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Foto: Pawel Sosnowski

SCHAUSPIEL: »Yvonne, Prinzessin von Burgund« - Rainer Kasselt - Sächsische Zeitung

Ein König in Unterhosen
Die Zittauer Schauspielchefin Dorotty Szalma gab mit einer grotesken Gesellschaftssatire ihren gelungenen Einstand.


Prinz Philipp langweilt sich zu Tode, er hasst die starren Rituale des Hofes. Da kommt ihm das hässliche Bürgermädchen Yvonne gerade recht. Man kann mit ihr machen, was man will. Sie berühren, beleidigen, beschimpfen. Sie schweigt, protestiert nicht und sagt kein einziges Wort, wenn sie als Vogelscheue oder Heulsuse, Trauerkloß oder Zimtzicke verspottet wird. Dieses Aschenputtel im grauen, ärmlichen Kleid ohne jede erotische Ausstrahlung ist für den Prinzen das geborene Opfer.
Aus einer Laune heraus beginnt er ein zynisches Spiel mit ihr. „Mein Fräulein, erklären sie uns gnädigerweise ihren Mechanismus.“ Philip will hinter das Geheimnis des weltentrückten, apathischen Mädchens kommen und gleichzeitig seinem Vater einen Streich spielen, sich den Konventionen widersetzen. Der Prinz verlobt sich mit der schweigenden Yvonne. König und Königin sind entsetzt. Sie versuchen den Thronfolger umzustimmen, geben schließlich nach, um einen Skandal zu vermeiden. Die Laune des Prinzen wird als „edelmütige Tat“ des Jünglings verkauft. „Mein Gott, ist die hässlich“, ruft der König beim Anblick Yvonnes. „Hässlich schon, doch die Tat ist schön“, meint die Königin.
Am Sonnabend erlebte im Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theater die Groteske „Yvonne, Prinzessin von Burgund“ ihre begeistert aufgenommene Premiere. Mit der Inszenierung stellte sich die neue Schauspielintendantin Dorotty Szalma dem Publikum vor und gab einen gelungenen Einstand. Die ungarische Regisseurin arbeitete bisher an mehreren deutschen und ungarischen Bühnen. Das Stück des polnischen Autors Witold Gombrowicz (1904-1969) wurde 1938 in einer Zeitschrift gedruckt, aber erst 1957 in Krakow uraufgeführt. Es ist gepfefferte Gesellschaftssatire und ironisch gebrochenes Königsdrama. Gombrowicz, einer der Verfechter des absurden Theaters, ließ sich von Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ inspirieren. Im Programmheft wird der avantgardistische Autor zitiert: „Ich hatte beschlossen, für das Theater eine Technik zu verwenden, ein abstraktes und manchmal absurdes Thema auszuspinnen. Unter meiner Feder entstand eine giftige Absurdität, die mit den damals geschriebenen Stücken keine Ähnlichkeit aufwies.“

Giftig ist die Zittauer Aufführung nicht, doch es fehlt ihr nicht an satirischer Schärfe, komischen Momenten und grotesken Übersteigerungen. Die Regisseurin legt die Schichten des Stückes frei, zeigt die erstarrten Lebensformen der höfischen Gesellschaft. Dorotty Szalma vertraut der Allgemeingültigkeit der Vorlage, verzichtet auf regionale Bezüge. Sie lässt auf grauer, schräger Bühne in der Ausstattung von Beate Voigt spielen. Ein großes, weißes Tuch wird zum einzigen, vielseitig verwendbaren Requisit. Es ist riesige Schleppe, die den fünfzehnköpfigen Hofstaat zusammenhält. Es ist Liebesnest, in dem sich der Kammerherr mit sieben leicht bekleideten Damen vergnügt. Und es wird am Ende zum Leichentuch, unter dem die Prinzessin von Burgund verröchelt. Denn das Experiment des Prinzen geht schief.
Yvonne, die weiter schweigt, wird zur Provokation des Hofes. Von ihr geht eine diffuse Bedrohung aus, die keiner benennen kann, doch jeder fühlt. Man möchte die Störende beseitigen. Der König will Yvonne erdrosseln, die Königin will sie vergiften, der Prinz erdolchen. Doch der Kammerherr hat einen eleganteren, die Fassade wahrenden Vorschlag. Die feine Gesellschaft wird zum feierlichen Gastmahl gebeten. Serviert wird grätenreicher Fisch, an dem Yvonne erstickt. Und der Prinz kniet in gespielter Reue an Yvonnes Grab nieder und beugt sich den Konventionen. Die alte Ordnung ist wieder hergestellt.

Die Form der Groteske, in ihrem Wechsel von Realität und Überspitzung, ist eine Herausforderung für jedes Theater. Das Zittauer Ensemble besteht sie. Vor der Pause gibt es einige Hänger, da verliert sich die Spannung, doch danach geht es in die Vollen. Der Hofstaat: ein willfähriger Tross von Speichelleckern und Heuchlern, der jeder Laune des Herrscherpaares folgt, immer den eigenen Vorteil im Auge. Herausgeputzt wie ein Karnevalszug bewegen sich die Marionetten des Königs, winken auf Befehl, krümmen sich auf Verlangen, ducken sich bei Gefahr. Eine starke Leistung der Zittauer Truppe, glänzend choreografiert von Dan Pelleg und Marko E. Weigert.

Aus dem Ensemble ragen einige Darsteller heraus. An erster Stelle ist Marc Schützenhofers Kammerherr zu nennen. Er ist diplomatischer Kopf, schleimiger Berater des Königs und intriganter Wendehals. Er macht jede Schweinerei mit und ist es nie gewesen. Die Königin Sabine Krugs ist eine hysterische Hyäne, klüger als ihr Mann, biegsamer und geschmeidiger. In Gedichten lebt sie ihre heimlichen Begierden aus. Prinz Philipp wird von Stefan Sieh als Heißsporn und Trotzkopf verkörpert, ein junger Mann auf der Suche nach dem eigenen Ich. Seinem stürmischen Spiel fehlt noch das rechte Maß für den Wechsel der Gefühle. Als stumme Yvonne steht Paula Schrötter, neu im Ensemble, auf der Bühne. Sie spielt, meist in kerzengerader Haltung, ihr Schweigen als Protest gegen die feindliche Umwelt, lässt sich bei allen Schikanen ihre würde nicht nehmen. Ludwig Hollburg verkörpert den König, spielt ihn mit Krone und in Unterhosen, verrenkt und verdreht die Glieder, zappelt und tänzelt, treibt die Groteske auf die Spitze. Hollburg ist Jammerlappe, Wüterich, Angsthase und Lüstling in einem, eine wahrhaft komische Figur.

Rainer Kasselt
Sächsische Zeitung

14.10.2013

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