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SCHAUSPIEL: »Indianer« — Rainer Kasselt — Sächsische Zeitung

Auf Marx kannst du lange warten

In der Zittauer Uraufführung der Tragikomödie „Indianer“ schwitzen erst die Menschen, dann heulen die Wölfe.

Sie sitzen beim Abendmahl am Problemtisch. So nennen sie ihn, um Klartext zu reden. Drei Frauen, zwei Männer. Ostler und Westler. Sie suchen das Glück, das Ich, den Sinn. Erzählen sich ihre Biografien. 25 Jahre nach dem Mauerfall. Zeitgeschichte als Streitgeschichte.
Darum geht es in Oliver Bukowskis Jubiläumsstück „Indianer“. Die Tragikomödie entstand als Auftragswerk des Gerhart-Hauptmann-Theaters und hatte am Freitag in Zittau rhythmisch applaudierte Premiere.

Die Vornamen der fünf Schauspieler sind identisch mit denen der Figuren. Oft wenden sich die Darsteller direkt ans Publikum, rennen durch die Reihen. Sagen überdeutlich: Das sind unsere, eure Probleme. Bukowski, gebürtig aus Cottbus, verortet das Stück im Lausitzer Ort Neschwitz. Die Sprache des viel zu wenig gespielten Autors ist bissig, zupackend, witzig und melancholisch. Seine Sicht auf die Einheit kritisch, subversiv, verdrießlich, mal plakativ, mal kabarettistisch: „Auch im Westen ist nicht alles schlecht.“

Tänzeln, pföteln, gackern
Fünf Personen treffen sich in der Schwitzhütte, eine Art Sauna mit indianischen Ritualen zum Austreiben der Sorgen. Besitzer der notdürftig zusammengezimmerten Bruchbude (gelungene Ausstattung: Sabine Born) ist der Neschwitzer Hofbesitzer Thomas, ein dickbäuchiger Mittfünfziger. Er versteht weder von Meditation noch Indianern etwas, steckt sich eine Feder ins schüttere Haar. Die Hütte ist nach dem Scheitern mit Autohandel, Ökohof und Streichelzoo ein weiterer Versuch, seine Existenz zu sichern. Er prangert die massenhafte Vernichtung von „Talent, Können, Würde, Stolz, Moral“ nach der Wende an. Thomas Werrlich (als Gast) spielt ihn als gemütvolles Bärchen, hitzigen Betonkopf und liebenden Vater.

Tochter Paula hält ihm seine „Galerie von Feindbildern“ und den Traum von der Weltrevolution vor: „Marx, der Erlöser steigt nicht herab.“ Paula Schrötter stellt die Figur in der Balance von Aufbruch und Zögern dar. Sie ist die Lachtaube des Abends, tänzelt wie aufgedreht, lacht fast in jeder Szene. Nur weiß man oft nicht, warum. Von anderem Kaliber ist Maria, die coole Westtussi. Sie will Spaß und Sex haben, Ostler gucken, Kommunismus schnüffeln. Maria Weber, neu im Ensemble, spielt raffiniert mit dem Klischee des blonden Dummchens. Sie steckt in heißen Höschen, gelben Stiefeln und geschürzter Bluse. Gefühlte hundert Mal springt sie ihrem Partner Stephan in die Arme, windet sich schlangengleich um seinen Körper, tanzt mit ihm in den Taumel des Vergessens. Er nennt sie launenhafte blöde Kuh, geht aber gern mit ihr ins Bett.

Der sportliche Stephan Bestier als Besserwessi betreibt Tai Chi Morgengymnastik, verachtet den „Indianer-Quatsch“ und kann die Klassenkampf-Parolen von Thomas nicht mehr hören. Fragt: Geht es nicht eine Nummer kleiner? In einer zweiten Rolle spielt Stephan Bestier mit Tschapka-Fellmütze den liebenswert-vertrottelten Nachbarn Wolfgang. Der will mit den Lausitzer Wölfen als Naturhaus-Betreiber seinen Schnitt machen und heult am Ende vor Freude mit ihnen um die Wette.

Als dritte Frau im Bunde seilt sich mit schwerem Rucksack Globetrotterin Katja vor der Hütte ab. Sie träumte als Akademikerin in der DDR den Traum vom Westen, ging rüber, nahm jede Arbeit an, suchte in Esoterik Erfüllung. In Neschwitz hofft sie auf ein kleines Glück mit „Indianerhäuptling“ Thomas. Dann zieht sie nach Japan weiter. Katja Schreier verkörpert sensibel, das rote Schamanentuch schwenkend eine reife Frau auf der Suche nach sich selbst.

In der Regie von Christian Papke wird keine Figur zur Witzfigur degradiert. Etwas angepappt wirken die teils didaktischen,
teils intelligenten Prologe. Der in Wien wohnende und in aller Welt arbeitende Regisseur lässt diese Rückblenden auf die ersten Jahre nach 1989 vor dem Eisernen Vorhang spielen. Papkes temporeiche, turbulente Inszenierung vermeidet jede Verklärung. Sie setzt jedoch stark auf äußere Effekte, entschärft durch schrilles Spiel manche kritische Textpassage. Nebel wallen, Videos flackern, Songs dröhnen. Die Schauspieler pföteln und gackern, sind Hündchen und Hühnchen, tanzen in Bikini und Badehose, stöhnen orgiastisch und kaspern: „Na, ihr Ossis, seid ihr alle da?“

Etwas weniger Fassadenblick wäre dieser Aufführung zu wünschen, die vom Zittauer Ensemble mit spürbarer Lust und
großem Engagement auf die Bühne gestemmt wurde. Man darf gespannt sein, ob andere Theater Bukowskis gescheites
Stück nachspielen. Der Ruhm der Uraufführung gebührt Zittau.

Von Rainer Kasselt
Sächsische Zeitung

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