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Foto: Theater/Philipp Haufe

SCHAUSPIEL: »Geheime Freunde« — Marcel Pochanke — Sächsiche Zeitung

Der Krieg frisst das Licht

Am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau knüpfen „Geheime Freunde“ einen Bund gegen Hass und Angst



Man sollte das öfter ausprobieren. Wenn man nicht mehr weiter weiß miteinander, keine Worte findet, nimmt jeder eine Puppe auf die Hand und spricht durch diese. Es soll eine erstaunliche Wirkung haben. Aber was immer uns heute sprachlos machen kann: Es sind Sorgen in friedlichen Zeiten. Über den Krieg, der in Deutschland 70 Jahre zurückliegt, sagte die große Intellektuelle Marion Dönhoff: „Nie wieder ist bei uns so existenziell gelebt worden wie damals. “ Will sagen: Das Gewissen steht vor ganz anderen, vor wirklichen Entscheidungen. Bei Dönhoff, die zeitlebens für Toleranz und Freiheit kämpfte, waren es die Erfahrungen von Gewalt und Nazismus, das Versagen des Gewissens, die sie zum Sprechen brachten. Andere brachten sie zum Schweigen, unmittelbar oder weil sie, wie Naomi Kirschbaum, zu Schreckliches erlebt haben, um an der Welt noch teilzunehmen. Naomis Vater, französischer Jude im Widerstand, wurde von der nationalsozialistischen Geheimpolizei aufgespürt und vor ihren Augen totgeschlagen. Jetzt, nach der Auswanderung in die USA, zieht sie sich zurück und arbeitet sich stumm an ihrer gefühlten Schuld ab. Das Vernichten der Beweise, bei dem sie helfen sollte, hatte zu lang gedauert. Die Zeit reichte gerade noch, um sich unter dem Bett zu verstecken.

Das schweigsame Mädchen aus dem Jahr 1945 ist eine fiktive Figur, in Zittau gespielt von Paula Schütze. Und mancher Zuschauer, der es nicht wusste, mochte es kaum glauben: Schütze ist Schülerin und Laiendarstellerin des Theater-Jugendclubs. Fürwahr, es gibt Leichteres im Schauspiel-Handwerk, als so überzeugend zu schweigen, dass das gesamte Publikum, unter ihnen Zehnjährige, gebannt dabei zuhört. Um ihr beim Ausstieg aus der wortlosen Welt zu helfen, bedient sich Nachbarjunge Alan des Tricks mit der Puppe. Der Junge erfindet den galanten Charlie und bandelt so mit Yvette an, ebenfalls eine Handpuppe, die auf Naomi hört. Alan wird von Alexander Ganz, der auch dem Jugendclub angehört, mit enormer Präsenz und Vielschichtigkeit versehen. Für Naomi denkt er sich eine spaßige Performance aus: „Das Lampenmonster kommt, wenn Krieg ist, und frisst das ganze Licht auf. “Viele Versuche später sitzen die beiden zutraulich in der Wohnung und bereden Schulzeug.

Aber der Weg aus dem Abgrund der Angst ist steinig, auch im New Yorker Exil gibt es Menschen, die Juden, die sie sind, für Abschaum halten. „Sie bekommen die beste Arbeit und die schönsten Wohnungen“, kleidet Joe Condello seinen Hass in Argumente. Letztlich braucht er die aber nicht, hat er doch seinen „Schlagball“-Schläger. Für den Condello schlüpft Lena Schubert in eine Männerrolle. Das aber ist nicht die Hauptschwierigkeit, ge-
stand die 16-Jährige vor der Premiere. Schlimmer sei, dass sie den Judenhasser, der beruflich Fußböden wischt, spielen muss, „weil ich die Ansichten überhaupt nicht unterstütze“. Es spricht für ihre Verstellungskunst, dass man ihren Ghetto-Nazi wirklich fürchtet. Zu recht.

Hannah Arendt hat in ihren Werken den Begriff von der Banalität des Bösen geprägt. Jeder, so die Kernaussage, kann sich an Verbrechen wie denen der Nazi-Zeit mitschuldig machen, es braucht dafür keinen besonders fiesen Charakter. Besser braucht es dafür besser gar keinen. Wie das Theater auf den Charakter junger Menschen wirken kann, haben die Zittauer am Sonnabend auf bewegende Weise unter Beweis gestellt. Im Publikum saß auch die Klasse 5/1 des Nieskyer Schleiermacher-Gymnasiums. „Eswar toll“, „Ein super Stück“, sprudeltes aus den Kindern. Andere sitzen gerührt in der Garderobe. So reagieren Elfjährige auf ein Schauspiel, das ohne Videos, ohne Musik vom Band, ohne Effekte außer meist ernsten Menschen, Sprache und Handpuppen fast eineinhalb Stunden dauerte. „Die Aufarbeitung wird einen guten Teil der nächsten Woche einnehmen“, ist sich die Klassenlehrerin Ivonne Hübner sicher. Noch könnte sie das Theater um professionelle Unterstützung bitten. „Es gibt Vor- und Nachgespräche, wir kommen auch in die Schulensagt Regisseur Stephan Bestier. Noch. Aus finanziellen Gründen wird es ab kommender Spielzeit weder in Zittau noch in Görlitz einen Theaterpädagogen geben. Wer mag, kann da aus dem
künstlerisch überragenden Jugendstück einen Skandal herauslesen.

Freizeit-Mimen tragen den Abend
Es ist die Jugendarbeit, die dem Theater die größte Relevanz und Wirkung verschaffen kann, wenn sie mit Leidenschaft und dem Glauben an die Ernsthaftigkeit der Wünsche junger Menschen versehen wird. Diese Wünsche und Leidenschaften gipfelten vor einem Jahr in Frühlingserwachen. Die Kindertragödie wurde zur beliebtesten Inszenierung der vergangenen Spielzeit gewählt. Schon damals bestand die Besetzung aus zwei Profi-Schauspielern des Zittauer Ensembles und fünf Mitgliedern des Theater-Jugendclubs. Vom Gelingen beflügelt, setzte Regisseur Stephan Bestier bei „Geheime Freunde“ noch einen drauf. Er schenkt seinen Freizeit-Mimen das volle Vertrauen, dass sie den Abend (fast) allein tragen können. Die Rollen der ausgebildeten Schauspieler sind stark zurückgenommen, Paula Schrötter und David Thomas Pawlak schauen als Eltern von Alan hin und wieder aus der Kiste – Eltern, die ganz nebenbei ein Lehrstück liefern: Wie die Großen ihren Kindern in einer schwierigen Lage ein Halt und ein Leitbild sein können, ohne dabei immer perfekt zu sein. Da war es bei Frühlingserwachen noch ganz anders zugegangen, da waren die „Erwachsenen“, die ihren Kindern nicht zuhören mochten, das Feindbild.

In „GeheimeFreunde“ kommt der Konflikt von außen herein. Als Krieg in Europa, als offener Judenhass in den Straßen. Der Kniff, die grausamen Vierzigerjahre aus der Sicht von Teenagern in New York zu zeigen, erlaubt die ganz großen Fragen, ohne dass sie einen erdrücken. Es geht um Verantwortung, Schuld und Freundschaft. Moralisches Handeln muss man im Kopf geübt haben, damit der innere Kompass auch unter Bedrängnis stimmt, erklärt die Philosophin Susan Neiman in ihrem Buch „Moralische Klarheit“. Der Spagat, auf dieser Ebene Kinder wie Erwachsene anzusprechen, gelingt den Zittauern grandios. Dazu trägt auch die Figur des Charlie Chaplin bei, den Pawlak überraschend wie überzeugend auftauchen lässt. In ihm verbinden sich Spaß und Ernst zu Menschlichkeit. Im Ernsten vermeidet die Regie alles schablonenhaft Tränendrückende, sondern deutet immer auf einen zweiten Boden hin. Im New Yorker Herumtreiber Shaun Kelly, unbefangen gespielt vom 16-jährigen Julius Mattusch, wird diese menschliche Doppelnatur besonders deutlich.

„Ich wäre auch geflohen“, sagt ein Kind nach der Premiere. Dieses Jahr ist voller Jubiläen, etwa jene 70 Jahre seit Kriegsende.
Das war ein Grund für das Gerhart-Hauptmann-Theater, „Geheime Freunde“ auf den Spielplan zu heben. „Da war die aktuelle Weltlage noch nicht absehbar, sagt Dramaturgin Kerstin Slawek, die sich für das Stück stark gemacht hatte. Was traumatische Erfahrungen mit der Psyche anrichten können, ist für Außenstehende oft schwer zu fassen. Im Zweifel sind die über das Meer geflohenen Fremden „Irre“, wie Naomi Kirschbaum, deren Geschichte sie keinem erzählt, stattdessen Papier zerreißt gegen den Schmerz. Am Ende geht eine Konstellation, wie sie „Geheime Freunde“ bietet, selten gut aus. Angst ist ein mächtiger Gegner. „Die Kinder dachten schon, dass Alan und Naomi heiraten“, berichtete die Lehrerin Ivonne Hübner. Aber ein echtes Happy End gibt es in keinem Krieg der Welt.

Marcel Pochanke
Sächsische Zeitung
9. März 2015

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