öffentlich habhaft zu werden.

So kann der Premierendirigent, gegen dessen Weiterverlängerung als Generalmusikdirektor sich die Musiker der Neuen Lausitzer Philharmonie nahezu vor Jahresfrist aussprachen und damit eine Reihe seltsamer Entscheidungen fortsetzen, die irgendwann ihren Orchesterruf (und damit Haus samt Brot) gefährden dürften, am Ende der Spielzeit vermutlich problemlos wieder aus der Neuen Lausitz ausreisen. Schon zur Premierenfeier ließ er sich entschuldigen, weil er einen Flieger gen Italien bekommen müsse, um dort am nächsten Tag zu proben.

Derweil bastelt das Theater nach diversen Vorspielen schon intensiv an der Nachfolgerpräsentation, die – so wurde im Foyer görlitzlike gemunkelt – nicht minder für Furore sorgen soll als jene beiden vorhergehenden, also
jene von Eckehard Stier zum Start 2003 und die von Andrea Sanguineti zehn Jahre darauf, die aber beide für
Görlitz keine Träne übrig haben werden. So dirigiert der scheidende GMD seinen Vorschlag für eine kurze Dreierserie im März in Zittau. Sein Stellvertreter Ulrich Kern, seit 2011 Erster Kapellmeister in Görlitz, gibt die Dezember-Vorstellungen – und auch die Zittauer Premiere am 3. März.

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