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MUSIKTHEATER »Tiefland« – Heiko Schon – Kultura-Extra, das Online-Magazin

Von Wölfen und Lämmern

Zwei Häuser, ein Hausherr: In der deutschen Theaterlandschaft gibt es seit dem Start der aktuellen Spielzeit das Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau mit einem dazugehörigen Generalintendanten. Mit diesem Titel darf sich fortan Klaus Arauner schmücken, der bisher Chef der Görlitzer Spielstätte war. Dort ist seine Rechnung prima aufgegangen: Arauner baute auf typische Renner des Repertoires, aber auch auf seltene Kostbarkeiten (wie etwa Gottfried von Einems Der Besuch der alten Dame). Letzteres bescherte dem Haus überregionale Aufmerksamkeit und einen beträchtlichen Imagegewinn. Arauners Tätigkeit als Regisseur in Görlitz reicht noch weiter zurück. Dass er heute noch immer dort Opern inszeniert, dürfte diverse Gründe haben. Ihm wird das Regie-Führen ein inneres Bedürfnis sein, aber es hat sicher auch mit Pragmatismus und dem lieben Geld zu tun.

Bekanntermaßen hat ein Intendant das letzte Wort, ob eine Neuproduktion so über die Bühne geht – oder eben nicht. Doch wenn der Intendant zugleich der Regisseur ist, herrscht allgemeine Harmonie im Probenprozess. Wer wird es wagen, demjenigen zu widersprechen, der über seine Vertragsverlängerung entscheidet? Das hat schon manch einem Theater geschadet und es in eine Art szenischen Dornröschenschlaf fallen lassen. Arauner liefert mit seiner Version von Eugen dʻAlberts Tiefland, welche jetzt in Görlitz Premiere hatte, einen Beweis dafür, dass die Spezies der inszenierenden Intendanten weiterhin ein Problem darstellen kann.

Wie schön liest sich zunächst das Programmheft. Darin tauchen Headlines wie „Macht und Machenschaft“, „Idylle und Niedertracht“, „Vom Recht des Stärkeren“, aber auch Fotos von Großdemonstrationen und der Duisburger Love Parade-Katastrophe auf. Das schürt die Neugier auf einen Abend, der sich das Inszenieren von Macht oder die Analyse von gruppendynamischen Prozessen zum Thema macht. Wer verführt womit? Wer manipuliert wen? Wer ist Wolf und wer Lamm? Wenn sich dann der Vorhang zum Prolog hebt, sehen wir Pedro, wie er mit einem Fleischerbeil ein geschlachtetes Lamm zerteilt, die Fleischstücken auf den Boden wirft und wieder abgeht. Der Kadaver bleibt liegen und wird irgendwann auf die Seite getragen. Zweites Beispiel ist die Kulisse vom ersten und zweiten Akt: Aus der Mühle ist der Sitz eines Unternehmens (offenbar eines für scheußliche Architektur) geworden, dass sowohl als Schaltzentrale der Macht als auch als Nachtlager für Zwangsvermählte herhalten muss. Da auch dieses Bühnenbild in keinen szenischen Kontext gestellt wird, bleibt das, was Arauner ins Programmbuch drucken ließ, reine Behauptung. Wozu dann die pseudomoderne Ausstattung? Genau so gut hätte es dann auch in einer Mühle spielen können.

Leider versteht es Arauner nicht, diesen Aktionismus mit einer bezwingenden Personenführung auszugleichen. Warum verliebt sich Pedro in eine Marta, die so gar nichts Liebenswürdiges an sich hat? Warum haben Pepa, Antonia und Rosalia nicht mehr zu tun, als arschwackelnd durch die Halle zu schreiten? Warum findet eine Chorregie im Grunde nicht statt (Damen rechts, Herren links)? Vieles bleibt so der Kunstfertigkeit der Sänger überlassen oder aber das Werk muss ganz für sich allein sprechen. Angesichts seiner Regie möchte man Arauner zu mehr szenischem Mut aufrufen.

Dass die Leistungskurve sehr wohl nach oben gehen kann, beweist die Neue Lausitzer Philharmonie unter Eckehard Stier. Dieser GMD hat hier intensive Aufbauarbeit geleistet und kann jetzt die Ernte einfahren: Das Orchester glänzt sowohl als Klangkörper im Ganzen als auch in den Solo-Passagen. Die Tempi sind flüssig, es wird hochkonzentriert musiziert, das Ohr vernimmt nicht einen Patzer. Auch die Besetzung kann sich hören lassen: Da greift Yvonne Reich (Marta) hochdramatisch in die Vollen, bietet Jan Novotny all seine Kräfte auf, um seinen Pedro sicher ins Ziel zu führen, zeigt Roland Hartmann, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Laura Scherwitzl ist eine niedliche Nuri (aber eher Soubrette statt Sopran). Nur Julian Kumpusch spricht den Moruccio mehr als er ihn singt.


Heiko Schon
www.kultura-extra.de
23. November 2010


www.kultura-extra.de/theater/feull/rezension_tiefland_gerhart_hauptmann_theater_goerlitz_zittau.php

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