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MUSICAL: »The Producers« - Kai Wulfes - Musicalzentrale

The Producers
Springtime for Hitler
von Kai Wulfes

"The Producers" - das Musical über einen kalkulierten Flop, der keiner wird, ist in Görlitz alles andere als ein Flop. Hut ab vor dieser aberwitzigen Inszenierung (Sebastian Ritschel), bei der zwei Gäste (Adrian Becker, Daniel Eckert) tolle, hauseigene Solisten des Musiktheater-Ensembles kongenial ergänzen. Absolut empfehlenswert!

Premiere:
20.05.2017Rezensierte Vorstellung:
25.05.2017

Mit strahlendem Tenor skandiert ein dunkelhäutiger Sturmtruppenmann mit blondiertem Haupthaar und farblich harmonierendem Oberlippenbärtchen "Frühling für Hitler und Vaterland". Allein dieser Mini-Auftritt von Thembi Nkosi führt das Dritte Reich mit seiner kruden Rassen-Ideologie ad absurdum. Doch Regisseur Sebastian Ritschel toppt dies mit dem im Song angekündigten Erscheinen DER Lichtgestalt, die Deutschland, und perspektivisch die ganze Welt, glücklich machen soll: Mit elegantem Hüftschwung schält sich aus dem schlichten Ledermantel eine tuntig-tänzelnde Führer-Parodie in lila Glitzeruniform, die allein der zackige Stechschritt ins Straucheln bringt. Im übergeworfenen weißen Schwanenmantel huldigt dieser "Adolf Elisabeth Hitler" mit rollendem Marlene Dietrich-R sich selbst, während sich seine schwarzuniformierten Mannen und SS-Mädels in Hotpants als Hakenkreuz-Formation drehen. Damit gewährt Ritschel dem Publikum einen fulminant-bitterbös inszenierten Einblick in die Neonazi-Revue, mit der die beiden Broadway-Produzenten Bialystock und Bloom alles andere als einen Flop landen. Ihr Traum vom Ruhestand in Rio platzt, ein optisch an Donald Trump erinnernder Richter schickt beide stattdessen ins Staatsgefängnis Sing Sing.

Mit seiner temporeichen Inszenierung orientiert sich Ritschel sowohl an der filmischen Vorlage als auch an der deutschsprachigen Erstaufführung der Musicalfassung. Das ist nachvollziehbar, da Figuren wie Franz Liebknecht oder Roger de Bris in ihrer überspitzten Klischeehaftigkeit nur wenig Spielraum für gänzlich neue Charakterisierungen lassen. Er geht allerdings mit frischen Ideen auch eigene Wege. Wenn zum Beispiel bei Max Bialystocks Solo "Der König vom Broadway" Protagonisten wie das Phantom der Oper, Elphaba, Mary Poppins oder Tarzan den nicht mehr ganz so erfolgreichen Broadway-Produzenten umschmeicheln, dann bekommt er vor Augen geführt, welche Ideen seinen Niedergang hätten aufhalten können.

Auch optisch kann sich die Produktion sehen lassen. Gemeinsam mit Barbara Blaschke hat Ritschel ein zweckmäßiges, durch einschwebende Rückwände, Vorhänge und wenige Versatzstücke schnell wandelbares Bühnenbild entworfen. Besonders stimmungsvoll ist dabei Roger de Bris‘ Residenz, die mit ihren den Raum nach hinten begrenzendem Kunstrosen-Meer in Orange und Rosa gehörig schwul-tuffiges Ambiente verströmt. Den Löwenanteil ihres Etats haben beide Ausstatter jedoch in die vielen, sehr schmucken und aufwändigen Kostüme gesteckt, die in der Revue-Sequenz mit Brezel, Bratwurst und Bierkrug das Deutschland-Bild karikieren. Hier liefern auch Dan Pelleg und Marko E. Weigert ihr Meisterstück ab, die als Choreografen Solisten, Opernchor, Tanzcompany und Statisterie geschickt in Aufmärschen und Tableaus arrangieren. Das agile und sehr synchron tanzende Ballett glänzt zudem bei seinen vielen weiteren Auftritten, insbesondere auch im Stepptanz.

Aus dem Orchestergraben erklingt Mel Brooksʻ Partitur dank der Neuen Lausitzer Philharmonie im satten, launigen Broadway-Sound alter Schule. In der besuchten zweiten Vorstellung hat Dirigent Albert Seidl allerdings mehrfach Mühe, Musiker und Sänger bei den Tempi in Einklang zu bringen. Als Chordirektor hätte er zudem bei der Einstudierung seinen Sängern etwas stärker ihren klassischen Pathos abgewöhnen können. Sowohl die Mitarbeiter im Steuerprüfer-Büro ("Verzweifelt") als auch die Häftlinge im Finale singen ihre Gesangspassagen sehr opernhaft.

Die sechs ausnahmslos großartig agierenden und singenden Darsteller der Hauptpartien sind der große Trumpf der Görlitzer Produktion. Als erfahrener wie geschäftstüchtiger und mit allen Wassern gewaschener Max Bialystock trifft Stefan Bley auf seinen Produzenten-Partner Leo Bloom, den Daniel Eckert zunächst als weltfremden, völlig verschüchterten Buchprüfer mit hysterischen Angstattacken gibt. Beide sind darstellerisch hervorragend aufeinander eingespielt und mit rundem Bariton beziehungsweise schlankem Tenor nicht nur in "Wir gemeinsam" auch gesanglich eine gute Wahl. Sein großes Solo "Verrat", in dem an Bialystock zum Ende des zweiten Aktes noch einmal das bisherige Geschehen in einzelnen Song-Ausschnitten vorbeizieht, meistert Bley großartig. In der sich unmittelbar anschließenden Ballade "Nur er" glänzt Eckert mit einem brillant ausgesungenen Spitzenton am Schluss.

Mit kühlem skandinavischen Charme, etwas Blondchen-Begriffsstutzigkeit und ihrem feinen Sopran ("Was du hast, das zeig auch") bringt Alison Scherzer als sexy Schwedenhappen Ulla Svaden-Svanson den Hormonhaushalt beider Produzenten gehörig in Wallungen, begeistert aber auch als aufreizende Adlerschönheit in der Nazi-Revue. Scherzers Sopran gleitet dabei mit gewollt schwedischem Akzent mühelos bis in die höchsten Höhen und harmoniert ganz hervorragend im Duett "Ihr Charme" mit Daniel Eckerts Tenor.

Bayerisch grantelnd und tumb-plump – so gibt Hans-Peter Struppe den taubenzüchtenden Alt-Nazi Franz Liebkind in Lederhosen. Seine beiden Soli, den volkstümelnden "Grüßi-Gott-Plitsch-Platsch" und die flotte Uptempo-Nummer "Horch, da spielt von Fern die Blasmusik", kostet er mit viel Sinn für Komik und seinem großartigen Bartion aus. Komödiantisch richtig Gas geben dürfen auch Adrian Becker und Michael Berner in ihren Rollen als übertrieben exaltierte Regie-Schwuchtel Roger de Bries und dessen gallig-giftiger Lebensabschnitts-Assistent Carmen Ghia. Einen Glanzpunkt setzt Adrian Becker mit de Bris‘ Auftritt als tuntiger Hitler. Hier und in "Mach es warm" singt er mit sicher geführter Baritonstimme.

Darf man sich in Deutschland über die Nazi-Vergangenheit lustig machen, oder ist das geschmack- oder gar pietätlos? In der besuchten Vorstellung sorgte diese Problematik bei einigen Zuschauern zunächst für Irritation, die letztendlich dank des übertrieben satirischen Ansatzes und der tollen Darstellerleistungen in Begeisterung umgeschlagen ist. Das Publikum feiert zu Recht alle Beteiligten.

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