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Foto: Marlies Kross

MUSIKTHEATER: »Die tote Stadt« — Jens Daniel Schubert — Sächsische Zeitung

Des Todes Tod

Görlitz zeigt mit der Inszenierung einer Korngold-Oper, dass es Hoffnung gibt, Trauer über Verlorenes zu überwinden.


Der Komponist Erich Wolfgang Korngold ist im Vergessen versunken. Als junges Kompositionstalent Anfang der Goldenen Zwanziger brach seine Opernkarriere durch die Herrschaft der Nazis abrupt ab. Er emigrierte nach Amerika, schuf in Hollywood große, mehrfach Oscar-prämierte Filmmusiken. Inzwischen beginnen die Theater auch in Sachsen, ihn wiederzuentdecken. In Chemnitz inszenierte man vorigen Oktober seine Oper „Die tote Stadt“, im Neujahrskonzert der Staatsoperette war Filmmusik von ihm zuhören.

„Die tote Stadt“ ist ein packendes Theater voll mitreißender Emotionen, ein Seelendrama großer Bilder, eine befremdliche Geschichte aus den Untiefen des Unterbewussten. Korngold hat sie in ausdrucksstarke Musik gegossen. Die Görlitzer Premiere am Wochenende war eine beeindruckende Interpretation. Leider waren deutlich weniger Zuschauer als zu anderen Premieren im Saal. Korngoldist heute (noch) kein Zuschauermagnet.

„Die tote Stadt“, das ist Brügge, die einstige belgische Hafenstadt, deren Seeverbindung versandet ist und die nur noch von der Erinnerung an bessere Zeiten lebt. Brügge ist ein Synonym. „Die tote Stadt“ kann überall spielen. Und sie ist im Herzen von jedem Menschen, der sich in die Erinnerung verstrickt.
Paul ist gefangen von seiner geliebten und schönen Frau Marie, die vor Jahren gestorben ist. Seine Trauer macht ihn zum lebensfremden, beängstigenden Sonderling. Er lebt in einer kultisch-zwanghaften Abhängigkeit von seiner Vergangenheit. Als er merkt, dass eine andere, Marietta, ihn zu fesseln vermag, kämpfen Erinnerung und Lebenswille, Marie und Marietta, einen existenziellen Kampf. Korngolds Oper verwischt die Grenzen von Realem, Fiktivem, Eingebildetem und den Träumendes Unterbewussten. Die Görlitzer Inszenierung von Jan-Richard Kehl in der Ausstattung von ÄNN zieht diese Linie konsequent nach und weiter.

Schon das Kabinett, in dem sich Paul seine „Kirche des Vergangenen“ errichtet hat, ist merkwürdig und höchst skurril. Die Erinnerungen werden lebendig und ziehen die Lebendigen in ihr Spiel. Der Wahn wird real und die Auseinandersetzung physisch. Paul ist zerrissen zwischen den Frauen. Marie engelsgleich, Marietta sinnlich. Die Schönheit der Erinnerung wird herausgefordert von Lebenslust und Begehren. Nora Hageneiers Marie, oft in unzähligen Kopien unterstützt durch ihre Kolleginnen der Tanzcompany, ist eine zerbrechliche Schönheit, die Paul anzieht, zurückhält, bewahrt. Marietta ist aufreizend, wild, unbezähmbar und maßlos in ihrem Anspruch. Sie führt Paul an seine Grenzen, reizt seine Wut und seine Verzweiflung, stillt Begierden, die immer neue wecken. Patricia Bänsch spielt diese Frau beeindruckend, singt die schwere Partie mit großer Emphase, ausdrucksstark und authentisch.

Albträume auf der Bühne
Jan Novotny ist der Paul zwischen den Frauen, die seine Bilder sind. Er ist hinundhergerissen vom Kampf der beiden, der ein Kampf in seinem Inneren ist. Sein Unbewusstes, Unterbewusstes steht plötzlich im Rampenlicht. Der Sänger lebt das ausdrucksstark und rückhaltlos aus. Abgründe und Sehnsüchte, Hass und Liebe, Beständigkeit und Veränderung kämpfen in ihm.

Kehls Inszenierung hat ihre stärksten Momente, wenn die Personen um Entscheidungen ringen. Wenn etwa Paul eine Prozession beschreibt. Der Zuschauer sieht ihre Wirkung auf Paul und Marietta, die Paul beobachtet und versucht, ihn aus seiner Wahnwelt in ihre Realität zurück zu zwingen. Das Bühnenbild von ÄNN, eine große, schräg liegende Plattform vor dem auf der Hinterbühne platzierten Orchester, kann mit wenigen Requisiten und Möbeln das Kabinett von Paul bilden. Von allen realen Utensilien befreit, ist es der Blick in den Seelenspiegel. Der zeigt Pauls Albträume, seine Wut, seinen Jähzorn, seine Lust, die er sich seit Maries Tod verboten hat. Er zeigt Mariettas Welt als Spielwiese und Abgrund seiner Eifersucht. Das ist oft einprägsam, nicht immer erklärlich, manchmal inkonsequent und gerade in den Videosequenzen unnötig. Dennoch bleibt die Inszenierung, gerade weil die Geschichte folgerichtig erzählt wird und die Figuren überzeugen, auch mit den optischen Angeboten ein Ereignis.

Dieses wird wesentlich mitgetragen durch die sehr gute musikalische Interpretation. Neben den Hauptpartien ist da Ji-Su Park als Frank/Fritz, der gute Freund und Rivale Pauls, hervorzuheben. Mit stimmlicher wie darstellerischer Präsenz überzeugte auch Regine Pätzer als Brigitta, die
Haushälterin von Paul, die ihre eigenen Gefühle bei Maria begraben hat.

Andrea Sanguineti leitet die Aufführung mit Genauigkeit, dramatischer Verve und einem guten Gespür, die maximale Leistung des gesamten Ensembles herauszufordern. Wenn sich zum Schluss, als grandioser Bildeinfall, die gesamte Bühne Bis einschließlich der hintersten Tür in der Brandmauer öffnet, hebt sich auch der letzte Schleier vor dem Orchester. In diesen Momenten bekommt man einen Eindruck von der Brillanz, mit der die Neue Lausitzer Philharmonie Korngolds farbenreiche Musik tatsächlich spielt. So kann sie glänzen und dem Komponisten helfen, aus dem Vergessen aufzutauchen.

Jens Daniel Schubert
Sächsische Zeitung
13.04.2015

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