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MUSIKTHEATER »Die tote Stadt« — Radiokritik mdr Figaro — Uwe Friedrich

Radiokritik / -interview von und mit Uwe Friedrich auf MDR Figaro vom 13.4.2015 über Die Tote Stadt am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz

Moderator (M): Die Tote Stadt hat ja gerade Konjunktur, kam gerade in Hamburg raus, wo sie 1920 zusammen mit Köln uraufgeführt wurde. Die musikalischen Ansprüche dieser Oper sind groß, sie erfordert ein riesiges Orchester, sie hat beinahe unsingbare Hauptpartien. Nun hat sich ausgerechnet Görlitz, ein kleines Theater, an dieses Riesenwerk gewagt. Können die das in musikalischer Hinsicht überhaupt bewältigen? Herr Friedrich, wie war´s denn?

Friedrich (F): Die Tote Stadt ist eine meiner erklärten Lieblingsopern, die mich entweder sehr stark anfasst oder wo ich mich sehr ärgere, wenn es denn nicht gut ist. Deswegen bin ich auch etwas ängstlich nach Görlitz gefahren. Und die kurze Antwort ist: Ja, die können das. Auch wenn ich noch ein paar Einschränkungen machen werde.
Diese Geschichte des Witwers Paul, der seiner geliebten Frau nachtrauert, hat mich wieder einmal sehr berührt. Er verstrickt sich da in Tagträumereien, ist so ein etwas psychopathologischer Fall.
Das alles steht und fällt mit dem Orchester. Der junge Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti hat mit seinen Musikern ganz, ganz stark gearbeitet und die Neue Lausitzer Philharmonie spielt offenbar auch richtig gerne für ihn, bis zum Schluss hochkonzentriert und ungeheuer farbenreich. Sanguineti ist ein Mann der rhythmischen Kontur und klangfarblichen Sinnlichkeit, großartig! Das Orchester ist auf der Hinterbühne, durch einen Gazevorhang abgeteilt, auf der Hauptbühne ist das relativ spartanische Bühnenbild aufgebaut. Das hat einerseits den Vorteil, dass das Orchester schon etwas abgedämpft ist, andererseits den Nachteil, dass die Obertöne etwas abgeschnitten sind und das Orchester erst am ganz zum Finale, wenn dann der Vorhang hochgeht, im Hintergrund verführerisch glitzert und dann so schön und brilliant klingt, dass dieses Finale einem wirklich die Tränen in die Augen treiben kann.

M: Nun die Frage nach den Sängern. Vor allem die Tenorpartie des Paul ist mörderisch, die weibliche Hauptpartie ist auch nicht viel leichter zu singen. Wie haben die sich geschlagen?

F: Großartig! Jan Novotny ist der Paul, eine wirklich schöne Stimme, sehr markant, sehr männliche Tongebung. Ihm wird sehr geschickterweise von der Regie die 2. Strophe des großen Knallers „Glück, das mir verblieb“ im ersten Akt erspart. Paul und Marietta hören gemeinsam eine Platte, hören aus dem Off die Aufnahme, ein bisschen knisternd, wie von einer Schellackplatte. Paul wird von Weinkrämpfen geschüttelt, was von Jan Novotny auch sehr schön gespielt wird. Ähnlich geschieht das auch am Ende der Oper, da gibt es eine Reprise dieses Liedes, wieder quasi von der Schellackplatte. Wir hören schon Jan Novotny, aber eben nicht live. Da ist er sicherlich dankbar, dass er das am Ende der Oper nicht noch mal singen muss; aber die großen ariosen Stellen - es gibt auch eine richtige Arie - singt er hinreißend, wirklich sehr, sehr schön.
Patricia Bänsch, die Marie/Marietta, fällt einen Tick dagegen ab. Sie hat mich nicht immer so überzeugt, aber an den wichtigen Stellen, wie im Finale des zweiten Aktes, ist auch sie ganz großartig!
Regina Pätzer, die Brigitta und der einzige Gast an diesem Abend, hat diese sehr schön aufblühenden Linien wunderbar gesungen.
Die ganzen anderen, kleineren Partien nenne ich jetzt nicht, aber es war auch alles sehr gut, also wirklich schön gesungen!

M: Eigentlich sollte ja Klaus Arauner inszenieren, er hat dann die Regie aber kurzfristig abgegeben. Jan-Richard Kehl hat die Ausstattung und das Konzept übernommen. Hat das funktioniert?

F: Im Prinzip ja! Der erste Akt ist wirklich großartig gestaltet. Paul wird von der Trauer um seine Frau überwältigt und steigert sich in Wahnwelten hinein. Diese verstorbene Frau ist in Person einer Tänzerin wirklich anwesend. Das hat etwas Nekrophiles, etwas Ekliges, was dem Stück auch sehr entspricht. Das ist auch in der Personenführung sehr gut gearbeitet.
Der zweite Akt mit den großen Tanzeinlagen, der großen Freilichtszene mit dem Zitat aus Robert Le Diable, ist mir etwas zu „verhampelt“, zu regietheatermäßig. Zu oft geht da das Saallicht an, das hätte man auch gerne auslassen können. Es gibt Videoprojektionen, die jedoch nichts erhellen, und nach der großen Romanze des Pierrot (das ist Ji-Su Park, der auch sehr schön gesungen hat) wird dann projiziert: Glotzt nicht so romantisch! Das halte ich für ziemlich thöricht, denn bei dieser Musik muss man sich auch dem Sentimentalen mal richtig ergeben können, ohne dass das gleich wieder reflexhaft gebrochen werden muss.
Das Ende ist dann wieder sehr schön gemacht: Marietta zieht da der körperlich anwesenden Marie ihre Perücke ab. Marie wird dann vielleicht zur Krebspatientin, es war also kein „schöner Tod“. Man weiß, dass Paul wohl auch deshalb traumatisiert ist, was wieder sehr schön gearbeitet ist und psychologisch auf die Bühne gebracht. Also Licht und Schatten, einiges gefällt mir wirklich nicht und wäre aber relativ leicht zu beheben. Mich wundert deshalb immer, dass solche großen Schnitzer passieren - aber vieles ist auch richtig gut!

M: Also eine eher ambivalente Inszenierung. Trotzdem eine Empfehlung von Ihnen?

F: Unbedingt! Schon allein, um Andrea Sanguineti und das Orchester zu erleben! Auch Jan Novotny ist auf jeden Fall ein Tipp, ein Tenor, den ich sehr gern gehört habe! Eine großartige Oper, die ich jedem nur empfehlen kann!

M: Das sagt Uwe Friedrich, unser Opernkritiker, über die Tote Stadt in Görlitz. Wie gesagt, eine Empfehlung von ihm und wenn Sie sich das das ansehen wollen: die nächste Gelegenheit ist am 18.4. um 19:30 Uhr, dann am 24.4., ebenfalls um 19:30 Uhr. Dann gibt es noch 2 weitere Aufführungen am 3. und am 29. Mai.


Herzlichen Dank, Uwe Friedrich!

F: Gerne!

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