0
MENÜ SCHLIESSEN
  • Rezensionen<

KONZERT: »Turangalîla« — Karsten Blüthgen — Sächsische Zeitung

Körbeweise ekstatische Musik

Die Neue Lausitzer Philharmonie entdeckt für Olivier Messiaens kosmische Musik eine Basketball-Arena als Konzertsaal.


Was für eine berauschende Schlusssteigerung! Ein strahlendes Dur aus allen Registern, ein Vielfach-Forte, dessen Beben körperlich zu spüren war. Das Verklingen des letzten Akkords und entfesselter Jubel fielen am Sonnabend ineinander. Die Neue Lausitzer Philharmonie, ihr Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti und Solisten wurden nach gut 80-minütigem Spiel in der Basketball-Halle von Zgorzelec gefeiert wie eine siegreiche Mannschaft. Es gab keinen Gegner zu bezwingen. Aber es gab ein Monument von Musik zu stemmen. Eine Sinfonie mit dem geheimnisvollen Namen „Turangalîla“. Ihr Schöpfer entlehnte ihn der altindischen Kunstsprache Sanskrit: „turanga“ bedeutet Zeit, Rhythmus und Bewegung, „lîla“ steht für das kosmische Werden und Vergehen, für Liebe, Leben und Tod. Größeres kann Musik nicht umschließen.

Olivier Messiaen (1908-1992), Erfinder dieses Wunderwerks, ist in der Doppelstadt Görlitz-Zgorzelec auf dem Weg, Teil des Kulturerbes zu werden, vor allem dank der Erinnerungsarbeit des Vereins Meetingpoint Music Messiaen. Als Kriegsgefangener im Lager Stalag VIII A schrieb der Franzose 1940 das „Quartett auf das Ende der Zeit“ und hob es am 15. Januar 1941 mit drei Mitgefangenen aus der Taufe. Es gilt als Meilenstein der Musikgeschichte. Seit 2008 erklingt das Quartett jährlich am Tag der Uraufführung, doch bei diesem Ritual sollte es nicht bleiben. 2014 wurde an der Stelle des einstigen Lagers der Neubau des Europäischen Bildungs- und Kulturzentrums fertig. Eine Basis, um Messiaen und seine Zeit zu erforschen und breiter bekannt zu machen.

Meetingpoint, Gerhart-Hauptmann-Theater und Philharmonie kooperieren vielfältig. Den Impuls, Messiaens opulente Sinfonie aufzuführen, lieferte Sanguineti. Für den Chef war „Turangalîla“ ebenso eine Premiere wie für Philharmoniker. Und erstmals gab es ein Konzert in der Turów-Arena. Kein Orchester bevorzugt solche Räume, doch oft geht das eine nicht ohne das andere. Die Theater von Görlitz, Zittau und Bautzen sind zu eng. Deswegen begann an diesen Häusern die neue Konzertsaison vor einigen Tagen mit einem normal besetzten Auftaktkonzert. Unter den regulär bespielten Orten eignet sich nur die Hoyerswerdaer Lausitzhalle für „Turangalîla“ (wo die Sinfonie gestern erklang). In der Doppelstadt gibt es derzeit keine Alternative zur Basketballarena beim polnischen Nachbarn. Es ist ja außerdem gut, jenseits der Neiße aufzutreten. Die Einwohner von Zgorzelec sollen die Philharmonie von nebenan auch als ihr Orchester verstehen. Das ging auf. Ein Drittel der über 1200 Konzertbesucher waren Polen.

„Turangalîla“ verlangt einen gigantischen Apparat, darunter 16-fach besetzte erste Geigen. Messiaens Wünschen war nicht restlos zu entsprechen, zumal Aushilfen für solche Werke schwer zu finden sind. Mit 33 Gästen war das Orchester auf immerhin 85 Musiker angewachsen und hatte sich gut vorbereitet. Eine Woche lang probte es in einer Görlitzer Sporthalle. Schüler lauschten gebannt, wollten mehr hören, sangen verzückt nach und bewunderten die überirdisch summenden Ondes Martenot – ein frühes elektronisches Tasteninstrument, wo man fast sehen kann, wie der Klang entsteht.

Messiaen, der die Ondes Martenot gern einsetzte, gehört zu den faszinierendsten und eigenwilligsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. 1946 bekannte er, seine Vorliebe gehöre einer „farblichschillernden, verfeinerten, ja wollüstigen Musik“. Auf die drei Jahre später uraufgeführte „Turangalîla“ trifft dies voll und ganz zu, wie das Konzert in Zgorzelec bestätigte. Die Gelegenheiten kommen nicht gerade oft. Die Sinfonie wurde weltweit zwar über 300 Mal gespielt, doch gemessen an Repertoireklassikern wie Beethoven und Brahms ist das verschwindend wenig. Selbst bei deutlich besser ausgestatteten A-Orchestern liegt „Turangalîla“ selten auf den Pulten. Die Anforderungen des zehnsätzigen Werkes sprengen Grenzen, und auch die Soloparts haben es in sich. Die Klavierstimme ist höchst anspruchsvoll, für die Ondes Martenot gibt es nur wenige Spezialisten. Man hatte sehr gut gewählt. Nicholas Rimmer ließ bei seinem Debüt den Atem stocken. Mit Wonne rauschte er durch schillernde Klavierpassen, ließ sie flink und flüchtig wie Fischschwärme wirken. Einziger Altmeister des Abends war Thomas Bloch. Er rückte seine sphärisch klingenden Ondes Martenot nicht nach vorn, sondern verzauberte den Gesamtklang.

Bleibt zu fragen: Wie wirkt ein Orchester in einer Sportarena? Antworten finden sich rundum den Globus, und so stand sie auch für Zgorzelec schon vorher fest: Es funktioniert, auch wenn die Bedingungen für Ohr und Auge nicht ideal sind. Naturgemäß hüllt ein akustisch optimierter Konzertsaal Musiker und Hörer intensiver in Klang ein. Doch hilft es weder den Interpreten noch den Werken selbst, ganz zu verzichten. „Diese Aufführung bringt uns in der Recherche des Orchesterklangs ein großes Stück weiter“, sagte Sanguineti. Der Generalmusikdirektor leistete mit seinem Orchester Großes, selbst wenn es der Sinfonie bisweilen noch an Tempo und Konturenschärfe fehlte. Von „frischem Blut“ sprach Messiaen, von „deutlichen Gesten“ und einem „zuvor nie gekannten Duft“. Seine Musik so erfahrbar gemacht zu haben und auch noch für ein ungewöhnlich großes, länderübergreifendes Publikum – dies kann die Neue Lausitzer Philharmonie nun für sich verbuchen.

Karsten Blüthgen
Sächsische Zeitung
28.09.2015

Downloads

Das neue Spielzeitheft, unsere aktuellen Spielpläne und die Theaterzeitung GerHarT finden Sie hier
Downloads

Kartenkauf auf Rechnung

Für den Kartenkauf auf Rechnung nutzen Sie bitte im Spielplan den Button »RESERVIERUNG«.

Kassenöffnungszeiten in Görlitz & Zittau

Dienstag bis Freitag 10:00-18:00 Uhr
Samstag 10:00-12:30 Uhr