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"Mein kleiner grüner Kaktus" - mit solchen Songs sind die "Comedian Harmonists" (Szene mit Benjamin von Reiche, Stefan Sieh, Stephan Bestier und Carsten Arbel, v. li.) berühmt geworden.
Das Hauptmann-Theater zeigt ihre Geschichte.

Foto: Pawel Sosnowski

SCHAUSPIEL: »Comedian Harmonists« — Andreas Herrmann — Sächsische Zeitung

Harmonisches Gesangsgedenken an finstere Zeiten

Bogdan Koca inszeniert in Zittau die "Comedian Harmonists" als musikalisches Schauspiel. Fünf Zugaben wollte das Publikum bei der Premiere - eher ging es nicht.

Berlin. Ende der wilden Zwanziger: hohe Arbeitslosigkeit, viel Armut, aber auch viel Feierlust und seltener Goldrausch für Bühnenstars. Harry Frommermann, just volljährig, hat einen Plan: Ein Gesangssextett wie die bekannten „Revelers“ gründen, hart proben, um gut und berühmt zu werden. Das gelang so den „Comedian Harmonists“ wirklich, die Geschichte ist bekannt, Dutzende Hits, der A-cappella-singenden Komödianten sind aus der Zeit von 1927 bis 1935 überliefert und gern gespielt.

Der Pole Bogdan Koca beweist in seiner achten Arbeit in Sachsen, davon die Hälfte am Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theater (die andere in Chemnitz), dass er auch mit der großen Zittauer Bühne gut umzugehen weiß. Seit seiner legendären Uraufführung der „Zimtläden“ nach Bruno Schulz, genau hier vor drei Jahren, gilt er als der Mann für anspruchsvolle Stoffe mit intelligenten Pointen und knisternden Stimmungen.
Nun hätte man leicht besorgt sein können, dass er mit der vermeintlichen Schmonzette im urdeutschen Kontext unterfordert wäre, wenn er sich bei dem musikalischen Schauspiel von Gottfried Greiffenhagen und Franz Wittenbrink zu sehr am Vilsmaier-Kinohit von 1997 orientiert. Tat er aber nicht. Er hatte mit Stefan Sieh, Stephan Bestier und David Thomas Pawlak drei Zittauer Schauspieler, die er gut kennt. Und bekam aus Görlitz Tenor, Bariton und Bass dazu. Benjamin von Reiche, in Görlitz als Tenor Solist, spielt den Bulgaren Ari Leschnikoff lässig lustig. Ebenso stark agieren die beiden Chorherren Carsten Arbel und Robert Rosenkranz, beide seit 2008 am Haus und jüngst in kleineren Rollen in „My Fair Lady“ und „Anatevka“ auffällig. Hier spielen sie den sensibel zweifelnden Bariton Roman Cycowski und den urberlinerisch treibenden Bass Robert Biberti.

Witziger Satzgesang, langes Toben
Das Sextett ergänzt Holger Miersch, als Pianist steter Begleiter von Kathy Leen, der am deckellosen Flügel souverän die musikalische Leitung übernimmt und alle Titel mit erstaunlicher Präzision einstudierte und zudem in der Rolle als Erwin Bootz leicht sächselnd, aber burschikos-authentisch mitspielt. Dass Stefan Sieh (als Erich A. Collin eigentlich erst ab 1929 dabei) ein seltenes Musiktalent besitzt, weiß man. Stephan Bestier, der den unbedarften Gründer Harry Frommermann beweglich und mit Chuzpe spielt, schlägt sich gesanglicher erstaunlich. Beide sind zweiter und dritter Tenor - und ebenso wie Roman aufgrund ihrer jüdischer Herkunft alsbald arg bedroht. Während andere behaupten, man dürfe am 30. Januar wegen jenem anno 1933 nicht demonstrieren oder kundgeben, spielt man in Zittau geschickt mit dem Premierendatum und flicht es genau in den richtigen Kontext ein: Ein fiktives Abschiedskonzert in München wird auf diesen Tag gelegt, während das Auftrittsverbot für Nichtarier erst am 1. Mai 1934 begann. David Thomas Pawlak, in mehreren Rollen als Varieté-Besitzer, als Conferencier und Nazis für den Fortgang der Story zuständig, legt als Hans dem Publikum zu gehen nahe, es gäbe den Preis zurück. Alle bleiben.

Es wird einiges an Arbeit kosten, diese Präzision über die Zeit zu halten. Aber es wird sich lohnen: Sagenhafte 30 Minuten Beifallstoben, meist im Stehen, unterbrochen von fünf Zugaben, dehnten den Zittauer Premierenabend am Freitag vor vollem Haus auf genau drei Stunden und sieben Minuten, der zweite Auftritt am Sonnabend war schon weit vorab ausverkauft.

Und für Görlitzer, die es nicht bis zu ihrer Premiere Anfang Juni aushalten, böte sich der Internationale Frauentag als Empfehlung für einen kulturvollen Südtrip mit vielen Pluspunkten im weiteren Beziehungsleben. Man wird aber rasch buchen müssen – der Abend hat Kultpotenzial.


Andreas Herrmann
Sächsische Zeitung
02. Februar 2015

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