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MUSIKTHEATER »Candide« – Heiko Schon – Kultura-Extra, das Online-Magazin

CANDIDE von Leonard Bernstein

Premiere am Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau


Die deutsche Frau isst Wurst

Dunkle Wolken ziehen derzeit übers Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz. Erst kommen sie vom Kulissenlager, wo die Ausstattungen von 17 Produktionen in Rauch und Asche aufgingen, später aus Richtung Rathaus, wo mal wieder die hässlichen F-Worte „Finanzierung“, „Fusion“ und „Fortbestand“ wie Gespenster über die Flure huschen. Wie gut wäre es gerade jetzt, würde das Theater die Fäuste ballen, zum künstlerischen Gegenschlag ausholen und mit einer Arbeit überzeugen, die ihre Existenz klar unter Beweis stellt. Et voilà, da ist sie schon: Lenny Bernsteins Candide.

Voltaire lieferte in seiner Erzählung die Übertreibung ins Groteske gleich mit, Bernstein komponierte daraus ein Zwitterwesen aus Oper und Operette und auch Regisseur Christian von Götz nimmt die Odyssee der Titelfigur keine Sekunde lang ernst. Gut so! Es genügt, die letzten Monate der Weltpolitik karikierend aneinanderzureihen, den Medien und Konsumenten eins auf die Mütze zu geben, den Untergang der abendländischen Kultur zu prophezeien – und schon stellt sich ein Theaterabend ein, der blitzgescheit und höchst kurzweilig daherkommt. Natürlich müssen dafür ein paar Handlungsorte verlegt werden und das Libretto Federn lassen (Textfassung: Christian von Götz und Ronny Scholz), was das Programmheft damit begründet, dass Voltaire auch eine aktuelle Situation in das Stück eingebaut hätte. Okay!

Candide stösst also unter anderem auf Julian Assange, der nach einem Tänzchen auf dem elektrischen Stuhl landet, Silvio Berlusconi, der von seiner Exfrau Veronica Lario den altersgeilen Lümmel abgeschnitten bekommt, und auf Angela Merkel, die im Oslo-Skandal-Fummel aus der Torte springt und ein Paar Würstchen aus dem tiefdekolletierten Ausschnitt hervorzaubert. Mag das auch ein vorhersehbarer Gag sein: Audrey Larose Zicat zieht hier eine Riesennummer ab und serviert ihr Glitter and be gay mit Koloraturen, die wie ein frisch geöffneter Rotkäppchen perlen.

Das große Vorbild von Christian von Götz ist unübersehbar: Die Version des G8-Gipfels gleicht dem aus dem Ruder laufenden Triumphmarsch von Peter Konwitschnys Aida-Inszenierung und der Traum Candides im 2. Akt erinnert doch ein wenig an den Tanz der Diktatoren aus dessen Regie von Das Land des Lächelns. Das totgeglaubte Politische Theater meldet sich also zurück. Doch auch in der Personenführung hat von Götz seine Hausaufgaben gemacht und sich tief in die Musik gegraben, um aus ihr heraus Bewegungen und Konstellationen zu entwickeln. Sogar die oft so dramaturgisch fragwürdigen Balletteinlagen entfalten hier volle Wirkung.

Apropos Musik. GMD Eckehard Stier steht im Graben, schnippst amüsiert die Takte – und die Neue Lausitzer Philharmonie überzeugt mit einem Klang, der Kapriolen schlägt, den Witz Bernsteins mit Schmackes einfängt und das szenische Treiben nach besten Kräften unterstützt. Man hört doch deutlich, wie hart geprobt wurde. Bei den (mit Mikroports verstärkten) Sängern gibt es eine Fehlbesetzung und das ist Yvonne Reich, die stimmlich - und das kann auch als Kompliment gewertet werden – einfach keine Old Lady ist. Tiefe Töne landen da schnell im Sprechgesang, auch vom Timbre her ist das keine Rolle für sie. Dagegen ist Jan Novotny auf den Punkt besetzt. Ihm gelingt ein leidenschaftlich versiertes, lyrisch phrasiertes und tief eindringendes Porträt des Candide. Stefan Bley, der als Voltaire den roten Faden durchs Geschehen zieht, scheint in den Jungbrunnen gefallen zu sein, denn er singt und spielt, spielt und singt, als hätte er die Rampensau in sich entdeckt.

Kommen wir zum Was-der-Bauer-nicht-kennt-Problem: Liebe Görlitzer, beweisen Sie Lust auf Neues und gehen in Ihr Theater! Für alle anderen: Auf in die Lausitz!


Heiko Schon
www.kultura-extra.de
03. April 2011


www.kultura-extra.de/theater/feull/rezension_candide_gerharthauptmanntheatergoerlitzzittau.php

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