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Foto: Pawel Sosnowski

SCHAUSPIEL: »Das (perfekte) Desaster Dinner« — Rainer Könen — Sächsische Zeitung

„Weiß jeder, wer er ist?“

Im Zittauer Theater entfachte die Premiere der Boulevardkomödie „Das (perfekte) Desaster Dinner“ Begeisterungsstürme.


Es soll ein entspanntes, mit erotischen Momenten versehenes Wochenende werden. Stefan, ein verheirateter Mann (Klaus Beyer), will den Geburtstag seiner Geliebten, einem 25-jährigen Model, feiern. Als Alibi für einen Männerabend lädt er seinen besten Freund Robert (Stefan Sieh) ein. Seine Gattin (Kerstin Slawek) will eigentlich zu ihrer Mutter verreisen – bleibt aber, weil sie eine Affäre mit besagtem Freund hat und sich just an diesem Wochenende eine heiße Liebesnacht mit ihm verspricht. Voilà, das ist sie, die Einladung zum klassischen Verwechslungsspiel.

Da geraten die Darsteller in sich zuspitzende Rollenkonflikte, gilt es den Überblick zu behalten. Was nicht einfach ist in dieser turbulenten Klamotte. „Weiß hier eigentlich jeder, wer er ist?“, sucht Stefan Beyer nach Orientierung, als der Cateringservice ihm eine Köchin schickt, die das Chaos perfekt macht: Heißt diese doch auch Susi, wie seine Geliebte. Da nimmt das Verwirrspiel noch mehr Fahrt auf.

Der aus der Feder des französischen Autors Marc Camelotti stammende Boulevardklassiker „Madame, es ist angerichtet“, der vom österreichischen Kabarettisten Michael Niavarani neu bearbeitet wurde und am Freitag im Zittauer Theater Premiere feierte, ist „Das (perfekte) Desaster Dinner“. In der zweistündigen Aufführung wird so ziemlich alles geboten, was Boulevardtheater ausmacht. Eine hohe Kalauerdichte, ungefilterte Klischees, ein bisschen Sexismus, einen die Darsteller in Verwirrung und Situationskomik stürzenden Plot. Da muss sich die Logik bisweilen der Komödie unterordnen, vor allem dann, wenn sie dieser im Weg steht. In dem von Axel Stöcker inszenierten Stück fliegen die Lügen wie Ping-Pong-Bälle hin und her. Wenn Stefan oder Robert mal wieder an einem Endpunkt angekommen zu sein scheinen, wo sie endlich „reinen Tisch“ machen müssten, haben sie wieder eine Ausrede parat, die man einfach nur so beschreiben kann: „Auf die muss man erst einmal kommen.“ Wer einen Abend lang eine flotte und witzige Unterhaltung haben möchte, der ist mit iesem fürwahr abgefahrenen Dinner bestens bedient. Da soll Robert so tun, als sei die Geliebte von Stefan seine Geliebte. Das geht aber nicht, weil Robert seinerseits der Geliebte von Stefans Frau ist, dann dummerweise die Köchin für Stefans Geliebte hält und die tatsächliche Geliebte von Stefan nicht kochen kann.

In Niavaranis überarbeiteter Fassung steht das brisante Thema Treue im Mittel punkt. Der Kabarettist, Autor und Schauspieler wies einmal in einem Interview hin, dass er nicht daran glaube, dass die Menschen von ihrer psychischen und biologischen Veranlagung grundsätzlich treu seien. Dies sei auch der Grund, warum Stücke wie „Das (perfekte) Desaster Dinner“ so gut funktionierten. Es sei ein Thema, mit dem in Beziehung lebende Menschen immer mal konfrontiert werden.

Regisseur Stöcker, Autor etlicher bewegender Abenteuerspektakel auf der Jonsdorfer Waldbühne, setzt in seiner Inszenierung auf rasantes Tür-auf-Tür-zu-Entertainment, was dem Stück den richtigen Drive gibt. Im Ensemble dieser Inszenierung ragt er heraus: Klaus Beyer. Er gibt einen Mann in den allerbesten Jahren, der auf der Suche nach einem erotischen Spielplatz bei einem Model gelandet ist. Seine von ihm gespielte Figur ist die Schaltzentrale der Komödie. Selbst banalste Äußerungen von ihm werden dank seiner grimassierenden Intonation zu mitreißenden Gags. Das Publikum goutiert dies mit Szenenapplaus. Beyer gibt seiner Figur eine fordernde Vitalität, eine, mit der Midlife-Crisis geplagte Männer ihr Alter zu kompensieren pflegen. Sein Kompagnon Robert fällt hingegen ein wenig ab. Bei ihm vermisst man diese Spielfreude, die Beyer auszeichnet. Stefan Siehs Körpersprache und Mienen spiel wirken aufgesetzt. Es gibt allerdings auch Szenen, in denen er seine Figur brillieren lässt. Als Robert die Köchin (Martha Pohla) empfängt, die kleine und resolut auftretende Dame für eine Prostituierte hält, jeden ihrer Sätze, jede Bewegung missinterpretiert, sitzen Timing, Tempo, Situationskomik. In dieser Szene wird deutlich, nach welchem Strickmuster Verwechslungskomödien funktionieren. Köchin Susi erkennt schnell, wie sie aus diesen Beziehungsklüngeleien Kapital schlagen kann. Geforderte Rollenwechsel haben ihren Preis. „Was, ich soll nun die Geliebte spielen?“, echauffiert sie sich scheinbar, als Robert sie darum bittet, und hält die Hand auf. Das kostet extra. So mancher Hundert euroschein verschwindet in ihrem Dekolleté. Kerstin Slawek überzeugt in der Rolle als betrügende Ehefrau. Wenn ihrer Figur auch etwas mehr zur Schau gestellter Erotik gut täte. Maria Weber als Stefans Geliebte bedient als dummes Blondchen, das mit seinen dünnen langen Beinen über die Bühne stöckelt, gängige Model-Klischees.

Nach der Pause braucht das Boulevardstück eine Weile, um wieder Fahrt aufzunehmen. Da geht es dann an die Auflösung des ganzen Tohuwabohus. Eine, bei der die Darsteller noch mal richtig gefordert sind, weil es doch zu klären gilt, wer warum und weshalb schuld ist, dass dieses geplante Dinner so ziemlich aus dem Ruder gelaufen ist. Da lässt man den Emotionen freien Lauf, wird es handgreiflich, fliegen Torten. Am Ende wird es dann, man mag es kaum glauben, perfekt. Naja, jedenfalls fast.


Rainer Könen
Sächsische Zeitung
25.01.2016

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Samstag 10:00–12:30 Uhr

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