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    Spielzeit 2014/­15

    MUSIKTHEATER

    MUSIKTHEATER »Ein Käfig voller Narren« — Melanie Herrmann — Da Capo

    Zwischen Dublin und Wien!

    Klares Statement gegen Homophobie!

    In Görlitz glänzen Adrian Becker und seine Mitstreiter im „Käfig voller Narren“.


    Mit einer eindrucksvollen Demonstration für Toleranz und gegen Homophobie hat Regisseur Sebastian Ritschel am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz den Musical-Klassiker „Ein Käfig voller Narren“ (La cage aux Folles) inszeniert. Auch wenn die politischen Statements in dieser faszinierenden Show etwas überbetont sind, so erleben die Besucher einen unterhaltsamen Abend, bei dem das Theater nicht nur optisch alle Register gezogen hat, sondern auch darstellerisch überzeugen kann. Trotz aller tagesaktuellen Bezüge gelingt es Ritschel dabei, sowohl den komödiantischen als auch den dramaturgischen Anteil der Show zu betonen. Das Publikum spendete bei der Premiere begeistert und stehende Ovationen.

    Schon beim Bühnenbild merkt man, dass an diesem Abend etwas Besonderes auf die Besucher wartet. Ritschel hat als Grundform eine nach hinten geschlossene, halbrunde Bühnenform gewählt, die scheinbar mit einem großen Wandgemälde abschließt. Diese „Wand“ besteht aus drehbaren Spiegeln, die sich öffnen können und als Spielorte oberhalb der Hauptbühne genutzt werden können, so z. B. als Zaza Garderobe. Auch zur Konfrontation zwischen Befürwortern und Gegnern der Home-Ehe werden diese „Fenster“ genutzt, was die Spannung auf das Finale im ersten Akt erhöht. Ergänzt von einem perfekten Lichtdesign erzeugen diese Spiegel derart viele Stimmungen, dass den Zuschauern im Bereich Optik hier ein absolutes Drei-Sterne Menü serviert wird. Die weitere Ausstattung ist teilweise bewusst überzeichnet, so beispielsweise in Form des riesigen Kreuzes, das im zweiten Akt über der Bühne schwebt.

    Pfiffig auch die kleinen Einfälle bei den Kostümen, die insgesamt nicht zu schrill gehalten sind, aber Glamoureffekt besitzen. Hier sind es die kurzen Momente, die auf sich aufmerksam machen, mit dem Höhepunkt von Albins sekundenschneller Trickverwandlung vom Anzug zum Abendkleid. Aber auch die Ausstattung der Cagelles lässt sich sehen, sehr schön die schwarze Optik mit Zylinder vor der rot beleuchteten Spiegelwand oder die Gauklermontur mit roter Perücke vor einem dunkelblauen Hintergrund. Überhaupt muss man den Choreografien von Dan Pelleg und Marko E. Weigert ein dickes Kompliment machen, denn der tänzerische Wert dieser Show ist hoch.

    Das gilt auch für das Orchester unter der Leitung von Ulrich Kern. Die Vorlagen der Herman-Partitur erfüllen sie mühelos und man merkt den Musikern an, dass ihnen die Umsetzung sicht- und hörbar Spaß macht. Ein ebenso melodiöser wie swingender Abend in einem Musical, das von Ohrwürmern nur so gespickt ist.

    Die Darsteller passen sich den guten Rahmenbedingungen an, allen voran Hauptdarsteller Adrian Becker alias Albin/­Zaza. Becker liefert eine grandiose Leistung mit höchster Bühnenpräsenz. Sein Wandel zwischen dem verletzbaren Albin und der extrovertierten Zaza verläuft nahtlos und ohne gestellte Momente, seine Theatralik als exzessiv-lasziver Bühnenstar ist gewollt überzogen und amüsiert den Saal. Wenn man ein Haar in der Becker´schen Suppe finden wollte, dann vielleicht die Tatsache, dass er, obwohl die Botschaft längst angekommen ist, immer nochmal eine zusätzliche Spitze gegen die moralische Verlogenheit unserer Gesellschaft hinterher schiebt. Doch dafür kann Becker nichts, dies ist dramaturgisch so gewollt, so wie auch der sehr drastische Moment, als sich Zaza am Ende des ersten Akts nach einer gefühlvollen Version von „Ich bin, was ich bin“ die Kleider vom Leib reißt und mit der Oberkörper-Aufschrift „Stop Homophobie“ für Furore sorgt. Musikalisch singt Becker sauber und mit klarer Stimme.

    An seiner Seite hat es Stefan Bley naturgemäß schwer, sich als Georges zu profilieren. Doch Reil gelingt dies dennoch hervorragend, weil er sich besonders auf die Momente konzentriert, wo er gemeinsam mit Albin oder seinem Sohn Jean-Michel auf der Bühne steht. Reil gibt den einfühlsamen Übervater, der für Ausgleich und Verständnis innerhalb des „Narrenkäfigs“ sorgt. Sein „Lied am Strand“ ist ein absoluter Hörgenuss.

    Ein besonderer Leckerbissen ist die Rolle des Dieners Jacob. In Görlitz verzaubert Michael Starkl mit seiner abgedrehten und durch geknallten Spielweise und erobert die Herzen der Görlitzer im Sturm. Herrlich sein finaler Auftritt in einem Hauch von silbernem „Nichts“.

    Buchbedingt etwas weniger im Vordergrund steht das junge Paar Jean-Michel und Anne. Stefan Reil und Laura Scherwitzl können das frisch verliebte Duo authentisch und ohne großes Pathos darstellen, stehen eher für eine moderne und tolerantere Gesellschaft, die auch Anne ihren Eltern letztlich näherzubringen versucht. Im Gegensatz zu seiner Verlobten hat Jean-Michel mit „Anne im Arm“ ein bewegendes Solo, das Reil sehr emotional interpretiert.

    Annes Eltern (Yvonne Reich und Hans-Peter Struppe) kommen zum Ende der Show zu ihrem Auftritt und vermitteln das erzkonservative Pärchen mit viel Spießigkeit, stellvertretend für diejenigen, an die dieses Szenario für Toleranz gerichtet ist. Auch die Cagelles machen ihre Sache gut, dass einige phasenweise unsicher auf den High Heels wirkten, dürfte sich im Laufe der Vorstellungen legen, ebenso wie die ein oder andere kleine Panne bei Umbauten.

    Insgesamt schafft es das Kreativteam, seine Zuschauer aufzurütteln. Hier wird nicht nur ein Stück präsentiert, hier wird eine Botschaft übermittelt. Man mag geteilter Meinung sein, ob zu viel Tagesaktualität nicht schon wieder einiges an Wirkung verpuffen lässt, insgesamt geht das Konzept, nimmt man die Reaktionen im Saal als Maßstab, aber aufzugehen. Eine mutige Inszenierung mit einer klaren Message. Ob sie aber ALLE verstehen werden, für die sie gedacht ist, darf zumindest bezweifelt werden. Denn ewig Gestrige wird es immer geben, wie man an jüngsten Vorfällen und Kommentaren aus Rom, Moskau oder Berlin gesehen und gehört hat. Aber darüber kann man sich ja in Görlitz detailliert informieren lassen. Chapeau!

    Melanie Herrmann
    Da Capo
    Juni 2015
    Fotos: Marlies Kross

    MUSIKTHEATER »Ein Käfig voller Narren« — Merle Wilts — musicalzentrale

    Klassiker: „Ein Käfig voller Narren“

    In Zeiten großer Debatten über "Homo-Ehe" und Gleichstellung bezieht die Inszenierung von Sebastian Ritschel eindrucksvoll einen klaren Standpunkt für Liebe und Respekt. Dabei webt Ritschel in seinen Narrenkäfig geschickt tagesaktuelles Zeitgeschehen ein, hebt aber nie zu ermahnend den Zeigefinger und findet auch dank einer punktgenauen Besetzung immer die richtige Mischung aus Komik und Tragik.

    Wenn Zaza sich am Ende des Finales des ersten Aktes nach "Ich bin, was ich bin" ihre Kleider vom Leib reißt und ihren nackten Oberkörper mit der Aufschrift "Stop Homophobia" entblößt, setzt das ein mehr als klares Statement mit Gänsehautfaktor. Es sind diese mutigen Ideen, die dem vielgespielten Klassiker noch einmal ganz neue Seiten abgewinnen und aus dem Stück so viel mehr als nur einen unterhaltsamen Abend machen. Zweimal setzt Zaza zu einem zweideutig-spitzen Monolog an, welche dramaturgisch gesehen definitiv zu den Höhepunkten der Show gehören. Denn wenn Adrian Becker in seiner Rolle davon erzählt, wie Homosexuelle in Russland auf brutalste Art und Weise gefoltert werden, er tagesaktuell auf die soeben entschiedene Ehe-Öffnung in Irland anspielt oder auch hinterfragt, warum Homosexualität und Pädophilie so oft auf eine Stufe gestellt werden geht ein stiller Ruck durch den Zuschauerraum. Die Botschaft kommt an und rüttelt wach.

    Gerade auch, weil Adrian Becker in der schrillen Doppelrolle aufgeht. Seine Zaza ist sensibel, gleichzeitig herrlich komisch, aber auch eindringlich in den oben erwähnten Monologen. Egal ob als überdrehtes Showgirl, in den ruhigeren Momenten als Albin oder als liebende Mama - er zieht die Zuschauer gekonnt in den Bann des Narrenkäfigs und ist dabei auch gesanglich auf voller Höhe: Sein kräftig und ausdrucksstark gesungenes "Ich bin, was ich bin" markiert ein starkes Finale des ersten Aktes.

    Doch auch der Rest seiner Familie steht ihm in nichts nach: Lebensgefährte Georges (Stefan Bley) singt sich mit warmer Stimme durch den Abend und sein liebevolles Verständnis sowohl für den exzentrischen Albin/­Zaza als auch für seinen Sohn ist rührend. Besonders in den Duetten harmoniert er großartig mit seinem jeweiligen Gegenüber, wie beispielsweise beim "Song am Strand" gemeinsam mit Albin/­Zaza. Stefan Reil als Sohn Jean-Michel zeigt genauso viel Spielfreude wie seine Bühneneltern. Die Rolle des eigensinnigen Sohnemanns füllt er in allen Facetten voll aus. Sein "Anne im Arm" ist wunderbar eingängig und bleibt noch lange im Ohr.

    Ebenfalls überzeugt seine Anne (Laura Scherwitzl) als braves Mädchen, genauso wie die beiden stockkonservativen Eltern Marie (Yvonne Reich) und Eduoard Dindon (Hans-Peter Struppe), die in ihren überdreht spießigen Rollen Talent beweisen. Besonders beim Familiendinner im zweiten Akt funktioniert das Zusammenspiel zwischen allen Parteien hervorragend und erntet viele Lacher. Ein Publikumsliebling ist Michael Starkl als abgedrehter Butler Jacob – sein komödiantisches Talent kommt an. Einzig die Cagelles sind stellenweise etwas zu unscheinbar, hier ist gesanglich und tänzerisch im Ensemble noch Luft nach oben.

    Zentrales Element des Bühnenbildes (dessen Konzept ebenfalls von Sebastian Ritschel stammt) ist ein riesiges Gemälde, das sich geschickt auch als zweite Ebene nutzen lässt, da die einzelnen Paneele des Bildes drehbar sind. So entsteht teilweise ein zweiter Raum über der eigentlichen Bühne, z.B. Zazas Garderobe oder das Wohnzimmer der Dindons. Besonders optimal genutzt ist es auch zum Finale des ersten Aktes hin, als Schilder der Befürworter und Gegner von Homosexualität wie aus einem Fenster herausgehalten werden – ein optisch sehr starkes Bild! Natürlich fehlt auch die Showtreppe nicht und der riesige Jesus am Kreuz im zweiten Akt, der von der Decke hängt, wirkt herrlich übertrieben.

    Kostümtechnisch bleibt dieser Narrenkäfig stellenweise dezenter, doch gerade das macht die Optik aus. Die Kostüme wirken nicht aufgesetzt, nicht zu übertrieben und sind doch in opulenter Showoptik meist in rot, blau, schwarz oder silber gehalten. Da ist beispielsweise der Anzug von Albin, der sich mit einem Ruck zum roten Abendkleid verwandeln lässt oder die Cagelles in Zirkusoptik – oder Jacob, der im Finale in einem Hauch von silbernem Nichts auf die Bühne tritt. Showqualitäten beweist auch das Orchester der Neuen Lausitzer Philharmonie unter der Leitung von Ulrich Kern an diesem Abend: Beschwingt und absolut sicher spielen sie sich durch die schwierige Partitur von Jerry Herman, klingen dabei satt und voll.

    "Ein Käfig voller Narren" in Görlitz ist ein mutiges Statement in einer doch eher konservativen Stadt - ein Plädoyer für Familie und Toleranz. Fast könnte man den Abend schon als ein Wagnis bezeichnen. Als am Premierenabend allerdings das gesamte Publikum sofort, nachdem der erste Vorhang gefallen ist, zu Standing Ovations aufsteht, ist sofort klar: Genau dieses Statement kommt hervorragend an und wird zu Recht belohnt. Denn es ist mehr als begrüßenswert, dass ein Theater sich so deutlich für Vielfalt statt Einfalt positioniert und ganz offen fragt: Wann hast du dich entschieden hetero zu sein?

    Merle Wilts
    musicalzentrale
    28.05.2015
    Foto: Marlies Kross

    MUSIKTHEATER »Ein Käfig voller Narren« — Andreas Herrmann — Sächsische Zeitung

    Käfignarren zwischen Dublin und Wien

    Selten kommt ein Musicalklassiker politisch so aktuell daher wie „Ein Käfig voller Narren“ am Görlitzer Theater. Die Zeitgeschichte spielt hier mit.



    Die Dramaturgie des Sonnabends hätte nicht treffender sein können: 62 Prozent aller Iren wollen die Homoehe, null Prozent aller Europäer deutsche Sängerinnengunst. Genau zwischen den beiden klaren Ergebnissen aus Dublin und Wien lag in Görlitz die Premiere des Musicals „Ein Käfig voller Narren“ von Jerry Herman (Musik & Songtexte) und Harvey Fierstein (Buch), beruhend auf einem Pariser Erfolgsstück von Jean Poiret und dem Film von Edouard Molino.

    Die Geschichte des großen Broadwayerfolges, in Deutschland vor 30 Jahren im Berliner Theater des Westens erstmalig zu sehen, ist trivial und schnell erzählt. Jean-Michel, Sohn des Travestieclubbesitzers Georges in St. Tropez, verliebt sich in ein junges Mädchen. Er hat dabei nur ein Problem: Seine soziale Mutter heißt Albin, ist als Sängerin Zaza der Star von Georges Klub und ernährt damit die ganze Familie. Die angebetete Anne (Laura Scherwitzl) hat dafür stinkkonservative Eltern (Yvonne Reich und Hans-Peter Struppe als Marie und Edouard Dindon), die die neue Schwiegerfamilie rasch kennenlernen wollen. Schlimmer noch: Der alte Dindon ist als Lokalpolitiker strammer Verfechter katholischer Werte und möchte das Vergnügungsviertel sittlich ausräuchern – so muss die neue Familienaufstellung trotz großem Verwirrspiel scheitern, zumindest vorerst.

    Hausregisseur Sebastian Ritschel erschuf für seine Fassung auch die gesamten Ausstattungsideen. Er ließ sich eine halbrunde, nach hinten gewölbte Fassade bauen, dessen drehbare Fenster einerseits Mitspiel erlauben, geschlossen den Hintergrund geben – wahlweise mit einem Bildpuzzle oder Spiegeln versehen. Diese Kulisse ist so ganz schnell Nachtklubbühne, Künstlerwohnung oder Straßenplatz. Fürs keusche Abendmahl im zweiten Akt hängen dann gar zwei riesige Jesusfüße am Kreuz von der Decke und täuschen sakrale Werte wie Moral, Familie und Tugend vor.

    Zwei Gegenpole steuern die Handlung in einen wohligen Musicalhafen, der auf der Bühne ab und an zum Sündenpfuhl irdischer Dekadenz gerät. Einerseits der kluge, diplomatische Klubbesitzer George, von Stefan Bley in faszinierender, nonchalanter Ruhe gespielt und gesungen. Er bekommt seinen Albin, der als Zaza schon zur zickigen Diva ausarten kann, immer wieder in den Griff. Adrian Becker, Gast aus Berlin, spielt diesen und ist zweifelsohne der Star des Abends: Transe, Tunte, Mann und Weib – er zeigt im ausverkauften Görlitzer Opernhaus gut rasiert, was dem zeitgleich europaweit enttäuschten TV-Publikum fehlte: Showtalent plus harte Arbeit an Körperbewegung wie Stimme. Er darf auf seinem nackten, austrainierten Körper „Stoppt Homophobie“ proklamieren und auch aus der Rolle fallen, um dabei hart auszuteilen – an Putin über Merkel bis Höcke, wobei diese Wutrede, brandaktuell auf den irischen Bürgerentscheid zur Homoehe eingehend, zu lang und thematisch zu ausufernd gerät.

    Bei der Premiere am Sonnabend klappte noch nicht immer alles, vor allem in der Szene, als die beiden Familienwelten aufeinandertrafen. Ulrich Kern, von Zaza beim Zwischenspiel vorm Vorhang als „Hete“ gefoppt, dirigiert die Neue Lausitzer Philharmonie schmissig und braucht dank der Mikrofone keine Angst vor zu großer Orchesterlautstärke zu haben. Sehr einfühlsam der klare Klarinetteneinsatz von Frank Friebel beim gesanglichen Höhepunkt „Ich bin, was ich bin“, den Becker souverän meistert. Dahinter turnt Tilo Becher an vier verschiedenen Percussionsinstrumenten plus Pauke auf der ganzen Grabenbreite herum, obwohl er nicht nach Kilometern bezahlt wird. Auch das ein Erlebnis.

    Schön auch die Regieidee, Ex-Inspizientin Ursula Bauer als Lederdomina Hanna mit Peitsche von zwei als Tänzer getarnten Polizisten reiferen Jahrgangs (Claus Kiesewetter und Richard Kosciolek) frivol umgarnen zulassen. Diesen bleibt es auch vorbehalten, die Demonstration gegen Homophobie im verspiegelten Rundturm, aus dessen Fenster alle möglichen grell-farbigen Protestlosungen pro und kontra prangen, aufzulösen und dabei eine Tunte (Michael Starkl – sonst als lustige Zofe Jacob für Späße sorgend) zuerlegen.

    Das Wagnis, die Tänzer, deren Geschlecht man nur an Körperhöhe und Wadenmuskeln zu schätzen wagt, mitsingen zu lassen, scheint gewöhnungsbedürftig. Auch Stefan Reil als frauenliebender Sohnemann klang bei der Premiere etwas kraftlos, obwohl er die Rolle jüngst schon in Darmstadt sang. Dem Gesamtwerk gebührt dennoch höchster Respekt. Es ist in seinem Mut zur klaren Positionierung an keiner anderen sächsischen Kulturraumbühne so vorstellbar. Mehr noch: Eigentlich nur in richtigen Großstädten.

    Andreas Herrmann
    Sächsische Zeitung
    26.05.2015
    Foto: Marlies Kross

    MUSIKTHEATER »Ein Käfig voller Narren« — Interview mit Adrian Becker — Da Capo

    Nach der Premiere ist vor der Premiere!

    Im Gespräch mit: Adrian Becker

    In Görlitz glänzen Adrian Becker und seine Mitstreiter im „Käfig voller Narren“.


    Als Zaza verweist er in Görlitz gerade als Homo-Hasser und deren Mitläufer in ihre Schranken, doch das Gastpiel an der polnischen Grenze ist für Adrian Becker nur eine Zwischenstation in einem ereignisreichen Sommer. Dennoch ist die Rolle für ihn ein Glücksfall, denn Becker vertritt eine klare Meinung zum scheinbar ewig zeitlosen Thema Homosexualität und lässt dies auch auf der Bühne durchblicken. Zwischen den Premierennachbereitungen in Görlitz und den Proben für Cats auf der Festung Ehrenbreitstein am Deutschen Eck sprachen wir mit Adrian Becker über seine aktuellen Aufgaben.

    Adrian, du bist ja eigentlich ein Berliner Junge, was hat dich jetzt nach Görlitz verschlagen? Business as usual, also Bewerbung – Audition – Vertrag oder waren es persönliche Kontakte, die dich an die polnische Grenze geführt haben?

    Genau in dieser Reihenfolge. Ich wurde dem Theater vorgeschlagen, vom Regisseur eingeladen, habe eine Audition gemacht, und das Theater Görlitz hat Geschmack, Stilsicherheit und Fachkenntnis bewiesen und mich engagiert.

    La Cage ist ja keine Ensuite-Produktion, hast du dir hier dennoch eine Wohnung genommen oder pendelst du in diesen Wochen?

    Für die Zeit der Proben war ich in Görlitz, oder wie man es auf Grund der vielen Hollywood-Filmproduktionen nennt: „Görliwood“. (In der letzten Probenwoche habe ich das Mittagessen neben Emma Thompson, die gerade dort einen Film gedreht hat, eingenommen. Ich hatte Pasta, sie nur ein Wasser … aber ʻne Taille haben wir beide.) Direkt nach den Premiere musste ich dann wie ein Blitz nach Koblenz, wo ich seit einer Woche für die CATS-Sommerproduktion des Theater Koblenz probiere. Ich habe erneut die große Freude, den RUM TUM TUGGER spielen zu dürfen.


    Es ist dein drittes Engagement bei einer La Cage Produktion und das zweite Mal, dass du Zaza/­Albin gibst. Ist La Cage etwas Besonderes, was reizt so an diesem „Narrenkäfig“?

    ZAZA ist ein absolute Traumrolle für einen Schauspieler, der auf Highheels laufen kann… und ich kann es! Einen Menschen darzustellen, der einen Lebenskonflikt zwischen Showstar, liebender Mutter und einem älter werdenden Homosexuellen unter einer Perücke zusammenbringen muss, finde ich eine wundervolle Herausforderung, bedarf außergewöhnlicher Garderobe and „always a wundervolle Beleuchtung“. Außerdem finde ich, dass „La Cage“ aufgrund der aktuellen gesellschaftlichen wie auch politischen Situation für Homosexuelle nicht nur in Deutschland ein brandaktuelles Werk ist, was neben dem ganzen Spaß und dem ganzen Glitzer auch eine wichtige Botschaft für Toleranz vermitteln möchte. Es geht schlicht um Liebe und Respekt! Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

    La Cage aux Folles ist wohl eines der Musicals mit den meisten Ohrwürmern. Gibt es Songs, die dir besonders am Herzen liegen?

    Nun ja, „Ich bin was ich bin“ ist schon ein Knaller und vermutlich auch der bekannteste Song aus der Show. Den wollen die Zuschauer hören, und den singe ich auch sehr gerne. Außerdem liegt mir „Mascara“ sehr am Herzen. Dabei befreit sich Albin aus seinem Kokon und wird zum gefeierten Showstar ZAZA. Das Publikum bei dieser Verwandlung teilhaben zu lassen finde ich einen zauberhaften, theatralen Moment in der Show, der in der Görlitzer Inszenierung von Sebastian Ritschel übrigens mit einem, wie man es beim ESC nennen würde, „Trickkleid“ erzählt wird. Trickkleid? Kennen Sie nicht. Kommen und staunen Sie:-)

    La Cage ist ja ein sehr sozialkritisches Stück, das auch heute noch der Gesellschaft auf unterhaltsame Art einen Spiegel vor die Nase hält. Du hast 1996 das erste Mal in St. Gallen dieses Musical gespielt, hast du das Gefühl, dass sich in Sachen Publikumsakzeptanz seither etwas verändert hat?

    Ja das Gefühl habe ich. Allerdings weniger beim Publikum, das sich eine Karte für die Show gekauft hat. Wenn sich jemand ʻne Theaterkarte für „La Cage“ kauft, kann man meistens davon ausgehen, dass er sich vorher informiert hat und weiß, was auf ihn zukommt.

    Die Akzeptanz Homosexueller, nicht nur in Deutschland, hat sich - ausgelöst durch Wladimir Putins „Anti-Homosexuellen-Gesetz" - verschlimmert. Dieses Gesetz erlaubt es übrigens, dass in Russland Homosexuelle ungestraft zusammengeschlagen werden dürfen. Die Täter bleiben dort straffrei. Die foltern dort Menschen wie mich, kidnappen sie, nehmen sie mit zu sich nach Hause und demütigen sie, lassen sie dabei russisch-orthodoxe Choräle singen, filmen das Ganze und stellen es dann ins Internet … und bleiben straffrei! Ich finde übrigens, dass man Herrn Putin dafür vor den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte stellen und ihm nicht auch noch die Rechte zur Austragung der Fußballweltmeisterschaft erteilen sollte.

    Da braucht es nur eine kurze Zeit, bis Politiker wie der thüringische Parteivorsitzende der noch existierenden AfD Björn Höcke Sätze wie den folgenden sagen. Zitat aus der Wahlkampfrede 2014: „Diese Geisteskrankheit des Gendermainstreams ist doch ein Sonntagskind der Dekadenz.“ Björn Höcke. In der Welt des Björn Höcke, der übrigens mit 10 % in den thüringischen Landtag gewählt wurde und der davor als Gymnasiallehrer auf Ihre Kinder losgelassen wurde, gelte ich als geisteskrank und man müsste Menschen wie mich sofort in die Psychiatrie einweisen. Diese nicht immer bildungsfernen Mitmenschen machen mir Angst und „La Cage aux folles“ aktueller und politischer denn je. In der Görlitzer Inszenierung wird dies, neben dem nicht zu vernachlässigenden Spaß, auch alles thematisiert. Das war sowohl Sebastian Ritschels Team als auch mir selbst sehr wichtig.


    Eure Premiere in Görlitz war ja nur kurz vor der Abstimmung zur Home-Ehe in Irland, eine schöner thematischer Zusammenhang. Was dort auf der ehemals erzkatholischen Insel mit Jubel begrüßt wurde, hat im Vatikan zu Entsetzen und in Deutschland zu, sagen wir mal, merkwürdigen Reaktionen einiger Politiker geführt. Wie rückständig sind wir hier noch in Sachen gleich geschlechtlicher Beziehungen? Sollten wir unsere „Moral- und Sittenwächter“ in den „Narrenkäfig“ stecken?

    Frau Merkel antwortet auf die Frage, warum man Homosexuellen in Deutschland nicht die gleichen Rechte wie Heterosexuellen gewähren kann, die dazu führen würden, dass Homosexuelle sich vor dem Gesetz nicht mehr als Menschen zweiter Klasse behandelt fühlen müssen: „Ich habe dabei so ein ungutes Bauchgefühl.“ Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt. Warum sagt sie das? Um ihre katholischen, reaktionären Stammwähler nicht zu vergraulen? Aber vielleicht haben wir ja Glück, dass das Bundesverfassungsgericht wieder etwas klüger und schneller ist und Frau Merkel versteht, dass es keinen Grund gibt, einem heterosexuellen, kinderlosen Ehepaar mehr Rechte einzuräumen als einem homosexuellen Ehepaar mit Adoptivkind. Kind hin oder her, ich erinnere mich an unser Grund -gesetz. Dort steht doch: Alle Menschen sind gleich!

    Der Vatikan findet übrigens, dass Irlands Referendum zur Homo-Ehe eine „Niederlage für die Menschheit“ ist. Ich finde, dass der Missbrauch von Kindern durch katholische Priester eine Niederlage für die Menschheit ist. Schämen sollten sie sich! In die Ecke stellen und schämen!

    Kommen wir zurück zur Inszenierung. Die Görlitzer Variante überrascht mit einem für La Cage Verhältnisse ungewöhnlichen Bühnenbild. Wie kommst du mit dieser halbrunden Anordnung und den verschiedenen Fenstern klar? Ist das zweckmäßig, innovativ oder einfach mal etwas Neues?

    Es ist großartig! Die ganze Bühne besteht aus einzelnen, bewegbaren Spiegeln. Sogar der Bühnenboden ist aus einer Spiegelfolie. Herrlich! Dann wurde das Ganze so klug konstruiert, dass aus dem Spiegelkabinett ruck, zuck ein die ganze Bühnen einnehmendes Pierre-&-Gilles-Bild entsteht oder eben auch ein spießig anmutendes Wohnzimmer. Außerdem sind überall leuchtende LEDs. Eine tolle Ästhetik, die ich so nur aus dem Friedrichstadtpalast in Berlin kenne. Bravo, Görlitz!

    Kommen wir weg von Zaza und hin zu Rum Tum Tugger. Am 4. Juli startet hoch über Koblenz auf der Festung Ehrenbreitstein der Klassiker „Cats“ in einer Inszenierung des Koblenzer Theaters unter der Regie von Markus Dietze. Das ist ja wieder ein „Heimspiel“ für dich, denn in Koblenz genießt du ja schon fast Kultstatus. Wie sehr freust du dich auf diesen Sommer?

    Ich freue mich riesig. Wir sind ja auch schon fleißig am Proben. Bis zur Premiere von „La Cage“ habe ich mich ladylike als Showgirl bewegt und jetzt bin ich der Mick Jagger der Katzen, mit einem Testosteronspiegel, der jedem Kätzchen gefährlich wird. Herrlich, das Leben als Schauspieler.

    Was verbindest du mit „Cats“ speziell? Was ist das Besondere an diesem Musical? Und wie gut ist dein Draht zum Wettergott in dieser ganz speziellen Klimazone am Deutschen Eck, hoch oben über Rhein und Mosel? Regen ist dort nicht gerade ein Fremdwort …

    Ich hatte ja schon die Freude, bei der originalen CATS-Produktion in Stuttgart dabei sein zu dürfen. Das Theater Koblenz hat von der Really Usefull Group die Auflage bekommen, dass kein einziger Schritt, kein einziges Kostüm und kein einziges Make-up so sein darf wie im Original. Eine wundervolle Möglichkeit, das Werk vom Staub der 80er-Jahre zu befreien und neu zu denken. Markus Dietze, der Regisseur und Intendant des Theater Koblenz, hat ein großartiges Konzept entworfen, was zum Beispiel die neu etablierte vierte Sparte „Puppenspiel“ am Theater Koblenz einbindet. Eine wunderbare Möglichkeit, CATS neu zu erleben. Außerdem gibt es in dieser Inszenierung die Verschmelzung der Kollegen aus dem Schauspiel und dem Ballett des Hauses. Und wir spielen nicht auf der Müllkippe! Aber Schwänze haben wir alle, und „Memories“ wird auch gesungen werden.

    Nach „Cats“ ist der Sommer für dich noch nicht vorbei, deine Firma HIRSCHGOLD-EVENTS veranstaltet im August/­September die Déesse Tournee 2015. Was muss man sich darunter vorstellen? Ist der Bereich Eventmanagement ein weiteres Standbein für dich?

    HIRSCHGOLD-EVENTS, meine Firma für Showevents aus Berlin, produziert seit vielen Jahren Shows für irmenevents, Messen und Tourneen durch ganz Europa. Ich habe das große Glück, dass mich unsere Kunden weiterempfehlen und uns unsere Stammkunden treu bleiben. Das erlaubt mir neben meiner Tätigkeit als Schauspieler am Theater auch noch in anderen Bereichen kreativ zu sein. Das kann ich, und das macht mir und den Kunden große Freude. Im Sommer gehen wir auf Europatour für die Schweizer Kosmetikfirma DÉESSE COSMETICS. Wir haben ein Showkonzept mit diversen Artisten und Sängern entwickelt. Ich freu mich riesig, dass ich unter anderem die zauberhafte Michaela Kovarikova an meiner Seite haben werde.

    Welche Projekte stehen nach dem Sommer auf deiner Liste"? Kannst du verschnaufen oder geht es sofort weiter?

    Im Oktober werde ich mich ein wenig zurückziehen und mich der Yogamatte hingeben, um dann… ach, ich glaube, das darf ich noch nicht sagen. Es wird in jedem Fall zwei Wiederaufnahmen geben, und im Februar 2016 beginne ich im Bayrischen mit den Proben für ein neues Stück. Das darf ich auch noch nicht sagen… Große Geheimnisse.

    Du hast deine Musicalkarriere auf der Bühne 1994 in der Rocky Horror Show als Riff-Raff begonnen. Macht der Job nach 21 Jahren noch genauso viel Spaß wie am Anfang? Oder denkst du manchmal angesichts der vielen Kilometer, die du im Jahr zurücklegst, nicht doch darüber nach, ob du damals nicht etwas „Anständiges“ hättest lernen sollen?

    Ich darf Dich korrigieren. Ich habe meine Karriere im Sprechtheater bereits 1988 begonnen, und mein erster Job im Musicalbusiness war die UFA-REVUE, 1993 am Theater des Westens in Berlin. Nööö, mir macht das alles großen Spaß, und es kann gerne noch lange so weitergehen.

    Hast du noch Träume/­Wünsche, die du dir realisieren möchtest? Welche wären das, sowohl beruflich wie auch privat?

    Ich wünsche mir mutige Regisseure, die dem Genre Musical mit Wissen, Können und Fantasie begegnen, ich wünsche mir Theater, die die nötigen finanziellen Mittel bereit stellen um Visionen eine Möglichkeit zu geben, ich wünsche mir ein Publikum, was sich an diesem ganzen Spaß erfreut und ich wünsche mir ein Sixpack.

    Interview: Jörg Beese
    Da Capo – Juni 2015

    MUSIKTHEATER »Die tote Stadt« — Carsten Niemann — Opernwelt Juni 2015

    AUS DER ZEIT GEFALLEN

    Korngold: Die tote Stadt


    Görlitz /­ Gerhart Hauptmann Theater

    Wer Korngolds «Die tote Stadt» in Görlitz inszeniert, kann sich das Bühnenbild fast sparen. Zwar ist die Innenstadt inzwischen weitgehend saniert, doch die verlassenen Gassen und Plätze der vom Krieg unversehrten Stadt verströmen noch immer eine aus der Zeit gefallene Atmosphäre, die unmittelbar an das vergessene Vorkriegs-Brügge erinnert, das Korngolds Oper beschwört.

    Kaum hat man sich dann auf seinem Platz im Rang des reich ausgezierten Theaters niedergelassen, um sich von Korngolds üppigem Orchesterklang in ein nostalgisch-morbides Fantasieland entführen zu lassen, wird man jäh ernüchtert. Statt im Orchestergraben befindet sich die Lausitzer Philharmonie auf der Hinterbühne. Auch wenn die Aufstellung die Kluft zwischen Bühne und Publikum abbaut und für die Sänger hilfreich ist, handelt es sich um einen gefährlichen Kompromiss. Denn nun bekommt man den Klangkörper nur im äußersten Fortissimo in seiner ganzen physischen Präsenz zu spüren. Dabei muss sich das hervorragend aufgelegte, unter Andrea Sanguineti farbenreich und in großen emotionalen Spannungsbögen aufspielende Orchester wahrlich nicht verstecken: Sein live produzierter Klang ist buchstäblich viel zu kostbar, um gleichsam auf mp3-Format geschrumpft zu werden.

    Zum Glück bleibt dies die einzige Enttäuschung des Abends – und das, obwohl es noch einen zweiten klanglichen Schock geben wird. Er betrifft «Glück, das mir verblieb», den genial-sentimentalen Hit der Oper. Dessen zweiter Teil spielt der junge Witwer Paul, der einer Doppelgängerin seiner verstorbenen Frau begegnet zu sein glaubt, in einer alten Aufnahme mit Richard Tauber von der Platte ab. Doch dies ist ein dramaturgisch gut begründeter Coup. Es fügt dem Doppelgängermotiv der Oper eine neue Dimension hinzu: die Frage nach dem Erlebnis von Kunst im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit. Ein Zeitalter, dessen Beginn auch Korngold existenziell traf: Während Paul, der hier als Fotograf dargestellt wird, sich in der Oper nicht von seiner verstorbenen Frau lösen kann, lässt sich Korngolds 1916 begonnene Partitur als Abgesang auf eine musikalische Kultur hören, deren Untergang er vorausahnen musste und der er später in der Filmmusik doch ein Fortleben bescherte. Der bemerkenswerten Inszenierung gelingt es, alle diese Ebenen in starken Traumsequenzen zu verbinden, ohne dabei die ursprüngliche Opernhandlung zu beschädigen: Filmeinblendungen, die Pauls Emotionen visuell vergrößern, wechseln sich mit phantasmagorischen Choreografien wie dem Tanz von Maries Leiche ab. Das Verhältnis Pauls zu ihrer Doppelgängerin Marietta wird hingegen mit realistischen Gesten als intensives Beziehungsdrama erzählt.

    Stimmlich und schauspielerisch ist das Werk bis in die Nebenrollen überzeugend besetzt: Für einen musikalisch starken Beginn sorgt Regina Pätzer als Haushälterin Brigitta mit ihrem aus-strahlungsreichen sonoren Mezzo. Jan Novotny singt die Partie des Paul mit Leichtigkeit und exzellenter Textverständlichkeit, während Patricia Bänsch als lebenshungrige Marietta besonders in den dramatischen Momenten dieser bemerkenswerten Ensembleleistung überzeugt: einer Produktion, die wie Mariettas Schauspielertruppe im toten Brügge Träume sinnlich zu evozieren und zu-gleich zu hinterfragen weiß.

    Carsten Niemann
    Opernwelt
    Juni 2015

    MUSIKTHEATER »Die tote Stadt« — Boris Michael Gruhl — Dresdner Neueste Nachrichten

    Der schöne Klang vom falschen Gestern

    Außergewöhnliches Musiktheater: „Die tote Stadt“ in Görlitz


    „Behutsam!“, so das erste gesungene Wort in Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ nach kurz aufbrausendem Vorspiel, bevor weiter davon gesungen wird, dass hier alles alt sei, in dieser „Kirche des Gewesenen“, wo „Schönstes“ angebetet wird, und das ist die Vergangenheit. Es ist Brigitta, die Haushälterin des psychopathisch-traum-verlorenen Dichters Paul, die dessen Freund Frank in dieses gespenstische Kabinett jenes dem Untergang geweihten Hauses in der toten Stadt Brügge führt. An jenem sonnigen Nachmittag im Spätherbst beginnt eine Geschichte wie geschaffen für das Musiktheater, jedenfalls für jenes eines Komponisten wie Erich Wolfgang Korngold, dessen klangsinnliche Musik verzaubernder Beschwörung des Vergangenen vielleicht gerade heute wieder, 95 Jahre nach der Uraufführung, das Publikum in ihren Bann zieht.

    Ein Stahlhelm für Pierrot

    Dazu ist Korngolds Musik natürlich immer auch von Impulsen durchzogen, die den Klang der Verklärung zu bannen scheinen, allein sein spätromantischer Stil, bestens vertraut mit der Sinnlichkeit, wie man sie bei Puccini und Richard Strauss so liebt, seine an Wagner erinnernden wiederkehrenden Motive, insbesondere eben die der versüßenden Rückschau, scheint am Ende doch stärker als der so vorsichtige wie tastende Versuch seines Protagonisten Paul, jener „Kirche des Gewesenen“ am Ende den Austritt zu erklären und die tote Stadt auf immer zu verlassen.

    Dazu erlebt man in dieser Görlitzer Aufführung ein grandioses Schlussbild, wenn sich hinter der weit in den Zuschauerraum gezogenen Szene der Vorhang öffnet, dahinter das ganze Orchester endlich sichtbar wird, sich dann noch ein großer Spalt der Hinterbühne auftut und der Blick bis auf die Straße hinter dem Theater geht, wo dann – Zufall oder tatsächlich inszeniert? – auch noch ganz langsam ein Taxi vorbei fährt. Schade, dass es nicht auch noch schneit.

    Regisseur Jan-Richard Kehl möchte in der Ausstattung von ÄNN das ganze Theater zu einer „Kirche des Gewesenen“ werden lassen und zugleich den kritischen Blick auf jene mordsgefährliche Vergangenheitserklärung schärfen. Immer wieder geht im Saal deshalb das Licht an. Wenn dann noch gar zu schön gesungen wird wie in Mariettas Lied „Glück, das mir verblieb“, wenn es sich zum gefühligen Duett mit Paul aufschwingt oder wenn später Frank in der Komödiantentruppe, in der Rolle des Pierrot, traumverloren vom Sehnen und Wähnen singt, in der Erinnerung an verlorenes Glück, dann hebt sich warnend die Hand des Regisseurs, dann muss Brecht bemüht werden: „Glotzt nicht so romantisch!“ Und weil Pierrot ein Deutscher ist und vom Rhein kommt, kriegt er den Stahlhelm verpasst.

    So bewegt sich diese Inszenierung zwischen beeindruckender Führung der Personen und somit vermittelter Konzentration aus Klang und Bewegung in der Ästhetik des intimen Kammerspiels und bisweilen überbordender Surrealität mehr absichtsvoller als überzeugender Bilderfluten mit Solisten, Chor, Tanzcompany und Kinderballett, wenn sich Traum und Wirklichkeit, Wahn und Wähnen, Kult und Kampf nicht mehr voneinander trennen lassen.

    Freud lässt grüßen, Hitchcock auch, wenn dieser Dichter Paul in dieser toten Stadt seine tote Frau, wie sie so ordentlich das Küchentischlein deckte, nicht vergessen kann, ihr Bild wie eine wundertätige Ikone verehrt, Haare der Verstorbenen in einem Reliquienschrein bewahrt. Wie soll dieser Mann damit umgehen, wenn plötzlich die Tänzerin Marietta in seine Welt kommt, wenn sie nicht nur so aussieht, sondern auch noch das selbe Lied singt wie die verstorbene Marie. Wie aber, und da beginnt der mörderische Konflikt, wenn sie das Tischlein abräumt und diesen sonderbaren Typen eines Mannes dann doch genau da erwischt, wo sich bei ihm beim Anblick einer schönen Frau, die dazu noch lebt, auch ganz lebendig etwas aufbäumt. Und weil sich die Regie in dieser Interpretation gern der Filmästhetik bedient, ihren Protagonisten mit dem untrüglichen Blick der Kamera sehr tief in die Augen schaut, wenn fromme Kinder brav marschieren, die Bilder von den Fronten des Ersten Weltkrieges zu sehen sind und letztlich auch jener sprichwörtliche Filmriss, den wir immer gern dafür verantwortlich machen möchten, wenn die Erinnerungen ausblenden, was wir nicht wahr haben möchten.

    Mörder in der Traumwelt

    In seiner Traumwelt wird Paul zum Mörder. Er erdrosselt Marietta, die Tänzerin. In Korngolds Oper, in der er gewissermaßen auf die berühmte Couch des Dr. Freud gelegt wird, entledigt er sich auch der Erinnerungen an die verstorbene Marie, die sich im Görlitzer Gruselkabinett der toten Träume, dargestellt von der Tänzerin Nora Hageneier, in gespenstischen Auferstehungsszenen mal marionettenhaft, dann wieder ganz dienstbar bewegt.

    Den größten Anteil am Erfolg dieser Aufführung aber hat die musikalische Interpretation. Unter der Leitung von Andrea Sanguinetti entfalten die Musiker der Neuen Lausitzer Philharmonie in angemessen großer Besetzung, auf der hinteren Bühne platziert, den flirrenden Zauber dieser so betörenden wie zugleich verstörenden Klänge. Würde nicht in Form eines auch akustisch nicht gerade vorteilhaften Vorhanges die Optik der Inszenierung die Sänger vom Orchester manchmal trennen – was der Filmästhetik geschuldet sein mag –, so könnte sich der vernehmbare Ansatz des Dirigenten klarer und hörbarer vernehmen lassen, dass dieses bittere Traumspiel aus der Musik kommt, dass die Motive vom Orchester weiter getragen werden, dahin, wo uns gerade das Loslassen vor dem Vergessen bewahrt.

    Dazu kommt ein Ensemble von Sängerinnen und Sängern, die bei den enormen Ansprüchen dieser Partien nicht nur Erstaunliches bieten, sondern dazu so individuelle wie glaubwürdige Interpretationen.

    Da ist dieser so grandiose und konzentrierte Tod des Verzichts im Gesang der Mezzosopranistin Regina Pätzer als Haushälterin Brigitte. Patrizia Bänsch als Tänzerin Marietta und als Stimme der Erinnerung der verstorbenen Marie gibt mit kraftvollem Anspruch ihren Widerspruch kund in jener toten Stadt.

    Ji-Su Park als Frank, der Freund des Dichters, und als Fritz, der Pierrot, hier ganz im Sinne der Grenzüberschreitungen des Stückes von einem Sänger interpretiert, weiß im parlierenden Stil ebenso zu überzeugen wie in den klangschönen Erinnerungsbögen vom Wähnen und Sehnen.

    Dass und wie die schwierige Partie des Paul zu singen ist, und dies in einer existenziell berührenden Interpretation, beweist der Tenor Jan Novotny. Höhen ohne Schärfen, gerundet und dabei grundiert von warmer Tongebung, gelingt es ihm auch darstellerisch, die Widersprüchlichkeit dieses Mannes mit der kriminellen Potenz lebensverweigernder Vergangenheitsverklärung zu gestalten.

    Mit Laura Scherwitzl, Cristina Piccardi, Benjamin von Reiche, Michael Berner als Tänzerinnen und Komödianten, dem Tänzer Martin Kristensen in einer pantomimischen Rolle, dem Chor und allen schon genannten Beteiligten kann sich das Ensemble sichtlich am Ende mit dem begeisterten Publikum über einen weiteren großen Abend des Musiktheaters in Görlitz freuen.

    Boris Michael Gruhl
    DNN
    14.04.2015
    Foto: Marlies Kross

    MUSIKTHEATER: »Die tote Stadt« — Jens Daniel Schubert — Sächsische Zeitung

    Des Todes Tod

    Görlitz zeigt mit der Inszenierung einer Korngold-Oper, dass es Hoffnung gibt, Trauer über Verlorenes zu überwinden.


    Der Komponist Erich Wolfgang Korngold ist im Vergessen versunken. Als junges Kompositionstalent Anfang der Goldenen Zwanziger brach seine Opernkarriere durch die Herrschaft der Nazis abrupt ab. Er emigrierte nach Amerika, schuf in Hollywood große, mehrfach Oscar-prämierte Filmmusiken. Inzwischen beginnen die Theater auch in Sachsen, ihn wiederzuentdecken. In Chemnitz inszenierte man vorigen Oktober seine Oper „Die tote Stadt“, im Neujahrskonzert der Staatsoperette war Filmmusik von ihm zuhören.

    „Die tote Stadt“ ist ein packendes Theater voll mitreißender Emotionen, ein Seelendrama großer Bilder, eine befremdliche Geschichte aus den Untiefen des Unterbewussten. Korngold hat sie in ausdrucksstarke Musik gegossen. Die Görlitzer Premiere am Wochenende war eine beeindruckende Interpretation. Leider waren deutlich weniger Zuschauer als zu anderen Premieren im Saal. Korngoldist heute (noch) kein Zuschauermagnet.

    „Die tote Stadt“, das ist Brügge, die einstige belgische Hafenstadt, deren Seeverbindung versandet ist und die nur noch von der Erinnerung an bessere Zeiten lebt. Brügge ist ein Synonym. „Die tote Stadt“ kann überall spielen. Und sie ist im Herzen von jedem Menschen, der sich in die Erinnerung verstrickt.
    Paul ist gefangen von seiner geliebten und schönen Frau Marie, die vor Jahren gestorben ist. Seine Trauer macht ihn zum lebensfremden, beängstigenden Sonderling. Er lebt in einer kultisch-zwanghaften Abhängigkeit von seiner Vergangenheit. Als er merkt, dass eine andere, Marietta, ihn zu fesseln vermag, kämpfen Erinnerung und Lebenswille, Marie und Marietta, einen existenziellen Kampf. Korngolds Oper verwischt die Grenzen von Realem, Fiktivem, Eingebildetem und den Träumendes Unterbewussten. Die Görlitzer Inszenierung von Jan-Richard Kehl in der Ausstattung von ÄNN zieht diese Linie konsequent nach und weiter.

    Schon das Kabinett, in dem sich Paul seine „Kirche des Vergangenen“ errichtet hat, ist merkwürdig und höchst skurril. Die Erinnerungen werden lebendig und ziehen die Lebendigen in ihr Spiel. Der Wahn wird real und die Auseinandersetzung physisch. Paul ist zerrissen zwischen den Frauen. Marie engelsgleich, Marietta sinnlich. Die Schönheit der Erinnerung wird herausgefordert von Lebenslust und Begehren. Nora Hageneiers Marie, oft in unzähligen Kopien unterstützt durch ihre Kolleginnen der Tanzcompany, ist eine zerbrechliche Schönheit, die Paul anzieht, zurückhält, bewahrt. Marietta ist aufreizend, wild, unbezähmbar und maßlos in ihrem Anspruch. Sie führt Paul an seine Grenzen, reizt seine Wut und seine Verzweiflung, stillt Begierden, die immer neue wecken. Patricia Bänsch spielt diese Frau beeindruckend, singt die schwere Partie mit großer Emphase, ausdrucksstark und authentisch.

    Albträume auf der Bühne
    Jan Novotny ist der Paul zwischen den Frauen, die seine Bilder sind. Er ist hinundhergerissen vom Kampf der beiden, der ein Kampf in seinem Inneren ist. Sein Unbewusstes, Unterbewusstes steht plötzlich im Rampenlicht. Der Sänger lebt das ausdrucksstark und rückhaltlos aus. Abgründe und Sehnsüchte, Hass und Liebe, Beständigkeit und Veränderung kämpfen in ihm.

    Kehls Inszenierung hat ihre stärksten Momente, wenn die Personen um Entscheidungen ringen. Wenn etwa Paul eine Prozession beschreibt. Der Zuschauer sieht ihre Wirkung auf Paul und Marietta, die Paul beobachtet und versucht, ihn aus seiner Wahnwelt in ihre Realität zurück zu zwingen. Das Bühnenbild von ÄNN, eine große, schräg liegende Plattform vor dem auf der Hinterbühne platzierten Orchester, kann mit wenigen Requisiten und Möbeln das Kabinett von Paul bilden. Von allen realen Utensilien befreit, ist es der Blick in den Seelenspiegel. Der zeigt Pauls Albträume, seine Wut, seinen Jähzorn, seine Lust, die er sich seit Maries Tod verboten hat. Er zeigt Mariettas Welt als Spielwiese und Abgrund seiner Eifersucht. Das ist oft einprägsam, nicht immer erklärlich, manchmal inkonsequent und gerade in den Videosequenzen unnötig. Dennoch bleibt die Inszenierung, gerade weil die Geschichte folgerichtig erzählt wird und die Figuren überzeugen, auch mit den optischen Angeboten ein Ereignis.

    Dieses wird wesentlich mitgetragen durch die sehr gute musikalische Interpretation. Neben den Hauptpartien ist da Ji-Su Park als Frank/­Fritz, der gute Freund und Rivale Pauls, hervorzuheben. Mit stimmlicher wie darstellerischer Präsenz überzeugte auch Regine Pätzer als Brigitta, die
    Haushälterin von Paul, die ihre eigenen Gefühle bei Maria begraben hat.

    Andrea Sanguineti leitet die Aufführung mit Genauigkeit, dramatischer Verve und einem guten Gespür, die maximale Leistung des gesamten Ensembles herauszufordern. Wenn sich zum Schluss, als grandioser Bildeinfall, die gesamte Bühne Bis einschließlich der hintersten Tür in der Brandmauer öffnet, hebt sich auch der letzte Schleier vor dem Orchester. In diesen Momenten bekommt man einen Eindruck von der Brillanz, mit der die Neue Lausitzer Philharmonie Korngolds farbenreiche Musik tatsächlich spielt. So kann sie glänzen und dem Komponisten helfen, aus dem Vergessen aufzutauchen.

    Jens Daniel Schubert
    Sächsische Zeitung
    13.04.2015
    Foto: Marlies Kross

    MUSIKTHEATER »Die tote Stadt« — Sven Köhler — Facebook

    KORNGOLD: "DIE TOTE STADT" - PREMIERE - (Görlitz /­ 11.04.15)

    Korngolds Hauptwerk erfordert ein sehr großes Orchester. Wenn sich das Gehart-Hauptmann-Theater an diese Oper traut, sind besondere Dispositionen nötig. Die Neue Lausitzer Philharmonie nahm also auf der Hinterbühne Platz (wie bereits vor circa zehn Jahren bei der "Salome"), Regisseur Jan-Richard Kehl und sein Team bauten sich eine hinreichend große Spielfläche, die sich bis auf den überdeckten Orchestergraben erstreckte, also auch dem Publikum näher rückte als gewöhnlich. Das hat Vorteile: Die Sänger müssen nicht über das riesige Orchester hinweg singen und das Publikum versteht mühelos den kompletten Text. Es hat auch einen Preis: Manch schöne Orchesterpassage (Korngold ist ein Meister der Instrumentierung und der Klangfarben) bleibt etwas im Hintergrund. GMD Andrea Sanguineti hat seine Musiker wieder bestens vorbereitet und die Verständigung mit den Sängern vorn funktionierte ohne hörbare Probleme.

    Sängerisch hatte man sich bestens aufgestellt und auf den fehlenden Positionen verstärkt. Gleich zu Beginn ließ eine für das Görlitzer Publikum neue Stimme aufhorchen: Regina Pätzer als Brigitta mit dunkel getöntem und auch in höher liegenden Passagen gut ansprechendem Mezzosopran. Mit ihr und Ji-Su Park als Frank zog bereits die erste Szene die Zuschauer in den Sog der Musik. Park gefiel durch kantablen Einsatz seiner vollen, warmen Baritonstimme und hatte mit "Mein Sehnen, mein Wähnen" einen der "Hits" zu interpretieren. Das gelang ihm ausnehmend schön, wofür ihm Maestro Sanguineti mit perfekter Tempowahl den Boden bereitete (ein melancholischer langsamer Walzer, aber eben auch in Nähe zu Musettas Walzer aus der "Bohème", eins der vielen Stilzitate in Korngolds Partitur).

    Die beiden Protagonisten-Rollen Paul und Marietta stellen trotz des kompakten Aufbaus der Oper für die Interpreten den reinsten Marathon dar. Jan Novotny hat sich mit dem Paul eine seiner schwersten, aber meines Erachtens auch seine momentan beste Partie erarbeitet. Sie liegt ihm erstaunlich gut auf der Stimme, sowohl tief liegende Stellen als auch die regelmäßigen "Höhenausflüge" klingen sicher und präsent. Mit lyrischer Stimmführung auf heldischem Fundament gelingt ihm eine in jeder Hinsicht überzeugende Gestaltung. Das ist um so höher zu bewerten, als ihm auch darstellerisch einiges abverlangt wird. Dass "seine" Strophe von "Glück, das mir verblieb" sowie das Pendant am Schluss in eine vorbereitete Gedankenstimmen-Tonkonserve verbannt wurde, gehört zu einigen wenigen Regie-Einfällen des Abends, die mir nicht zusagten (eine andere war der inflationäre Gebrauch der Saalbeleuchtung). Daneben gab es aber auch viele überzeugende Ideen wie der Umbau zum zweiten Bild oder die deutlichen Unterschiede zwischen Marie und Marietta. Und man muss Jan-Richard Kehl danken und zugute halten, dass er die Inszenierung für einen erkrankten Kollegen übernommen hat und folglich nicht den üblichen gedanklichen und konzeptionellen Vorlauf zur Verfügung hatte.

    Mit der Marietta hat Patricia Bänsch eine weitere dramatische Sopranpartie ihrem Repertoire hinzugefügt. Die Stimme entwickelt inzwischen eine enorme Kraft vor allem in der Höhe, für die das Görlitzer Haus vielleicht bald zu klein wird. Aber immer wieder bändigt sie auch ihre Stimmgewalt und findet zu schön gestalteten lyrischen Passagen. Gleichwohl scheint mir, da könnte doch an größeren Häusern die eine oder andere Partie möglich sein.
    Die Komödianten-Szene des zweiten Bildes vereinigte ein gut aufeinander abgestimmtes Ensemble mit Laura Scherwitzl, Cristina Piccardi, Martin Kristensen, Benjamin von Reiche und Michael Berner.

    Das Premierenpublikum dankte mit langem Applaus, der sich bei Paul, Marietta, Frank/­Fritz und dem Maestro samt Orchester zum verdienten Jubel steigerte.

    Sven Köhler
    Facebook
    12.04.2015

    MUSIKTHEATER »Die tote Stadt« — Radiokritik mdr Figaro — Uwe Friedrich

    Radiokritik /­ -interview von und mit Uwe Friedrich auf MDR Figaro vom 13.4.2015 über Die Tote Stadt am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz

    Moderator (M): Die Tote Stadt hat ja gerade Konjunktur, kam gerade in Hamburg raus, wo sie 1920 zusammen mit Köln uraufgeführt wurde. Die musikalischen Ansprüche dieser Oper sind groß, sie erfordert ein riesiges Orchester, sie hat beinahe unsingbare Hauptpartien. Nun hat sich ausgerechnet Görlitz, ein kleines Theater, an dieses Riesenwerk gewagt. Können die das in musikalischer Hinsicht überhaupt bewältigen? Herr Friedrich, wie war´s denn?

    Friedrich (F): Die Tote Stadt ist eine meiner erklärten Lieblingsopern, die mich entweder sehr stark anfasst oder wo ich mich sehr ärgere, wenn es denn nicht gut ist. Deswegen bin ich auch etwas ängstlich nach Görlitz gefahren. Und die kurze Antwort ist: Ja, die können das. Auch wenn ich noch ein paar Einschränkungen machen werde.
    Diese Geschichte des Witwers Paul, der seiner geliebten Frau nachtrauert, hat mich wieder einmal sehr berührt. Er verstrickt sich da in Tagträumereien, ist so ein etwas psychopathologischer Fall.
    Das alles steht und fällt mit dem Orchester. Der junge Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti hat mit seinen Musikern ganz, ganz stark gearbeitet und die Neue Lausitzer Philharmonie spielt offenbar auch richtig gerne für ihn, bis zum Schluss hochkonzentriert und ungeheuer farbenreich. Sanguineti ist ein Mann der rhythmischen Kontur und klangfarblichen Sinnlichkeit, großartig! Das Orchester ist auf der Hinterbühne, durch einen Gazevorhang abgeteilt, auf der Hauptbühne ist das relativ spartanische Bühnenbild aufgebaut. Das hat einerseits den Vorteil, dass das Orchester schon etwas abgedämpft ist, andererseits den Nachteil, dass die Obertöne etwas abgeschnitten sind und das Orchester erst am ganz zum Finale, wenn dann der Vorhang hochgeht, im Hintergrund verführerisch glitzert und dann so schön und brilliant klingt, dass dieses Finale einem wirklich die Tränen in die Augen treiben kann.

    M: Nun die Frage nach den Sängern. Vor allem die Tenorpartie des Paul ist mörderisch, die weibliche Hauptpartie ist auch nicht viel leichter zu singen. Wie haben die sich geschlagen?

    F: Großartig! Jan Novotny ist der Paul, eine wirklich schöne Stimme, sehr markant, sehr männliche Tongebung. Ihm wird sehr geschickterweise von der Regie die 2. Strophe des großen Knallers „Glück, das mir verblieb“ im ersten Akt erspart. Paul und Marietta hören gemeinsam eine Platte, hören aus dem Off die Aufnahme, ein bisschen knisternd, wie von einer Schellackplatte. Paul wird von Weinkrämpfen geschüttelt, was von Jan Novotny auch sehr schön gespielt wird. Ähnlich geschieht das auch am Ende der Oper, da gibt es eine Reprise dieses Liedes, wieder quasi von der Schellackplatte. Wir hören schon Jan Novotny, aber eben nicht live. Da ist er sicherlich dankbar, dass er das am Ende der Oper nicht noch mal singen muss; aber die großen ariosen Stellen - es gibt auch eine richtige Arie - singt er hinreißend, wirklich sehr, sehr schön.
    Patricia Bänsch, die Marie/­Marietta, fällt einen Tick dagegen ab. Sie hat mich nicht immer so überzeugt, aber an den wichtigen Stellen, wie im Finale des zweiten Aktes, ist auch sie ganz großartig!
    Regina Pätzer, die Brigitta und der einzige Gast an diesem Abend, hat diese sehr schön aufblühenden Linien wunderbar gesungen.
    Die ganzen anderen, kleineren Partien nenne ich jetzt nicht, aber es war auch alles sehr gut, also wirklich schön gesungen!

    M: Eigentlich sollte ja Klaus Arauner inszenieren, er hat dann die Regie aber kurzfristig abgegeben. Jan-Richard Kehl hat die Ausstattung und das Konzept übernommen. Hat das funktioniert?

    F: Im Prinzip ja! Der erste Akt ist wirklich großartig gestaltet. Paul wird von der Trauer um seine Frau überwältigt und steigert sich in Wahnwelten hinein. Diese verstorbene Frau ist in Person einer Tänzerin wirklich anwesend. Das hat etwas Nekrophiles, etwas Ekliges, was dem Stück auch sehr entspricht. Das ist auch in der Personenführung sehr gut gearbeitet.
    Der zweite Akt mit den großen Tanzeinlagen, der großen Freilichtszene mit dem Zitat aus Robert Le Diable, ist mir etwas zu „verhampelt“, zu regietheatermäßig. Zu oft geht da das Saallicht an, das hätte man auch gerne auslassen können. Es gibt Videoprojektionen, die jedoch nichts erhellen, und nach der großen Romanze des Pierrot (das ist Ji-Su Park, der auch sehr schön gesungen hat) wird dann projiziert: Glotzt nicht so romantisch! Das halte ich für ziemlich thöricht, denn bei dieser Musik muss man sich auch dem Sentimentalen mal richtig ergeben können, ohne dass das gleich wieder reflexhaft gebrochen werden muss.
    Das Ende ist dann wieder sehr schön gemacht: Marietta zieht da der körperlich anwesenden Marie ihre Perücke ab. Marie wird dann vielleicht zur Krebspatientin, es war also kein „schöner Tod“. Man weiß, dass Paul wohl auch deshalb traumatisiert ist, was wieder sehr schön gearbeitet ist und psychologisch auf die Bühne gebracht. Also Licht und Schatten, einiges gefällt mir wirklich nicht und wäre aber relativ leicht zu beheben. Mich wundert deshalb immer, dass solche großen Schnitzer passieren - aber vieles ist auch richtig gut!

    M: Also eine eher ambivalente Inszenierung. Trotzdem eine Empfehlung von Ihnen?

    F: Unbedingt! Schon allein, um Andrea Sanguineti und das Orchester zu erleben! Auch Jan Novotny ist auf jeden Fall ein Tipp, ein Tenor, den ich sehr gern gehört habe! Eine großartige Oper, die ich jedem nur empfehlen kann!

    M: Das sagt Uwe Friedrich, unser Opernkritiker, über die Tote Stadt in Görlitz. Wie gesagt, eine Empfehlung von ihm und wenn Sie sich das das ansehen wollen: die nächste Gelegenheit ist am 18.4. um 19:30 Uhr, dann am 24.4., ebenfalls um 19:30 Uhr. Dann gibt es noch 2 weitere Aufführungen am 3. und am 29. Mai.

    Herzlichen Dank, Uwe Friedrich!

    F: Gerne!

    MUSIKTHEATER »Die tote Stadt« — Eindrücke von Michael Rudloff

    Eindrücke von der Premiere von Erich Wolfgang Korngold: „Die tote Stadt“ am 11. April 2015 am Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau

    Ein knallbuntes Plakat wirbt in Regionalzügen und in der Stadt für einen Besuch der Toten Stadt im Theater Görlitz. Es ist erfreulich, daß dies lange Zeit unterschätzte Werk Erich Wolfgang Korngolds nach langer Pause wieder den Weg ins Repertoire der Opernhäuser und Theater findet. Zwar dürften Kinointeressierte schon seine Musik gehört haben – zuletzt auch aus der Toten Stadt in The Big Lebowski – dennoch zählt Korngold immer noch zu den Vergessenen.

    Anfang der zwanziger Jahre war sein 1920 in Hamburg und Köln uraufgeführtes Hauptwerk „Die tote Stadt“ ein Publikumsmagnet. Neben der eingängigen spätromantischen Musik, die sich andererseits der modernen Tonsprache öffnete, trug das Sujet zum Erfolg bei. Im kurz zuvor beendeten Krieg traf der Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen den Nerv der Zeit. Der Kunstgriff, die Bewältigung der Lebenskrise in einen Traum mit kathartischer Wirkung zu verlegen, griff die damals in Mode gekommene Psychoanalyse auf. Der damals 23jährige Komponist, der ein Textbuch seines Vaters kongenial umgesetzt hat, feierte seinen größten Triumph – der leider sein letzter durschlagender Erfolg auf der Opernbühne blieb.

    Das Werk erfordert neben einem gewaltigen Orchester einschließlich Parsifal-Glocken, Orgel, Harmonium und Windmaschine Sänger, die auch einen Tristan durchstehen können und erstklassig besetzte Nebenrollen. Verständlich, wenn Intendanten das Risiko scheuen. Werden die Zuschauer den Aufwand belohnen? In Hamburg dürfte eher Klaus Florian Voigt für ausverkaufte Vorstellungen garantieren als der Name des Komponisten. Nach der Verfemung durch die Nationalsozialisten litt die Rezeption seit den fünfziger Jahren unter einer elitären Geringschätzung. Die Aussage, es klinge etwas nach Korngold, galt als Verdikt. In bestimmten Kreisen war das ebenso anstößig wie heute das Bekenntnis, Helene Fischer zu mögen.

    Wiederbelebungsversuche der Toten Stadt blieben bisher ohne nennenswerten Nachhall. Um so erfreulicher ist es, daß sich nun auch mittlere und kleinere Bühnen des Werkes annehmen, Hof, Augsburg, Graz, Lübeck, Freiburg und Chemnitz - nun auch Görlitz. Die Stadt verfügt über ein wunderschönes Theater, das nicht zu Unrecht als „Kleine Semperoper“ gerühmt wird. Der kleine Orchestergraben zwingt allerdings zu Kompromissen. Das Orchester wurde hier – wie beim Rosenkavalier in Döbeln /­ Freiberg – hinter der Bühne plaziert. Der Dirigent kommunizierte über den Monitor mit den Sängern. Die Übertragung per Lautsprecher in den Zuschauerraum wirkte etwas befremdlich. Andererseits erlaubte die in die Tiefe gestaffelte Bühne interessante Effekte, wenn sich kurzzeitig der Blick auf einen Teil des Orchesters öffnete. Marie sang ihren Part in der Traumsequenz des Ersten Aktes hinter der Szene, durch die Verstärkung ergab sich aber ein leicht irritierender Echo-Effekt, der dramaturgisch beabsichtigt sein könnte. Die für die Musik Korngolds unverzichtbare Klang-Opulenz wurde jedoch dadurch etwas ausgebremst.

    Ausgesprochen schwierig ist es, für eine Umsetzung des Alptraumhaften mit seinen Umschwüngen ins Groteske die richtigen Bilder zu finden. Das Werk wurde in Görlitz auf einer Schräge gespielt, die die verzerrte Wahrnehmung des Protagonisten unterstreichen sollte und den Sängern schon körperlich einiges abverlangte. Das Bild der Marie verkörperte eine Tänzerin, die nahezu die gesamte Zeit auf der Bühne präsent war. Sie stellte eine Projektion Pauls dar, die Bewegungen wurden dann eckiger, bis sie sich in die verrenkte Gliederpuppe verwandelte, die dann nach Pauls Erwachen im Dritten Akt ausgetauscht wurde. Tänzer des Balletts ergänzten die Schauspielertruppe. Sie füllten auch in der Fronleichnamsprozession die Bühne. Die „verzerrten“ Bewegungen erinnerten mich an die Hamburger Produktion. Offensichtlich schienen alle Kräfte des Theaters mobilisiert worden zu sein. Aus meiner Sicht führte das in der Vision Pauls im Dritten Akt zu einer Unübersichtlichkeit, als dann auch noch Videosequenzen eingespielt wurden, während die ganze Bühne geradezu von Personal wimmelte. Ballettänzer werden gegenwärtig in der Oper immer beliebter. Ich empfinde den Einsatz von Tänzern eher ablenkend als erhellend - so z.B. auch bei dem "Nonnenballett" zu Beginn des Zweiten Aktes.

    Bemerkenswert ist, daß das Theater Görlitz ohne Gäste auskam. Durch eine erstklassige Besetzung der Nebenrollen Regina Pätzer als Brigitta und Ji-Su Park als Frank war man sofort für das Ensemble eingenommen. Anrührend war der Ausbruch Brigittas am Anfang des Ersten Aktes "Was das Leben ist, weiß ich nicht". Das Lied des Pierrot „Mein Wähnen, mein Sehnen“, das Ji-Su Park beseelt und differenziert interpretierte, hat mich selten so angesprochen. Die beiden Hauptdarsteller füllten die ungeheuer anspruchsvollen, geradezu "mörderischen" Rollen aus und es gelangen ihnen berührende Momente. Patricia Bänsch sang die Marietta /­ Marie mit etwas Vibrato und mitunter recht laut, was sicher Geschmackssache ist. Jan Novotny klang gelegentlich etwas nasal. Beide lagen immer über dem in den Ausbrüchen gewaltig auftrumpfenden Orchester unter der Leitung von GMD Andrea Sanguineti. Die sicher nicht einfache Abstimmung mit dem Orchester über Monitor funktionierte. Es war beeindruckend, wie beide in ihren Rollen auch darstellerisch aufgingen.

    Als ärgerlich empfand ich die Idee, den wohl bekanntesten Hit, „Glück, das mir verblieb“ zu verfremden, als hätte der Regisseur Angst davor, das Ganze würde zu „gefühlig“ bzw. melodienselig. Aus der alten Laute wurde die alte Platte mit Richard Tauber, die dann auch mit etwas Schellacksound eingespielt wurde, während dann bei der dritten Strophe Marietta zum ergriffenen Gesicht des Paul in Lachen ausbrach. Das ergibt durchaus einen nachvollziehbaren Sinn, zerstört aber den Hit der Oper, auf den alle warten, die das Werk schon einmal gehört haben. Neuerdings wird die Tote Stadt nur noch mit dem Strich am Ende des Ersten Aktes und der nahtlosen Überleitung zum Zweiten Akt gegeben, wodurch einige schöne Takte und ein effektvoller Schluß verloren gehen.
    Sinnvoll ist der durch die Videoeinblendungen hergestellte Bezug zur Entstehungszeit nach den Schrecken und dem massenhaften Sterben im Ersten Weltkrieg. Gefallen hat mir der offene Interpretationsansatz. Ist es die über den Tod hinausreichende Liebe oder eher das schlechte Gewissen Pauls, der an dem Tod seiner Frau vielleicht nicht unschuldig ist? In Görlitz entschied man sich für eine Art „Happy End“, bei der ein durch den Traum geläuterter Paul nach einigem Zögern tatsächlich gemeinsam mit Frank die Bühne über den Seitenausgang des Zuschauersaals verläßt. Die Musik spricht nach meinem Empfinden etwas anderes aus. Der Traum hat ihm eher vermittelt, daß er seiner seelischen Verletzung nicht entfliehen kann. Der letzte Satz: „Ich will`s – Ich will´s versuchen.“ klingt nun einmal nicht nach dem Aufbruch zu einem neuen Leben jenseits der Stadt des Todes.

    Alles in allem kann sich die Görlitzer Produktion durchaus mit Hamburg messen; einige Rollen schienen mir sogar stärker besetzt. Das zahlreich erschienene Premierenpublikum bejubelte alle Mitwirkenden einhellig. Erwähnenswert ist das informative und liebevoll gestaltete 70-seitige Programmheft.
    Einen herzlichen Dank an alle Beteiligten und das aufmerksame und entgegenkommende Personal für einen eindrucksvollen Opernabend.

    Michael Rudloff
    13.04.2015

    MUSIKTHEATER: »Hänsel & Gretel« — Jens Daniel Schubert — Sächsische Zeitung

    … zum Fressen gern!

    "Hänsel und Gretel" auf dem Teller. Neue Seiten an einem alten Märchen entdeckt das Musiktheater in Görlitz.


    In den Reigen der vorweihnachtlichen Familieninszenierungen reihte sich am Sonnabend das Gerhart-Hauptmann-Theater mit »Hänsel und Gretel« ein. Die beliebte Märchenoper wurde in heutiger, überhöhter Optik, mit nachdenkenswertem Subtext gespielt, blieb dabei aber unterhaltsames, fantasieanregendes Märchen und große Oper auf beachtlichem Niveau.

    Dafür kamen ganz wichtige Impulse aus dem Graben, wo Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti mit der Neuen Lausitzer Philharmonie mehr als nur einen Soundteppich ausbreitete. Der Italiener weiß genau, was er will. Das ist nie nur normal und so, wie man es überall hört. Er arbeitet leitmotivische Linien heraus, verschiebt die Schwerpunkte zwischen den Orchestergruppen, sodass selbst der Kenner neue Dinge hört. Auch für die Tempi hat er sehr eigene Vorstellungen, die manchmal ungewohnt, meistens anregend und interessant, immer aber wohl überlegt und auf die Spielhandlung bezogen sind. Ambitioniert steht Sanguineti in der Gesamtverantwortung des Abends, nimmt für die Sänger und natürlich für den Kinderchor die Orchesterlautstärke bis ins Piano zurück, das so zu klingen beginnt und eine eigene Kultur entwickelt.

    Humperdinck, seine textdichtende Schwester Wette und die Kinder: Das ist so eine Sache. Manch Textpassage ist für heutiges Verständnis von Kindsein nur schwer zu ertragen. Und Humperdincks Musik hat sich vom schlichten Singspiel zur ausgewachsenen großen Oper gemausert. Schon die reiche Ouvertüre, gerade wenn sie gut interpretiert wird, lässt jedes Musikliebhabers Herz höher schlagen. Um Kinder bei der Stange zu halten, sollte was passieren.

    Das Inszenierungsteam um Regisseur Sebastian Ritschel und Ausstatterin Barbara Blaschke entschied sich für einen Film. Steffen Cieplik hat ein Video produziert, das im zweiten Teil der Ouvertüre auf den Zwischenvorhang projiziert wird. Der Teller ist leer, wird hier gezeigt. Dann, was so alles Leckeres oder auch weniger Beliebtes auf den Tellern zu finden ist, wie es verputzt wird und was übrig bleibt. Das geht flott, das ist witzig, das hat aber mit der Ouvertüre und erst recht mit dem Märchen scheinbar wenig zu tun. Doch Ritschel, der gern scheinbare Nebengedanken in großen Bildern aufrollt, weiß genau, was man wie zeigen kann. Und »der Teller ist leer«, oder wie es bei dem »Brot für die Welt«-Plakat heißt »Weniger ist leer«, zieht sich durch den ganzen Abend. Da ist die »Besenbinderstube«, in der Hänsel und Gretel sich singend und tobend vom eigenen Hunger ablenken, ein überdimensionierter, zerbrochener Teller. Der »Besen« ist folgerichtig ein riesiger Schneebesenaufsatz einer Küchenmaschine. Im Traumbild kommt erst ein Kind, dann mehrere, schließlich eine fast nicht zu überblickende Kinderschar mit leeren Tellern auf die Bühne, bis ihnen der Sandmann einen Weihnachtsbaum rotbackiger Äpfel herbeizaubert. Und selbst im Hexenbild – einem riesigen bunten Teller voll überdimensionaler, schaumstoffweicher und bonbonbunter Süßigkeiten – spielt der leere Teller eine wichtige Rolle.

    Barbara Blaschkes Ausstattung hat also keine beschauliche Stube, keinen realistischen Märchenwald, kein duftendes Lebkuchenhaus. In den Kostümen bleibt sie, bis auf die drastisch überhöhte Hexe und die dunkelbemantelten Eltern, im schlicht-zeitlosen Märchenstil. Dennoch funktioniert das Märchen. Auch, weil Ritschel die Figuren genau geführt hat: die wohlerzogene Gretel und der hyperaktive Hänsel, die strengen, wohlgeordneten Eltern, die lustvoll-hemmungslose Hexe. Er gibt ihnen nachvollziehbare Differenzierungen und legt sie vielschichtig, widerspruchsvoll und gerade darin menschlich nachvollziehbar an. Und hier trifft er sich dann wieder mit Sanguineti. So beeindrucken Ji-Su Park als Vater und Patricia Bänsch mit ihrer differenzierten wie klangvollen Darstellung der
    Mutter. Laura Scherwitzl hat sichtbar Spaß an ihren gegensätzlichen Märchenfiguren, dem schwebenden Sand- und dem kurzbeinig-erdverbundenen Taumännchen.

    Bernd Könnes ist eine erfrischende Hexe, deren drastisches Spiel und tenorale Charakterisierung schon zur Premiere Jubel hervorrief. Und dann sind da Christel Loetzsch als Hänsel und Cristina Piccardi, die mit großem Einsatz, turbulentem Spiel und dabei immer gut kontrolliertem Gesang die Titelpartien gestalteten. Und natürlich der Kinderchor, der schon vor dem finalen Auftritt einiges zu spielen hat. Das Theater hat dazu mit der Grundschule Schöpstal zusammengearbeitet, und die Kinder sind mit solcher Begeisterung dabei, dass sich eine Bewertung des Gesangs verbietet. Das sind die Märchenkinder, das sind die Kinder von heute, die in der vorweihnachtlichen Familieninszenierung mitspielen, was sie sicher für ihr ganzes Leben prägen wird: »Hänsel und Gretel«, der Klassiker in Görlitz.

    Von Jens Daniel Schubert
    Sächsische Zeitung, 17.11.2014

    SCHAUSPIEL

    »Der Fluch von Oybin« — Rainer Könen — Sächsische Zeitung

    »Der Fluch von Oybin« — Jan Lange — SZ Online

    »Gretchen 89ff.« — Andreas Herrmann — Sächsische Zeitung

    »Maria Stuart« — Tomas Petzold — Dresdner Neueste Nachrichten

    »Maria Stuart« — Rainer Kasselt — Sächsische Zeitung

    »Maria Stuart« — Sandro Zimmermann — Kultura-Extra das online magazin

    »Der Tod und das Mädchen« — Thomas Beier — Görlitzer Anzeiger

    »Der Tod und das Mädchen« — Gabriele Gorgas — Sächsische Zeitung

    »Der Tod und das Mädchen« — Sandro Zimmermann — Kultura-Extra das online-magazin

    »Geheime Freunde« — Marcel Pochanke — Sächsiche Zeitung

    »Kriegsmutter« — Ute Grundmann — Sächsische Zeitung

    »Kriegsmutter« — Michael Bartsch — www.nachtkritik.de

    »Kriegsmutter« — Sandro Zimmermann — Kultura-Extra das online-magazin

    »Comedian Harmonists« — Andreas Herrmann — Sächsische Zeitung

    »Sei ein Frosch!« – Rainer Könen – Sächsische Zeitung

    »Der kleine Prinz« — Silvia Stengel — Sächsische Zeitung

    »Indianer« — Torben Ibs — Magazin »theaterheute«‎

    »Indianer« — Andreas Herrmann — Dresdner Neueste Nachrichten

    »Indianer« — Rainer Kasselt — Sächsische Zeitung

    »Indianer« — Ute Grundmann — die deutsche bühne

    »Indianer« — Michael Bartsch — www.nachtkritik.de

    »Beziehungsweise(n)« — Silvia Stengel — Sächsische Zeitung

    »Der Nackte Wahnsinn« - Sandro Zimmermann - Kultura extra - das online-magazin

    »Der Nackte Wahnsinn« - Johanna Lemke - Sächsische Zeitung

    SCHAUSPIEL: »Der Fluch von Oybin« — Rainer Könen — Sächsische Zeitung

    Rex is(t) back

    Uraufführung auf der Jonsdorfer Waldbühne: „Der Fluch von Oybin“ zog die Besucher trotz großer Hitze in den Bann.

    In Jonsdorf ist man offensichtlich auf den Hund gekommen, pardon, auf den Wolf. Wie sonst ist es zu erklären, dass beim diesjährigen Sommerevent des Gerhart-Hauptmann-Theaters Zittau Tier- und Hexenwesen ihr Comeback feiern dürfen. Und nicht nur das. Die Waldbühne Jonsdorf wartet mit einem actionsreichen Ritter-Open-Air-Spektakel auf, kämpft, zaubert und küsst sich in dieser Sommertheaterspielzeit mit „Der Fluch von Oybin“ wieder in die Herzen der Besucher aus dem Dreiländereck.

    Das in Sachsen mitunter die merkwürdigsten Dinge passieren, das ist keine aktuelle Feststellung, sondern eine, die man auch schon vor Hunderten von Jahren in dieser Region machte. Und doch ist es immer wieder das altbekannte Lied. Da greifen Hexen zur Teufelsbibel, um ein Liebespaar zu verzaubern. Sie wird tagsüber zum Falken, er nimmt nachts die Gestalt eines Wolfes an. Zwei Menschen, deren Herkunft am Ende alle überraschen wird. Zwei Menschen gegen dessen Liebe eine Premium-Verzauberung dieser Oberlausitzer Hexen wirkungslos ist. Aber welch ein Glück für die überraschend gut aussehenden Hexen, dass es da noch den Zauber zweiten Grades gibt. Auch damit kann man so allerlei Unsinn anstellen.

    Diese Uraufführung auf der Waldbühne enthält alle Ingredienzien, die man für ein unterhaltsames Sommertheaterstück benötigt. Vor einer eindrucksvollen Naturkulisse gibt es jede Menge Action, Pyrotechnik, Pferde, Stunts, farbenprächtige Kostüme und zahlreiche Mitwirkende. Alles eingebettet in eine Geschichte, wie sie sich im Mittelalter auf Höfen und Burgen häufig abgespielt hat. In dem mittelalterlichen Abenteuerspektakel stehen Heinrich von Leipa, Marschall von Böhmen und Burgherr von Oybin, seine Söhne Konrad und Ferdinand sowie sein Mündel Isabella im Blickpunkt. Es ist die klassische Geschichte vom guten und bösen Bruder. Konrad, der ältere, wird von seinem Vater zu dessen Nachfolger erhoben. Sein jüngerer Bruder findet das alles andere als schön, sinnt auf Rache, zumal ihn der Vater nur mit einem kleinen Gut abspeist. Was also tun? Wie gut, dass er schon mal die Bekanntschaft der Oberlausitzer Hexen gemacht hat. Grazyna, Asteroida, Baby Yaga und Coca Cola unterstützen seine dunklen Machenschaften gerne.

    Schauspielintendantin Dorotty Szalma hat sich nach ihrem ersten Waldbühnen-Abenteuerstück in der vergangenen Spielzeit, das stand Karasek im Mittelpunkt, mit Heinrich von Leipa erneut einer Person der hiesigen regionalen Geschichte zugewandt und das mittelalterliche Treiben auf der Oybiner Burg auf die Jonsdorfer Waldbühne verlagert. Dazu hat Beate Voigt eine Bühnenbild geschaffen, inmitten der Felsenkulisse die Burg entstehen lassen. Wer in diesem zweistündigen Stück der Bad Boy ist, das macht David Thomas Pawlack von Beginn an deutlich. Er gibt dem Ferdinand diese intrigante Wesenshaltung, die sich erst am Ende auflöst, aber da ist schon alles zu spät. Sein Gegenpart ist Marc Schützenhofer (Konrad), dem die Rolle des Gutmenschen so unbekannt nicht ist. In seiner Schauspielkarriere gab er bei den Landesbühnen häufiger den Winnetou. Katinka Maché gibt ihrer Isabella diese mädchenhafte naive Weltsicht, die sie letztendlich jedoch nicht schützen wird. Das Stück nimmt erst mit dem Erscheinen von Pumphut richtig Fahrt auf. Der ist ein Taugenichts, der sich mit Gelegenheitsdiebstählen über Wasser hält, Stefan Sieh spielt diese Figur mit diesem eigenwillig-unbedarften Charme, der von diesem Menschen oft ausgeht. Pumphut trifft kurz darauf auf den geheimnisvollen Schwarzen Ritter erfährt da von diesem Fluch. Auf der Suche nach Konrad und Isabella kommt Pumphut in den Besitz der Teufelsbibel. Warum soll er da nicht helfen, Konrad und Isabella aus dem Tierreich zu holen? Doch sein Bemühen in diesem teuflischen Almanach den richtigen Spruch zu finden, ist nicht von Erfolg gekrönt. So hört man es rings um die Burg krachen und zischen, donnern und rumpeln, die Pyrotechniker haben alle Hände voll zu tun.

    Im zweiten Teil wird es schwungvoll, zeigt sich das Hexen-Quartett in Hochform. Da will Frau zeigen, was Magie alles möglich macht. Doch ohne Teufelsbibel, die hat Pumphut, sieht es trübe aus. Sehr amüsant anzusehen, als die vier versuchen, mit ihrem Besen abzuheben. „Nun sind wir nur gemeine Straßenhexen, müssen zu Fuß gehen“, jammern sie. Ja, und dann sind da noch die Auftritte von Wolf und Falke. Beeindruckend insbesondere die Szenen mit Rita, so heißt der den Wolf spielende Schäferhund. Wie Rita über die Bösewichte herfällt, das erinnert an die legendäre Krimiserie Kommissar Rex, in der sich der Polizeihund bei Einsätzen so beherzt auf die Täter stürzt. Szenenapplaus gibt es für so manch originellen Regieeinfall. So heißt der Zauberkessel der Hexen, Miracoli, ein Behältnis, das laufen kann. Nachdem der Fluch dank Pumphuts Hilfe aufgelöst wurde, es zum Showdown zwischen Ferdinand und Konrad kommt, die eine rassige Schwertkampf-Choreographie auf der Freilichtbühne zeigen, das Stück sich dem Ende nähert, wird es höchste Zeit, um Klarheit in die Leipa`schen Familienverhältnisse zu bringen. Das macht Heinrich von Leipa (Tilo Werner) höchstselbst. Es ist eine Aufklärung mit Daily-Soap-Charakter. Eine, die das enthält, worauf es im Theater ankommt. Da möchte man überrascht und nicht bestätigt werden. Wer da von wem stammt, das lässt staunen. Das hätte man nicht vermutet. Ach so, und der Oybiner Fluch, er war im Übrigen der letzte Arbeitsnachweis der Oberlausitzer Hexengilde.

    Rainer Könen
    Sächsische Zeitung
    06. Juli 2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Der Fluch von Oybin« — Jan Lange — SZ Online

    Oybiner Fluch auf der Waldbühne

    Marc Schützenhofer spielt im neuen Sommertheater die Hauptrolle. Dabei kommen auch Komparsen ins Schwitzen.


    Balduin liegt am Boden, Ritter Konrad steht vor ihm. Er hat seinen Gegner besiegt. Bis es zu dem Kampf zwischen Hauptdarsteller Marc Schützenhofer und Balduin-Darsteller Klaus Beyer kommt, müssen die Zuschauer etwas warten. Aufregende Kämpfe und Explosionen bietet der „Fluch von Oybin“, der am Sonnabend Premiere gefeiert hat, bis zu dieser Szene natürlich jede Menge.

    Der finale Kampf um die Burg Oybin wird an diesem späten Nachmittag kurz vor der Premiere als Erstes geprobt. Die Burg wurde von den Bühnenbildern des Zittauer Theaters mitten in die felsige Natur der Jonsdorfer Waldbühne gebaut. Während das Hainewalder Schloss im Vorjahr beim Stück „Karasek“ auf der rechten Bühnenseite entstanden war, ist die Oybiner Burg diesmal der Mittelpunkt des Bühnenbildes. Etwa drei Monate haben die Theatermitarbeiter gebraucht, um die einzelnen Teile anzufertigen und schließlich die Kulisse vor Ort aufzubauen.

    „Angriff“, schreit Konrads jüngerer Bruder Ferdinand (David Thomas Pawlak), und schon stürmt ein Trupp Wachleute aus der Burg. Sie werden von den Angreiferinnen mit Büchern und Kochlöffeln malträtiert. Noch ist Kampfchoreograf Axel Hambach nicht ganz zufrieden. „Ihr müsst eure Stimme benutzen. Müsst Spaß haben“, appelliert er in Richtung der Komparsen. „Wenn dir etwas auf den Kopf gehauen wird, musst du schmerzvoll schreien“, erklärt er einem der Wachleute, der von den Hexen vermöbelt wird.

    Auch für die jungen Kämpfer auf einem der oberen Felsen hat Hambach noch einen Tipp parat. Sie sollen bei dem angedeuteten Messerkampf ein bisschen mehr ausholen. So sieht das Ganze noch echter aus. Der Schlusskampf wird gleich noch einmal geprobt. „Stopp, stopp“, ruft Hambach mitten in der Szene. Keiner der Beteiligten hat auf den lauten Knall reagiert. Das liegt vielleicht auch daran, dass es bei der Probe noch keine wirkliche Explosion gibt. Und so wird kurzerhand improvisiert. Eine Sirene soll den Knall symbolisieren. „Seid ihr alle auf Position“, ruft Hambach fragend in Richtung der Schauspieler und Kleindarsteller. „O. k., wir sind so weit … Bitte!“ Und so beginnt der Kampf aufs Neue. Diesmal ist Axel Hambach, der schon beim Abenteuerspektakel im vorigen Jahr als Kampfchoreograf tätig war, zufriedener. Als die Sirene ertönt, schauen alle Kämpfer erschrocken in Richtung des Knalls. So soll es auch bei den Aufführungen sein – dann aber mit einer echten Explosion. In den letzten Tagen vor der großen Premiere hatten die Schauspieler noch mal einzelne Szenen geprobt, zwei Tage vorher fand ein weiterer Durchlauf des gesamten Stückes statt, bevor die Generalprobe folgte. Die gibt es traditionell am Tag vor der Premiere. Die Premiere am vergangenen Sonnabend ist schon Tage vorher komplett ausverkauft gewesen. Immerhin haben auf der Waldbühne in Jonsdorf etwas mehr als 900 Zuschauer Platz. Das zeugt vom riesigen Interesse der Zuschauer. Das ist auch sonst groß. Bisher wurden über 8 200 Karten für die insgesamt 20 Vorstellungen verkauft oder reserviert, wie Theatersprecherin Sophie Brückner mitteilt. Ein enormer Wert, wenn man bedenkt, dass das Sommertheater gerade erst begonnen hat. Auch die Vorstellungen am 8. und 9. Juli, jeweils um 10 Uhr, sind schon jetzt ausverkauft.

    Die enorme Nachfrage begründet sich sicher auch in dem Stück selber. Es wurde wie im Vorjahr eigens für die Jonsdorfer Waldbühne, die Region und ihre Zuschauer geschrieben. Umgesetzt wird das Abenteuerspektakel von einem bewährten Team. Zittaus Schauspielintendantin Dorotty Szalma führt nach „Karasek“ erneut Regie auf der Waldbühne und Axel Stöcker hat wieder den Text geschrieben. In der Geschichte geht es um den Burgherrn von Oybin. Heinrich von Leipa, der gleichzeitig Marschall von Böhmen ist, hat zwei Söhne: Konrad, den älteren, der in der Erbfolge der künftige Burgherr ist, und Ferdinand, den jüngeren. Letzterer will sich nicht damit abfinden, der Zweitgeborene zu sein. Noch dazu, weil Konrad mit dem Mündel des Vaters, der schönen Isabella (Katinak Mache), verheiratet werden soll. Auch Ferdinand begehrt Isabella. Er sinnt auf Rache. Mithilfe von schwarzer Magie werden Isabella und Konrad mit einem Fluch belegt. Sie sind nun dazu verdammt, sich immer wieder vom Mensch zum Tier zu verwandeln. Von schwarzen Rittern verfolgt, kreuzen sich ihre Wege auf wundersame Weise immer wieder. Denn beide ahnen nicht, dass ihr Schicksal unweigerlich miteinander verbunden ist.

    Als der Gelegenheitsgauner Pumphut (Stefan Sieh) schließlich hinter das Geheimnis kommt, nehmen sie gemeinsam den Kampf gegen Ferdinand, seine Gefährten und die Oberlausitzer Hexen auf.

    Jan Lange
    SZ Online
    06. Juli 2015
    Marc Schützenhofer (stehend) hat seinen Mitspieler Klaus Beyer besiegt. Doch der Kampf ist noch nicht vorbei.

    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Gretchen 89ff.« — Andreas Herrmann — Sächsische Zeitung

    Faust als Charaktertest

    Claudia Grönninger inszenierte Lutz Hübners Komödie "Gretchen 89ff". in Zittau als Schmonzette.


    Auf Zittau ist Verlass. Der Sommertheaterstart auf dem Klosterhof verspricht Theatergenuss für Wetterfeste. Doch im Vergleich zum Vorjahr war es am Sonnabend zwei Grad wärmer und Regen wie Wind nur latent bis böig statt andauernd. Also nahezu perfekte Bedingungen für eine gelungene Frischluftpremiere, auf den sich die Theatergastronomie traditionell mit reichlichem Glühweinvorrat eingestellt hat.

    Gespielt wird Goethes Faust. In einer besonderen Form, als Probenprozess der berühmten Kästchenszene in verschiedenen Konstellationen. „Gretchen 89ff.“ heißt die Komödie von Lutz Hübner, die in kleinen, unverbundenen Miniaturszenen viel über das Theatertypeninnenleben verrät. Deutschlands erfolgreichster Gegenwartsdramatiker schrieb die kluge Komödie mit viel Interpretationsfreiraum vor fast zwanzig Jahren am Beginn seiner Autorenkarriere, seither läuft sie jedes Jahr mehrfach, taugt aber als Kammerspiel nur für solche lauschige Freiluftbühnen wie den duftenden Klosterinnenhof.

    Dabei kommt es immer wieder zur Konfrontation der Regisseure mit verschiedensten blutjungen Aktricen, die allesamt den frühen Probenprozess zu jener Schlüsselszene karikieren, als das keusche Gretchen, noch aufgewühlt von der ersten Begegnung mit Faust, dass teuflische Schmuckkästchen von ihm in ihrem schwülen Gemach findet und es sie doch irgendwie anrührend nach dem Golde, an dem alles hängt, drängt.

    Claudia Gröninger, seit einem Jahr als Regieassistentin am Haus, gelingt bei ihrem Zittauer Regiedebüt durchaus einegelungene Umsetzung des Schauspielerfestes, welches die Anlagen zur echten Farce hat und als Faust’scher Charaktertest von der Wandlungsfähigkeit der Darsteller lebt. Die verschiedenen Typen werden mit der Stimme von Marc Schützenhofer aus dem Off kurz einführend charakterisiert, der damit als einziger des Sextetts vom furiosen „Spiel von Liebe und Zufall“ präsent ist. Er wird aber mit jener Inszenierung Stefan Wolframs aus dem Vorjahr ab 19. Juni noch sieben Mal auf dem Görlitzer Nikolaifriedhof gastieren.

    Heuer hat vor allem Klaus Beyer, mit reicher Wiener Erfahrung ab kommender Spielzeitfest in Zittau engagiert, markante Auftritte: Ihm gelingen nahezu durchweg herrlich unsympathische Regietypen vom großen Streicher über den lüsternen Haudegen bis hin zum sexistischen Freudianer, einmal von Maria Weber als weibliche Entsprechung gleichwertig ersetzt. Ansonsten spielt sie, abwechselnd mit Paula Schrötter, die verschiedenen Gretchen. Weber, eher forsch bis weiblich, am besten als Diva, Schrötter hypersensibel bis überengagiert, schön auch als schüchterne Hospitantin.

    Bei der lustigsten Szene wird das Geschehen umgedreht: Die Dramaturgin (Paula Schrötter), im Theater verkannt und unterfordert, verwirklicht sich in der Freien Szene als Regisseuse und besetzt Gretchen als Mann. Dieser (Klaus Beyer) kommt vom Arbeitsamt, hat wenig Zeit und soll nun nur sich selbst als Figur ohne Rolle (oder umgekehrt) spielen - das geht gehörig schräg schief und er fährt großes Gelächter. Gab es vor der Pause, vor allem recht langen Auf- und Abtrittswegen bei häufigen Szenenwechseln geschuldet, noch einige Längen, läuft es danach viel runder, verknüpft mit Regenstopp, beleuchteter Kulisse und vermehrtem Vogelgesang, nur gestört durch diverse Freudenfeuerwerke, offenbar zu Ehren frisch geweihter Jugendlicher.

    Die Idee mit einsehbarem Schmink- und Umkleidezelt neben der Bühne, Ausstattung Christine Ruynat, ist sicher praktisch, dessen gleichzeitige Bespielung vom pausierenden Gretchen lenkt nur manchmal vom Hauptgeschehen ab.

    An der frühen Termin- und damit oft kühlen Wetterlage wird sich auch in den kommenden Jahren nichts ändern lassen. Da für die große Jonsdorfer Waldbühnenproduktion, die vor den Sommerferien herauskommen muss, sechs Wochen Probe und Darsteller wie Techniker dafür benötigt werden, ist der Zeitplan vorgegeben, so lange man den stressigen Zuschauerluxus anbietet, parallel zwei Bühnen zu bespielen. Der Erfolg in Form von permanenten Kartenmangel gibt den Zittauern seit Jahren recht.

    Andreas Herrmann
    Sächsische Zeitung
    18.05.2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Maria Stuart« — Tomas Petzold — Dresdner Neueste Nachrichten

    Frau als Spielball intriganter Männer

    Barbara und Jürgen Esser inszenierten Schillers "Maria Stuart" am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau


    Eine mit kräftigen Strichen gezeichnete „Maria Stuart“ bescheren Barbara und Jürgen Esser dem Zittauer und Görlitzer Publikum als Schiller-Wahlinszenierung des Gerhart-Hauptmann-Theaters im Jahre 2015. Über die Popularität des Stoffs bzw. der enthaupteten Königin und femme fatale des 16. Jahrhunderts sagt das freilich wenig, wenn bei der vielleicht satirisch gemeinten Abstimmung lediglich die kaum bekannte Übersetzung des „Parasiten“ von Picard zur Alternative stand.

    Wie gleich, wie nahe einander sie hier im gleichen zarten Unterkleid scheinen, die rötlich-brünette Elisabeth (Renate Schneider) und die dunkle Maria (Kerstin Slawek). Doch, Männer ziehen Frauen an, stecken sie in betörende Roben und pressen sie damit zugleich in vorgegebene Rollen. Unversehens erscheinen sie als Antipoden: die eine in steifer , düster-eleganter Robe, die andere schwelgerisch romantisch in blassfarbenem Tüll. Beide von nun an preisgegeben einer Männerwelt, die meist im Hintergrund ihre Ränke schmiedet. Uniform und neumodisch steckt sie in eitlen, seidig glänzenden schwarzen Anzügen, die freilich einschließlich der fast unauffälligen Halskrausen von einer Frau entworfen wurden (Erzsébet Rátkai).

    Auch für den grotesken Schauplatz hat mit Beate Vogt eine Frau gesorgt. Ihr Bühnenbild ist ein anachronistischer Kunst-Raum, in dem die Spiel- und Bedeutungsebenen nicht nur einfach miteinander verschränkt, sondern mittels krasser Stilbrüche in eine verstörende Unordnung gebracht sind. Auf der einen Seite verschwindet Maria Stuart in einem winzigen Wohnwagen, der auf einem mit Stacheldraht eingezäunten, mit Plastikabfällen zugemüllten Gelände abgestellt ist. Auf der anderen lädt gelegentlich eine barockisierende Sitzgruppe zu diplomatischem Diskurs, während einigermaßen mittig eine Freitreppe in höhere, freiere Gefilde führt.

    Zwar ist es für einen Augenmenschen zunächst unglaublich schwer, vor diesem Hintergrund dem Schillerschen Text zu folgen, doch das gibt sich. Jegliches Grübeln über tiefere Bedeutung muss man sich aber sparen, denn es fehlt die einerseits Zeit angesichts des vorgelegten Tempos, andererseits erzählt und verhandelt sich die Geschichte in abstrahierter Konstellation mit wahrhaft bestechender Klarheit. Alles wird reduziert auf das leicht durchschaubare Macht- und Intrigenspiel der Männer. Die Frage, welche Königin eigentlich die rechte sei, spielt kaum eine Rolle. Es sieht aus, als fänden sich am englischen Hof außer dem redlichen, aber biederen Talbot (Marc Schützenhofer) nur ein paar bornierte oder hilflose Beamte bzw. Bürokraten sowie zwei Doppelagenten, die sich gegenseitig ausstechen. Da genügt dann ein gewiefter, eitler Bösewicht, der die Übersicht behält und planvoll die vermeintliche Katastrophe herbeiführt, nämlich Burleigh. Stefan Sieh spielt ihn so glatt kalt und genüsslich, dass dagegen nur die kühle, aber zugleich sensible Hoheit Elisabeths bestehen kann. Ohne das drohende Joch einer staatlich verordneten Zwangsehe mit folgender Gebärpflicht könnte die das Rennen freilich noch ganz anders gestalten, wie die jüngste deutsche Geschichte beweist. Die geplante Allianz mit Frankreich und deren Auflösung bleibt aus anderen Gründen Episode, ohne dass die mögliche Tragweite sichtbar wird.

    Talbot wird wie gehabt seine Stellung am Ende aufgeben. Seine Entrüstung scheint allerdings etwas geheuchelt, wenn er sich wie hier unterstellt bewusst an einem üblen Spiel beteiligt hätte, mit dem die beiden Königinnen im Showdown geradezu vorgeführt werden in einer hysterische Szene, die auf den Traum einer innig schwesterlichen Begegnung folgt. Wie Kampfhähne hält man sie am Gummiband, sie werden angestachelt und zugleich vom Äußersten abgehalten, demütigend zu Boden gezerrt, die eine von Talbot, die andere von Leicester , dem feigen, doppelt verhinderten Liebhaber (David Thomas Pawlak). Da bleibt keine Chance zur Einfühlung, sondern ein nur mit Distanz zu betrachtender zynischer Opportunist, schlimmer noch als der fanatische Verschwörer Mortimer (Stefan Bestier). Unter der Aufsicht eines stumpfen Wertstoffhof-Wächters (Tilo Werner) und eines diensteifrig wuselnden, seine Redlichkeit geschickt verbergenden Paulet (Sabine Krug) fällt es Slawek nicht leicht, der Maria Stuart eine annähernd königliche Würde zu erhalten. Ihr Charakter wird einerseits kaum hinterfragt, sie erscheint durch die grotesken Umstände weder besonders beeindruckt noch karikiert oder bloßgestellt. Nachdem die Utensilien ihres letzten Abendmahls wie andere nicht mehr benötigte Requisiten auf den Müll fliegen, geht sie ihren letzten Gang in einer vielleicht heroisch gemeinten, aber nicht gerade nachvollziehbaren Gewissheit und Verklärung im Glauben. Ihr Abschied von der irdischen Welt fällt mangels dazu erforderlicher Partner recht lapidar aus, die Exekution auf einem zu vermutenden Elektrischen Stuhl im Wohnwägelchen gleicht einer Farce.

    Da wird vieles gewollt ungereimt, aber jedenfalls sehr schwungvoll vorgetragen, und so ist durchaus dafür gesorgt, dass die Spannung nie abreißt. Freilich werden so eher alte und neue Vorurteile bedient, als ernsthaft nach der Verkettung von Ursachen und Wirkungen oder gar historischen Prozessen zu fragen. Wer aber „seinen“ Schiller ein wenig zu kennen meint, wird trotzdem spüren, wie vielfältig interpretierbar dessen Sätze sind. Am Ende großer Beifall für ein sichtbar engagiertes Ense.

    Tomas Petzold
    Dresdner Neueste Nachrichten
    22.04.2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Maria Stuart« — Rainer Kasselt — Sächsische Zeitung

    Königinnen am Strick

    In der Zittauer Version von Schillers Trauerspiel „Maria Stuart“ werdendie Frauen zu Marionetten der Männerwelt.


    Zwei Frauen an der Leine, von Männern gehalten und abgerichtet. Die eine auf Knien, die andere herrisch. Bald rast die Demütige, höhnt die Stolze. Da werden Weiber zu Hyänen, zerren an den Stricken, fletschen die Zähne, speien Gift und Galle, gehen aufeinander los. Die Männer drücken sie zu Boden, reißen sie auseinander.

    Diese Szene bildet das Zentrum der Zittauer Inszenierung von Schillers Trauerspiel „Maria Stuart“. Es hatte am Wochenende im Gerhart-Hauptmann-Theater Premiere. Das Publikum, darunter viele junge Leute, reagierte zustimmend. Die Frauen an der Leine sind keine Zicken aus der Nachbarschaft, sondern gekrönte Häupter: Elisabeth, Monarchin von England, und Maria Stuart, geflohene Königin von Schottland. Diese hat ihren Gatten töten lassen und den Mörder geheiratet. In England sucht Maria Zuflucht bei ihrer Cousine Elisabeth. Doch die britische Herrscherin fürchtet um ihre Macht, lässt die Verwandte nach einem angeblichen Mordanschlag einsperren und hinrichten. Die historischen Vorgänge werden bei Schiller frei gestaltet. Nicht weniger frei geht das Regiepaar Barbara und Jürgen Esser mit Dem Drama um.

    In ihrer Konzeption werden die Königinnen zu Marionetten der Männerwelt. Bei Schiller sind sie sowohl Opfer wie Täter in der patriarchalischen Gesellschaft. Am Gängelband, wie in Zittau, liegen sie nicht, drehen selbst am Rad der Geschichte. Es ist das Recht jeder Regie, ein klassisches Stück neu zu interpretieren. Hier gewinnt man den Eindruck, dass die Eheleute Esser gewaltsam eine neue Lesart suchten. Wobei diese ihren theatralischen Reiz und Unterhaltungswert hat, im Tragischen das Komische betont. Die Leine-Halter, Grafen und Barone des Hofes, spielen Reise nach Jerusalem, gehen den Damen an die Wäsche, trinken genüsslich Kaffee. Und vom Band schmachtet Startenor Jonas Kaufmann: „Es muss was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden.“

    Die Bühne von Beate Voigt zeigt sich wenig königlich. Maria wird nicht in einem Schloss gefangen gehalten wie bei Schiller, sondern in einem Wohnwagen, von Stacheldraht umzäunt. Davor türmen sich Berge von Müll, leere Flaschen, Kartons, Speisereste. Ein Wächter verschlingt Pizza auf Pizza. Neben dem Stacheldraht führt eine hohe Treppe zu einer vergoldeten Brüstung. Von oben steigt die Königin mit Gefolge zur Gefangenen herab. Hinter und unter der Treppe lauern die Höflinge, spinnen Intrigen, sind einer des anderen Feind.

    Traumhafte Umarmung
    Die politische und religiöse Dimension der Tragödie, katholische Maria gegen protestantische Elisabeth, bleibt unterbelichtet. Private Machtspiele, Eifersucht und Verlangen dominieren. Das Ensemble ist gut besetzt, wird Schillers Versmaß gerecht, zernuschelt die Texte nicht. Stephan Bestier gibt den jugendlich-schwärmerischen Mortimer, der Maria befreien und freien will: „Du bist das schönste Weib auf dieser Erde! “Ein Fanatiker, der im Liebeswahn vor Mord nicht zurückschrecken würde.

    David Thomas Pawlak zeigt den Grafen Leicester als rhetorisch begabten Intriganten, der beide Königinnen bezirzt und nicht zögert, Maria zu verraten, um seine Haut zu retten. Stefan Sieh spielt den staatstreuen eleganten Baron von Burleigh: glatt, beflissen und hochmütig.

    In einer Hosen-Doppelrolle ist das Zittauer Urgestein Sabine Krug zu erleben. Sie mimt den Kerkermeister Paulet mit Vollglatze und aufrechter Haltung und spielt mit diplomatischem Bückling den französischen Gesandten Aubespine, der für seinen Herrn um die Hand Elisabeths anhält. Diese aber, ganz in Schwarz gewandet, mit hochgestecktem Haar, will von Männern wenig wissen. Renate Schneider spielt die Königin differenziert, wankend zwischen Gewissensqual und brutalem Machterhalt.

    Die Titelrolle, Traum aller Schauspielerinnen, wurde an Kerstin Slawek vergeben. Ihre leidenschaftliche Maria Stuart, zornig und würdevoll angelegt, spart nicht mit sinnlichen Reizen, die sie vor allem gegen die eifersüchtige Rivalin ausspielt. Sie agiert in einem luftigen Kleid, das viel Haut durchschimmern lässt (Kostüme: Erzsébet Rátkai). In einer Traumszene begegnen sich die Königinnen auf Augenhöhe, umarmen sich schwesterlich. Für einen schönen Theatermoment siegt die Liebe, dann übernimmt das Leben wieder die Regie.

    Rainer Kasselt
    Sächsische Zeitung
    20.04.2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Maria Stuart« — Sandro Zimmermann — Kultura-Extra das online magazin

    Es kann nur Eine geben

    Ein Stacheldrahtverhau zur Linken, zur Rechten ein königliches Ankleidezimmer: Die Spannweite des Stücks wird schnell deutlich.

    Die beiden Protagonistinnen betreten im Unterrock die Szenerie und werden von den Herren des Hofes zu Operettenklängen angekleidet: Maria Stuart in ein helles, reizvolles Abendkleid, Elizabeth wie die Männer in majestätisch-bedrohlich glänzendes Tiefschwarz mit steifem Kragen (Kostüme: Erzsébet Rátkai). Wie Püppchen wirken die Damen, was sich später als durchgängiger Regieansatz erweisen wird. Im tiefsten Dunkel beklagt die Stimme der Elizabeth hernach die Bürde des königlichen Amtes.

    Der eiserne Vorhang hebt sich, hinter dem Stacheldraht ein schäbiger Wohnwagen als Gefängnis der Stuart, eine breite Treppe, die in einen Balkon mündet und viel Platz auf der rechten Seite (Bühne: Beate Voigt). Wie eine Löwin im Käfig durchmisst die Stuart ihr kleines Revier, von ihrem Kerkermeister Paulet verwahrt und zugleich beschützt vor allfälligen Komplotten. Sie wartet auf ihr Urteil wegen Beihilfe zum Gattenmord (und indirekt auch wegen des Verdachts auf umstürzlerische Absichten).

    Queen Elizabeth hingegen hat andere Sorgen: Sie soll aus Gründen der Staatsräson den Franzosenkönig heiraten, findet an der Gemahlinnenrolle aber wenig Gefallen. Und da ist auch noch das Problem mit der Stuart, der Halbschwester. Zwar beschloss das Hohe Gericht ihre Verurteilung zum Tode, doch entscheiden muss letztlich die Königin. Mit deren Enthauptung wäre sie zwar kurzfristig die Rivalin los, zeigte aber, dass selbst dunkelblaues Blut nicht vor dem Schwerte schützt, was ihr nochmal auf die erlauchten Füße fallen könnte.

    Schwierig, würde man heute sagen. Auch die Höflinge, die einen Stuhltanz aufführen müssen und dabei wie eifersüchtige Hyänen wirken (hübsche Idee), haben keinen guten Rat bzw. gleich mehrere sich widersprechende.

    Maria ist zwar rein materiell gesehen chancenlos, verfügt jedoch über besondere Waffen: Der halbe Hof ist ihr heimlich verfallen und sucht sie zu retten, Kabale und Widerkabale heben an. Dabei wird gar Elizabeth betört, aus taktischen Gründen, was diese sich jedoch mit Freuden gefallen lässt. Aha, hier haben also die Männer die Hosen an.

    Zwei Retter sind aber manchmal einer zuviel, sie stehen sich zunehmend im Weg, zumal die Beute zu verteilen ist. Doch noch bevor die Bärin erlegt ist (Verzeihung für das schiefe Bild), greift man zu derem Fell und verrät sich damit.

    Die von Maria Stuart erbetene Unterredung mit Elizabeth gerät zum Showdown und dann zum Fiasko. Doch zuvor begegnen sich die beiden Rivalinnen in einer Traumsequenz äußerst liebevoll, herzen und küssen einander.

    So wäre es, wenn nicht finstere Männerbünde Unheil säen, will die Regie wohl damit sagen, denn abrupt endet die Idylle: Nach den martialischen Klängen der Vangelis-Hymne, die auch schon ein früher bekannter Faustkämpfer zum bedeutungsschweren Auftritt nutzte, werden die Damen wie Kampfdoggen aufeinandergehetzt, von den Höflingen straff an der Leine gehalten, und absolvieren den Kern-Dialog des Stücks als wütende Hündinnen.

    Das ist großartig gespielt, Renate Schneider als Elizabeth und Kerstin Slawek als Maria lassen sich auch von den Tücken der Technik nicht beirren (ein Scheinwerferpaar entwickelt kurzzeitig ein lautstarkes Eigenleben) und gestalten die Szene zum Höhepunkt des Stücks. Wenn man dem Regieansatz folgt, die die Königinnen als Männerwerk- und Spielzeug sehen will, ergibt das auch inszenatorisch großen Sinn, wenn nicht, muss man zumindest die Stringenz der Regie anerkennen.

    Jedenfalls hat Maria die verbale Schlacht zwar gewonnen, den Krieg um ihr Leben aber damit verloren: Elizabeth setzt ihre Unterschrift unter das Urteil, nachdem God (oder besser: Marc Schützenhofer als Graf von Shrewsbury) die Queen gesaved hat vor tückischem Mörderdolch.

    Daraufhin springt Retter Zwei nach seiner Entdeckung über die Brüstung (und rettet damit immerhin Retter Eins, der die Schuld nun abwälzen kann), und die zarten Bande nach Frankreich werden gelöst. Sabine Krug in einer Doppelrolle als Brautwerber Graf Aubespine (dem ohne Not ein ärgerlicher französischer Akzent übergeholfen wurde und der damit zur Karikatur geriet) und als ehrenwerter Wächter Sir Paulet war hier nicht glücklich besetzt, andere als organisatorische Gründe sind mir dafür nicht vorstellbar.

    Elizabeth hat – nachdem die Hofrivalen Graf von Leicester (David Thomas Pawlak) und Baron von Burleigh (Stefan Sieh) einen Five-o’clock-Tea mit Flachmann und Zigaretten absolvieren müssen, den ich der Regiefolklore zurechne – dann aber doch Manschetten, das Rad der Geschichte selber weiterzudrehen. Sie überlässt das heikle Papier dem Hofbeamten Davison (Stephan Bestier, auch er mit dem Retter Mortimer in einer Doppelrolle), der damit die A-Karte hat, wie sich zeigen wird, als ihm Burleigh das Urteil abschwatzt und es zur Erledigung gibt.

    Diese zieht sich, natürlich ist hier etwas Dramatik angebracht und es handelt sich auch um eine ausgesprochen schöne Leiche, aber meinereiner war dann doch froh, als das Irrlichtern des elektrischen Stuhls im Wohnwagen das ausführliche Sterben beendete.

    Als wenig später ein Belastungszeuge seine Aussage widerruft, kann Maria Stuart nur noch postum rehabilitiert werden. Ihre Majestät zeigen sich betroffen und not amused, Davison muss büßen, Burleigh wird verbannt, Leicester und Shrewsbury gehen freiwillig. Es wird einsam um Elizabeth.

    Das Regiepaar Barbara & Jürgen Esser wählt ein letztlich sehr passives Frauenbild für die beiden Königinnen, sie hängen an Fäden, die von Männern gezogen werden. Meine Sichtweise ist das nicht, aber in sich bleibt diese Version sehr konsistent und logisch bis zum Ende, wo die Fäden gekappt werden.
    Von den Herren auf der Bühne ist niemand hervorzuheben, alle trugen ihren Teil zum Gelingen des Abends bei, aber die Krone gebührt ganz zweifellos Kerstin Slawek und Renate Schneider zu gleichen Teilen, was nun hoffentlich nicht zu ähnlichen Problemen am Zittauer Theater führen wird.

    Sandro Zimmermann
    Kultura-Extra das online-magazin
    19.04.2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    MUSIKALISCHES SCHAUSPIEL: »Der Tod und das Mädchen« — Thomas Beier — Görlitzer Anzeiger

    In Zittau und Görlitz: Der Tod und das Mädchen

    Das ist Theater, wie es sein soll! Konfrontierend, verwirrend, Fragen stellend, und - tjawoll! - nicht ständig perfekt! Das Gerhart-Hauptmann-Theater hat unter der Regie von Intendantin Dorotty Szalma “Der Tod und das Mädchen” (La muerte y la doncella) von Ariel Dorfmann (Chile/­USA) auf die Bretter gebracht. Premiere in Görlitz war am 13., in Zittau am 20. März 2015. Ein Stück, das so verdammt nochmal nottut in dieser Zeit!

    Die Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau GmbH (GHT) verfügt über Spielstätten in Görlitz und Zittau. Als Vierspartenhaus vereint das GHT Musiktheater (Oper, Operette, Musical), Tanz, Schauspiel und die Konzerte der Neuen Lausitzer Philharmonie. Es ist ein wichtiger Teil Kulturraums Oberlausitz-Niederschlesien. Beliebt sind auch die Aufführungen an besonderen Spielstätten. Das Theater engagiert sich in der Theaterpädagogik für Kinder und Jugendliche sowie im interkulturellen Austausch mit Polen und Tschechien.

    Der Tod und das Mädchen - ein Sujet, das uns an den Wert der Zeit erinnert, an das Unausweichliche - ist in der Kunst vielfältig aufgegriffen worden, so als wenige Beispiele in Franz Schuberts Streichquartett, zuvor bei Matthias Claudius im Gedicht, noch viel eher von Hans Baldung Grien im Gemälde, mit sich nach und nach wandelnder Deutung.

    Nun also Dorfmanns Stück (Uraufführung London 1991) in Görlitz und Zittau. Beschrieben wird der Umgang mit einem Folterer, der in der Diktatur dazu wurde und 15 Jahre später in die Gewalt eines seiner Opfer gerät - und trotz des Nachweises (wenn es denn eine Wahrheit geben sollte) seiner Schuld wohl davonkommt.

    Das Stück ist in jeder Sekunde spannend, auch wenn sich die Leistungen der Akteure unterscheiden. Allerdings ist es hilfreich, sich vor dem Theaterbesuch mit dem Stück zu befassen.

    Spätestens seit dem Milgram-Experiment wissen wir, dass viele - wenn nicht gar die meisten - Menschen zu grausamen Taten manipulierbar sind. Immer, wenn die Demokratie schließlich über eine Diktatur siegte, beriefen sich Täter und Mitläufer auf die Umstände, die ihnen selbstverständlich wurden. So auch der Folterer im Theaterstück, damals eingesetzt als Arzt, damit die Folteropfer nicht vorzeitig stürben, dann selbst Lust an der Folter empfindend.

    Zum Schluss kommt - so meine Interpretation des offenen Ausgangs - der Folterer davon und applaudiert gemeinsam mit seinem Opfer einer neuen Welt, in der sie nun als Überlebende der Diktatur und Überlebende ihrer Aufarbeitung angekommen sind.

    Zwischen Täter und Opfer steht während des Stücks der Ehemann des Opfers, der gerade in eine Kommission zur Aufklärung der Verbrechen der vergangenen Diktatur berufen wurde, eine Rolle zwischen Anspruch, Eifer und Machtlosigkeit. Zwischen allen tanzt der Tod, wer sonst.

    Sein Tanz macht die Aufführung zum Vier-Sparten-Werk. Fernando Balsera Pita, der den Tod tanzt, bleibt blass - so, wie der Tod im Leben uns ständig unauffällig nahe ist.

    Ausdrucksstark reißt hingegen Julia Vogl als Paulina Escobar, das Opfer, die Inszenierung an sich: Ihr Aufbrechen der Erinnerung 15 Jahre danach, das Schwanken zwischen Rache und innerem Frieden, zwischen Satisfaktion und der aufkeimenden Lust, sich den früheren Täter nun selbst zum Opfer zu machen.

    Nicht minder überzeugend Tilo Werner als Roberto Miranda, bettelnd, verzweifelnd, seine Schuld bis zur Glaubwürdigkeit seiner Unschuld verdrängend, schließlich als Schuldiger seine Verantwortung den äußeren Umständen anlastend.

    Marc Schützenhofer, der als Gerardo Escobar Paulinas Ehemann spielt, bedient diese Rolle paradox exakt: Vom Glauben an seine Mission zur Aufklärung der Verbrechen erfüllt, will er diese seine neue Aufgabe nicht gefährden lassen durch das radikale Vorgehen seiner Frau und sucht Wege, die eskalierende Situation zu beenden. Er ist der Typ, dem die Demokratie eine Karriere ermöglicht, die er nun keinesfalls gefährden möchte.

    Schade, dass sich die von Sopranistin Yvonne Reich und Bass Stefan Bley besetzten Gesangsrollen zu großen Teilen auf formale Handlungen reduzieren. Die von ihnen getragenen Masken von Regierenden wirken zunächst in der Tat aufgesetzt, bis die Synapsen aktiv werden: Unter Obama wurde gefoltert, aber es wurde bekannt. Unter Putin? Unter Merkel? Wer erinnert sich daran, als ein Polizeibeamter einen Kindesentführer zwingen wollte, das Versteck des vermutlich todesnahen Kindes preiszugeben? Zuweilen hatte ich das Gefühl, dass vor allem Bley mit seiner Rolle unzufrieden war, während Reich das routiniert wegsteckte.
    Zur Zittauer Premiere war das Theater gut gefüllt, wenn auch nicht ausverkauft. Beim Blick in die Gesichter der Besucher zeigte sich, dass allein die Existenz der Spielstätte der Stadt ein theateraffines Kulturbürgertum erhalten hat. Für den Ausverkauf von Eintrittskarten und Kultur gibt es andere Instrumente wie den zauberflötenden Pop-Kitsch, der Quote bringt. Was aber in “Der Tod und das Mädchen" zu erleben war ist das, was so verdammt nochmal nottut in dieser Zeit.

    Prädikat: Unbedingt hingehen!
    Mehr über das Stück ist auf der Webseite des Gerhart-Hauptmann-Theaters zu erfahren, wo auch Rezensionen und Vorstellungstermine zu finden sind.

    Thomas Beier
    Görlitzer Anzeiger
    27.03.2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    MUSIKALISCHES SCHAUSPIEL: »Der Tod und das Mädchen« — Gabriele Gorgas — Sächsische Zeitung

    Dunkle Mächte aus Vergangenheit und Gegenwart

    Das Theater Görlitz-Zittau bringt „Der Tod und das Mädchen“ von Ariel Dorfman als musikalisches Schauspiel heraus.


    Geht es um „Der Tod und das Mädchen“, denkt man an das Streichquartett von Franz Schubert, den Film von Roman Polanski oder diverse Beispiele in Literatur und Bildender Kunst. Verständlich also, dass sich das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau diesem Thema nun auch mit all seinen Möglichkeiten gewidmet und das 1991 in London uraufgeführte Stück von Ariel Dorfman als musikalisches Schauspiel herausbringt. Offenbar erstmals in einer derartigen Verquickung der künstlerischen Sparten, und so nahmen zur Premiere am Wochenende Schauspieler, Sänger, Musiker und ein Tänzer mit dem Inszenierungsteam gemeinsam einen forcierten Schlussapplaus entgegen.

    Dorfman war bis zum Putsch 1973 Kulturreferent in der Regierung Allende. Ihm gelang zwar die Flucht ins Exil, aber die Verbrechen der Militärdiktatur ließen ihn nie wieder los. So assoziierte er die Exzesse als ein auf verschiedenen Zeitebenen agierendes, dramatisch zugespitztes Erinnern „an ein Land, wahrscheinlich Chile“, das sich nach der Diktatur zu einer demokratischen Regierung bekannt hat. Durch Zufall gelangt dabei der Arzt Roberto ins Haus von Rechtsanwalt Gerardo, gerade in eine Kommission zur Untersuchung der früheren Menschenrechtsverletzungen gewählt. Seine Frau Paulina glaubt, in Roberto jenen Mann zu erkennen, der sie einst im Gefängnis marterte, vergewaltigte. Nun versucht sie, mit allen Mitteln von ihrem Peiniger ein Geständnis zu erzwingen.

    In der Regie der Schauspielintendantin Dorotty Szalma erscheint dieses Erkunden von Schuld und Sühne, Macht und Ausgeliefertsein als ein variierendes, assoziierendes Geschehen, das mit den wechselnden Masken der beiden Sänger auch die Mächtigen aus Vergangenheit und Gegenwart mit ins Spiel bringt. Doch das wirkt in der Inszenierung herbeizitiert und aufgesetzt, ist in der Wiederholung vorausschaubar, sodass vereint mit dem Schau-Spiel kaum eine schlüssige Intensität entsteht. Das macht es auch der Paulina von Julia Vogl, Marc Schützenhofers Gerardo und Thilo Werner als Roberto zunächst extrem schwer, in ihren Rollen zu überzeugen.

    Die Thematik verlangt eine gewisse Abstraktion, braucht im Ineinandergreifen der Künste ein Herangehen, wobei man genau spüren kann, dass es um eben diese Geschichte wie auch Assoziationen dazu geht, jeweils erzählt mit anderen künstlerischen Mitteln. Auch im Tanz gelingt das nur zuweilen, erlangt Fernando Balsera Pita als Tod, der wie ein Schatten nah dran ist an Paulina, zu wenig Aussagekraft. Das liegt keineswegs am Tänzer, vielleicht nicht mal an den Choreografen Marko E. Weigert und Dan Pelleg. Vielmehr an jenem Gesamtgefüge, bei dem genau zu spüren ist, was stimmig und was unstimmig ist.

    Erst später, wenn die Karten aufgedeckt sind, sich der attackierte, vermeintlich Unschuldige immer mehr selbst entlarvt, wird es spannender, finden wahre Konfrontationen statt, wächst die Neugier auf den Ausgang. Dann prägt sich auch deutlich ein, was Julia Vogl als Paulina dem Publikuman wachen Überlegungen mitzugeben hatte. Wenn schlussendlich auf der Bühne die Schauspieler der Sopranistin Yvonne Reich und dem Bassisten Stefan Bley für ihren nun klassisch ausgerichteten Auftritt applaudierten, so war das eine musikalisch-szenische Metapher, die jeden im Zuschauerraum miteinschließt.

    Übrigens gab es im Dezember 2010 im Festspielhaus Hellerau auch schon die Uraufführung der gleichnamigen Oper in sieben Szenen von Alfons Karl Zwicker in der Regie von Annette Jahns. Ein klangintensives Erleben mit Chor und Orchester, erzählt in beredten Bildern. Die Aufführung am Gerhart-Hauptmann-Theater mit dem Kammermusikensemble der Neuen Lausitzer Philharmonie bezog sich unter der engagierten Musikalischen Leitung von Ulrich Kern auf eine Klangfassung in der Bearbeitung von Levente Gulyas, bei der natürlich auch immer mal wieder Schubert anklingt. Was ja auch Teil der Geschichte ist. Aber wirklich im guten Sinne auffällig ist die Musikfassung vor allem dann, wenn sie mit den Gesangsstimmen arbeitet.

    Gabriele Gorgas
    Sächsiche Zeitung
    16.03.2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    MUSIKALISCHES SCHAUSPIEL: »Der Tod und das Mädchen« — Sandro Zimmermann — Kultura-Extra das online-magazin

    Du sollst nicht foltern

    Ein bisschen klingt die Musik am Anfang nach Tatort, das passt ja auch. Der erste Monolog von Paulina wird über Lautsprecher eingespielt, dann eine Vorblende zum gefesselten Arzt, schnelle Szenenwechsel, die über stumme Kurzauftritte der Sänger kenntlich gemacht werden, der Tod steht sichtbar-unsichtbar in Rufweite. Das würde auch im Fernsehen funktionieren.

    Ein Vier-Sparten-Ereignis ist angekündigt worden, das düstere Schauspiel angereichert um Musik, Tanz und Oper. Klingt ambitioniert, man durfte gespannt sein, wie das dem GHT gelingt. Vorweg: Auch wenn nicht alles glückte, sehenswert und dramatisch war das allemal! Ein schöner Beweis der Sinnhaftigkeit eines Vollspartentheaters.

    Der Dialog zwischen Paulina und Gerardo zu Aufarbeitung und Vergessen klingt ein wenig bemüht, die pathetische Sprache der Vorlage verführt die Schauspieler dann später noch oft zur Übersteuerung, ein bisschen Bremsen durch die Regie hätte hier gutgetan.

    Das Stück ist polnisch übertitelt, bei den Gesangseinlagen werden die Texte dann noch auf Deutsch übermittelt, man traut den Sängern Yvonne Reich und Stefan Bley wohl hinsichtlich der Artikulation nicht ganz. Die beiden fremdeln auch hörbar in ihren Rollen, besonders die Zoten kommen ihnen schwer über die Lippen.

    Dennoch ist diese szenische Verstärkung der Folterszenen eine ausgezeichnete, wenn auch schmerzhafte Idee der Regie. Noch besser jedoch die tänzerische Begleitung durch Fernando Balsera Pita als Tod, choreographiert von Marko E. Weigert und Dan Pelleg. Das funktioniert schon in der ersten Tanzszene, einem Pas de deux von Mädchen und Tod. Die Schauspielerin Julia Vogl macht auch dabei Bella Figura (falls der Begriff bei diesem Sujet angemessen ist), sie ist ohnehin die stärkste an diesem Abend, was natürlich auch an der Rolle liegt.

    Paulina ist die Einzige, die wirklich agiert, das aber radikal. Im Zufallsbekannten ihres Mannes glaubt sie ihren Folterer aus den Zeiten der Diktatur vor fünfzehn Jahren wiederzuerkennen, die Stimme, der Geruch, die Haut sind Indizien, die für sie als Beweise gelten. Kurzerhand setzt sie ihn fest und bestimmt fortan mit dem Revolver in der Hand das Geschehen.

    Jener Roberto beteuert seine Unschuld (Tilo Werner meist glaubhaft in seinem Gewinsel, am besten gelingen ihm die Ausbrüche), ihr Gatte Gerardo (Marc Schützenhofer durchweg sehr pathetisch und damit leider fast ohne Nuancen) hat Mühe, eine Position zu finden und versucht schließlich mit einem kleinen Betrug zu retten, was noch zu retten ist.

    Das ist nicht wirklich viel, mit der Gefangennahme des Arztes wurde die Situation unumkehrbar - nichts mehr wird so sein, wie es mal war, auch nicht zwischen Paulina und Gerardo. Die Debatte zwischen ihnen läuft auf die kleine private und konkrete Genugtuung gegen die große gesellschaftliche Bewältigung hinaus und ob die eine die andere verhindert. Rache gegen Gerechtigkeit, Schuld und/­oder Sühne; macht man sich gemein mit den anderen, wenn man ihre Methoden übernimmt? Ich glaubʻ schon, auch wenn in dieser Inszenierung die Sympathien eindeutig verteilt sind, dank Julia Vogl, die auch in den großen Schuhen von Sigourney Weaver gut steht.

    Paulina verspricht nach einem Geständnis des Doktors, jenen laufenzulassen, und Gerardo integriert jenes herbei, indem er unter peinvoller Preisgabe seiner alten Fehltritte ihre Leidensgeschichte im Detail erfährt. Dem nur anfangs widerstrebenden Doktor wird diese als Geständnis diktiert, das ihm die Freiheit bringen soll.

    Ende wenigstens halbwegs gut, zumindest ohne Toten?

    Nein, Roberto ist mittenrein in Paulinas brillante Falle getappt, die – den Verrat ihres Mannes ahnend – ihrer Geschichte kleine Fehler beimischte. Der Doktor korrigierte dank seines Täterwissens und schrieb damit sein Todesurteil, trotz des Versprechens auf freies Geleit. Wer die Macht hat, bestimmt die Regeln, damals wie heute.

    Ob dieses Urteil tatsächlich vollstreckt wird, bleibt offen. Der Tod tanzt einsam vor dem sinkenden Vorhang, davor gibt es Schuberts Der Tod und das Mädchen zu hören, wobei Sängerin und Sänger auf vertrautem Terrain deutlich kraftvoller wirken. Doch dann hebt sich der Vorhang wieder und gibt den Blick auf ein applaudierendes Publikum frei, Paulina und Girardo im edlen Gewand, auch der Doktor ist nebst Gattin zugegen, vom dem Paar nur durch den Tod getrennt. Ein starker Schluss, der Hausaufgaben auf den Heimweg mitgibt.

    Die Görlitzer Bühne reicht dann kaum aus für das Inszenierungsteam, von dem noch Levente Gulyás für die musikalische Bearbeitung und Ulrich Kern für die nämliche Leitung zu erwähnen sind. Dass der lang andauernde Applaus des leider nur dreiviertelvollen Saals dann abrupt mit einem sich schließenden Vorhang beendet wird, erlebt man auch nicht alle Tage; dass es keine Premierenfeier für die Gäste gibt, erst recht nicht. Das Leben ist hart in der Provinz.

    Es war ein Wagnis mit dem Vier-Sparten-Werk, zweifellos, aber Dorotty Szalma hat die Aufgabe insgesamt gut gemeistert. Einige Einfälle wie die Masken der Sänger waren – obwohl an sich ein plausibles Bild – etwas „too much“, zumal die Gesichter darauf (von Regierenden) kaum zu erkennen waren im Publikum, aber vor allem die Verbindung mit dem Tanz wertete die Inszenierung ungemein auf und ließ die kleinen Schwächen vergessen.

    Sandro Zimmermann
    Kultura-Extra Online
    14.03.2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Geheime Freunde« — Marcel Pochanke — Sächsiche Zeitung

    Der Krieg frisst das Licht

    Am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau knüpfen „Geheime Freunde“ einen Bund gegen Hass und Angst



    Man sollte das öfter ausprobieren. Wenn man nicht mehr weiter weiß miteinander, keine Worte findet, nimmt jeder eine Puppe auf die Hand und spricht durch diese. Es soll eine erstaunliche Wirkung haben. Aber was immer uns heute sprachlos machen kann: Es sind Sorgen in friedlichen Zeiten. Über den Krieg, der in Deutschland 70 Jahre zurückliegt, sagte die große Intellektuelle Marion Dönhoff: „Nie wieder ist bei uns so existenziell gelebt worden wie damals. “ Will sagen: Das Gewissen steht vor ganz anderen, vor wirklichen Entscheidungen. Bei Dönhoff, die zeitlebens für Toleranz und Freiheit kämpfte, waren es die Erfahrungen von Gewalt und Nazismus, das Versagen des Gewissens, die sie zum Sprechen brachten. Andere brachten sie zum Schweigen, unmittelbar oder weil sie, wie Naomi Kirschbaum, zu Schreckliches erlebt haben, um an der Welt noch teilzunehmen. Naomis Vater, französischer Jude im Widerstand, wurde von der nationalsozialistischen Geheimpolizei aufgespürt und vor ihren Augen totgeschlagen. Jetzt, nach der Auswanderung in die USA, zieht sie sich zurück und arbeitet sich stumm an ihrer gefühlten Schuld ab. Das Vernichten der Beweise, bei dem sie helfen sollte, hatte zu lang gedauert. Die Zeit reichte gerade noch, um sich unter dem Bett zu verstecken.

    Das schweigsame Mädchen aus dem Jahr 1945 ist eine fiktive Figur, in Zittau gespielt von Paula Schütze. Und mancher Zuschauer, der es nicht wusste, mochte es kaum glauben: Schütze ist Schülerin und Laiendarstellerin des Theater-Jugendclubs. Fürwahr, es gibt Leichteres im Schauspiel-Handwerk, als so überzeugend zu schweigen, dass das gesamte Publikum, unter ihnen Zehnjährige, gebannt dabei zuhört. Um ihr beim Ausstieg aus der wortlosen Welt zu helfen, bedient sich Nachbarjunge Alan des Tricks mit der Puppe. Der Junge erfindet den galanten Charlie und bandelt so mit Yvette an, ebenfalls eine Handpuppe, die auf Naomi hört. Alan wird von Alexander Ganz, der auch dem Jugendclub angehört, mit enormer Präsenz und Vielschichtigkeit versehen. Für Naomi denkt er sich eine spaßige Performance aus: „Das Lampenmonster kommt, wenn Krieg ist, und frisst das ganze Licht auf. “Viele Versuche später sitzen die beiden zutraulich in der Wohnung und bereden Schulzeug.

    Aber der Weg aus dem Abgrund der Angst ist steinig, auch im New Yorker Exil gibt es Menschen, die Juden, die sie sind, für Abschaum halten. „Sie bekommen die beste Arbeit und die schönsten Wohnungen“, kleidet Joe Condello seinen Hass in Argumente. Letztlich braucht er die aber nicht, hat er doch seinen „Schlagball“-Schläger. Für den Condello schlüpft Lena Schubert in eine Männerrolle. Das aber ist nicht die Hauptschwierigkeit, ge-
    stand die 16-Jährige vor der Premiere. Schlimmer sei, dass sie den Judenhasser, der beruflich Fußböden wischt, spielen muss, „weil ich die Ansichten überhaupt nicht unterstütze“. Es spricht für ihre Verstellungskunst, dass man ihren Ghetto-Nazi wirklich fürchtet. Zu recht.

    Hannah Arendt hat in ihren Werken den Begriff von der Banalität des Bösen geprägt. Jeder, so die Kernaussage, kann sich an Verbrechen wie denen der Nazi-Zeit mitschuldig machen, es braucht dafür keinen besonders fiesen Charakter. Besser braucht es dafür besser gar keinen. Wie das Theater auf den Charakter junger Menschen wirken kann, haben die Zittauer am Sonnabend auf bewegende Weise unter Beweis gestellt. Im Publikum saß auch die Klasse 5/­1 des Nieskyer Schleiermacher-Gymnasiums. „Eswar toll“, „Ein super Stück“, sprudeltes aus den Kindern. Andere sitzen gerührt in der Garderobe. So reagieren Elfjährige auf ein Schauspiel, das ohne Videos, ohne Musik vom Band, ohne Effekte außer meist ernsten Menschen, Sprache und Handpuppen fast eineinhalb Stunden dauerte. „Die Aufarbeitung wird einen guten Teil der nächsten Woche einnehmen“, ist sich die Klassenlehrerin Ivonne Hübner sicher. Noch könnte sie das Theater um professionelle Unterstützung bitten. „Es gibt Vor- und Nachgespräche, wir kommen auch in die Schulensagt Regisseur Stephan Bestier. Noch. Aus finanziellen Gründen wird es ab kommender Spielzeit weder in Zittau noch in Görlitz einen Theaterpädagogen geben. Wer mag, kann da aus dem
    künstlerisch überragenden Jugendstück einen Skandal herauslesen.

    Freizeit-Mimen tragen den Abend
    Es ist die Jugendarbeit, die dem Theater die größte Relevanz und Wirkung verschaffen kann, wenn sie mit Leidenschaft und dem Glauben an die Ernsthaftigkeit der Wünsche junger Menschen versehen wird. Diese Wünsche und Leidenschaften gipfelten vor einem Jahr in Frühlingserwachen. Die Kindertragödie wurde zur beliebtesten Inszenierung der vergangenen Spielzeit gewählt. Schon damals bestand die Besetzung aus zwei Profi-Schauspielern des Zittauer Ensembles und fünf Mitgliedern des Theater-Jugendclubs. Vom Gelingen beflügelt, setzte Regisseur Stephan Bestier bei „Geheime Freunde“ noch einen drauf. Er schenkt seinen Freizeit-Mimen das volle Vertrauen, dass sie den Abend (fast) allein tragen können. Die Rollen der ausgebildeten Schauspieler sind stark zurückgenommen, Paula Schrötter und David Thomas Pawlak schauen als Eltern von Alan hin und wieder aus der Kiste – Eltern, die ganz nebenbei ein Lehrstück liefern: Wie die Großen ihren Kindern in einer schwierigen Lage ein Halt und ein Leitbild sein können, ohne dabei immer perfekt zu sein. Da war es bei Frühlingserwachen noch ganz anders zugegangen, da waren die „Erwachsenen“, die ihren Kindern nicht zuhören mochten, das Feindbild.

    In „GeheimeFreunde“ kommt der Konflikt von außen herein. Als Krieg in Europa, als offener Judenhass in den Straßen. Der Kniff, die grausamen Vierzigerjahre aus der Sicht von Teenagern in New York zu zeigen, erlaubt die ganz großen Fragen, ohne dass sie einen erdrücken. Es geht um Verantwortung, Schuld und Freundschaft. Moralisches Handeln muss man im Kopf geübt haben, damit der innere Kompass auch unter Bedrängnis stimmt, erklärt die Philosophin Susan Neiman in ihrem Buch „Moralische Klarheit“. Der Spagat, auf dieser Ebene Kinder wie Erwachsene anzusprechen, gelingt den Zittauern grandios. Dazu trägt auch die Figur des Charlie Chaplin bei, den Pawlak überraschend wie überzeugend auftauchen lässt. In ihm verbinden sich Spaß und Ernst zu Menschlichkeit. Im Ernsten vermeidet die Regie alles schablonenhaft Tränendrückende, sondern deutet immer auf einen zweiten Boden hin. Im New Yorker Herumtreiber Shaun Kelly, unbefangen gespielt vom 16-jährigen Julius Mattusch, wird diese menschliche Doppelnatur besonders deutlich.

    „Ich wäre auch geflohen“, sagt ein Kind nach der Premiere. Dieses Jahr ist voller Jubiläen, etwa jene 70 Jahre seit Kriegsende.
    Das war ein Grund für das Gerhart-Hauptmann-Theater, „Geheime Freunde“ auf den Spielplan zu heben. „Da war die aktuelle Weltlage noch nicht absehbar, sagt Dramaturgin Kerstin Slawek, die sich für das Stück stark gemacht hatte. Was traumatische Erfahrungen mit der Psyche anrichten können, ist für Außenstehende oft schwer zu fassen. Im Zweifel sind die über das Meer geflohenen Fremden „Irre“, wie Naomi Kirschbaum, deren Geschichte sie keinem erzählt, stattdessen Papier zerreißt gegen den Schmerz. Am Ende geht eine Konstellation, wie sie „Geheime Freunde“ bietet, selten gut aus. Angst ist ein mächtiger Gegner. „Die Kinder dachten schon, dass Alan und Naomi heiraten“, berichtete die Lehrerin Ivonne Hübner. Aber ein echtes Happy End gibt es in keinem Krieg der Welt.

    Marcel Pochanke
    Sächsische Zeitung
    9. März 2015
    Foto: Theater/­Philipp Haufe

    SCHAUSPIEL: »Kriegsmutter« — Ute Grundmann — Sächsische Zeitung

    Gewalt in jeder Ritze

    Die „Kriegsmutter“ beschwört in Zittau fast mythisch den Kampf. Im Kopf ist man schnell in der Ostukraine.


    Ich bin der Krieg, sagt Sina. Zerstörung und Gewalt um sie herum hat sie so verinnerlicht, dass sie sich damit identifiziert. Zugleich aber wehrt sie sich gegen das Monstrum Krieg, das in ihr Leben kriecht und ihr den Sohn nehmen will.

    „Kriegsmutter“ nennt der junge georgische Dramatiker Data Tavadze sein Stück um drei Frauen, die zu überleben versuchen und die Welt, in der sie leben müssen, verfluchen. Am Theater Zittau wurde es am Freitag uraufgeführt, inszeniert von Piotr Jedrzejas, Intendant im polnischen Jelenia Góra.

    Holzpantinen knallen wie Soldatenstiefel im Marschtritt, die Trommel schlägt dazu. Im Nebel und zwischen düsteren Geräuschen flüstern sich zwei Frauen laut die Frage zu, wo denn Sicherheit zu finden sei, für sie und andere Flüchtende. Vom Krieg erzählen sie und vom Wegsehen-Wollen: „Was geht uns das alles an?“ So düster beginnt die Inszenierung auf der Hinterbühne des Zittauer Theaters. Wird die silberne Wellblechwand hochgezogen, wird ein bunkerartiges Labor sichtbar (Bühne und Kostüm: Jan Kozikowski), das geprägt ist von Labortisch, Mikroskop und verrammelten Fenstern.
    Hier hausen Sina (Sabine Krug) und Manana (Renate Schneider) in einer absurden Situation: Sie züchten Heuschrecken, trotz allem, was um sie geschieht. Doch draußen, vor der Eisentür, herrscht Krieg, und in Gestalt der jungen Tina (Katinka Maché) kommt er auch in ihr Labor. Mit dem letzten Zug aus Tiflis ist sie gekommen, ist angeblich die schwangere Freundin von Sinas Sohn Irakli, der wie von fernen Mächten in den Krieg eingezogen wurde.

    2008 begann der heute 25-jährige Data Tavadze, an „Kriegsmutter“ zu schreiben, nach vier Kriegen schrieb er es ebenso oft um. Sein Stück gewann einen von zwei ersten Plätzen beim neunten Osteuropäischen Dramawettbewerb „Talking about Borders“. Schauspieldirektorin Dorotty Szalma, die zur Jury gehörte, holte die Uraufführung nach Zittau.

    Von Regisseur Piotr Jedrzejas beklemmend-realistisch inszeniert, sind das Stück und die gut zweistündige Aufführung immer dann am stärksten, wenn sie fast schon mythischen Krieg und seine Folgen für die Menschen beschwört. Wie er in jede Ritze, jede Phase des Lebens dringt, sich festsetzt, mißtrauisch macht und zugleich verletzlich. Sabine Krug spielt das eindringlich, wie sie das Mädchen Tina einerseits wegstößt, weil sie den Krieg mitbringt, und zugleich behütet, ist sie doch die einzige Verbindung zu ihrem Sohn. Ob sie ihn jewiedersehen wird, ist unsicher, aber sie weiß, „wenn er aus dem Krieg zurückkehrt, wird er dennoch tot sein“. Seinen Sold bringt Monat für Monat ein uniformierter Kurier – und wie sich die ungeöffneten Soldpäckchen stapeln, ist ein recht anrührendes Bild für die Zeit, die die Frauen dort schon verbringen.

    So ganz können Stück und Inszenierung die beklemmende Atmosphäre nicht halten, auch weil Tavadze zuviel in sein Stück hineinpackt. Die eifersüchtigen Streitereien zwischen Sina und Beinah-Schwiegertochter Tina. Tina, die sich tanzend dem Kurier anbietet, weil sie einen Soldaten braucht, von dessen Sold sie überleben kann, Sina die sich mit Perücke und grauem Kleid herausputzt und verwirrt redet. Das sind Psychodrama-Szenen mit vielen Klischees und nicht so überzeugend wie die Kriegsklagen der Frauen, die, wie Sina sagt, ihre eigenen Mörder zur Welt bringen.
    Auch die abschließende Aufzählung all der Kriege und ihrer Toten braucht diese Inszenierung nicht, denn wer denkt nicht von Beginn an an die Ostukraine? Am Ende klopft der Krieg laut ans eiserne Tor. Ober kommt oder geht, bleibt offen.

    Ute Grundmann
    Sächsische Zeitung
    23. Februar 2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Kriegsmutter« — Michael Bartsch — www.nachtkritik.de

    Kriegsmutter – Zittau bringt Data Tavadzes Kammerspiel als eines der Siegerstücke des osteuropäischen Dramenwettbewerbs "Talking about borders" auf die Bühne

    Das Labor in der Kampfzone


    Zittau, 20. Februar 2015 . Was ist der Krieg? Sein äußeres Gesicht zeigten in diesen Tagen die Bilder aus dem ostukrainischen Debalzewe. Wie Krieg auch ohne unmittelbare Todesgefahr Menschen deformiert, schildert der erst 25-jährige georgische Autor Data Tavadze in seinem aufrüttelnden Kammerspiel "Kriegsmutter". Das Stück erhielt im Vorjahr gemeinsam mit "Angry Bird" den ersten Preis des zum neunten Mal ausgeschriebenen osteuropäischen Dramen-Wettbewerbs "Talking about borders".

    Nur einen Tag nach der Uraufführung von "Angry Bird" in Nürnberg kam "Kriegsmutter" jetzt in Zittau auf die Hinterbühne des Gerhart-Hauptmann-Theaters. Zufall, wie Intendantin Dorotty Szalma sagt. Kein Zufall ist indessen der Uraufführungsort. Szalma gehörte 2014 in Tiflis der Jury an und war von diesem Dramentext so fasziniert, dass sie ihn im Dreiländereck an der Neiße umsetzen wollte. In dieser Spielzeit immerhin schon die dritte Uraufführung an dem unter heftigem Spardruck stehenden Görlitz-Zittauer Theater.

    Beklemmendes Kammerspiel
    Kulisse dieses Stücks ist der Kaukasuskrieg um Südossetien 2008. Damals begann der kaum zwanzigjährige Schauspieler und Regisseur Tavadze, seine persönlichen Erlebnisse zu einem Bühnenstoff zu verarbeiten. Ein halbes Jahrzehnt nahm dieser Prozess in Anspruch. Orts- oder Zeitbezüge werden aber im Drama nur angedeutet. Das einsame Haus in einem umkämpften Dorf könnte an jedem Kriegsschauplatz dieser Welt stehen.

    Im Auftrag der Akademie der Wissenschaften erforschen hier in der Abgeschiedenheit zwei Wissenschaftlerinnen die Ursachen einer (auch metaphorisch sinnfälligen) Heuschreckenplage. Bühnenbildner Jan Kozikowski hat zwischen zwei Wellblechwänden ein karges, heruntergekommenes Labor gestaltet, wie man es als Relikt der verflossenen Sowjetunion noch mancherorts entdecken kann. Auf folkloristischen Schnickschnack wird vollkommen verzichtet.
    In diesem hermetischen Raum beginnen die exogen bedingten Konflikte wie in einer verschlossenen Sektflasche zu gären. Zunächst zwischen Sina und Manana im weißen Kittel, als die Panik des Krieges durch Berichte von draußen eindringt. Sina will auch nach der kriegsbedingten Rücknahme des Auftrags weiterforschen, die pragmatische Manana (von Renate Schneider gespielt) flüchtet in die Hauptstadt Tiflis. Sina ist die ältere, dominante Frau, die ihren Stolz nicht brechen lassen will und die Restliebe zu ihrem nicht so wohlgeratenen Sohn da draußen im Krieg verteidigt. Sabine Krug geht ganz auf in dieser Rolle zwischen Heroismus und Tragik. Sie ist die Kriegsmutter, leidenschaftlich bis an den Rand des Wahnsinns, resolut fordernd und halluzinierend zugleich. Ihr zentraler Satz "Der Krieg nimmt mir alles, was ich liebe" hat es bis in das wie immer knapp-informative Programmheft im Taschenformat geschafft.

    Ein Bündnis der Frauen
    Ihre Liebe zum Sohn-Soldaten mit dem ungewissen Schicksal ist das Bindeglied zu ihrer Gegenspielerin Tina, die zugleich Sinas Alter Ego und den unerfüllten Wunsch nach einer Tochter verkörpert. Angeblich ist Tina von ihrem Sohn schwanger, als sie unverhofft mitten in den Kriegswirren auftaucht. Anfangs unsicher und verschlossen, wird sie für Sina immer unentbehrlicher. Die junge Katinka Maché zeigt nicht nur Lebensjunger, sie erliegt später auch den Verrohungen des Krieges, als plötzlich unerwartet viel Geld ins Haus kommt.

    Dieses Geld bringt der männliche Part in diesem Beziehungsdreieck, ein eiskalter Kurier mit verschlossener Miene im Kampfanzug. Es ist eine Art Rente für Soldatenmütter, die zugleich signalisiert, dass der Sohn noch lebt. Stefan Sieh spielt diese Figur am Rande des Absurden, begehrt von Tina, verklärt als Sohn von Sina, schließlich als Verkörperung des männlichen Prinzips von Krieg und Gewalt von den beiden Frauen ermordet.

    Menetekel für ein selbstzufriedenes Europa
    Was zunächst konstruiert wirken mag, entwickelt doch in zwei beklemmenden Spielstunden eine erschreckende Logik und eine sich stetig steigernde Spannung. Regisseur Piotr Jedrzejas aus dem benachbarten Jelenia Góra, mit dem Zittau ohnehin viel zusammenarbeitet, hat einige drastische Anweisungen des Textbuches gemildert. Seine Energie steckt er in eine genaue Personenführung, und zum wiederholten Male darf man staunen, welches Potenzial das kleine Zittauer Ensemble entfalten kann.

    Geschickt gemeistert hat Jedrzejas auch die Übergänge zu eingestreuten "Informationsblöcken", etwa zur soldatischen Waffenausrüstung. Vor allem bei der schier endlosen Aufzählung jüngster Kriege und ihrer Opfer zum Finale spürt man die Ambitioniertheit des jungen Georgiers Tavadze. "Kriegsmutter" kann man als Menetekel für ein selbstzufriedenes Europa verstehen, verfasst von einem Autor, der Krieg konkret erfahren hat. Das Publikum applaudierte ergriffen.

    Michael Bartsch
    Nachtkritik.de
    23.02.2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Kriegsmutter« — Sandro Zimmermann — Kultura-Extra das online-magazin

    Warten auf das Geld

    Es ist was los in Zittau. Besonders seit Schauspielintendantin Dorotty Szalma das Zepter übernommen hat, geht der Blick nach Osten, was auch naheliegt im Dreiländereck mit Tschechien und Polen. Diesmal gab es wieder eine Uraufführung, die dritte bereits in dieser Spielzeit, und sogar eine preisgekrönte: Kriegsmutter brachte die Intendantin von ihrem Jury-Einsatz beim 9. Osteuropäischen Dramenwettbewerb in Georgien mit, wo das Stück einen der beiden ersten Preise gewann. Eine Riege georgischer Kulturministeriellerinnen war zu diesem Anlass ebenso dabei wie der für unsereins mit 25 Jahren erschütternd junge Autor Data Tavadze.


    Es wird in der Laborsituation eines abgelegenen Versuchsgeländes zur Erforschung der Heuschreckenplage von Menschen im Krieg erzählt, ohne ihn zeigen zu müssen. Sina und ihre Mitarbeiterin Manana sollen dort herausfinden, warum aus harmlosen Grillen unter Stress und Hunger gefräßige Heuschrecken werden, aus jenen aber immer nur neue Heuschrecken - eine Analogie drängt sich auf. Doch als der Krieg beginnt, werden die Gelder gestoppt, die Frauen hängen in der Einöde fest. Da scheint es fast ein Glück, dass Sinas Sohn Irakli eingezogen wird: Als Soldatenmutter hat sie Anspruch auf eine Alimentation, die zur Not auch für zwei reicht.

    Plötzlich taucht Tina auf (ihrer Erzählung nach Freundin des Sohnes und werdende Mutter von Sinas Enkel) und begehrt zu bleiben. Erst verweigert sich die egozentrische Forscherin, dann aber zieht Manana davon und lässt die beiden Frauen allein, die nun miteinander auskommen müssen. Dass diese nicht so ungleich sind, wie man anfangs vermutet, wird klar, als Sina aus ihrer Jugend erzählt. Auch da war Krieg, und für Soldatenfrauen gab es Sold...

    Erst hat die Ältere die Oberhand, aber mehr und mehr erobert sich Tina das Terrain, zumal die Schwiegermutter an Wahnvorstellungen leidet. Wichtigster Fixpunkt im Leben der Zwei wird das Erscheinen des Kuriers, der monatlich das Geld bringt. Sie wissen: Solange der Bote kommt, lebt Irakli noch.

    Als eines Tages plötzlich das Zwanzigfache der gewöhnlichen Summe überbracht wird, bricht das fragile Konstrukt zusammen: Wofür so viel? Beförderung? Heldenprämie? Witwensold?

    Tina erkennt in dem Geld die Chance wegzukommen, aber die Tür ist verschlossen, und der Schlüssel flog aus dem Fenster. Da weiß Sina schon, dass die Geschichte von der schwangeren Schwiegertochter nur eine Erfindung von Manana war, die fort wollte, aber Sina nicht alleine lassen konnte. Der Flüchtling Tina kam da gerade recht, um in die Rolle der Freundin zu schlüpfen.

    Eine bedrückende Kriegsphantasie wird von jener erzählt, mit Irakli als Mittelpunkt. Dann verbrennt Sina mit Hilfe ihres ihr wieder erschienenen Sohnes nachts das viele Geld, während die eine Fehlgeburt erlitten habende Tina schläft. Nun hat die keinen Grund mehr wegzulaufen.

    Als ein Staatsvertreter erscheint, um sich vom Vorhandensein des Geldes zu überzeugen und angesichts dessen Vernichtung beide ins Gefängnis bringen will, wird er von Mutter und falscher Schwiegertochter gemeinsam umgebracht. Der Krieg ist in der inzwischen eingeschneiten Einöde angekommen, das Fleisch des Beamten wird ein paar Monate zum Überleben reichen für die Zwei. Mit der Aufzählung einer langen Reihe von Kriegen endet das Stück.

    Dem Autor gelingen erstaunliche Sätze zum Krieg, Sätze, die wohl nur jemand finden kann, der aus eigenem Erleben schöpft. Sein Ansatz erinnert zuweilen an Beckett, ohne jenen zu plagiieren, da verzeiht man auch einige dramaturgische Unplausibilitäten zum Ende hin. Kammerspielartig wird über die Dialoge vom Krieg erzählt, es braucht keinen Schlachtenlärm dazu, die zurückhaltend-szeneriegerechte Musik von Slawomir Kupczak und die schäbig-raffinierte Bühne von Jan Kozikowski ermöglichen eine Umsetzung auf meist leise Art, das Regieteam vom polnischen Partnertheater leistete eine respektable Arbeit.

    Von Sabine Krug, die mit der Sina das Stück zu großen Teilen prägte, hätte ich mir trotz wirklich beeindruckendem Spiel manchmal etwas weniger Dramatik gewünscht; der Text ist stark genug. Besser gelang das Katinka Maché, die der Tina Abgeklärtheit verlieh und eine zerbrechliche Trotzigkeit. Stefan Sieh als Kurier wirkte als Staatsvertreter hölzern, gefiel aber zuvor als Kurier und Sohn. Die Manana war in der Handlung auch dank Renate Richter zu Beginn sehr präsent, die Dramaturgie ließ ihr dann aber nur noch einen kleinen Auftritt.

    Knapp hundert Zuschauer auf der gefüllten Hinterbühne applaudierten lang und heftig; danach war im Foyer ein schönes Sprachgemisch zu hören - so wie es sein soll im Dreiländereck. Die Trinksprüche erfolgten auf Georgisch, leider musste der Rezensent nach dem ersten gehen, der letzte Zug in die Landeshauptstadt fährt schon viertel Elf. Aber der Ausflug in die Oberlausitz hatte sich gelohnt, ganz ohne Zweifel.

    Sandro Zimmermann
    Das online-magazin kultura-extra
    23.02.2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Comedian Harmonists« — Andreas Herrmann — Sächsische Zeitung

    Harmonisches Gesangsgedenken an finstere Zeiten

    Bogdan Koca inszeniert in Zittau die "Comedian Harmonists" als musikalisches Schauspiel. Fünf Zugaben wollte das Publikum bei der Premiere - eher ging es nicht.

    Berlin. Ende der wilden Zwanziger: hohe Arbeitslosigkeit, viel Armut, aber auch viel Feierlust und seltener Goldrausch für Bühnenstars. Harry Frommermann, just volljährig, hat einen Plan: Ein Gesangssextett wie die bekannten „Revelers“ gründen, hart proben, um gut und berühmt zu werden. Das gelang so den „Comedian Harmonists“ wirklich, die Geschichte ist bekannt, Dutzende Hits, der A-cappella-singenden Komödianten sind aus der Zeit von 1927 bis 1935 überliefert und gern gespielt.

    Der Pole Bogdan Koca beweist in seiner achten Arbeit in Sachsen, davon die Hälfte am Zittauer Gerhart-Hauptmann-Theater (die andere in Chemnitz), dass er auch mit der großen Zittauer Bühne gut umzugehen weiß. Seit seiner legendären Uraufführung der „Zimtläden“ nach Bruno Schulz, genau hier vor drei Jahren, gilt er als der Mann für anspruchsvolle Stoffe mit intelligenten Pointen und knisternden Stimmungen.
    Nun hätte man leicht besorgt sein können, dass er mit der vermeintlichen Schmonzette im urdeutschen Kontext unterfordert wäre, wenn er sich bei dem musikalischen Schauspiel von Gottfried Greiffenhagen und Franz Wittenbrink zu sehr am Vilsmaier-Kinohit von 1997 orientiert. Tat er aber nicht. Er hatte mit Stefan Sieh, Stephan Bestier und David Thomas Pawlak drei Zittauer Schauspieler, die er gut kennt. Und bekam aus Görlitz Tenor, Bariton und Bass dazu. Benjamin von Reiche, in Görlitz als Tenor Solist, spielt den Bulgaren Ari Leschnikoff lässig lustig. Ebenso stark agieren die beiden Chorherren Carsten Arbel und Robert Rosenkranz, beide seit 2008 am Haus und jüngst in kleineren Rollen in „My Fair Lady“ und „Anatevka“ auffällig. Hier spielen sie den sensibel zweifelnden Bariton Roman Cycowski und den urberlinerisch treibenden Bass Robert Biberti.

    Witziger Satzgesang, langes Toben
    Das Sextett ergänzt Holger Miersch, als Pianist steter Begleiter von Kathy Leen, der am deckellosen Flügel souverän die musikalische Leitung übernimmt und alle Titel mit erstaunlicher Präzision einstudierte und zudem in der Rolle als Erwin Bootz leicht sächselnd, aber burschikos-authentisch mitspielt. Dass Stefan Sieh (als Erich A. Collin eigentlich erst ab 1929 dabei) ein seltenes Musiktalent besitzt, weiß man. Stephan Bestier, der den unbedarften Gründer Harry Frommermann beweglich und mit Chuzpe spielt, schlägt sich gesanglicher erstaunlich. Beide sind zweiter und dritter Tenor - und ebenso wie Roman aufgrund ihrer jüdischer Herkunft alsbald arg bedroht. Während andere behaupten, man dürfe am 30. Januar wegen jenem anno 1933 nicht demonstrieren oder kundgeben, spielt man in Zittau geschickt mit dem Premierendatum und flicht es genau in den richtigen Kontext ein: Ein fiktives Abschiedskonzert in München wird auf diesen Tag gelegt, während das Auftrittsverbot für Nichtarier erst am 1. Mai 1934 begann. David Thomas Pawlak, in mehreren Rollen als Varieté-Besitzer, als Conferencier und Nazis für den Fortgang der Story zuständig, legt als Hans dem Publikum zu gehen nahe, es gäbe den Preis zurück. Alle bleiben.

    Es wird einiges an Arbeit kosten, diese Präzision über die Zeit zu halten. Aber es wird sich lohnen: Sagenhafte 30 Minuten Beifallstoben, meist im Stehen, unterbrochen von fünf Zugaben, dehnten den Zittauer Premierenabend am Freitag vor vollem Haus auf genau drei Stunden und sieben Minuten, der zweite Auftritt am Sonnabend war schon weit vorab ausverkauft.

    Und für Görlitzer, die es nicht bis zu ihrer Premiere Anfang Juni aushalten, böte sich der Internationale Frauentag als Empfehlung für einen kulturvollen Südtrip mit vielen Pluspunkten im weiteren Beziehungsleben. Man wird aber rasch buchen müssen – der Abend hat Kultpotenzial.

    Andreas Herrmann
    Sächsische Zeitung
    02. Februar 2015
    "Mein kleiner grüner Kaktus" - mit solchen Songs sind die "Comedian Harmonists" (Szene mit Benjamin von Reiche, Stefan Sieh, Stephan Bestier und Carsten Arbel, v. li.) berühmt geworden.
    Das Hauptmann-Theater zeigt ihre Geschichte.

    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Sei ein Frosch!« – Rainer Könen – Sächsische Zeitung

    Zum Quaken

    Im Zittauer Theater fand am Sonnabend die Uraufführung des Stückes „Sei ein Frosch!“ statt.


    Eine Botschaft des Nachmittages im Zittauer Theater gleich einmal vorweg:
    Prinzessinnen lieben Frösche. Und eben diese quakenden Gesellen werden von den Königstöchtern hoffnungsvoll geküsst. Da hat man als kleines Fröschlein doch wahrlich keinen Grund, in eine andere Haut zu schlüpfen. Oder etwa doch?

    Nun, Mona Frosch hat eine Handvoll Gründe parat, warum sie kein Frosch mehr, sondern ein Mäuschen sein möchte. Weil „die doch leckere Getreidekörner essen“, hervorragende Tänzer sind und sich vor allem einbuddeln können, wenn ein Storch in der Nähe ist. Für Mona Frosch sind das schon mal per se genug Motive, um in die Haut eines Mäuschens zu schlüpfen. Und kann man als Maus nicht auch prima mit Katzen spielen?

    Das Kindertheaterstück „Sei ein Frosch!“, welches am Sonnabend im Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau seine Uraufführung feierte, zeigt nicht nur Kindern auf, dass der Wunsch nach einer anderen Identität häufig von falschen Vorstellungen geprägt ist. Der Autor Jörg Wolfradt hat mit „Sei ein Frosch!“ ein Kindertheaterstück geschrieben, dem auch Erwachsenen die eine oder andere Botschaft entnehmen können. Etwa die, dass man sich im Leben mit seinem Ich arrangieren sollte, vor allem dann, wenn die Dinge nicht so gut laufen. Schauspieler Marc Schützenhofer, der seit einem Jahr zum Ensemble des Zittauer Theaters gehört und auch in einigen Kinderstücken mitwirkte, zeigt bei seinem Regiedebüt, worauf es ihm bei einer solchen Geschichte ankommt. Auf ein überschaubares Bühnenbild, auf eine Geschichte, die mit 40 Minuten kurz daherkommt. Die Kulisse besteht aus einem Leinentuch, einem gerollten grünen Teppich, der eine Blumenwiese darstellt. Per Polyluxgerät wir die Atmosphäre an einem Teich vermittelt.
    Auch Frido Maus ist unglücklich, möchte so gerne ein Frosch sein. Weil die doch so weit hüpfen, planschen und tauchen können. Paula Schrötter, die dem Mäuschen, welches zuerst als Frosch verkleidet die Bühne betritt, mit bemerkenswertem Einfühlungsvermögen ihrem kleinen Nager Leben einhaucht, muss sich jedoch in den ersten 20 Minuten allein durch das Stück hangeln, wodurch die Handlung des Stückes nur langsam Fahrt aufnimmt, nicht ganz so leicht wirkt. Als sich Mona Frosch im Mäusekostüm, herzerfrischend naiv von Katja Schreier gespielt, auf die Bühnenwiese begibt, wird es schwungvoll. Weil auch Mona Frosch gern ein anderes Tierchen sein möchte: nämlich ein Mäuschen. Weil die doch ein kuschliges Fell haben und es sich auch in der Erde so gemütlich machen. Schnell ist klar, dass jeder der beiden gern der andere wäre. Doch nach einigem Hin und Her erkennen Frosch wie Maus, dass es eigentlich egal ist, in welcher Haut man steckt. Einzig die Freundschaft zählt, der Zusammenhalt im Leben und das man sich aufeinander verlassen kann. So hat die Geschichte das passende Happy End, schwimmen die beiden auf Seerosenblättern davon. Und die jungen Besucher? Die durften nach Ende der Vorstellung das Innere der Bühnenwiese erkunden, auf der Suche nach Frido Maus und Mona Frosch.

    Rainer Könen
    Sächsische Zeitung
    15.12.2014

    SCHAUSPIEL: »Indianer« — Torben Ibs — Magazin »theaterheute«

    Der Staub rieselt

    Oliver Bukowski »Indianer«


    Schon im Foyer des Theaters begrüßt die Besucher Musik aus der guten alten FDJ-Zeit und setzt damit eine erste Duftmarke, was an diesem Abend, 25 Jahre nach der friedlichen Revolution, verhandelt wird: deutsch-deutsche Zeitgeschichte. Das war dem Theater Görlitz-Zittau sogar einen Schreibauftrag wert: »Indianer«. Oliver Bukowski, der 1993 mit »Londn – LÄ – Lübbenau« das Ost-Gefühl direkt nach der Wiedervereinigung auf den Punkt brachte, knüpft vage an das damalige Szenario an, um eine Bilanz zur deutschen Einheit nach 25 Jahren zu schreiben. Und siehe da, es ist nicht alles gut. Die blühenden Landschaften sind vor allem durch die erzwungene Renaturierung der Brachen entstanden. Und zu alledem singt es: »Unsere Heimat, das sind nicht nur die Dörfer und Wälder…« Ostalgietheater also?

    Das wäre zu kurz gegriffen, auch wenn die Aufführungsorte Zittau und Görlitz viel weiter östlich nicht liegen könnten. Lediglich am Anfang wird eine kabarettistische Abrechnung vorgelegt mit West-Konquistadoren und Treuhand-Abbruch. Katja Schreier bändigt im Domina-Kostüm die unterwürfigen Ossis Stephan Bestier und Paula Schrötter, und die erwähnten blühenden Landschaften landen mit Kreide auf dem eisernen Vorhang – als Blumenreihe.

    Doch mit dem Heben des Vorhangs wird es differenzierter. Statt FDJ gibt es nun Die Prinzen und ihre Deutschland-Hymne zu hören. Erzählt wird im Kern eine Vater-Tochter-Geschichte im sächsischen Nest Neschwitz. Der Bezug zum Nichts ist implizit. Tochter Paula (Paula Schrötter) möchte den heruntergekommenen Hof des Vaters (Thomas Werrlich) in eine esoterische Wellness-Oase mit indianischen Ritualen und Schwitzhütten umwandeln, um wenigstens ein paar Euro aus der Altsubstanz zu pressen. Im Bühnenbild von Sabine Born ist dieser Hof die Rückseite eines potemkinschen Dorfs, simpel, aber effektvoll dargestellt durch falschrum aufgestellte Bühnenwände, die später einen großen Innenraum ergeben werden. Werrlich gibt in diesem Szenario den Proto-Ossi, für den die Zeit 1990 stehen geblieben ist.

    Zu DDR-Zeiten in Bautzen, bleibt er nach dem Ende des real existierenden Sozialismus polternder Sozialist, mit viel Raum in der Ödnis, aber ohne Position. Er steht im Widerspruch zu allen Zeiten und Systemen und bildet das Gravitationszentrum des Abends. Dabei hat Werrlich keine Angst vorm undifferenzierten Klischee und dem groben Strich. Paula Schrötter gibt dagegen eine unsichere Vertreterin des pragmatischen Realismus, die einzige Verbindung zwischen der Welt des Vaters und der Außenwelt. Hinzu kommen drei Gäste, die das Schwitzhüttenprogramm gebucht haben: ein verunsichertes junges Paar aus Mülheim (Katja Schreier/­Stephan Bestier), das genau für jenen Westen steht, dem es mindestens genauso dreckig geht wie dem Osten, und eine mittelalte Frau (Maria Weber) aus Bielefeld, die es auf Vater Thomas abgesehen hat.

    Wirklich fesselnd kann das dozierend hervorgebrachte Ost-Thema so wenig wie der Ebenenwechsel in moderne Beziehungsführung und Online-Dating-Plattformen. Regisseur Christian Papke macht daraus immerhin ein flottes Stück Abendunterhaltung im Stimmungskarussell von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt. Den zweiten Teil garniert er mit Stillleben des letzten Abendmahls, und das Bühnenbild bricht staubrieselnd sukzessive und bedeutungsschwanger in sich zusammen.

    Torben Ibs
    Theaterheute
    Ausgabe März 2015
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Indianer« — Andreas Herrmann — Dresdner Neueste Nachrichten

    Endstation Neschwitz

    Das Dreiländereck führt im Kampf ums klügste neue Wendestück - dank Bukowskis »Indianer«

    Als Aufschrift am Theater hätte im November des Jahres 25 nach Schabowski statt Gerhart-Hauptmann-Theater eigentlich Oliver Bukowski als Namenspatron stehen können. Doch auch der war nicht vor Ort, als sein jüngstes Werk in Zittau Uraufführung feierte. Zum Jahrestag des Mauerfalls jedenfalls hat nun das Dreiländereck die Führung in der bundesweiten Theaterliga im Kampf um das klügste Wendestück übernommen.
    Der Grund ist ein Coup der Zittauer Intendantin Dorotty Szalma, die vor anderthalb Jahren von der Donau an die Neiße wechselte. Sie beauftragte den Niederlausitzer Oliver Bukowski mit einem Stück, in das auch Ideen vom Zittauer Publikum einfließen konnten. Szalma hatte einst das Vergnügen, sein Erfolgsstück »Bis Denver«, das es ebenso wie »Nichts Schöneres« und die Uraufführung von »Allerseelen rot« durchaus eindrucksvoll bis Dresden schaffte, in Aachen zu inszenieren. So entstand der Kontakt zum medienscheuen Bukowski, der Anfang der 90er als Gerhart-Hauptmann-Preisträger in eine eigenwillige Phalanx von Theaterautoren aufgenommen wurde. Denn jene Liste, von der von Hauptmann geförderten Freien Volksbühne Berlin ausgehend, die 1927 begann und 1996 einfror, umfasst Namen wie Musil, Walser, Handke, Fassbinder, Lenz, Dorst und Turrini.

    »Indianer« heißt nun das Werk, das von Zittau mit der Genre-Bezeichnung Tragikomödie in die deutschsprachige Bühnenwelt gelangt und mit einem kabarettartigen Prolog in sechs Szenen, meist im Saal und mit dem Publikum gespielt, beginnt. Dass diese 30 Minuten Aufklärung zur Einführung in verschiedene Aspekte neuer Ungerechtigkeiten oder medial beförderter Verkennungen samt Klischees gelingen, spricht für das Zittauer Publikum und gibt dem verquasten Prinzen-Song »Deutschland« als Rahmen einen neuen Sinn.

    Witzig-trostlose Reise in die Oberlausitz

    Danach hebt sich der eiserne Vorhang, und es beginnt eine witzig-trostlose Reise in die Oberlausitz. Genauer gesagt: bis Neschwitz. Denn dorthin – ob mehr Schloss oder eher Jugendherberge, bleibt in der grandiosen Kulisse offen – lockt die schlaue Tochter Paula drei westdeutsche Touristen mit einem Schamanen-Angebot in der entsiedelten Lausitz. Dass sie längst den heruntergekommenen Hof samt dem leicht verlodderten, aber sozialpolitisch korrekt verbrämten Papa Thomas (53) annonciert hat, verschweigt sie. Es laufen auf: Maria und Stephan als ein arrogantes, perfekt gestyltes Pärchen und die sensible Öko-Katja aus Bielefeld. Gemeinsam meditieren sie sich in passende Krafttiere und diskutieren die Lage anhand von Utopien. Dass sie nicht auf einen Nenner kommen, aber es durchaus rappelt und menschelt in den diversen Beziehungskisten, ist dem Autor eigen, der einen dankbaren Theaterstoff mit viel Hintersinn lieferte.
    Alle Schauspieler firmieren unter ihrem echten Vornamen und haben in Thomas Werrlich als Gast einen starken
    Häuptling, Vater und Rudelführer, dem am Ende wie einst die Frau nun auch Tochter und Rudel abhanden kommen. Auch die esoterisch-sensible Katja von Katja Schreier, die kurzzeitig beim herzlichen Thomas in gute, ehrliche Hände zu gleiten droht, zieht die Weltenbummelei mehr vor als die Ruhe. Und ob die westgeschädigten Maria (Weber) und Stephan (Bestier) sich nach überstürzter Flucht wiederbekommen, bleibt offen.
    Fakt ist nur: In oder hinter jedem steckt ein Ossi.
    Einzig Stephan Bestier – kraftvoll wie behände in seiner bislang stärksten Zittauer Rolle (mit Szenenapplaus beim Wutausbruch garniert) – bleibt es überlassen, am Ende in eine Doppelrolle zu schlüpfen und als Wolfsimitator WolfGang per veritabler Pointe während des eigenen Scheiterns allen Dagebliebenen die Hoffnung auf eine zweite Chance zu vermitteln.
    Für punktgenaue Bewegungen sorgt in einigen Szenen der Görlitzer Chefchoreograph Dan Pelleg. Er stiftet neben einem lustigen Hahnenzweikampf von Bestier und Werrlich eine schöne Pantomimennummer gegen das Eingesperrtsein im Prolog und vor allem eine akrobatische Kletternummer von Maria Weber auf Stephan Bestier (und umgekehrt).

    Regisseur Christian Papke, deutscher Welten- wie Berufungsbummler mit vielen Erfahrungen, der in seiner Funktion als Journalist das interessante Programmheft verantwortet, vergaß ob der Turbulenz und des Pointenreichtums ab und an, auf Klarheit der Aussprache zu achten. Von Ines Webers Video kurz vor Schluss, durchaus passend unterlegt von Steppenwolfs »Born to be wild« vom Band, ist dank zu viel Bühnennebels nicht viel zu sehen. Ausstatterin Sabine Born baute für die Geschichte eine Hinterhof- und eine Saalvariante mit langer Tafel.

    Nun führen alle Wege nach Neschwitz über Zittau

    So gelingt dem Haus, abgesehen von Schulz’ »Die Zimtläden«, die beeindruckendste Uraufführung der letzten Jahre in Ostsachsen – die lustigste und lebensnächste sowieso. Dazu trug auch das Umfeld bei: Sofort nach Verlassen des großen Saales waren im gastlichsten Theaterfoyers Sachsen Ostrock angesagt und die Premierenfeier eröffnet – es lief aber nicht das übliche Beliebige, sondern durchaus die wichtigen Titel und Combos, die erstaunlicherweise im Umfeld des großen freiheitlichen Jubel-Hypes ebenso wie die Geschichte der hiergebliebenen Wendehelden selbst in Regionalpublikationen kaum eine Rolle spielten. Nun führen alle Wege nach Neschwitz über Zittau.

    Von Andreas Herrmann
    Dresdner Neueste Nachrichten, Di., 11.11.2014

    SCHAUSPIEL: »Indianer« — Rainer Kasselt — Sächsische Zeitung

    Auf Marx kannst du lange warten

    In der Zittauer Uraufführung der Tragikomödie „Indianer“ schwitzen erst die Menschen, dann heulen die Wölfe.

    Sie sitzen beim Abendmahl am Problemtisch. So nennen sie ihn, um Klartext zu reden. Drei Frauen, zwei Männer. Ostler und Westler. Sie suchen das Glück, das Ich, den Sinn. Erzählen sich ihre Biografien. 25 Jahre nach dem Mauerfall. Zeitgeschichte als Streitgeschichte.
    Darum geht es in Oliver Bukowskis Jubiläumsstück „Indianer“. Die Tragikomödie entstand als Auftragswerk des Gerhart-Hauptmann-Theaters und hatte am Freitag in Zittau rhythmisch applaudierte Premiere.

    Die Vornamen der fünf Schauspieler sind identisch mit denen der Figuren. Oft wenden sich die Darsteller direkt ans Publikum, rennen durch die Reihen. Sagen überdeutlich: Das sind unsere, eure Probleme. Bukowski, gebürtig aus Cottbus, verortet das Stück im Lausitzer Ort Neschwitz. Die Sprache des viel zu wenig gespielten Autors ist bissig, zupackend, witzig und melancholisch. Seine Sicht auf die Einheit kritisch, subversiv, verdrießlich, mal plakativ, mal kabarettistisch: „Auch im Westen ist nicht alles schlecht.“

    Tänzeln, pföteln, gackern
    Fünf Personen treffen sich in der Schwitzhütte, eine Art Sauna mit indianischen Ritualen zum Austreiben der Sorgen. Besitzer der notdürftig zusammengezimmerten Bruchbude (gelungene Ausstattung: Sabine Born) ist der Neschwitzer Hofbesitzer Thomas, ein dickbäuchiger Mittfünfziger. Er versteht weder von Meditation noch Indianern etwas, steckt sich eine Feder ins schüttere Haar. Die Hütte ist nach dem Scheitern mit Autohandel, Ökohof und Streichelzoo ein weiterer Versuch, seine Existenz zu sichern. Er prangert die massenhafte Vernichtung von „Talent, Können, Würde, Stolz, Moral“ nach der Wende an. Thomas Werrlich (als Gast) spielt ihn als gemütvolles Bärchen, hitzigen Betonkopf und liebenden Vater.

    Tochter Paula hält ihm seine „Galerie von Feindbildern“ und den Traum von der Weltrevolution vor: „Marx, der Erlöser steigt nicht herab.“ Paula Schrötter stellt die Figur in der Balance von Aufbruch und Zögern dar. Sie ist die Lachtaube des Abends, tänzelt wie aufgedreht, lacht fast in jeder Szene. Nur weiß man oft nicht, warum. Von anderem Kaliber ist Maria, die coole Westtussi. Sie will Spaß und Sex haben, Ostler gucken, Kommunismus schnüffeln. Maria Weber, neu im Ensemble, spielt raffiniert mit dem Klischee des blonden Dummchens. Sie steckt in heißen Höschen, gelben Stiefeln und geschürzter Bluse. Gefühlte hundert Mal springt sie ihrem Partner Stephan in die Arme, windet sich schlangengleich um seinen Körper, tanzt mit ihm in den Taumel des Vergessens. Er nennt sie launenhafte blöde Kuh, geht aber gern mit ihr ins Bett.

    Der sportliche Stephan Bestier als Besserwessi betreibt Tai Chi Morgengymnastik, verachtet den „Indianer-Quatsch“ und kann die Klassenkampf-Parolen von Thomas nicht mehr hören. Fragt: Geht es nicht eine Nummer kleiner? In einer zweiten Rolle spielt Stephan Bestier mit Tschapka-Fellmütze den liebenswert-vertrottelten Nachbarn Wolfgang. Der will mit den Lausitzer Wölfen als Naturhaus-Betreiber seinen Schnitt machen und heult am Ende vor Freude mit ihnen um die Wette.

    Als dritte Frau im Bunde seilt sich mit schwerem Rucksack Globetrotterin Katja vor der Hütte ab. Sie träumte als Akademikerin in der DDR den Traum vom Westen, ging rüber, nahm jede Arbeit an, suchte in Esoterik Erfüllung. In Neschwitz hofft sie auf ein kleines Glück mit „Indianerhäuptling“ Thomas. Dann zieht sie nach Japan weiter. Katja Schreier verkörpert sensibel, das rote Schamanentuch schwenkend eine reife Frau auf der Suche nach sich selbst.

    In der Regie von Christian Papke wird keine Figur zur Witzfigur degradiert. Etwas angepappt wirken die teils didaktischen,
    teils intelligenten Prologe. Der in Wien wohnende und in aller Welt arbeitende Regisseur lässt diese Rückblenden auf die ersten Jahre nach 1989 vor dem Eisernen Vorhang spielen. Papkes temporeiche, turbulente Inszenierung vermeidet jede Verklärung. Sie setzt jedoch stark auf äußere Effekte, entschärft durch schrilles Spiel manche kritische Textpassage. Nebel wallen, Videos flackern, Songs dröhnen. Die Schauspieler pföteln und gackern, sind Hündchen und Hühnchen, tanzen in Bikini und Badehose, stöhnen orgiastisch und kaspern: „Na, ihr Ossis, seid ihr alle da?“

    Etwas weniger Fassadenblick wäre dieser Aufführung zu wünschen, die vom Zittauer Ensemble mit spürbarer Lust und
    großem Engagement auf die Bühne gestemmt wurde. Man darf gespannt sein, ob andere Theater Bukowskis gescheites
    Stück nachspielen. Der Ruhm der Uraufführung gebührt Zittau.

    Von Rainer Kasselt
    Sächsische Zeitung

    SCHAUSPIEL: »Indianer« — Ute Grundmann — die deutsche bühne

    Eigenwilliges Jubiläum

    Eine Domina treibt einen Arbeitssuchenden mit der Peitsche vor sich her. Der ist ihr viel zu eigenwillig: Nicht in der Partei, nicht in der FDJ, dafür im Knast und in „Neuen Forum“ - das ist zuviel Eigensinn für einen Job im Westen. Vom ersten Öko-Kühlschrank der Welt – Made in GDR – ist, dank der Treuhand, nur noch eine Tür übrig, die die Schauspielerin auf dem Rücken trägt, als sie genau diese Geschichte erzählt. Zwei kurze Szenen am Beginn des Stückes „Indianer“, mit dem das Theater Zittau das Jubiläum des Mauerfalls vor 25 Jahren feiert. Oliver Bukowski hat das Auftragswerk geschrieben, Christian Papke die Uraufführung inszeniert.

    Die schmeißt sich gleich am Anfang ziemlich ans Publikum ran: Ein Verkäufer bietet wie im Kino aus einem Bauchladen mit schwarz-rot-goldenen Gurten den Zuschauern Sekt und Süßes an, wandert durch die Reihen, verkauft auch was – das Geld soll für‘s Theater sein. Ebenfalls im Publikum zitiert Thomas (Thomas Werrlich) erst Rousseau und dann Horst Köhler, als der noch nicht Bundespräsident war und wird vom Sekt-Verkäufer „kommunistische Beutelratte“ tituliert. Zwischen solchen Szenen klingt es rockig „Das alles ist Deutschland, das alles sind wir“ und wenn sich der Eiserne Vorhang hebt, ist man in einer heruntergekommenen Klitsche irgendwo auf dem Land. Bretterwände, eine Hausecke, eine Bank, Gerümpel (Ausstattung: Sabine Born) – hier will Thomas zusammen mit Tochter Paula (Paula Schrötter) es, als letzte Chance, mit Schamanismus versuchen, weshalb er eine neckische Feder im Stirnband trägt.

    Und die ersehnten West-Besucher kommen auch: Eine seilt sich mit Rucksack, Klampfe und Navi („Sie haben Ihr Ziel erreicht“) ab und entpuppt sich als Esoterik-Zicke aus Bielefeld (Katja Schreier), die sich im Streichelzoo den Zeh ramponiert. Dann rückt noch ein Pärchen auf dem ramponierten Hof an: Maria (Maria Weber), die Wein aus der Kaffeekanne trinkt, und Stephan (Stephan Bestier), der schattenboxt und alles knipst. Die beiden aus Mülheim wollen mal „Ostler gucken“. Dieses Personal hetzen dann Stück und Regie aufeinander. Das ist zwar nicht ganz so ostalgisch wie Cornelia Crombholz in ihrer Magdeburger „Spur der Steine“-Inszenierung, aber viel mehr Tiefe hat es auch nicht. Wenn Papa Thomas mit der Axt in der Hand über die neue „Kolonialmacht“ schimpft, wäscht Tochter Paula ihm den rückständigen Kopf. Sie pflegt, ganz zeitgeistig, statt Pionierbrieffreundschaft nun E-Mail-Kontakt. Und natürlich kommt es, wie es kommen muss: Bald heißt es nicht mehr nur Ost gegen West, sondern die Wessis untereinander fechten ihre bis dahin unter Überlegenheit verborgenen Konflikte aus. Doch das alles bleibt sehr an der Oberfläche, die Figuren sind bloße (Stereo-)Typen und die Regie zielt allzu offensichtlich auf das Komische in dieser Tragikomödie.

    Von Ute Grundmann
    die deutsche bühne

    SCHAUSPIEL: »Indianer« — Michael Bartsch — www.nachtkritik.de

    Indianer – Oliver Bukowskis bissiges Jubiläumsstück zum Mauerfall in Zittau uraufgeführt

    Ost-Indianer und Western-Ganoven

    Zittau, 7. November 2014. Unerlöste Seele West trifft auf materiellen Erlösungsbedarf Ost. Auf diese knappe Formel ließe sich ein heftiger Theaterabend in Zittau bringen, der sich vom organisierten Jubel dieser Wochen nach 25 Jahren Mauerfall erheblich unterscheidet. Oliver Bukowskis "Indianer", so der doppelbödige Titel, ist als Beitrag des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau zu eben diesem Jahrestag deklariert. Aber zu sehen und zu hören ist alles andere als eine sentimentale Geisterbeschwörung. Man fühlt sich an die subversive Theaternische der späten DDR erinnert, als die Bühne aussprach, was außerhalb der herrschenden Lehrmeinung lag.

    Flucht vor der kapitalistische Kälte

    In Zittau, wo die Schauspielsparte des Hauptmann-Theaters zu Hause ist, hat man in diesem Herbst keinen Heiner Müller oder vergleichbare Autoren ausgegraben wie anderswo. Intendantin Dorotty Szalma gab bei Oliver Bukowski, den sie schon ins Ungarische übersetzt hatte, ein Stück in Auftrag. Der ist nicht gerade bekannt für bemühten Optimismus und unverbindliche Späßchen. Mit der Dichte seiner Sentenzen und dem gewohnt bissigen Wortwitz mutet "Indianer" vielmehr wie ein Zusammenschnitt dessen an, was den 1961 in Cottbus geborenen Autor seit 25 Jahren umtreibt. Ja, es entsteht sogar der Eindruck, Bukowski habe Stoff und Handlung nur in den Dienst dessen gestellt, was er an Frust über mitmenschliche Verluste und Wohlstandsverwahrlosung summarisch loswerden wollte.

    Es ist eine der krausen Geschäftsideen, auf die man wohl als arbeitsloser Ossi kommen musste, die die fünf Akteure aus Ost und West zusammenführt. Esoterik liegt im Trend, und so will der zuvor schon mehrfach gescheiterte Thomas gemeinsam mit Tochter Paula seinen bescheidenen Hof retten, indem er eine indianische Schwitzhütte einrichtet. Kaputte West-Touris suchen doch so etwas! Den tristen Handlungsort Neschwitz gibt es in der Nähe von Bautzen tatsächlich, Dramaturgin Kerstin Slawek gab Bukowski den Tipp. Wider Erwarten kommen tatsächlich Gäste.

    Schlachten der Neunziger

    Alle haben einen kleinen Schaden: die neurotische Maria findet es schick, die Ossis zu beschnuppern und in Gedanken "einen Kommunismus anzufertigen, wie er ursprünglich gemeint war". Ihr Freund Stephan wirkt affektiert, Katja mit ihrem unverzichtbaren schamanischen Tuch hingegen einfältig auf der langen Reise ins ferne Ich. "Ichlinge" nennt der Autor die drei, und in der Regie des Weltbürgers Christian Papke grenzen ihre Darstellung manchmal an die Karikatur und die Dialoge ans Kabarett.

    Erinnert wird an die zahlreichen Verletzungen des Vereinigungsprozesses, die weder in den heutigen Festreden noch als Forschungsgegenstand vorkommen: Der durch die Treuhand beförderte Ausverkauf der DDR, faktischer Kolonialismus, Ausschaltung ostdeutscher Wirtschaftskonkurrenten, das Wechselbad einer Stilisierung der Ossis entweder als Helden oder als Trottel, die "Massenvernichtung" von Biografien. Noch dichter als im eigentlichen Stück findet sich solche Polemik gleich in mehreren nebeneinander gestellten Prologen. Mit DDR-Widerstandsbiografie beispielsweise ist man leider zu aufsässig für einen Job in der kapitalistischen Wirtschaft.

    So treffend das sein mag, entsteht doch der Eindruck, hier würden noch einmal die Schlachten der Neunziger geschlagen. Mehr als zweieinhalb Stunden prasseln Disputation auf die Zuschauer ein. Ausgetragen werden sie in allen Lagen, bei versuchten indianischen "Selbstoffenbarungsritualen", im Konflikt von Vater und Tochter oder bei einem postkoitalen Pas de deux in Minimalbekleidung. Was aber ist Stand 2014? Das Publikum Ü40 applaudierte lange und rhythmisch, aber bei einer Voraufführung wussten junge Leute mit manchen Themen nichts mehr anzufangen. Spät, Richtung Happy-End-Kurve, klang es manchmal an, dass wir gemeinsam vor großen offenen Fragen an ein wenig zukunftsfähiges Systems stehen.

    Am Ende heulen die Wölfe

    Für die heftigen Dispute und die auflockernden Aktionen hat die junge Sabine Born Bühnenelemente entworfen, die sich von einer Schwitzhaus-Fassade unverhofft zu einem Saal kombinieren lassen, der einschließlich des "Problemtisches" im Vordergrund da Vincis "Abendmahl" nachempfunden ist. Wenn sie dann noch Stuck und Saaldecke krachen lässt, folgt sie ganz dem Apokalyptiker Bukowski. Die Vornamen der Figuren entsprechen denen der vier Spieler aus dem kleinen Zittauer Ensemble, das durch Thomas Werrlich als Gast bereichert wird. Der plakativen Stückanlage können sie durch Tiefzeichnung nicht viel hinzufügen, und die Regie scheint das auch nicht sehr gründlich versucht zu haben.

    Am Ende heulen die Wölfe in der Lausitz, doch der Schlusssatz spricht überraschend optimistisch und vielsagend von einer zweiten Chance, die jeder bekäme. Auf der Premierenfeier wurde spekuliert, auf welches Echo Bukowskis "Indianer" bei einer zweiten Chance auf einer westdeutschen Bühne stoßen würde ...

    Von Michael Bartsch, www.nachtkritik.de

    SCHAUSPIEL: »Der Nackte Wahnsinn« - Sandro Zimmermann - Kultura extra - das online-magazin

    Vorne Komödie hinten Drama

    Es ist eine Farce über eine Komödie: Ein Tourneetheater probt ein neues Stück für die Boulevards der Kleinstädte. Jenes Werk, „nackte Tatsachen“ benannt, ist von bemerkenswerter Schlichtheit, was dessen Einstudierung aber nicht einfacher macht. In der Nacht vor der Premiere steckt man noch mitten in den Proben, der Regisseur ist dem Wahnsinn nahe, die Schauspieler hätten gern noch was geändert, einer ist gar kurzzeitig verschollen, in der Technik liegen die Nerven blank. So weit also nichts Ungewöhnliches, auch die zwischenmenschlichen Turbulenzen in der Truppe kommen einem bekannt vor.

    Man kann also als halbwegs mit der Materie Vertrauter gelassen bleiben bei den großen und kleinen Katastrophen, die sich auf der Bühne abspielen. Die sind meist schön in Szene gesetzt, auch wenn sich die Varianz der Lautstärke auf „sehr laut“ und „ganz laut“ beschränkt und man nicht immer erkennt, auf welcher Ebene des Stücks sich einige Darsteller grad bewegen. Einen schlechten Schauspieler gut zu spielen, scheint zwar dank der einschlägigen Klischees von Knattermimen (die auch reichlich zitiert werden) einfach, aber die Kunst liegt im sparsamen Einsatz der Mittel, und da wäre oftmals weniger doch deutlich mehr gewesen.

    So bleibt es vor der Pause bei einer durchaus witzigen Ansammlung von Szenen. Binnenstück und Rahmenhandlung überlappen sich dabei auf unterhaltsame Weise, dank des boulevardesken Ansatzes wirken auch die unvermeidlichen heruntergelassenen Hosen nicht allzu peinlich und die klappenden Türen in einem unspektakulären Landhaus-Bühnenbild bilden den roten Faden des Stücks. Seriöses Handwerk im Rahmen der Möglichkeiten eines kleinen Stadttheaters, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

    Doch nicht nur die Bühne hat sich gewendet für den zweiten Teil: Man blickt nun backstage und sieht die Kulisse von hinten mit all ihren Konstrukten, die für den schönen Schein im Zuschauerraum sorgen. Das Stück ist nun schon einige Zeit auf Tour und der Regisseur noch mal inkognito zur Nachmittagsvorstellung vorbei gekommen, um nach dem Rechten und nach den Liebchen zu schauen. Es menschelt inzwischen noch heftiger in der Truppe, die Beziehungsdramen spielen sich während der Aufführungen auf der Hinterbühne ab, trotz aller Theaterdisziplin.

    Aber wie das geschieht! Die nächste gute halbe Stunde vergeht im Flug, eine großartige Burleske wird geboten, Slapstick-Einlagen wie im Stummfilm, vorn (also in echt hinten) läuft das seichte Stück, in der Kulisse hinten (also in echt vorn) werden pantomimisch Eifersuchtsdramen ausgetragen, mit großen Gesten statt mit Worten und in ständig wechselnden Besetzungen, weil vorne die Vorstellung ja immer weiter läuft.

    Öfter denkt man, nun geht es nicht mehr, nun muss das alles zusammenbrechen, doch das Ensemble setzt immer noch einen drauf. Es ist ein grandioses Chaos, ein anarchisch-eruptives Theater in einem unglaublichen Tempo ist zu bewundern, und am Ende fallen alle Hosen und Hemmungen, im Saal ist man ebenso erschöpft wie auf der Bühne. Ein ganz großes Bravo für diesen zweiten Akt!

    Vor den dritten hat der Autor den erneuten Umbau gestellt, diesmal vor Publikum. Auch dieser ist beeindruckend, selbst eine große Schar Techniker braucht einige Minuten, um die Dreh-Bühne erneut zu wenden. Man erhält dabei einen tiefen Einblick in die sehr gelungene Konstruktion von György Csik und kann auch etwas durchatmen.

    Der letzte Akt besteht dann im Wesentlichen aus der zweiten Vorstellung des Abends mit einem inzwischen lädierten und teilweise mehr als angeschickerten Ensemble, was in eine freie Improvisation mit Sardine, Telefonkabel und Whiskyflasche mündet. Stellenweise ist das weiterhin sehr unterhaltsam, aber der Höhepunkt ist deutlich überschritten, trotz einiger guter Regieeinfälle sehnt man dann doch nach zweieinhalb Stunden das Ende herbei. Das kommt auch mit einem großen Finale, dramaturgisch nicht wirklich schlüssig, aber irgendwie muss das Stück ja enden.

    Großer Jubel im fast gefüllten Saal, den der Regisseur Viktor Nagy und das neunköpfige Zittauer Ensemble sich redlich verdient haben. Aus jenem ein wenig herauszuheben sind für mich Marc Schützenhofer als Regisseur Lloyd Dallas und Sabine Krug als Dotty Otley bzw. Mrs. Clackett, aber das für mich Beeindruckendste war zweifellos die geschlossene Leistung des gesamten Ensembles im hochkarätigen zweiten Akt. Abgerundet wird das alles durch ein gelungenes Programmheft in der Verantwortung von Dramaturgin Stefanie Witzlsperger, unter anderem mit dem hübschen Einfall eines doppelten Besetzungszettels für Stück und Binnenstück.

    In den nächsten Wochen läuft die Inszenierung noch einige Male in Zittau und dann im Februar 2015 in Görlitz. Der Berichterstatter empfiehlt einen Besuch.

    Sandro Zimmermann
    Kultura extra
    das online-magazin
    18.10.2014

    SCHAUSPIEL: »Der Nackte Wahnsinn« - Johanna Lemke - Sächsische Zeitung

    Grotesker Komödienstadel

    „Der nackte Wahnsinn“ eröffnet in Zittau die Theatersaison. Bühne frei für ein grandioses Ensemble!

    Was gehört zu einem guten Theaterabend dazu? Ein nettes Bühnenbild, vielleicht, eine gute Geschichte, ein bisschen Musik? Viele Zuschauer würden heutzutage auch noch sagen: Lusd’sch muss es sein. Dass Unterhaltung oft vor Kunst geht, das ist auch an den großen Stadttheatern überhaupt keine Ausnahme mehr. Irgendwie muss das Parkett ja voll werden.
    Insofern ist es charmant, die Theatersaison mit einem Stück über diesen Zwang zum Boulevardtheater zu eröffnen. Zumal an einem Haus wie dem von Sparmaßnahmen geknebelten Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau, das auch immer wieder vor der Entscheidung steht: Experiment oder Zuschauerverlust oder lieber die Nummer Sicher? „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn treibt diese Zwänge auf die groteske Spitze, in dem es zwei Theaterstücke erzählt: Eins auf der Bühne und eins dahinter. In Zittau inszeniert das Viktor Nagy, am Freitag war Premiere vor einem leider nicht mal ausverkauften Saal.
    Was sich schleunigst ändern sollte. Denn der Abend ist ein Höllenritt, im allerbesten Sinne, auch grantelige Komödien-Verächter werden sich nicht mehr auf ihren Sitzen halten können, und am Ende bleibt eben nicht nur „Lusd’sch war’s“, sondern absolut hochkarätige Unterhaltung.

    „Diese Sardinen machen mich fertig“
    Akt eins wird dreimal gespielt. Beim ersten Mal sind wir auf der Hauptprobe für „Nackte Tatsachen“: Ein minimal anspruchsvolles Klamauk-Stückchen, eingeübt von einem maximal entnervten Ensemble. Die Schauspieler greifen tief in die Kiste der Bühnen-Floskeln, Türen öffnen sich, Türen schließen sich, miese Pointen folgen aufeinander und am Ende gibt es eine halbnackte Blondine und eine runtergerutschte Hose. Aber das ist ja nur Spiel im Spiel. Eigentlich geht es um das, was sich neben den Proben abspielt. Immer, wenn der Regisseur, ein eitler Fatzke mit Schal und Blouson, auf die Bühne kommt, um das mäßig funktionierende Bühnengehampel zu unterbrechen, brechen auch die Schauspieler in sich zusammen. „Diese Sardinen machen mich fertig“ oder „Warum mache ich das“. Niemand steht hinter dem tumben Treiben des leichten Amüsements.
    Und man merkt schon jetzt: Das eigentliche Drama sind die Probleme der Künstler untereinander. Einer der Schauspieler ist Alkoholiker, die andere eine Diva, der Regisseur ist mit zwei Damen gleichzeitig verbandelt. Trotzdem ziehen sie den ersten Akt durch und entlarven damit gleich mal, das echte Publikum. Denn das amüsiert sich kreischend eben über diesen hanebüchenen Mist – weil’s lusd’sch ist. Theatererwartungen werden gezielt bedient, die Brüche sind noch versteckt. Show must go on!

    Doch wenn man den Pausensekt heruntergestürzt hat, wenn man sich vielleicht schon fragte, ob das wirklich die Eröffnungspremiere sein soll, dieser Komödienstadel – dann geht es richtig los.
    Der zweite Akt wird noch mal gespielt, diesmal sehen wir die Bühne von hinten. Mechanisch absolvieren die Schauspieler ihre Auftritte, aber parallel wird gestritten, gebuhlt, gekämpft, Eifersuchtsdramen und versuchte Morde spielen sich ab. Bis zuletzt versuchen alle, eine scheiternde Aufführung auf die Bühne zu bringen, erschaffen damit ein neues, wahrhaft komisches Stück. Und selbst Kaktusstacheln im Hintern wirken nicht mehr wie Slapstick.
    Das liegt zu einen an der unerhört guten Komposition des Regisseurs. Viktor Nagy kommt aus dem Musiktheater, fast wie eine Oper inszeniert er auch diesen stummen Wahnsinn. Vor allem aber sind es die Schauspieler, die den Abend zu einem Glücksfall machen.

    Slapstick und schwarzer Humor
    Aus dem Zittauer Ensemble darf man keinen hervorheben, weil allesamt auf nahezu perfektem Niveau spielen, glänzend Hand in Hand und immer auf den Punkt. Sabine Krug und Stefan Sieh, David Thomas Pawlak und Renate Schneider, Torsten Imber und Kerstin Slawek, Marc Schützenhofer, Katinka Maché und Tilo Werner meistern die Balance aus Boulevard und Groteske. Sie toben sich aus zwischen Slaptick und schwarzem abgründigen Humor.
    Zittau, was hast du für großartige Schauspieler! Ein Ensemble, das alles gegeben hat, verbeugt sich schließlich erschöpft vor dem rhythmisch klatschenden und am Ende sogar stehenden Publikum.

    Johanna Lemke
    Sächsische Zeitung
    20.10.2014
    Foto: Pawel Sosnowski

    TANZ

    TANZ: »Creatures of Habit« — Gabriele Gorgas — Sächsische Zeitung

    Ermüdender Überlebenskampf

    Die Tanzcompany des Theaters Görlitz-Zittau stellt „Creatures of Habit“ vor. Doch die Coreografie tritt auf der Stelle.


    Vertrautes wieder aufzufrischen, ist etwas sehr Verführerisches. Man kann es mit Sympathie neu erfinden oder auch dem Gegenwärtigen anpassen. An den Namen der aus Kalifornien stammenden Choreografin Sommer Ulrickson wird sich mancher vielleicht noch erinnern können. Sie gehörte 1999 zu den Mitbegründern der wee dance company Berlin. Und hat nun mit der von Marko E. Weigert und Dan Pelleg geleiteten Tanzcompany vom Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau ihr 2004 entstandenes Stück „Creatures of Habit“ neu herausgebracht. Es wurde damals auch zur Tanzwoche in Dresden gezeigt.

    Quasi „wee dance“ in Reinkultur? Irgendwie schon. Doch andererseits ist es mehrals ein Jahrzehnt später bei der Premiere in Görlitz eben auch ein Neustart mit anderen Tänzern. Und das verändert beileibe die spezifische Art des Auftretens. Kurios ist dieses Stück allemal, mit einer Gruppe in annähernd hautfarbenen „Ganzkörpertrikots“, die auch den Kopf mit einschließen und das Verhalten von Insekten assoziieren, welche als Überlebenskämpfer gelten. Da kann man sich dabei denken, was man will, wenn diese Geschöpfe Geschlossenheit demonstrieren, in Ballungen auftreten, Versprengte wieder aufnehmen, Schutz und Geborgenheit in der Menge suchen, das ist ein emsiges Schichten und Schieben, um Positionen zu verbessern. Und denkt zuweilen auch an Erdmännchen, wie sie auf- und abtauchend Ausschau halten. Oder an die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers, der in natura keinen schützenden Panzer besitzt.

    Das Tanzstück von 2004 belässt es bei diesem Bild. Doch für die Wiederaufnahme in Görlitz hat es sich die Choreografin erklärtermaßen zur Aufgabe gemacht, zu erkunden, „was vielleicht gewesen wäre, bevor das Bedürfnis nach Insektenimitation entstanden ist und warum…“ So entschwinden fünf aus der Gruppe über die „Mauer“ im Hintergrund zurück ins scheinbar bessere Menschenleben, entledigen sich ihrer Insektenhüllen, fristen ein reichlich tristes Dasein mit Besitzansprüchen, „Abhängen“ im wahrsten Sinne des Wortes, Übergriffen, Begehrlichkeiten, Lauern und Lungern.

    Dabei gelingen Sommer Ulrickson zwar diverse Charakterzeichnungen, aber in der Bewegungssprache ist das so eintönig und Ermüdend erzählt, dass die Flucht ins Insektenleben wahrhaft erstrebenswert scheint. Was jawohl irgendwie auch so gedacht ist. Nur auf der Bühne und mit einer sowieso schon bescheidenen Zuschauermenge bringt diese etwas verödete Tanzsprache kaum Spannung, und darüber helfen auch weder Ideen in der Ausstattung noch in der Lichtgestaltung hinweg.

    Dabei haben die Tänzer speziell im „menschlichen Kokon“ weit mehr zu bieten, als ihnen hier abverlangt wird. Der Spanier Fran Martinez Garcia beispielsweise, der neu in der Company ist, erweist sich als ein auffällig differenzierter Tanzdarsteller, der in seiner Körpersprache Seelenzustände bestens erahnen lässt. Nur eben choreografisch tritt der gesamte zweite Part offenbar gewollt auf der Stelle, sind auch die anderen aus der markanten Fünferbesetzung wie zum Beispiel Meng Ting Liu unterfordert. Es mangelt einfach an so Schlüssigen Metaphern wie dieser menschlichen Insekten-Figurengruppe im ersten Teil, die in Momenten wie in Stein gehauen wirkt und sich auch ohne Bewegung zu positionieren, zu orientieren scheint. Ein irres Bild des Innehaltens, das sich weit mehr einprägt als diverse Schuh-Hangeleien oder anhaltendes Gezitter.

    Gabriele Gorgas
    Sächsische Zeitung
    22.06.2015
    Foto: Marlies Kross

    TANZ: »AQUA« — Gabriele Gorgas — Sächsische Zeitung

    Das Wasser wogt, das Wasser schwillt

    Die Tanzcompany von Gerhart-Hauptmann-Theater inspiriert das Publikum mit dem neuen Stück „Aqua“.


    Dass sich Tanz und Wasser spannungsreich verbinden können, ist beileibe keine neue Erfahrung. Und auch die Tanzcompany vom Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau hat damit beispielsweise in der Choreografie von Wagner Moreiras 2012 bei „Bach bewegt“ schon sachte Erfahrungen gemacht.

    Bei der Premiere von „Aqua“ am Wochenende im Theater Görlitz ist Wasser allgegenwärtig. Und die beiden Chefs der Company, die Choreografen und Tänzer Dan Pelleg und Marko E. Weigert haben es mit allen gemeinsam geschafft, sich dem Quell des Lebens so hingebungsvoll zuzuordnen, dass es ein lustvolles, liebendes, staunendes Spiel ist. Wo die Ideen nur so sprudeln, Zweikämpfe oder auch ein genüssliches Planschen, eine Wasserkunstshow wie ebenso eine gewitzt quietschende Entchen-Parade dazugehören. Und eben diese feucht-fröhliche Reinigungskraft, welche geradezu ansteckend ist mit ihrem Frohsinn. Als verrückte Besonderheit erweist sich im fabulierenden Bühnenbild von Britta Bremer jene über der Wasserfläche aufgehängte Badewanne. Die sowohl Domizil ist wie auch Asyl bietet und einen Unterblick auf das scheinbar schwimmende, schwingende Objekt ermöglicht. In besagter Fülle erscheint es keinesfalls als plakativ, wenn zum Schluss ein sich dem Wasser hingebendes Paar plötzlich von der durchscheinenden Wand von Plastikflaschen überflutet wird. Und die beiden sind quasi als Geschöpfe des Wassers wie auch das Publikum mit diesem Strandgut konfrontiert. Das ist ein von Anfang an schlüssig aufgebautes Geschehen, mit einem Angler, der mühsam als Trockenübung die Flaschen herausfischt und sie kurios mit Einsatz des Körpers zu transportieren sucht. Und zwingend ist letztlich die Assoziation, für das Wasser auch Verantwortung zu übernehmen.

    Die Bewegungssprache des Abends wirkt wie ebenso in anderen Stücken von Pelleg/­Weigert aufreibend sportlich und aktionsreich. Was bei „Aqua“ kein Nachteil ist, wenn auch manche Szenen noch etwas dichter und gestraffter sein könnten. Doch am Ende fügen sich die miteinander verquickten, erzählerisch vielseitigen Geschichten zu einem schlüssigen Ganzen. Und das weiß auch das Publikum zu schätzen, feiert die Company mit viel, viel Applaus, ist deutlich stolz auf eine so kraftvolle Schar, die sich wahrhaft hingebungsvoll im Wasser mit dem Leben befasst.
    Nicht von ungefähr ist im Programmheft Thales von Milet zitiert: „Das Prinzip aller Dinge ist Wasser; aus Wasser ist alles, und ins Wasser kehrt alles zurück.“

    Gabriele Gorgas
    Sächsische Zeitung
    19.01.2015
    Foto: Marlies Kross

    KONZERT

    KONZERT: »Olé« — Karsten Blüthgen — Sächsische Zeitung

    Spanisches Temperament

    Die Lausitzer Philharmoniker kommen zum Abschluss der Konzertsaison ins Schwärmen – und die Solisten brillieren.


    Was für einfedernder, flammender Abschluss dieser Konzertsaison! „Olé“ – das auffordernde Motto dieser Konzertstaffel mit der Neuen Lausitzer Philharmonie trifft es. Das mexikanisch-spanische Programm unter Leitung von Andrea Sanguineti kam am Freitag im Görlitzer Theater bestens an. Das Haus war sehr gut besucht, das Publikum altersmäßig bunt und auch unters Orchester mischte sich diesmal ein Dutzend Nachwuchsmusiker. Im Rahmen seiner Orchesterpatenschaft lud der Klangkörper das Deutsch-Polnische Jugendsinfonieorchester Görlitz/­Zgorzelec erneut zu einem gemeinsamen Konzertauftritt ein.

    Ob auf der Bühne oder im Publikum – Neugierige kamen auf ihre Kosten. Arturo Márquez ist ein eher unbekannter Komponist – bekannter ist der Danzón Nr. 2, seit ihn Gustavo Dudamel mit seinem Jugend-Orchester immer wieder spielte. Mit dieser Melange aus mexikanischer und kubanischer Folklore begann der Abend temperamentvoll – und er sollte es bleiben bei Werken, die weniger geläufig sind als die Namen ihrer Komponisten. Joaquín Rodrigos „Concierto serenata“ für Harfe und Orchester ließ Solist Andreas Mildner versonnen schwelgen. Bei Manuelde Fallas Suiten „El Sombrero de Tres Picos“ und der „Rapsodie espagnole“ von Maurice Ravel brachte der Dirigent sein Orchester ins Schwärmen Und ließ Solisten brillieren. Man spürte: Diese Musik hatte die Lust geweckt.

    Das Resümee nach zwei Spielzeiten Philharmonischer Konzerte in den Lausitz-Städten unter Andrea Sanguineti: Hier ist ein junger Italiener, Jahrgang 1983, mit seiner sympathischen, mitreißenden, nie missionierenden Art angekommen und aufgenommen. Der Generalmusikdirektor weiß, was er seinem Orchester zutrauen kann, was Musiker motiviert und was dem Publikum gefällt. Oft bewegen sich die Programme abseits des klassisch-romantischen Kernrepertoires – so auch dieses. Zuhörer jubelten und Musiker zeigten Emotionen. Sanguinetis dritte Saison wird erneut ambitioniert. Das Mozart-Beethoven-Programm im September ist „nur“ der Auftakt.

    Karsten Blüthgen
    Sächsische Zeitung
    08.06.2015
    Soloharfenist Andreas Mildner

    Foto: PR

    KONZERT: »Klassisch« — Karsten Blüthgen — Sächsische Zeitung

    Harmonie bis in die Zehenspitzen

    Das Klavierduo Silver-Garburg gab beim Philharmonischen Konzert in Görlitz ein wahrlich berauschendes Debüt.


    Die zwei raumgreifenden Flügel im Theater Görlitz wirkten zuerst wie eine Barriere für die dahinter platzierte Lausitzer Philharmonie. Doch schon die ersten Klänge vertrieben die Sorge, das Orchester spiele abgeschnitten. Im Gegenteil. Die „Coriolan-Ouvertüre“, Einstieg zum fünften Philharmonischen Konzert, bannte das Publikum im sehr gut besetzten Saal. Beethovens musikalisches Porträt des römischen Helden wurde am Freitag in seiner Zwiespältigkeit plastisch hörbar. Mit großem Elan entlockte Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti seinem Klangkörper einen vitalen, homogenen Klang.

    Dann kamen die Flügel ins Spiel. Wie verrückt kann es werden, wenn statt zwei gleich vier Hände über ein oder zwei Klaviaturen fegen? Bei dem aus Israel stammenden Duo Sivan Silver und Gil Garburg darf man Spitzenklasse erwarten. In Dresden-Hellerau gastierte das Paar bereits mehrfach. 2011 war es an einer Uraufführung für zwei Klaviere zu acht Händen beteiligt. Spektakulär wurde es auch in Görlitz, nur anders.

    Silver-Garburgs berauschendes Debüt an der Neiße ist dem Draht Sanguinetis zu verdanken. Künstlerisch ging diese Verkuppelung auf. Bohuslav Martinůs Konzert für zwei Klaviere und Orchester klang unter Sanguinetis so behutsamem wie wagemutigem Dirigat nach jahrelanger Vertrautheit. Der Tscheche Martinu lehrte 1943 Tanglewood, wo ihn ein Klavierduo um ein Werk bat. Reich an Jazz und folkloristischen Anspielungen ist dieses Konzert geworden. Silver-Garburg musizierten den raffinierten Part euphorisch und mit einer Harmonie, die bis in die Zehenspitzen reichte und das Werk auf selten natürliche Weise legitimierte. Mit den Zugaben ließ das Paar seine Vielseitigkeit aufscheinen: Auf eine glühende Malaguena des Kubaners Ernesto Lecuona von 1928 folgte das geschliffene Scherzo aus dem „Sommernachtstraum“, das Komponist Mendelssohn selbst für Klavier vierhändig transkribiert hatte.

    Bei Beethovens „Vierter“ kamen die Lausitzer nochmals groß ins Spiel. Von der „griechisch schlanken Maid zwischen zwei Nordlandriesen“, wie Robert Schumann das Werk zwischen dritter und fünfter Sinfonie noch sah, wollte Sanguineti nichts wissen. Die langsame Einleitung geriet eine Spur zu lethargisch. Dann aber packten Tempo und Rhythmus. Die Akzente saßen und das Orchester artikulierte abermals mit frappierender Homogenität. Applaus!

    Karsten Blüthgen
    Sächsische Zeitung
    02.03.2015

    KONZERT: »Klassisch« — Sven Köhler — Facebook

    KONZERT DER NEUEN LAUSITZER PHILHARMONIE

    Bereits zum zweiten Mal in dieser Saison stand ein Werk von Bohuslav Martinů auf dem Konzertprogramm der Neuen Lausitzer Philharmonie. Das allein verdient schon Lob, wird dieser interessante und vielseitige Komponisten, gemessen an der Qualität seiner Werke, doch viel zu selten gespielt.

    Sein "Konzert für zwei Klaviere und Orchester" hat, sieht man von den zusätzlichen Schlaginstrumenten ab, eine klassische Orchesterbesetzung, was die Kopplung mit Beethoven sinnfällig machte. Martinůs Stil ist, auch seiner Biografie geschuldet, eklektisch, aber genau deswegen abwechslungsreich und publikumswirksam. Manche Floskeln verraten seine böhmischen Wurzeln. Der Gestus ist mal lyrisch, mal dramatisch, mal tänzerisch. Markante Rhythmik gehört ohnehin zu den Markenzeichen des Komponisten. Im "Konzert für zwei Klaviere und Orchester" beeindruckt mich aber vor allem die unglaubliche Palette unterschiedlichster Klangfarben, die Martinů dieser Besetzung abgewinnt. Als Beispiel sei der Beginn des zweiten Satzes erwähnt, wenn nach dem Beginn der beiden Klaviere der erste Einsatz der Holzbläser wie ein Schatten aus düsterem Nebel erscheint und erst beim zweiten Anlauf durch Hinzufügung weiterer Instrumente allmählich Beleuchtung erfährt und Farbe gewinnt.

    Natürlich muss man das erstmal musizieren: Die Neue Lausitzer Philharmonie und ihr Chef Andrea Sanguineti leisten hier wirklich Großartiges. Und das Silver-Garburg Piano Duo muss als Glücksfall bezeichnet werden, denn hier musiziert in der Tat EIN Duo und nicht etwa zwei Pianisten. Die Kongruenz ihres Spiels ist schlichtweg verblüffend. Ebenso bewundernswert ist beider perfekte Technik, mit der sie ihren höchst virtuosen Part erstens glanzvoll bewältigten und zweitens überzeugend gestalteten. Das manchmal etwas brave Dienstag-Publikum reagierte ausgesprochen enthusiastisch.

    Man sehe mir nach, dass ich das Martinů-Stück in den Mittelpunkt gerückt habe. Selbstverständlich wurden auch die beiden anderen und wesentlich bekannteren Werke, Beethovens "Coriolan"-Ouvertüre und seine vierte Sinfonie, sehr gut vorbereitet und bestens dargeboten. Maestro Sanguinetis Interpretationen zeugen stets von seinem Instinkt für den dramaturgischen Aufbau der Kompositionen. Nie hat man das Gefühl, dass da etwas beliebig runtergespielt wird, sondern jedes Thema, jedes Motiv, jede Variation ist vorher offensichtlich sorgfältig durchdacht worden. Und so wirken sowohl die Details als auch das große Ganze stimmig.

    Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit beende ich den Bericht mit dem Hinweis auf ein kommendes musikalisch spannendes Ereignis am Görlitzer Gehart-Hauptmann-Theater: die Premiere von Korngolds Oper "Die tote Stadt" am 11.4. - mit der Neuen Lausitzer Philharmonie und mit GMD Andrea Sanguineti am Pult!

    Sven Köhler
    Facebook
    03.03.2015

    KONZERT: »Mysterium« — Jens Daniel Schubert — Sächsische Zeitung

    Großer Einsatz für eine große Musik

    Die Neue Lausitzer Philharmonie nimmt sich beherzt Bruckners achte Sinfonie vor.

    Mysterium nannte die Neue Lausitzer Philharmonie ihr aktuelles Konzertprogramm. Einziges abendfüllendes Werk ist Anton Bruckners 8. Sinfonie, die mit diesem Beinamen charakterisiert wird. Gemeint ist dabei der unerkennbare Kern einer Religion – Bruckner war tiefgläubiger Katholik, dessen Bekenntnis in vielen Werken ablesbar ist.
    So gibt es beispielsweise im ersten Satz drei statt üblicherweise zwei Themen. Und die ringen auch nicht wie im klassischen Sonatenhauptsatz miteinander, sondern stehen gleichberechtigt nebeneinander und werden verwoben. Gedeutet wird das als christliche Dreieinigkeit aus Gott Vater, Sohn Jesus und Heiligem Geist. Bruckners großes Opus – die vier Sätze dauern fast 90 Minuten und werden natürlich ohne Pause gespielt – lädt zu den verschiedensten Interpretationen ein.

    Den Ehrgeiz geweckt
    Manches leitet sich ausüberlieferten Äußerungen des Komponisten her, anderes aus der musikalischen Analyse, die Anklänge, Zitate und Parallelen zu eigenen und zu Werken von Wagner und Beethoven bietet. Nicht jeder dieser Gedanken wird sich dem Hörer erschließen. Erspürt aber durchaus, ob die Aufführung des Werkes von einer interpretierenden Idee getragen wird oder nicht. Im jetzigen Konzert steht der in Amerika geborene franco-italienische Gast-Dirigent Marc Tardue am Pult. Island, die Schweiz, Frankreich und Portugal waren seine künstlerischen Stationen, seit September ist der Generalmusikdirektor in Jena.

    Marc Tardue weiß genau, auf welches Wagnis er sich mit diesem umfassenden Werk einlässt. Erkennt das Stück, hat klare Vorstellungen von der Interpretation und bleibt dabei auf dem Boden des Machbaren. Für ein Orchester wie das der Lausitz ist dieses Werk eine Herausforderung, eigentlich jenseits des Leistbaren. Das zeigt sich nicht nur in den zahlreichen Gästen, die zur Verstärkung dazu geholt werden müssen. Am Augenfälligsten sind hier wahrscheinlich die zusätzlichen vier Hornistinnen, die auch die Wagner-Tuben spielten.
    Einen solchen großen Apparat zu einem Ganzen zufügen, den Ehrgeiz jedes Musikers zu wecken, sich den musikalischen und spieltechnischen Anforderungen zu stellen und dann auch noch zu interpretieren, zu gestalten und zu differenzieren, ist eine enorme Aufgabe.
    Marc Tardue hat sie mit Bravour erfüllt. Sein umsichtiges, klares Dirigat frei von künstlerischen Attitüden war überzeugend. Und die Philharmoniker folgten dem Dirigenten mit höchstem Einsatz. So ließen sie Bruckner lebendig werden, aufblühen und brachten ihn ihren Zuhörern nahe. Mitlangem Applaus feierten diese ihr Orchester für eine bewundernswerte Leistung.

    Jens Daniel Schubert
    Sächsische Zeitung
    5. Februar 2015

    KONZERT: »Schwanensee« — Karsten Blüthgen — Sächsische Zeitung

    Immergrüne russische Tänzchen

    Bei Tschaikowsky kommen die Lausitzer Philharmoniker ins Schwelgen. Der „Schwanensee“ könnte mehr Pfeffer vertragen.


    Schlangen an der Abendkasse der Lausitzhalle Hoyerswerda bilden sich leider kaum, wenn die Neue Lausitzer Philharmonie gastiert. Erfreulich anders am Donnerstag. Ein gut besuchtes Haus wünscht man dem unermüdlich durch die Lausitz wandernden, mit Herz musizierenden Orchester öfter. Das ehemalige Haus der Berg- und Energiearbeiter – am 7. Oktober wird es 30 – ist mit seinen gut 800 Plätzen heute freilich schwer auf Dauer zu füllen. Aber der Neujahrstag ist etwas Besonderes. Und Peter Tschaikowsky ist es auch.

    Nach den Silvesterkonzert-Feuerwerken in und um Dresden bespielen seit Donnerstag die Lausitzer Philharmoniker unter Leitung des Chefdirigenten Andrea Sanguineti ihre sechs Bühnen zwischen Görlitz und Hoyerswerda, Niesky und Zittau. Das Programm des dritten Philharmonischen Konzertes dieser Saison ist tänzerisch und rein russischen Ursprungs, bietet allerdings mehr als nur die vertrauten Silvesterknaller. Eine Rarität wartet gleich zu Beginn: ein Stück aus Reinhold Glières Ballett „Roter Mohn“. Das Hoyerswerdaer Publikum raunte nach dem frisch und kernig musizierten „Russischen Matrosentanz“. Auf diese packende Ouvertüre hin wechselte die Stimmung ins Ruhige, Lyrische, Melancholische. Tschaikowskys Violinkonzert, vor allem dessen berückend schöner langsamer Satz, bot große Momente des Innehaltens. Das Orchester harmonierte mit Geiger Andrej Bielow, der so beseelt und technisch trittsicher musizierte, dass man das Tückische seines Soloparts kaum wahrnahm.

    Dann die berühmte Folge mit „Scène“ (Moderato), „Tanz der Schwäne“ und „Spanischem Tanz“. Ohne Zugaben ging der „Schwanensee“-Reigen am Neujahrstag nicht ab. Orchesterdamen in farbigen Kleidern und eine festlich dekorierte Bühne boten mal etwas fürs Auge. Dank seiner Spielfreude ließ sich der Klangkörper aber auch gut hören. Etwas mehr Tempo hätte manche „Schwanensee“-Nummer zwar gut vertragen, und auch mit dem rhythmischen Pfeffer hielt sich der Italiener am Pult sehr zurück. Die mediterrane Lesart russischer Deftigkeit? Wie auch immer – der Einsteig ins neue Jahr gelang und wurde vom Publikum zu Recht gründlich bejubelt.

    Karsten Blüthgen
    Sächsische Zeitung
    03.01.2015

    KONZERT: »Schwanensee« — Uwe Jordan — Sächsische Zeitung

    Unverschämt charmant und sehr wirkungsvoll

    Beim Neujahrskonzert der Neuen Lausitzer Philharmonie in Hoyerswerdas Lausitzhalle gab es im „Schwanensee“-Teil viel Harfenklang. Bewusst effektvoll in Szene gesetzte Hoffnung. Denn Generalmusikdirektor Andrea Sanguineti wandte sich nach der ersten Zugabe ans Publikum: Das Orchester bedürfe anstelle der defekten alten Harfe einer neuen. Man habe vom Görlitzer Theater- und Musikverein Vorschuss erhalten; dürfe die damit angezahlte, gerade zu hören gewesene „Neue“ also schon auf Konzertreise mitnehmen, bitte aber um Spenden, um die 30 000 Euro teure Wohlklangspenderin voll und ganz des Orchesters Eigen nennen zu dürfen. Im Foyer der Halle stünde das Harfentransportfutteral nebst „Hut“ für Spenden. Sanguineti dramatisierte schelmisch: Das Instrument, das per Zug nach Görlitz transportiert werden müsse, wiege 150 Kilogramm; es empfehle sich, zur Entlastung der Musiker statt Münzen Scheine zu spenden. Mit mir folgten viele Hoyerswerdaer dieser kleinen, unverschämt-charmanten Bitte gerne. Ob, zusammengerechnet mit den Neben-Erlösen der noch in anderen Städten folgenden sieben weiteren Neujahrskonzerte, die Harfe wird finanziert sein? Irgendwie muss die Philharmonie davon sehr überzeugt sein; ja, noch viel umfassendere Pläne gesponnen haben. Denn ihr nächstes Programm, das am 4. Februar auch in der Hoyerswerdaer Lausitzhalle zu hören sein wird, besteht aus Bruckners 8. Sinfonie. In deren instrumentaler Besetzung: DREI Harfen.

    Uwe Jordan
    Sächsische Zeitung
    03.01.2015

    KONZERT: »Schubert in Italien« - Karsten Blüthgen - Sächsische Zeitung

    Zum Saisonstart in C-Dur-Stimmung gen Italien
    Mit Schubert voller Schwung und Sonne gewann die Neue Lausitzer Philharmonie die Herzen des Publikums für sich.


    Er stand lange nicht auf dem Programm eines Lausitzer Konzerts und sorgt nun für einen ausgesprochen sonnigen Saisonstart in C-Dur: Franz Schubert. Die „Ouvertüre im italienischen Stil“ bürgt dafür mit ihrem Namen, doch darauf ruhte sich Chefdirigent Andrea Sanguineti nicht aus. Schon im majestätisch getragenen Beginn hörte man in Hoyerswerda anrührenden Belcanto im Dialog zwischen Streichern und Holzbläsern.

    Sanguineti, selbst Italiener, ließ einen Schubert hören, der sich von der Italien-Euphorie im Wien der 1810er-Jahre mittragen ließ und doch ganz er selbst blieb. Klangfarben und Orchestereffekte bis hin zur gepfefferten Stretta der letzten Takte enthielten Duftspuren von Rossini. In den melodischen Einfällen aber dominierte klar der „Liederfürst“. Innerlich hätte man immer wieder ein Kleinod aus Schuberts Liedschaffen mitsummen können – eine ergreifende Melodie, begleitet nur von Gitarre oder Klavier.

    Ein Stück Italien steckt auch im Konzert für Streichquartett und Orchester, mit dem Bohuslav Martinus internationaler Erfolg wuchs. Der Tscheche besann sich 1931 auf das barocke Concerto grosso, um seinen sprudelnden Einfällen eine Form zu geben. Die Neue Lausitzer Philharmonie trat in einen musikantisch-lebhaften Dialog mit den norditalienischen Gästen des Quartetto di Cremona. Man warf sich in den Sog verquerer Rhythmen, zog über die chromatischen Weiten des langsamen Mittelsatzes, traf den slawischen Ton im abschließenden Rondo. Und doch fehlte es dem Spiel am Mittwoch an Überzeugung. Dass sich Martinu hier „im Herzen der Musik schlechthin“ fühlte, konnte man am ersten von sechs Konzertabenden nicht erkennen. Da war vor allem Arbeit zu spüren. Umso himmlischer geriet die Zugabe: Die Cremoneser spielten die Cavatina aus Beethovens Streichquartett op. 130.

    Fünf der sieben Konzertstaffeln wird der junge Generalmusikdirektor Sanguineti, Jahrgang 1983, in seiner zweiten Saison am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau dirigieren. Dabei wird er russische Klassiker bieten, ein Stück Spanien in die Lausitz holen, dem Duo Wagner-Strauss und nochmals Martinu die Ehre erweisen. Das erste Programm, „Schubert in Italien“, endet mit einer Sinfonie des Wieners, mit dessen letzter in C-Dur.

    Das Publikum wirkt etwas verloren
    Markig stellten die Hörner aus der Ferne das Thema der Einleitung vor. Ein entschlossener, bisweilen wuchtiger Duktus sollte bestimmend bleiben, gepaart mit viel Klangsinn und fast kammermusikalischer Sensibilität. Begeisterung pur nach dem rasanten Finale dieser Sinfonie, seiner „Großen“, deren Uraufführung vor 175 Jahren durch Mendelssohn Franz Schubert nicht mehr beiwohnen sollte. Das fast einstündige Werk entstand in Schuberts letzten Jahren und mag die Tragödie seines kurzen Lebens nicht ausblenden. So sind wohl Robert Schumanns Worte zu verstehen, der einst sagte: „Wer diese Sinfonie nicht kennt, kennt noch wenig von Schubert.“

    In Hoyerswerda bot sie die Gelegenheit, das Potenzial näher kennenzulernen, das in den Lausitzer Philharmonikern steckt. Dabei ist es schon beklemmend anzusehen, wenn sich, wie diesmal, das Publikum in den Weiten der Lausitzhalle mit über 800 Plätzen verliert. Umso überzeugender reagierten jene, die gekommen waren: mit Jubel, Bravorufen und rhythmischem Applaus – nicht im Vivace-Tempo des letzten Satzes, doch herzlich und ergriffen.

    Wieder in den Theatern von Görlitz (heute und am 23.9.), Zittau (20.9.), Bautzen (25.9.), jeweils ab 19.30 Uhr, sowie Kamenz (21.9., 16 Uhr).

    Karsten Blüthgen
    Sächsische Zeitung
    19.09.2014
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