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Foto: Marlies Kross

Musiktheater: »Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg« – Boris Gruhl – Dresdner Neueste Nachrichten

Großes Wagnis, erstaunlicher Gewinn

Richard Wagners „Tannhäuser“ ist nach 54 Jahren in einer Neuinszenierung wieder in Görlitz zu sehen

Kurz vor seinem Tod, am 13. Februar 1883 in Venedig, war Richard Wagner der Meinung, er sei der Welt noch einen „Tannhäuser“ schuldig. Gut 40 Jahre zuvor hatte er mit der Arbeit an seiner fünften Oper, „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ begonnen, 1845 fand die Uraufführung in Dresden statt. Wagner hat seinen „Tannhäuser“ mehrfach bearbeitet, zu Ende kam er nicht, denn durch dieses Werk des jungen Kunstrevolutionärs in Dresden zieht sich eine seiner grundsätzlichen Fragen im Hinblick auf die Existenz des Künstlers und dessen Zwiespalt in der Überwindung des Widerspruches zwischen zerstörender und zugleich erlösender Macht des Eros und der Liebe.

Die dramaturgische Dialektik dieses Werkes findet in Wagners Musik eindringliche Entsprechung. Deutlich vernimmt man die musikalischen Gegensätze. Hier noch die geschmeidige Kantilene der deutschen Romantik, dagegen klangliche Erweiterungen, in denen sich die Wagnersche Kraft seiner späteren Musikdramen ankündigt. Breites Pathos, hymnische Steigerungen, wie in der grandiosen Ouvertüre, brechen sich immer wieder Bahn und müssen doch in scharfen Kontrasten den Dialog beflügeln mit klangvollen Harmonien, arioser Sinnlichkeit und massiven Einsätzen der Chöre. Diesen nicht gerade geringen Herausforderungen hat sich das Gerhart-Hauptmann-Theater gestellt, sicher ein Wagnis, diese große Oper in der Dresdner Fassung an einem nun nicht gerade großen Theater mit entsprechenden Möglichkeiten aufzuführen.

Man ist in Görlitz dieses Wagnis eingegangen und konnte letztlich gewinnen. Dies verdankt sich ein erster Linie der musikalischen Leitung des scheidenden Generalmusikdirektors Andrea Sanguinetti, dem es gelingt, bei anhaltender Steigerung die Mitglieder der Neuen Lausitzer Philharmonie dynamisch zu motivieren. Da vernimmt man etwa im Vorspiel zum dritten Akt betörende Passagen von kammermusikalischer Intensität, berührende und zugleich verstörende Dramatik des vollen Orchesterklanges mit sattem Streicherklang und bedrohlichen Einsätzen der Bläsergruppen. Der verstärkte Opernchor, insbesondere die besondere Präsenz der Männerstimmen, in der Einstudierung von Albert Seidl, erhöht den Gewinn dieser Aufführung beträchtlich. Regisseur François de Carpentries lässt die Handlung in der Ausstattung von Karine Van Hercke nicht im sagenhaften Mittelalter spielen, überführt sie auch nicht gänzlich in die Gegenwart, überlässt mit optischen Bezügen, die eher, bis auf Ausnahmen, ins spätere 19. Jahrhundert weisen, mögliche Vergegenwärtigungen dem Zuschauer. Den Venusberg hat sich der Künstler ins Arbeitszimmer geholt. Die Venusgrotte ist das Bett einer beliebigen Möbelhauskette, darin wird am Ende Elisabeth aufgebahrt sein und sich zurückverwandeln in Tannhäusers Venusfantasien.

Der Sängerkrieg auf der Wartburg vollzieht sich vor riesigen Folianten, auf deren Buchrücken man Namen und Werke der Minnesänger erkennt. Aus den Stümpfen abgeholzter Bäume, in die zunächst die Pilger ihre Kreuze pflanzen, wird am Ende das erlösende Grün üppig sprießen. Immer ist ein großer Flügel dabei, zunächst entsteigt ihm Jenifer Lary als junger Hirte, auf dem Instrument werden dann die vier Edelknaben, hier Brautjungfern wie aus einer Freischütz-Aufführung geborgt, Elisabeth, die noch die Wäsche der Venus trägt, in eine keusche Braut verwandeln. Am Ende ist der Flügel umgestürzt, wirkt wie ein aufgeklappter Sarg, im Kerzenschein singt Wolfram von Eschinbach darin sein Lied an den Abendstern, ein wenig Kitsch lässt grüßen. Abgesehen von einigen RegietheaterMätzchen, bleibt die Handlung in ihren Grundzügen klar und gut nachvollziehbar, zudem ist die Textverständlichkeit durchgehend außergewöhnlich gut. Und auch in gesanglicher Hinsicht kann man in Görlitz aufs Ganze gesehen von einem Gewinn sprechen. In dieser Konzeption ist es unvermeidlich, die Partien der Venus und der Elisabeth von einer Sängerin interpretieren zu lassen. Das hat es schon mehrfach so gegeben, und das führte immer wieder auch zu Problemen. Patricia Bänsch, aus dem Mezzofach kommend, hat nun allerdings das Potenzial gewonnen, als Elisabeth mit den Möglichkeiten ihres jugendlichen, dramatischen Soprans überzeugende Höhepunkte zu setzen. Da sind der Jubel in der „Hallenarie“ und die Innigkeit im abschließenden Gebet und dazwischen auch die freudige Erregtheit im Wiedersehensduett mit Tannhäuser. Diese Intensität kann sie in den dramatischen Szenen als Venus leider nicht im gleichen Maße erreichen.

Der Tenor Franco Farina ist ein vor allem kraftvoller Tannhäuser, aber nicht immer gehen dramatische Gestaltungskraft und Stimmvolumen zusammen. Faszinierend ist vor allem seine dunkel, baritonal grundierte Tenorstimme. Einige sensiblere Zwischentöne würden aber der Konzeption dieser Aufführung in Korrespondenz zum so wunderbar differenzierten Dirigat von Andrea Sanguinetti sehr gut tun.
Stefan Bley bietet als Hermann, Landgraf von Thüringen, eine beeindruckende Leistung. Der Preis, im Sinne eines Sängerwettstreites, aber gebührt dem jungen Bariton Ji-Su Park als Wolfram von Eschinbach. Ob in der hymnischen Ansprache auf der Wartburg mit sinnlichem Pathos oder erst recht beim Lied an den Abendstern, mit liedhafter und italienisch geschulter Legatokunst, dann auch im erregten Ausbruch, um Tannhäuser zu retten, dieser Sänger erweist sich als der große Gewinn dieser insgesamt sich zu einer gelungenen Premiere abrundenden Aufführung von Wagners Meisterwerk nach nunmehr 54 Jahren am Theater in Görlitz.

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