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Foto: Pawel Sosnowski

Schauspiel: »Cabaret« - Jens Daniel Schubert - Sächsische Zeitung

Was bleibt
In Zittau zeigt man "Cabaret". Das Stück spielt vor 85 Jahren und ist doch brandaktuell.


von Jens Daniel Schubert
Wir sind die Alternative für Deutschland“. Ernst Ludwig sagt das, der für die Bewegung Geld aus dem Ausland schmuggelt. Die Bewegung, die die Macht ergreift und, das wissen die Zuschauer, aber nur wenige handelnde Personen ahnen es, Krieg und Vernichtung in ungeheurem Ausmaß bringt. Am Wochenende hatte „Cabaret“ in Zittau Premiere.
Wer eine flotte Revue im Zeitgeist der Zwanziger mit etwas Betroffenheitswürze aus einer längst vergangenen Zeit erwartet hat, wurde bitter enttäuscht. Dass das Premierenpublikum jubelte und sich fast alle im Saal zu stehenden Ovationen erhoben zeigt, dass Dorotty Szalma, die Zittauer Schauspieldirektorin, längst dafür bekannt ist, die Stücke auf ihre Relevanz fürs Heute zu befragen. Nicht nur dieser Satz „Wir sind die Alternative für Deutschland“ aus dem Mund eines Nazis, der Fräulein Schneider ganz freundschaftlich abrät von ihrer Ehe mit diesem echten „Mischnik“, der halt Jude ist und kein Deutscher, zeigt heutigen Bezug. Es ist die Gesamtsituation, die sie beschreibt und die betroffen macht. Die politische Verdrossenheit, diese es-ist-nicht-so-schlimm Mentalität, die heimeligen Volkslieder, die zum Marsch werden. Mit diesem geht es in die Pause, die rote Fahne mit dem Hakenkreuz glüht auf und dem Publikum verschlägt es den Applaus.
Ausstatter Udo Herbster setzt die Kit-Kat-Band in den halbhohen Orchestergraben, der in der Mitte mit einem Podest überbaut ist. Die Band aus fünf Musikern erzeugt einen kargen, aufrüttelnden Sound, der eher an den frühen Weill denn an Broadway erinnert. Dazwischen ist die Bühne des Cabarets, in dem der Conférencier alle herzlich „Willkommen“ heißt. Stephan Bestier macht die Paraderolle zu etwas ganz Persönlichem, abseits der großen Vorbilder, ist in Spiel, Gesang und Tanz überzeugend.
Hinter der Club-Bühne ein violetter Vorhang, der aufflattert oder hochgeht, um die Bühne für Spielszenen zu öffnen. Trister Alltag in sepia. Immer wieder wechselt die Szene in Cabaret-Nummern, springt hin und her, wechselt die Sänger. „Live is a cabaret“, das Leben ist wie auf einer Bühne. Doch die ist nicht nur glanzvoll und betörend-betäubend schön, sondern auch ziemlich heruntergekommen. Es ist mehr als ein geschickter Umgang mit den vorhandenen Potenzen, es wird zu einem konzeptionellen Ansatz, wenn die Kit-Kat-Girls jede ihr eigenes Profil zwischen aufreizend und ordinär, zwischen Show und verschmierter Schminke finden. Hier, wie in allen Cabaret-Szenen, zeigt die Choreografin Veronika Šlapanská, wie sie die Tänze der Zeit mit den Darstellern und für sie bühnenwirksam und ausdrucksstark umsetzt. Diese differenzierte Perspektive, die jedem seine eigene persönliche Haltung und Entwicklung gibt, ist auch in der Beziehung zu den immer klarer hervortretenden Nazis deutlich absehbar. Klaus Beyer gibt den Ernst Ludwig als netten, etwas einfach gestrickten Mann von Nebenan, dessen Rassismus so schrecklich selbstverständlich ist.
Mittendrin ist Sally Bowles, der Star jedes Abends. Doch nur in diesem Cabaret, das mit Sicherheit nicht an der besten Adresse zu finden ist. Sie lebt bei Max, der sie rauswirft, weil sie mit dem fremden Amerikaner geflirtet hat und kommt mit all ihren Koffern in das möblierte Zimmer dieser flüchtigen Bekanntschaft. Martha Pohla spielt und singt die Sally mit rückhaltloser, existenzieller Energie. Dorotty Szalma zeigt die Menschen hinter dem Bühnenglimmer, die Schattenseite der Großen Freiheit, das Schäbige hinter glänzender Fassade. So werden ihre Figuren nachvollziehbar, menschlich. Die Faszination dieser Welt, die überschäumende Lebensfreude, der utopisch-anarchistische Ansatz des permanenten Tabubruchs dieser Cabaret-Welt bleibt dabei unterbelichtet.
Daher ist es auch mehr Zufall als Faszination, die Cliff, den mittellosen amerikanischen Schriftsteller, in den Kit-Kat-Club treibt. Es ist Verlegenheit, dass er lyrische Zeilen rezitiert, die Sally faszinieren und Max so verärgern, dass er Sally rauswirft. Es ist der Mangel, es ist Alternativlosigkeit, die Sally in Cliffs Armen landen lässt, auch, wenn das für beide offenbar schön ist. Das sieht man aber nicht. David Thomas Pawlak ist ein sehr geradliniger Cliff, der nicht viel an sich herankommen lässt. Die ursprüngliche Erzählperspektive („Ich bin eine Kamera“) ist in dieser Inszenierung gänzlich verloren.
Wie kurze Einblendungen laufen die Szenen ab. Insbesondere rührend ist Geschichte von der letzten Hoffnung auf spätes Glück. Die Vermieterin Fräulein Schneider und der verwitwete Obsthändler Schultz finden sich. Doch die Zeiten sind nicht so. Fräulein Schneider entsagt der letzten Chance auf Glück, um antisemitischen Tendenzen und sich abzeichnender Pogromstimmung keine Angriffsfläche zu geben. Renate Schneider und Tilo Werner geben das Paar so unauffällig wie möglich. Deutsche im Überlebenskampf nach Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise. Sie waren tatsächlich noch ahnungslos, glaubten, irgendwie durchzukommen. Heute, 85 Jahre später, haben die Menschen die Erfahrung, die Erinnerung an diese Zeit und wohin sie geführt hat.
Das ist der Schluss. Cliff reist ab. Sally bleibt. Das Cabaret spielt weiter. Der Conférencier singt und zieht sich aus. Übrig bleibt ein KZ-Häftling mit Judenstern. Das ist deutlich, sehr deutlich, vielleicht vordergründig. Doch es ist das Wissen um Deutschland damals, das die Schultzes und Schneiders von damals von denen heute unterscheidet.

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