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Foto: Pawel Sosnowski

SCHAUSPIEL: »Gretchen 89ff.« — Andreas Herrmann — Sächsische Zeitung

Faust als Charaktertest

Claudia Grönninger inszenierte Lutz Hübners Komödie "Gretchen 89ff". in Zittau als Schmonzette.


Auf Zittau ist Verlass. Der Sommertheaterstart auf dem Klosterhof verspricht Theatergenuss für Wetterfeste. Doch im Vergleich zum Vorjahr war es am Sonnabend zwei Grad wärmer und Regen wie Wind nur latent bis böig statt andauernd. Also nahezu perfekte Bedingungen für eine gelungene Frischluftpremiere, auf den sich die Theatergastronomie traditionell mit reichlichem Glühweinvorrat eingestellt hat.

Gespielt wird Goethes Faust. In einer besonderen Form, als Probenprozess der berühmten Kästchenszene in verschiedenen Konstellationen. „Gretchen 89ff.“ heißt die Komödie von Lutz Hübner, die in kleinen, unverbundenen Miniaturszenen viel über das Theatertypeninnenleben verrät. Deutschlands erfolgreichster Gegenwartsdramatiker schrieb die kluge Komödie mit viel Interpretationsfreiraum vor fast zwanzig Jahren am Beginn seiner Autorenkarriere, seither läuft sie jedes Jahr mehrfach, taugt aber als Kammerspiel nur für solche lauschige Freiluftbühnen wie den duftenden Klosterinnenhof.

Dabei kommt es immer wieder zur Konfrontation der Regisseure mit verschiedensten blutjungen Aktricen, die allesamt den frühen Probenprozess zu jener Schlüsselszene karikieren, als das keusche Gretchen, noch aufgewühlt von der ersten Begegnung mit Faust, dass teuflische Schmuckkästchen von ihm in ihrem schwülen Gemach findet und es sie doch irgendwie anrührend nach dem Golde, an dem alles hängt, drängt.

Claudia Gröninger, seit einem Jahr als Regieassistentin am Haus, gelingt bei ihrem Zittauer Regiedebüt durchaus einegelungene Umsetzung des Schauspielerfestes, welches die Anlagen zur echten Farce hat und als Faust’scher Charaktertest von der Wandlungsfähigkeit der Darsteller lebt. Die verschiedenen Typen werden mit der Stimme von Marc Schützenhofer aus dem Off kurz einführend charakterisiert, der damit als einziger des Sextetts vom furiosen „Spiel von Liebe und Zufall“ präsent ist. Er wird aber mit jener Inszenierung Stefan Wolframs aus dem Vorjahr ab 19. Juni noch sieben Mal auf dem Görlitzer Nikolaifriedhof gastieren.

Heuer hat vor allem Klaus Beyer, mit reicher Wiener Erfahrung ab kommender Spielzeitfest in Zittau engagiert, markante Auftritte: Ihm gelingen nahezu durchweg herrlich unsympathische Regietypen vom großen Streicher über den lüsternen Haudegen bis hin zum sexistischen Freudianer, einmal von Maria Weber als weibliche Entsprechung gleichwertig ersetzt. Ansonsten spielt sie, abwechselnd mit Paula Schrötter, die verschiedenen Gretchen. Weber, eher forsch bis weiblich, am besten als Diva, Schrötter hypersensibel bis überengagiert, schön auch als schüchterne Hospitantin.

Bei der lustigsten Szene wird das Geschehen umgedreht: Die Dramaturgin (Paula Schrötter), im Theater verkannt und unterfordert, verwirklicht sich in der Freien Szene als Regisseuse und besetzt Gretchen als Mann. Dieser (Klaus Beyer) kommt vom Arbeitsamt, hat wenig Zeit und soll nun nur sich selbst als Figur ohne Rolle (oder umgekehrt) spielen - das geht gehörig schräg schief und er fährt großes Gelächter. Gab es vor der Pause, vor allem recht langen Auf- und Abtrittswegen bei häufigen Szenenwechseln geschuldet, noch einige Längen, läuft es danach viel runder, verknüpft mit Regenstopp, beleuchteter Kulisse und vermehrtem Vogelgesang, nur gestört durch diverse Freudenfeuerwerke, offenbar zu Ehren frisch geweihter Jugendlicher.

Die Idee mit einsehbarem Schmink- und Umkleidezelt neben der Bühne, Ausstattung Christine Ruynat, ist sicher praktisch, dessen gleichzeitige Bespielung vom pausierenden Gretchen lenkt nur manchmal vom Hauptgeschehen ab.

An der frühen Termin- und damit oft kühlen Wetterlage wird sich auch in den kommenden Jahren nichts ändern lassen. Da für die große Jonsdorfer Waldbühnenproduktion, die vor den Sommerferien herauskommen muss, sechs Wochen Probe und Darsteller wie Techniker dafür benötigt werden, ist der Zeitplan vorgegeben, so lange man den stressigen Zuschauerluxus anbietet, parallel zwei Bühnen zu bespielen. Der Erfolg in Form von permanenten Kartenmangel gibt den Zittauern seit Jahren recht.


Andreas Herrmann
Sächsische Zeitung
18.05.2015

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