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Foto: Pawel Sosnowski

Schauspiel: »Die Mitschuldigen« - Rainer Könen - Sächsische Zeitung

Im Zittauer Theater feierte mit "Die Mitschuldigen" ein Stück von Goethe
Premiere, das dieser in jungen Jahren schrieb.

Die Mitschuldigen – ein unterhaltsames Stück von Goethe, das unter Regie von Carla Niewöhner derzeit am Zittauer Theater läuft.

Nach der Uraufführung seines Stückes „Die Mitschuldigen“ war der Autor missgelaunt. Was daran lag, dass Johann Wolfgang von Goethe sich mit diesem Werk nicht nur als Theaterdichter, sondern obendrein noch im darstellenden Fach versuchte. „Die Mitschuldigen, schlecht gespielt“, vertraute er nach der Premiere dem Tagebuch an. In der Rolle des Alcest war er am 9. Januar 1777 im Weimarer Liebhabertheater vors Publikum getreten. Im selben Jahr, im Dezember, wirkte er zufriedener. „Die Mitschuldigen glücklich gespielt“, schrieb er. Regisseurin Carla Niewöhner inszenierte Goethes erstes Theaterstück, eine Komödie, nun für das Zittauer Theater. #

Nun bringt man Goethe nicht sofort mit einer Komödie in Verbindung, bei diesem Fach denkt man eher an die Herren Goldini oder Moliére. Doch seine literarische Karriere startete er in Weimar als Komödiendichter. „Die Mitschuldigen“ ist sicher kein schenkelklopfendes Werk, die humorigen Momente blitzen hier und da auf, der Witz ist von tiefgründiger, subtiler Natur. Der Ort der Geschichte: ein Wirtshaus in der Provinz. Die Geschäfte gehen schlecht, was daran liegt, dass Söller (Klaus Beyer), der Schwiegersohn des Wirts (Tilo Werner), trunk- und spielsüchtig ist. Zum Leidwesen von Wirtstochter Sophie (Martha Pohla), die sich in der Schankstube des Vaters abrackert, ihr bitteres Leben beklagt. Sophies ehemaliger Liebhaber, der reiche Alcest (Florian Graf), zieht in eines der Gästezimmer ein. Die beiden verabreden sich in seinem Zimmer, wo Söller, der mit dem Geld des reichen Gastes seine Spielschulden begleichen will, Zeuge ihrer Liebesbekundungen wird. In dieser Nacht geht es in Alcests Zimmer hoch her. Was auch daran liegt, dass ein an Alcest gerichteter Brief die Neugier des Wirtes weckt.

Mit diesem heute wenig bekannten Stück, welches kaum auf deutschen Bühnen gespielt wird, will Regisseurin Carla Niewöhner das Publikum nicht einfach nur unterhalten, sondern es mit diesem Klassiker der Weltliteratur auch fordern. Einem Klassiker, dem die gebürtige Bremerin die Form weitestgehend lässt, ihn in der Inszenierung mit einigen zeitgenössischen Einsprengseln versieht, textlich wie ausstattungsmäßig. Was auflockert.

Der damals 20-jährige Verfasser schrieb dieses Stück in Alexandrinern, einem Versmaß, das in der deutschen Dichtung im Barockzeitalter üblich war. So ist es vor allem die Sprache, die Carla Niewöhner bei ihrer ersten Regiearbeit am Gerhart-Hauptmann-Theater in den Vordergrund stellt. Da gilt es genau zuzuhören, womit sich am Freitagabend im Zittauer Theater mancher bei dieser nicht ausverkauften Premierenveranstaltung schwer tut. Wer sich jedoch auf dieses Stück einlässt, kann sich an den Reimen regelrecht delektieren. Das Bühnenbild, ein paar Holzquader bilden das Interieur der Szenerie, lenkt da jedenfalls nicht ab. „Die Mitschuldigen“ ist sicher kein Meisterwerk Goethes, der sich zu Beginn seiner Weimarer Zeit als Theaterautor versuchte. Sein als Lustspiel deklariertes Werk ist daher wohl als eine kreative Schreibübung des juvenilen Dichters zu betrachten. Kein Wunder, dass sein Frühwerk an manchen Stellen ein wenig holprig geraten ist. Schrieb er die ursprüngliche Version des Einakters um. Der Grund: Söllers Diebstahl fehlte und damit die weiteren motivischen Auslöser der Handlung. Im heute gängigen Dreiakter beschreibt der künftige deutsche Dichterfürst umfassend menschliche Schwächen und Befindlichkeiten, skizziert er das moralische Wertegefühl der damaligen Zeit.

Das Herausragende an diesem Theaterabend ist nicht so sehr das, was von den Darstellern an Aktion auf der Bühne vorgeführt wird, es sind diese in den Bann ziehenden Versreime. Sehens- und hörenswert: Martha Pohla gibt ihrer Sophie eine beeindruckende sprachliche Nuancierungsfähigkeit. Die Charakterisierung von Florian Grafs dargestellter Figur Alcest wird erst in der zweiten Hälfte deutlicher, da wirkt sie vitaler, verbal temperamentvoller. Was an der Auseinandersetzung mit Söller liegt. Der Kontrast zwischen beiden wird hier zu einer Art Klassenkampf hochstilisiert, reich gegen arm. Und dazwischen hangeln sich die Darsteller von Eifersucht zu Besitzansprüchen bis hin zu Liebesforderungen. Prägend in diesem Geschehen ist auch Klaus Beyers Figur. Sein Söller leidet im Laufe der 90-minütigen Aufführung heftig an Eifersuchtsqualen, etwa als er Sophie in Alcests Zimmer belauscht: „Das Schicksal trennt uns bald und auch für meine Sünden, muss ich mich, welch ein Muß!, mit einem Vieh verbinden“. So gesehen, ist das nicht gerade eine zukunftsträchtige Aussage von Sophie. Ihr Vater, von Tilo Werner souverän gespielt, gerät in dieser Nacht mächtig auf Abwege. Er hofft darauf, politische Neuigkeiten zu erfahren, da er Alcest als Geheimnisträger betrachtet.

Gesellschaftskritisches kommt in diesem Lustspiel ebenfalls zur Sprache: „Allein, ihr großen Herrn, ihr habt wohl immer recht! Ihr wollt mit unserm Gut nur nach Belieben schalten; Ihr haltet kein Gesetz, und andre sollens halten?“ Doch vordergründig geht es in dem Stück des juvenilen Goethe darum, das nächtliche Verwirrspiel, in dem es auch ums kleine Geld geht (Söller bestiehlt Alcest), einigermaßen zu entwirren, doch nicht so, dass alle glücklich von dannen gehen. In dieser Nacht wird die Tugendhaftigkeit von Sophie mächtig auf die Probe gestellt, deutlich gemacht, wie sich Alcest, Söller und der Wirt an der Situation mitschuldig machen. Am Ende dann entlarvt sich jeder selbst.

Fazit: Man muss sich auf dieses Goethesche Frühwerk einlassen können. Dann ist „Die Mitschuldigen“ nicht nur ein anregend-lehrreiches sondern auch ein unterhaltsames Theaterstück. Eines, von dem Goethe im Jahr 1824, 47 Jahre nach der Uraufführung, in einem Brief an den mit ihm befreundeten Musiker und Komponisten Carl Friedrich Zelter schrieb, dass „die Wirkung der Mitschuldigen ganz die rechte ist, denn ein sogenanntes gebildetes Publicum will sich selbst auf dem Theater sehen“.

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