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KONZERT: »Neugier« — Karsten Blüthgen — Sächsische Zeitung

Brahms als Muntermacher

Die Lausitzer Philharmoniker wollen Neugier wecken. Die Musik hilft dabei nicht immer.


Dirigent Ulrich Kern ging mit Humor an seine schwierige Aufgabe, das Publikum einzustimmen. Brahms habe seinen Besuch absagen müssen. Gelächter im Bautzener Theater. Auch Komponistenkollege Henri Tomasi (1901 – 1971), von dem ein rares Posaunenkonzert auf dem Programm stand, konnte naturgemäß nicht kommen. Dafür hatte es der 1984 geborene Orazio Sciortino am Donnerstag in die Lausitz geschafft, um die Uraufführung seines Orchesterwerks „Qasida II“ mitzuerleben.

Mancher im Publikum raunte, ihm waren Kerns Bemühungen vor dem mit „Neugier“ überschriebenen Programm der Neuen Lausitzer Philharmonie suspekt. Vorurteile sind nie gut, zumal bei neuer Musik. Doch „Qasida II“ ist erdrückend schwer. Das Werk brodelt und bebt, fließt zäh aber heiß wie Lava, bietet den Sinnen über zwanzig Minuten hinweg kaum Halt. Möglicherweise hat der Komponist und Pianist aus Syrakus genau diese Gefühle des Unbehagens wecken wollen. „Qasida II“ ist ein Tribut an den arabisch-sizilianischen Poeten Ibn Hamdis, der in der Not des Exils dichtete. Die Aktualität seiner Musik angesichts der Flüchtlingsströme heute konnte Sciortino allenfalls ahnen. So wie die gespaltenen Reaktionen des Publikums auf sein Werk, dessen Komplexität sich hörend kaum erschließt.

Henri Tomasis Konzert für Posaune und Orchester ist noch keine sechzig, plädiert für das Melodische und wurde beherzt an genommen. Solist Fabrice Millischer und die Philharmoniker setzten mit der Zugabe noch ein Sahnehäubchen: Maurice Ravels „Pavane pour une infante défunte“, eine süße Vorstellung einer tanzenden Prinzes sin an einem alten spanischen Hof.

Die zweite Sinfonie von Johannes Brahms, der über hundert Jahre tot ist, entfaltete ihre feierliche Klanglichkeit mühsam, denn das Orchester wirkte zunächst erschöpft und wenig trittsicher. Erst mit dem bezwingenden Sologesang der Violoncelli am Beginn des „Adagio non troppo“ zog neues Leben ein, das Spiel wirkte konzentrierter, die Soli saßen präziser. Kern, erster Kapellmeister in Görlitz, beflügelte die Philharmoniker, balancierte die Register immer stimmiger. Dynamisch hörte man die Melodien fliegen, „heiter und lieb lich“, wie sie ihr Erfinder 1878 selbst hörte. Das Publikum im gut besuchten Bautzener Theater dankte nach einem fulminanten Finale und wirkte am Ende munterer als zur Konzertpause.

Karsten Blüthgen
Sächsische Zeitung
24., 25.10.2015

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