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Foto: Pawel Sosnowski

MUSIKALISCHES SCHAUSPIEL: »Der Tod und das Mädchen« — Sandro Zimmermann — Kultura-Extra das online-magazin

Du sollst nicht foltern

Ein bisschen klingt die Musik am Anfang nach Tatort, das passt ja auch. Der erste Monolog von Paulina wird über Lautsprecher eingespielt, dann eine Vorblende zum gefesselten Arzt, schnelle Szenenwechsel, die über stumme Kurzauftritte der Sänger kenntlich gemacht werden, der Tod steht sichtbar-unsichtbar in Rufweite. Das würde auch im Fernsehen funktionieren.

Ein Vier-Sparten-Ereignis ist angekündigt worden, das düstere Schauspiel angereichert um Musik, Tanz und Oper. Klingt ambitioniert, man durfte gespannt sein, wie das dem GHT gelingt. Vorweg: Auch wenn nicht alles glückte, sehenswert und dramatisch war das allemal! Ein schöner Beweis der Sinnhaftigkeit eines Vollspartentheaters.

Der Dialog zwischen Paulina und Gerardo zu Aufarbeitung und Vergessen klingt ein wenig bemüht, die pathetische Sprache der Vorlage verführt die Schauspieler dann später noch oft zur Übersteuerung, ein bisschen Bremsen durch die Regie hätte hier gutgetan.

Das Stück ist polnisch übertitelt, bei den Gesangseinlagen werden die Texte dann noch auf Deutsch übermittelt, man traut den Sängern Yvonne Reich und Stefan Bley wohl hinsichtlich der Artikulation nicht ganz. Die beiden fremdeln auch hörbar in ihren Rollen, besonders die Zoten kommen ihnen schwer über die Lippen.

Dennoch ist diese szenische Verstärkung der Folterszenen eine ausgezeichnete, wenn auch schmerzhafte Idee der Regie. Noch besser jedoch die tänzerische Begleitung durch Fernando Balsera Pita als Tod, choreographiert von Marko E. Weigert und Dan Pelleg. Das funktioniert schon in der ersten Tanzszene, einem Pas de deux von Mädchen und Tod. Die Schauspielerin Julia Vogl macht auch dabei Bella Figura (falls der Begriff bei diesem Sujet angemessen ist), sie ist ohnehin die stärkste an diesem Abend, was natürlich auch an der Rolle liegt.

Paulina ist die Einzige, die wirklich agiert, das aber radikal. Im Zufallsbekannten ihres Mannes glaubt sie ihren Folterer aus den Zeiten der Diktatur vor fünfzehn Jahren wiederzuerkennen, die Stimme, der Geruch, die Haut sind Indizien, die für sie als Beweise gelten. Kurzerhand setzt sie ihn fest und bestimmt fortan mit dem Revolver in der Hand das Geschehen.

Jener Roberto beteuert seine Unschuld (Tilo Werner meist glaubhaft in seinem Gewinsel, am besten gelingen ihm die Ausbrüche), ihr Gatte Gerardo (Marc Schützenhofer durchweg sehr pathetisch und damit leider fast ohne Nuancen) hat Mühe, eine Position zu finden und versucht schließlich mit einem kleinen Betrug zu retten, was noch zu retten ist.

Das ist nicht wirklich viel, mit der Gefangennahme des Arztes wurde die Situation unumkehrbar - nichts mehr wird so sein, wie es mal war, auch nicht zwischen Paulina und Gerardo. Die Debatte zwischen ihnen läuft auf die kleine private und konkrete Genugtuung gegen die große gesellschaftliche Bewältigung hinaus und ob die eine die andere verhindert. Rache gegen Gerechtigkeit, Schuld und/oder Sühne; macht man sich gemein mit den anderen, wenn man ihre Methoden übernimmt? Ich glaubʻ schon, auch wenn in dieser Inszenierung die Sympathien eindeutig verteilt sind, dank Julia Vogl, die auch in den großen Schuhen von Sigourney Weaver gut steht.

Paulina verspricht nach einem Geständnis des Doktors, jenen laufenzulassen, und Gerardo integriert jenes herbei, indem er unter peinvoller Preisgabe seiner alten Fehltritte ihre Leidensgeschichte im Detail erfährt. Dem nur anfangs widerstrebenden Doktor wird diese als Geständnis diktiert, das ihm die Freiheit bringen soll.

Ende wenigstens halbwegs gut, zumindest ohne Toten?

Nein, Roberto ist mittenrein in Paulinas brillante Falle getappt, die – den Verrat ihres Mannes ahnend – ihrer Geschichte kleine Fehler beimischte. Der Doktor korrigierte dank seines Täterwissens und schrieb damit sein Todesurteil, trotz des Versprechens auf freies Geleit. Wer die Macht hat, bestimmt die Regeln, damals wie heute.

Ob dieses Urteil tatsächlich vollstreckt wird, bleibt offen. Der Tod tanzt einsam vor dem sinkenden Vorhang, davor gibt es Schuberts Der Tod und das Mädchen zu hören, wobei Sängerin und Sänger auf vertrautem Terrain deutlich kraftvoller wirken. Doch dann hebt sich der Vorhang wieder und gibt den Blick auf ein applaudierendes Publikum frei, Paulina und Girardo im edlen Gewand, auch der Doktor ist nebst Gattin zugegen, vom dem Paar nur durch den Tod getrennt. Ein starker Schluss, der Hausaufgaben auf den Heimweg mitgibt.

Die Görlitzer Bühne reicht dann kaum aus für das Inszenierungsteam, von dem noch Levente Gulyás für die musikalische Bearbeitung und Ulrich Kern für die nämliche Leitung zu erwähnen sind. Dass der lang andauernde Applaus des leider nur dreiviertelvollen Saals dann abrupt mit einem sich schließenden Vorhang beendet wird, erlebt man auch nicht alle Tage; dass es keine Premierenfeier für die Gäste gibt, erst recht nicht. Das Leben ist hart in der Provinz.

Es war ein Wagnis mit dem Vier-Sparten-Werk, zweifellos, aber Dorotty Szalma hat die Aufgabe insgesamt gut gemeistert. Einige Einfälle wie die Masken der Sänger waren – obwohl an sich ein plausibles Bild – etwas „too much“, zumal die Gesichter darauf (von Regierenden) kaum zu erkennen waren im Publikum, aber vor allem die Verbindung mit dem Tanz wertete die Inszenierung ungemein auf und ließ die kleinen Schwächen vergessen.


Sandro Zimmermann
Kultura-Extra Online
14.03.2015

Kassenöffnungszeiten in Görlitz & Zittau

Dienstag bis Freitag 10:00–18:00 Uhr
Samstag 10:00–12:30 Uhr

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