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    Spielzeit 2016/­17

    MUSIKTHEATER

    MUSICAL: »The Producers« - Heinz-Jürgen Rickert - musicals

    The Producers
    Weit mehr als eine respektable Gesamtleistung
    von Heinz-Jürgen Rickert

    „Das ist die umgekehrte Machtergreifung. Man muss ihn ständig spielen, um ihn so klein wie möglich zu machen“, äußerte sich in einem Spiegel-Interview einst der geniale Künstler Mel Brooks. Sein Credo zeigt Wirkung, der grausame Diktator verliert bei ihm in der Tat jeden Rest an Hybris, verkümmert gar zur lächerlichen Knallcharge. Besonders in ‚Springtime For Hitler‘, dem berühmten Film von 1968 und späteren Musical-Hit, erweist sich der gescheiterte Kunstmaler und größenwahnsinnige Despot als berserkender Klammotier.
    Unbegreiflich warum ‚The Producers‘, Titel der Bühnenadaption, nur so selten auf deutschen Spielplänen erschein, denn das Stück besitzt neben Esprit und eingängigem Sound allerbeste Voraussetzungen für einen Blockbuster. Im pittoresken Görlitz, einer Region mit erschreckend weitverbreitetem braunen Gedankengut, wagt sich das Gerhart-Hauptmann-Theater an diese musikalische Satire. Regisseur Sebastian Ritschel gelingt eine famos spritzige Inszenierung mit politischen Anmerkungen zur bundesrepublikanischen Realität.
    ‚The Producers‘ braucht erstklassig besetzte Darsteller, subversiv ausagierten Witz und hemmungslose Ironie, die mit Lust ins politisch Unkorrekte greift. Das bietet die kleine ostsächsische Bühne mit beachtlicher Überzeugungskraft, praller Energie und Kreativität auf. Die Regie setzt immer klare Zäsuren, spitzt zu, deutet manche Szene pointierter als üblich. Den showeffektvollen Auftritt von Adolf Hitler zelebriert Ritschel beispielsweise im pinkfarbenen Militärdress und Pelzmantel als mondänen Zarah-Leander-Verschnitt.
    Adrian Becker als extrovertiert tuntiger Roger DeBris gibt hier dem Affen reichlich Zucker und beeindruckt als Glücksfall-Besetzung.
    Das trifft ebenso auf den erst 22-jährigen Daniel Eckert zu; sein hinreißend verklemmter, ungelenker Leo Bloom emanzipiert sich vom bemitleidenswerten Mauerblümchen zum gerissenen Broadway-Produzenten. Michael Berner schwebt als galante Mimose Carmen Ghia durch die trubelig Handlung, Hans-Peter Struppe als Altnazi Liebkind kommandiert nicht nur die parteitreuen Tauben zum Appell und Alison Scherzers skandinavisch kecke Ulla flötet ostentativ amouröses Flair ins Spiel. Der kernig dröhenende Max Bialystock von Stefan Bley pendelt höchst vital zwischen abgründiger Verzweiflung und raubeinig penetranter Selbstüberschätzung.
    Das dralle Bühnenstück über das schlechteste Musical aller Zeiten entpuppt sich in der Lausitz als herrlich überdrehte, schrille und umwerfend komische Parodie auf die komplett Unterhaltungsindustrie im Allgemeinen, den Broadway im Speziellen und natürlich den tollpatschige „Führer. Vom klappernden Gehhilfen-Stepp über bajuwarische Schuhplattler-Folklore und ausladende Schwulen-Attitüden bis zum Hakenkreuz-Ballett entwickeln die beiden Choreografen Dan Pelleg und Marko Weigert ein ideenintensives Bewegungsregister.
    In der sparsam raffinierten Ausstattung von Sebastian Ritschel und Barbara Blaschke sorgt die Regie für drei wunderbar amüsante Stunden in allerfeinster Show-Manier, inklusive Glitzer, Glamor, fast artistischen Slapstick-Momenten und homoerotischen Manierismen. Ulrich Kern beschert der flotten Musik von Mel Brooks alles, was Swing, Ballade oder knackige Tanzrhythmen an Tempo brauchen, und die locker fröhlich gestimmten Instrumentalisten der Neuen Lausitzer Philharmonie bringen die Vorgaben des Dirigenten punktgenau in Schwingung.
    Die frisch poliert wirkende Übersetzung von Nina Schneider verpasst dem Originalbuch von Thomas Meehan und Mel Brooks die passenden deutschen Vokabeln. ‚The Producers‘ an der Neiße gerät zu einer imposanten, weit mehr als respektablen Gesamtleistung: Chapeau für die ambitionierte, rundum gelungene, von allen Beteiligten großartig mitgetragene Aufführung. Das Publikum riss es vor Begeisterung (beinahe) von den Stühlen.

    MUSICAL: »The Producers« - Kai Wulfes - Musicalzentrale

    The Producers
    Springtime for Hitler
    von Kai Wulfes

    "The Producers" - das Musical über einen kalkulierten Flop, der keiner wird, ist in Görlitz alles andere als ein Flop. Hut ab vor dieser aberwitzigen Inszenierung (Sebastian Ritschel), bei der zwei Gäste (Adrian Becker, Daniel Eckert) tolle, hauseigene Solisten des Musiktheater-Ensembles kongenial ergänzen. Absolut empfehlenswert!

    Premiere: 20.05.2017
    Rezensierte Vorstellung:
    25.05.2017

    Mit strahlendem Tenor skandiert ein dunkelhäutiger Sturmtruppenmann mit blondiertem Haupthaar und farblich harmonierendem Oberlippenbärtchen "Frühling für Hitler und Vaterland". Allein dieser Mini-Auftritt von Thembi Nkosi führt das Dritte Reich mit seiner kruden Rassen-Ideologie ad absurdum. Doch Regisseur Sebastian Ritschel toppt dies mit dem im Song angekündigten Erscheinen DER Lichtgestalt, die Deutschland, und perspektivisch die ganze Welt, glücklich machen soll: Mit elegantem Hüftschwung schält sich aus dem schlichten Ledermantel eine tuntig-tänzelnde Führer-Parodie in lila Glitzeruniform, die allein der zackige Stechschritt ins Straucheln bringt. Im übergeworfenen weißen Schwanenmantel huldigt dieser "Adolf Elisabeth Hitler" mit rollendem Marlene Dietrich-R sich selbst, während sich seine schwarzuniformierten Mannen und SS-Mädels in Hotpants als Hakenkreuz-Formation drehen. Damit gewährt Ritschel dem Publikum einen fulminant-bitterbös inszenierten Einblick in die Neonazi-Revue, mit der die beiden Broadway-Produzenten Bialystock und Bloom alles andere als einen Flop landen. Ihr Traum vom Ruhestand in Rio platzt, ein optisch an Donald Trump erinnernder Richter schickt beide stattdessen ins Staatsgefängnis Sing Sing.

    Mit seiner temporeichen Inszenierung orientiert sich Ritschel sowohl an der filmischen Vorlage als auch an der deutschsprachigen Erstaufführung der Musicalfassung. Das ist nachvollziehbar, da Figuren wie Franz Liebknecht oder Roger de Bris in ihrer überspitzten Klischeehaftigkeit nur wenig Spielraum für gänzlich neue Charakterisierungen lassen. Er geht allerdings mit frischen Ideen auch eigene Wege. Wenn zum Beispiel bei Max Bialystocks Solo "Der König vom Broadway" Protagonisten wie das Phantom der Oper, Elphaba, Mary Poppins oder Tarzan den nicht mehr ganz so erfolgreichen Broadway-Produzenten umschmeicheln, dann bekommt er vor Augen geführt, welche Ideen seinen Niedergang hätten aufhalten können.

    Auch optisch kann sich die Produktion sehen lassen. Gemeinsam mit Barbara Blaschke hat Ritschel ein zweckmäßiges, durch einschwebende Rückwände, Vorhänge und wenige Versatzstücke schnell wandelbares Bühnenbild entworfen. Besonders stimmungsvoll ist dabei Roger de Bris‘ Residenz, die mit ihren den Raum nach hinten begrenzendem Kunstrosen-Meer in Orange und Rosa gehörig schwul-tuffiges Ambiente verströmt. Den Löwenanteil ihres Etats haben beide Ausstatter jedoch in die vielen, sehr schmucken und aufwändigen Kostüme gesteckt, die in der Revue-Sequenz mit Brezel, Bratwurst und Bierkrug das Deutschland-Bild karikieren. Hier liefern auch Dan Pelleg und Marko E. Weigert ihr Meisterstück ab, die als Choreografen Solisten, Opernchor, Tanzcompany und Statisterie geschickt in Aufmärschen und Tableaus arrangieren. Das agile und sehr synchron tanzende Ballett glänzt zudem bei seinen vielen weiteren Auftritten, insbesondere auch im Stepptanz.

    Aus dem Orchestergraben erklingt Mel Brooksʻ Partitur dank der Neuen Lausitzer Philharmonie im satten, launigen Broadway-Sound alter Schule. In der besuchten zweiten Vorstellung hat Dirigent Albert Seidl allerdings mehrfach Mühe, Musiker und Sänger bei den Tempi in Einklang zu bringen. Als Chordirektor hätte er zudem bei der Einstudierung seinen Sängern etwas stärker ihren klassischen Pathos abgewöhnen können. Sowohl die Mitarbeiter im Steuerprüfer-Büro ("Verzweifelt") als auch die Häftlinge im Finale singen ihre Gesangspassagen sehr opernhaft.

    Die sechs ausnahmslos großartig agierenden und singenden Darsteller der Hauptpartien sind der große Trumpf der Görlitzer Produktion. Als erfahrener wie geschäftstüchtiger und mit allen Wassern gewaschener Max Bialystock trifft Stefan Bley auf seinen Produzenten-Partner Leo Bloom, den Daniel Eckert zunächst als weltfremden, völlig verschüchterten Buchprüfer mit hysterischen Angstattacken gibt. Beide sind darstellerisch hervorragend aufeinander eingespielt und mit rundem Bariton beziehungsweise schlankem Tenor nicht nur in "Wir gemeinsam" auch gesanglich eine gute Wahl. Sein großes Solo "Verrat", in dem an Bialystock zum Ende des zweiten Aktes noch einmal das bisherige Geschehen in einzelnen Song-Ausschnitten vorbeizieht, meistert Bley großartig. In der sich unmittelbar anschließenden Ballade "Nur er" glänzt Eckert mit einem brillant ausgesungenen Spitzenton am Schluss.

    Mit kühlem skandinavischen Charme, etwas Blondchen-Begriffsstutzigkeit und ihrem feinen Sopran ("Was du hast, das zeig auch") bringt Alison Scherzer als sexy Schwedenhappen Ulla Svaden-Svanson den Hormonhaushalt beider Produzenten gehörig in Wallungen, begeistert aber auch als aufreizende Adlerschönheit in der Nazi-Revue. Scherzers Sopran gleitet dabei mit gewollt schwedischem Akzent mühelos bis in die höchsten Höhen und harmoniert ganz hervorragend im Duett "Ihr Charme" mit Daniel Eckerts Tenor.

    Bayerisch grantelnd und tumb-plump – so gibt Hans-Peter Struppe den taubenzüchtenden Alt-Nazi Franz Liebkind in Lederhosen. Seine beiden Soli, den volkstümelnden "Grüßi-Gott-Plitsch-Platsch" und die flotte Uptempo-Nummer "Horch, da spielt von Fern die Blasmusik", kostet er mit viel Sinn für Komik und seinem großartigen Bartion aus. Komödiantisch richtig Gas geben dürfen auch Adrian Becker und Michael Berner in ihren Rollen als übertrieben exaltierte Regie-Schwuchtel Roger de Bries und dessen gallig-giftiger Lebensabschnitts-Assistent Carmen Ghia. Einen Glanzpunkt setzt Adrian Becker mit de Bris‘ Auftritt als tuntiger Hitler. Hier und in "Mach es warm" singt er mit sicher geführter Baritonstimme.

    Darf man sich in Deutschland über die Nazi-Vergangenheit lustig machen, oder ist das geschmack- oder gar pietätlos? In der besuchten Vorstellung sorgte diese Problematik bei einigen Zuschauern zunächst für Irritation, die letztendlich dank des übertrieben satirischen Ansatzes und der tollen Darstellerleistungen in Begeisterung umgeschlagen ist. Das Publikum feiert zu Recht alle Beteiligten.

    MUSICAL: »The Producers« - Rainer Könen - Sächsische Zeitung

    Musical „The Producers“ begeistert bei Premiere in Görlitz

    Für Mel Brooks‘ Satire auf Hitler gab es dröhnenden Applaus. Nach New York, London und Berlin ist das Stück jetzt in Görlitz angekommen.‎

    von Rainer Könen


    Er war ein großer Freund von Operetten. Doch was hätte der Gröfaz, der größte Führer aller Zeiten, wohl dazu gesagt, wenn ein Theater ihn, Adolf Hitler, als Grötaz, als größte Tunte aller Zeiten, als tanzende und pinkfarbene Witzfigur dargestellt hätte? Wie so ein tuntiger Adolf ausschaut, kann man sich nun im Görlitzer Theater anschauen. Dort hatte am Sonnabend das Musical „The Producers“ Premiere. Ein Stück, das ziemlich abgefahren daherkommt. In dem Broadway-Musical von Mel Brooks werden der Führer, Nazideutschland, Blondinen, Alte und Schwule mächtig aufs Korn genommen. Im Kern geht es um ein Musical in einem Musical.
    Da ist Max Bialystock, gespielt von Stefan Bley, ein erfolgloser Broadway-Produzent, dessen Stücke beim Publikum zuletzt allesamt durchfielen. Der Mann ist pleite, und dann kommt auch noch ein Steuerprüfer, der ihm seine aussichtslose Lage vorhält. Was tun? Bialystock hat eine zündende Idee. Gemeinsam mit dem Rechnungsprüfer Leo Bloom, dargestellt von Daniel Eckert, weiß er, wie er aus seiner monetär-misslichen Lage dennoch Kapital schlagen kann: Nur ein todsicherer Flop kann Abhilfe schaffen, da wollen er und der Steuerprüfer sich nach der sofortigen Absetzung des von Geldern sexhungriger Omas finanzierten Stückes nach Südamerika absetzen. Auf der Suche nach einem richtig miesen Script stoßen sie auf das Werk „Frühling für Hitler – ein Tag mit Adolf und Eva in Berchtesgaden“ des Altnazis Franz Liebkind. Damit bei diesem schauerlichen Werk aber auch wirklich alles schiefgeht, casten sie die grottigsten Schauspieler, engagieren mit Roger de Bris den untalentiertesten Regisseur, den die Branche aufzubieten hat. Doch das Stück „Frühling für Hitler“ wird wider Erwarten ein Riesenerfolg.
    In Deutschland hatte man lange gezögert, bis man Mel Brooks’ Broadway-Musical „The Producer“ adaptierte, das am New Yorker Broadway 2001 Premiere feierte und dort jahrelang ein Kassenschlager war. Weltweit sorgte dieses Stück für ausverkaufte Häuser, wurde ein Riesenerfolg. Die deutsche Erstaufführung fand erst 2009 statt, im Berliner Admiralspalast. Also in dem Haus, in dem sich Hitler seinerzeit gerne Operetten ansah. Doch vor acht Jahren wurde dieses Musical vom dortigen Publikum nicht besonders gut angenommen. Ob es am Thema lag? Darf man über Hitler, über Nazideutschland überhaupt lachen? Offensichtlich gibt es selbst heute noch Hemmschwellen. Die es aber zu überwinden gilt. Sebastian Ritschel, der das Stück für das Görlitzer Theater inszenierte, verzichtete weitgehend auf Provokationen. Hakenkreuzembleme sieht man nur auf der Bühne, weder das Foyer des Theaters noch die Außenfassade des Gebäudes sind mit Hakenkreuzflaggen oder Ähnlichem beflaggt wie etwa bei der Berliner Erstaufführung. Das Görlitzer Theater ist nach Berlin, Regensburg und Schwerin erst das vierte deutsche Theater, das diese durchgeknallte musikalische Komödie aufführt.
    In dem rund dreistündigen Stück kommt vieles bunt, schrill und glittrig daher. Stefan Bley als Max Bialystock ist Dreh- und Angelpunkt in diesem Stück, stark in der Stimme, im Ausdruck, vermisst man bei seiner Figur jedoch diese unbedingte Durchtriebenheit, wirkt einiges recht brav. Vom Biedermann zum Lebemann verwandelt sich hingegen Steuerprüfer Leo Bloom. Daniel Eckert gibt ihm eine unschuldige Naivität, eine Weltfremdheit, die sich nach seinem Wechsel ins Produzentenfach schlagartig ändert. Adrian Becker als Regisseur Roger de Bris kommt exaltiert daher, das Tuntige nimmt man ihm in etlichen Szenen jedoch nur bedingt ab. Dabei verdient eine solche Figur einfach mehr Übertreibung. Hans-Peter Struppe als bajuwarischer Altnazi tut sich mit dem Dialekt gelegentlich schwer, aber darüber schaut man weg, vor allem dann, wenn der Autor der Führerverherrlichung „Frühling für Hitler“ schuhplattelt oder den beiden Produzenten seine dressierten Tauben vorführt. Köstlich zu sehen, wie die ihren rechten Flügel zum Hitlergruß heben. Alison Scherzer mimt die junge Schwedin Ulla Svaden-Svanson, die von Bloom und Bialystock als schauspielernde Sekretärin engagiert worden ist. Sie gibt der Aufführung ein paar nette optische Aufmerksamkeiten. Der Höhepunkt in dieser parodistischen Aufführung ist das Musical im Musical. Da zeigen Mitglieder der Theater-Tanzcompany flotte Stepptanznummern in Naziuniformen, wird munter geträllert und marschiert. Choreografisch sieht das ganz passabel aus. Roger de Bris, der für den Altnazi Frank Liebkind einspringen muss, weil der sich kurz vor der Premierenaufführung das Bein gebrochen hat, zeigt in dieser Massenszene mal seine schauspielerischen Qualitäten. Als Führer in pinkfarbener Uniform, mit aufgeklebtem Schnurrbart, ragt Adrian Beckers tuffige Figur aus all den Darstellern heraus, die im Stechschritt hinter ihm über die Bühne laufen. Überhaupt wirkt die Szenerie urkomisch, wenn da Germaninnen mit Brezel- und Wursthelmen über die Bühne schreiten, SA-Formationen sich zu drehenden Hakenkreuzen formieren, dazu enthusiastisch „Frühling für Hitler“ gesungen wird. Am Ende landen Bloom und Bialystock im Knast. Doch davon lassen sich die beiden nicht entmutigen, wissen sie doch schon, wie sie dort herauskommen können.
    Stehend dargebrachte Ovationen gab es für diesen unterhaltsamen Theaterabend, der auch zeigte, dass komödiantischer Irrsinn wie „The Producers“ erfolgreich sein kann. Man muss halt einfach den Mut zum Flop haben.

    MUSIKTHEATER: »Der Notenflüsterer« - Irmela Hennig - Sächsische Zeitung

    Lieder mit langen Beinen und Lackschuh

    „Der Notenflüsterer“ am Theater Görlitz packt fein interpretierte Film- und Musicalhits in einen altbekannten Rahmen.


    Demonstrativ stellt Maestro Fraboni ein paar hochhackige Glitzerpumps auf den Flügel. Anna Gössi wird wenig später hineinschlüpfen. Sich zuvor der praktischen, aber wenig attraktiven Lackhalbschuhe entledigen und sich dann lasziv auf dem Flügel räkeln. Dazu singen. Ein bisschen anzüglich, ein bisschen kokett, ein bisschen frech. Wird mit dem Publikum flirten und mit dem Maestro an den Tasten. Wird tanzen, vom Deutschen, ins Französische, ins Englische, ins Italienische wechseln. Wird sich aus dem Anzug schälen und das kurze Schwarze samt den langen Beinen präsentieren. Das alles ist es, was einst dazugehörte zu den Liederprogrammen der 1920er, 30er, 50er Jahre. Das Theater Görlitz knüpft mit „Der Notenflüsterer“ an diese Art Liederabend an. Macht ein szenisch-musikalisches Stück daraus, das am Donnerstag im Foyercafé Premiere hatte. Vor ausverkauftem Haus. Die Inszenierung in der Regie von Frieder Venus packt dabei berühmte Film- und Musicalhits in einen altbekannten Rahmen. Ist es sonst der Hausmeister, der auf einem Dachboden irgendetwas aufstöbert, ist es dieses Mal Archivar Strubbel „mit zwei bäbbschen B“, der eine sensationelle Entdeckung macht. In einem Koffer findet er handbeschriebene Notenblätter. Alles große Hits der Film- und Bühnengeschichte. Die könnte ein unbekannter Görlitzer Musiklehrer verfasst haben. Mit seiner Entdeckung platzt der Archivar in den Liederabend und bringt diesen gehörig durcheinander. Noch viel mehr, nachdem der Oberbürgermeister vom Fund Wind bekommt und Stadträtin Reich ins Theater schickt.

    Die Damen spielen sich im Wesentlichen selbst. Anna Gössi ist Anna Gössi, auch im wahren Leben noch recht neu am Theater. Sie stellt ihren ersten eigenen Liederabend auf die Beine. Sopranistin Yvonne Reich ist die erfahrene Theater frau, die eben wirklich Stadträtin ist und so der Kommunalpolitik und städtischen Interessen verpflichtet. Und Francesco Fraboni, der Maestro am Klavier, der auch die musikalische Leitung des Abends innehat, muss mit Launen, Streithähnen und einem plötzlich zum Sänger werdenden Archivar zurechtkommen. Letzterer wird gespielt von Hans-Peter Struppe, der dieser etwas chaotischen Person einen Hauch von Tragik verleiht. Hat Archivar Strubbel doch einst auch vom Sängerwerden geträumt.

    Wirklich Neues bietet die Rahmenhandlung nicht. Dafür ist sie zu offensichtlich Mittel zum Zweck, um die Lieder zu verpacken. Die Songs aber funktionieren. Vor allem, weil Anna Gössi in ihrem Element scheint. Auf den Punkt die Show bietet, die einst so typisch war für jene Art von Konzert. Mit Hans-Peter Struppe oder Yvonne Reich liefert sie sich abwechslungsreiche Duette. Die Letztgenannten sind selbst auch solo zu erleben.

    Für das Bühnenbild im kleinen Café braucht es nicht viel. Eine Treppe aus grünem Plüsch, ein roter Teppich, eine Schaufensterpuppe, ein Schirm, mit dem gelegentlich getanzt wird und den Flügel. Das reicht, um den Interpreten für Songs von „Wenn ich sonntags in mein Kino geh“ bis „Ich wollt, ich wär ein Huhn“ eine Spielwiese zu schaffen. Sie begeistern das Publikum, dass sich am Ende zwei Zugaben er klatscht und nebenbei ein paar der größten Geheimnisse von Görlitz erfährt. Welche? Kann ich nicht verraten – das Publikum wurde zum Stillschweigen verpflichtet.

    Irmela Hennig
    Sächsische Zeitung
    11./­12.02.2017
    Foto: Beata Spychalska

    MUSIKTHEATER: »Nacht der Geheimnisse« - Jens-Daniel Schubert - Sächsische Zeitung

    Mehr Schein als Sein

    Die „Nacht der Geheimnisse“ bietet flottes, ansprechendes Unterhaltungstheater in Görlitz.


    „Nacht der Geheimnisse“ hieß vielversprechend die Musiktheaterpremiere am Sonnabend in Görlitz. Man sollte den Untertitel „zwei Opernkomödien“ nicht überlesen, um nicht enttäuscht zu werden. Denn weder „Susannas Geheimnis“ noch die „Nacht der Ängste“ sind mystischer Nervenkitzel, als vielmehr gut gebaute Unterhaltungsstücke der leichteren Machart. Beiden gemeinsam ist zunächst eine sehr gut komponierte Musik mit Charme und Esprit. Ermanno Wolf-Ferrari, der Deutsch-Italiener, der seine Werke Anfang des 20. Jahrhunderts schuf, war in Görlitz 1994 mit „Il Campiello“ zu erleben. Nino Rota, der 45 Jahre jüngere italienische Komponist, ist insbesondere durch seine Filmmusiken, etwa Fellinis „La dolce vita“ oder Coppolas „Der Pate“ im Ohr.

    Chefdirigent Andrea Sanguineti hat die Musik seiner Landsleute mit leichter Hand und heiterem Grundton interpretiert. Er gibt der Oper Ferraris und ihren Sängern was sie brauchen, lässt die Farbigkeit der Musik in mediterraner Sonne strahlen, findet den rechten Sound für Rota und kommt mit den Revue- und Musical-Elementen dieser Komposition der Inszenierung entgegen. Die Neue Lausitzer Philharmonie, Chor und Solistenensemble ziehen überzeugend mit.

    „Susannas Geheimnis“ ist ziemlich banal: sie raucht heimlich. Aber ihr Mann, der ihr das überhaupt nicht zutraut, wittert Betrug und Ehebruch. Den Zuschauer amüsieren die Missverständnisse, die die handelnden Personen zur Verzweiflung treiben. Regisseur Christian Papke inszeniert die Komödie mit Leichtigkeit, überraschen den Gags und kuriosen Zuspitzungen. Da die Handlung nicht nur dünn, sondern im heutigen Kontext von Emanzipation und Nichtrauchergesetzen auch etwas aus der Zeit gefallen ist, wäre eine dramaturgische Idee, die der Geschichte zusätzliche Tiefe gibt, eine echte Bereicherung gewesen. Angelegt ist sie im Bezug zum zweiten Stück. Leider wird die so denkbare Doppelbödig keit nicht konsequent durchgespielt, bleiben die Figuren zu sehr in Äußerlichkeiten, als dass in ihren Beziehungen bewegende Zusammenhänge hätten deutlich werden können.

    „Die Nacht der Ängste“, wörtlich übersetzt „Die Nacht eines Neurasthenikers“, spielt in einem Hotel. Die Inszenierung interpretiert sie als Vorgeschichte zu „Susannas Geheimnis“. Der Gast im zentralen Zimmer ist Neurastheniker, was im 19. bis 20. Jahrhundert eine psychische „Modekrankheit“ der gehobenen Mittelschicht war, heute genauer differenziert zwischen Erschöpfungsdepression und Burnout zu verorten ist. Getrieben von der Angst, nachts nicht schlafen zu können, mietet der Neurastheniker auch die Nachbarzimmer. Hans-Peter Struppe kann mit dieser skurrilen Type sein ganzes komisches Talent ausspielen. Doch der geschäftstüchtige
    Portier, Stefan Bley, der in „Susannas Geheimnis“ schon dem allgegenwärtigen Faktotum Sante kurioses Profil verlieh, vermietet die Zimmer noch ein zweites Mal. Links quartiert er einen sturzbetrunkenen „Kommandeur“ ein. Michael Berner spielt mit großem Elan einen abgestürzten Rodeo-Reiter. Rechts wird ein Liebespärchen mit auffälligen Cowboy-Hüten untergebracht. Beide Parteien können die erforderliche Ruhe nicht halten. Sie stören den Neurastheniker auf, der seinerseits Randale macht, die der Portier und die herbeigeeilte Dienerschaft statt zu beruhigen noch weiter beheizen.

    So entsteht ein hollywoodreifes Durcheinander, dem Rota eine herrlich überdrehte Revue-Musik unterlegt. Die Inszenierung lässt „sie“ auf der Seite des Liebespärchens von Patricia Bänsch spielen, die schon als Susanna überzeugend sang und agierte. Unter dem braven Mäntelchen verbirgt sie – wie schon beim ersten Susanna-Auftritt – ein scharfes, knapp geschnittenes Leder-Cowgirl-Outfit. Ihr Liebhaber, der sympathisch-lyrische Tenor Thembi Nkosi, trägt, inklusive Strapsen, das Gleiche in Weiß. Zum Höhepunkt des Liebespiels zieht sie die Peitsche. Schließlich taucht auch Susannas Ehemann, Ji-Su Park hier als Hoteldirektor, auf. Das hätte eine spannende Lesart werden können!

    Doch Regisseur Papke konzentriert sich mehr auf ein rasantes Spiel. Britta Bremer hat ihm dazu nicht nur fantasievoll-kuriose Kostüme, sondern ein türreiches, doppelstöckiges Bühnenbild gebaut. Papke spielt schon im ersten Teil virtuos mit Auftritten, Abgängen und Türen, hinter denen sich jedes Mal ein neuer Raum auftut. Im zweiten Teil zeigt er auf der Bühnenebene die Hotelzimmer von innen, darüber zeitgleich die Szene aus Sicht des Hotelflures. Mit szenischen Doubles aus dem Chor, die mit beeindruckender Präzision spielen, werden frappierende Momente kreiert, die sich selbst nach einer Dreiviertelstunde noch nicht erschöpft haben.

    So wird die „Nacht der Geheimnisse“ ein unterhaltsamer, kurzweiliger Opernabend, der leicht noch etwas mehr Tief gang hätte haben können.
    Jens-Daniel Schubert
    Sächsische Zeitung
    21. November 2016
    Foto: Marlies Kross

    SCHAUSPIEL

    SCHAUSPIEL: »Der König der Schmuggler - Das Geheimnis des Pascherfriedel« - Rainer Könen - Sächsische Zeitung

    Legendenzeit im Zittauer Gebirge

    Pferde, Stunts, Feuer, Action – die Premiere „Der König der Schmuggler – Das Geheimnis des Pascherfriedel“ auf der Jonsdorfer Waldbühne hat alles.


    Der Kommandant der sächsischen Garde, Leonhard Falkenstein, ist alles andere als erfreut. Was an seiner Versetzung aus dem schönen Dresden in die Oberlausitz liegt, die aus Sicht seiner adligen Freunde am Ende der Welt liegt. Und zum anderen daran, dass seine Mission, den Kopf der im Zittauer Gebirge agierenden Schmugglerbande, den Pascherfriedel, festzusetzen, sich schwieriger darstellt als angenommen. Denn den Mann, auf den es der von Marc Schützenhofer gespielte Gardechef abgesehen hat, umweht das Mystische. Jeder kennt ihn, gesehen hat ihn niemand.
    In diesem Sommer ist auf der Jonsdorfer Waldbühne wieder Legendenzeit. Nach Karasek und Gottfried Priber hat sich Schauspielintendantin Dorotty Szalma erneut eine regionale Figur aus der Region herausgepickt. Eine, deren Vita Leerstellen hat, die sie mit ihrem Schauspielensemble fantasiereich gefüllt hat. Es ist die Geschichte des Pascherfriedels, einem Mann, der in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, die im Grenzgebiet verworrenen politischen Verhältnisse zwischen Sachsen und Böhmen ausnutzte, mit seiner Schmugglerbande bei Bevölkerung wie Zollbeamten für Trouble sorgte.

    Die große Frage dieses aus der Feder des Autors Axel Stöcker stammenden Stückes, von Dorotty Szalma als Uraufführung auf die Jonsdorfer Bühne gebracht, ist: Wer oder was ist der Pascherfriedel? In der ersten Hälfte des Stückes taucht Friedel dann tatsächlich kurz auf. So nennt die Bäuerin Pospischilova, lustig-radebrechend dargestellt von Patricia Hachtel, ihr dressiertes Ferkel. Während das rosafarbene Schnitzelchen Szenenapplaus bekommt, fremdelt eine fünfköpfige Schmugglerbande anfangs noch mit ihren Rollen. Was wohl an den vielen Kletteraktionen liegt, die die Schmugglercrew mächtig fordert.
    Der Geist des Pascherfriedels, er hängt während der zweistündigen Aufführung über dem Geschehen der Waldbühne. Steckbriefe zeigen ihm mal als eine Art Rübezahl, mal als einen gegen das Vermummungsverbot verstoßenden Zeitgenossen. Neben Schützenhofer agiert Martha Pohla als Gastwirtin Alma. Bei der Wirtshausbesitzerin laufen alle Fäden zusammen. Ihr Bruder Valentin, von Riccardo Giagnorio als leichtgläubiger Filou gespielt, wird auf einer Schmuggeltour erwischt, kommt in den Knast, aus dem sie und seine Kollegen ihn herausholen wollen. Schützenhofer als cooler Kommandant, den nichts aus der Fassung bringt, quartiert sich bei Alma ein, um dort dem Mythos des Schmugglerkönigs auf die Spur zu kommen.

    Dorotty Szalma setzt beim diesjährigen Sommertheaterevent wieder auf Bewährtes. Auf Pferde, Stunts, Pyrotechnik, Action. Ein volkstümlich verkleidetes Statistenheer sorgt in diesem Schurken-Setting für weitere Farbtupfer. Die Handlung ist über weite Strecken der Inszenierung unterhaltsam. Etwa wenn Kerstin Slawek als Schankmädchen Emma auf die Esoterik setzt, um endlich ein vernünftiges Mannsbild zu bekommen. Kriegt sie auch, in Gestalt des Gendarmen Maximilian, von David Thomas Pawlak als übereifrigen und sensiblen Gutmenschen dargestellt. Die Kampfchoreografien von Axel Hambach hat man gefühlt sicher tausendmal gesehen, aber auch schon mal schwungvoller. Für die Befreiung ihres Kollegen lässt sich die tolpatschige Schmugglertruppe in Sachen Nahkampf von Grzegorz Stosz als Personaltrainer Viktor fit machen. Was soweit geht, dass man sich nach dem Intensivkurs im falschen Film wähnt: „Ich fühle mich wie ein Shaolin-Mönch“, meint einer. Aber auch der coole Gardechef hat Gefühle. Er verliebt sich in Alma. Seine ehemalige Freundin, die Gräfin Bosel aus Dresden, die auftaucht, sorgt für weitere Turbulenzen im Gasthof. Da werden die Hauptakteure kurzfristig abgelenkt vom Dauerthema, vom Pascherfriedel. Übrigens: Der Begriff „Pascher“ wurde aus der Zigeunersprache übernommen, bedeutet so viel wie Schmuggler. Falkensteins Recherchen stocken, in Sachen Amore staut es sich zwischen ihm und Alma ebenfalls, kommunikationstechnisch gesehen. Was auch daran liegt, dass er sie für diese Schmugglerlegende hält. Als nach Valentins Befreiung, auf der Bühne mit opulenten Fecht- und Kampfszenen dargestellt, die ob ihrer nicht erwiderten Liebe enttäuschte Gräfin den Kommandanten gar als Schmugglerkönig verdächtigt, geht es auf der lauschigen Waldbühne so richtig hoch her. Jeder verdächtigt jeden, alle wollen nun den Pascherfriedel spielen. Chaos, Irrsinn beherrschen die Szenerie. Bis ein Mann auftaucht. Groß, kräftig, grobschlächtig. Irgendwie geheimnisvoll. „Wer bist du denn?“ will man wissen. Oh, welch Überraschung! Es ist jemand, den man im Programmheft vergeblich sucht.

    „Der König der Schmuggler - Das Geheimnis des Pascherfriedels“ wird auf der Jonsdorfer Waldbühne bis zum 13. August gespielt. Die nächsten Aufführungen: am 21. und 22. Juni (jeweils 10 Uhr), am 24. Juni (20 Uhr) und am 25. Juni (17 Uhr).

    Sächsische Zeitung, 19. Juni 2017
    Von Rainer Könen Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Der Pavillon« - Gabriele Gorgas - Sächsische Zeitung

    Wohin mit der mausetoten Leiche?
    Für einen Krimiautor türmen sich Probleme. Das Publikum bangt mit ihm bei der Kriminalkomödie „Der Pavillon“ von Alec Coppel im Zittauer Klosterhof.
    Von Gabriele Gorgas
    Womit es beginnt? Mit einer Leiche natürlich. Klaus Beyer in der Rolle von Elliott Nash versteckt sich deutlich linkisch hinter der Sofaliege und drückt ab, als der scheinbar Unbekannte eintritt. Der auch sofort mausetot ist. Aber schon bald kommt die Entwarnung. Alles nur Theater. Als Übung für den aktuellen Kriminalfall des Autors, dem sein von Amts wegen sachkundiger Freund Harlow Edison, auf den Punkt gebracht von Tilo Werner, beratend zur Seite steht und fällt.
    So geht es immer weiter. Zu den miteinander verquickten Bestandteilen von Krimi und Komödie gehören nun mal Verwicklungen ohne Ende, also überraschend Erwartetes wie auch erwartet Überraschendes. Und daraus entsteht eine Riesen-Wuselei, gerät Elliott in seiner Zwangslage als Erpresster immer mehr in Bedrängnis, „rettet“ sich in stets neue Schwierigkeiten. Wovon sich nun auch jeder Theaterbesucher höchstpersönlich überzeugen kann. Und das als mitbangender Zuschauer bei der Aufführung „Der Pavillon“ von Alec Coppel im verwunschenen Klosterhof in Zittau.
    Dass dieser als Spielstätte vom Gerhart-Hauptmann-Theater ein passender Ort für solche Geschehnisse ist, lässt sich wohl denken. Auch dann, wenn der gestresste Elliott Nash mit seiner in jeder Situation bezaubernden Frau Nell besagte Leiche, deren Identität nicht so leicht zu entschlüsseln ist, mitten durchs Publikum schleppt. Um sie im imaginären Bootshaus mit Meeresrauschen (das Ganze ist angesiedelt auf Long Island) zu entsorgen. Da kommt schon ein ganz spezielles Gruseln auf.
    Keine Frage, die Aufführung lebt vom offensichtlich inspirierten Darsteller-Quartett, wo sich jeder beweisen kann und muss. Zumal eine so rasant-verstrickte Krimi-Komödie nur im Zusammenspiel funktioniert. Zuweilen könnte das noch etwas mehr Feinzeichnung vertragen. Beispielsweise in den Szenen der Annäherung des Ehepaares, bei manchen Telefonaten oder zu Beginn der Aufführung. Was sich aber nicht pauschal sagen lässt. Nur beweist es sich eben immer wieder auch in Komödien, dass weniger oft mehr ist.
    Maria Weber als Nell Nash gibt in ihrer Rolle beileibe nicht nur die naive Schöne und hier halbwegs erfolgreiche Schauspielerin. Sie zeigt zugleich auch deutliche Nuancierungen eigener Tatkraft. Die sich im Laufe weiterer Vorstellungen noch mehr entwickeln könnten. Wenn nach der Premiere etwas mehr Gelassenheit einzieht. Was ganz gewiss nicht heißt, dass dann die Spannung abfällt. Als vierter Darsteller im Bunde kommt an diesem Abend Riccardo Giagnorio (wäre ihm der Name nicht zu eigen, man hätte ihn erfinden müssen) in gleich fünf Rollen zum Einsatz. Und da beweist er ebenso wie Gretl Kautzsch, die für die markante Ausstattung insgesamt und so auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet, ein höchst liebenswertes Talent des Variierens und Fabulierens.
    Es gibt wohl auf der Bühne kaum etwas Schwierigeres (Oper mal ausgenommen), als justament eine solche Kriminalkomödie zu inszenieren. Da muss lustig nicht zwingend lustig sein. Bei solch einem Stück, auch einem so erprobt erfolgreichen wie dem des gebürtigen australischen Autors Alec Coppel, zählt einfach jedes Wort, jeder Schritt, jedes Detail, jede Bewegung. Und gerade das aufmerksame Mitdenken und Entschlüsseln ist der eigentliche Spaß für die Zuschauer. Sie müssen die Chance haben, auch Verborgenes erahnen und herausfinden zu können.
    Regisseur Marc Schützenhofer hat dafür ein recht gutes Gespür. Zwar braucht die Inszenierung eine gewissse Zeit, um quasi auf Touren zu kommen, aber als rundum Eingeweihter hat man dann schließlich auch den besseren Durchblick. Der immer wieder auf die Probe gestellt wird. Und besonders gewitzte Momente der Aufführung sind, wie schon angedeutet, dabei weniger die überreizten, mehr die kuriosen. Wie eben jener, als der scheinbar erlegte wahre Übeltäter nach Halt suchend direkt auf sein Duschvorhang-Leichentuch fällt. Und schließlich, darin eingewickelt und aufgerichtet, merklich mit nachhilft, um emporgehoben werden zu können. Von solcherart Szenen dürfte es noch viel mehr geben.
    Angemekt sei zudem, dass es sich letztlich auszahlt, beim Besuch von Aufführungen im Klosterhof Zittau für jegliche mitspielende Außentemperaturen und Wetterkapriolen gut gerüstet zu sein. Das wissen die damit vertrauten Zuschauer natürlich längst. Aber manche unterschätzen es zuweilen. Denn das vielfach deutliche Frösteln am Premierenabend in diesen noch frühen Maitagen ist gewiss nicht nur dem Bühnensterben anzulasten. Glühwein und Grog im „Freiluftangebot“ können da weiterhelfen. Aber noch besser ist eine Decke.
    Nächste Aufführungen: 14. und 31. Mai, 20 Uhr,
    sowie in Ausschnitten am 24. Mai und 20, 21 und 22 Uhr















    SCHAUSPIEL: »Das Sextett oder Roma und Julian« - Andreas Herrmann - Sächsische Zeitung

    Geschlechterwechsel als Familienbeglückung

    Das Gerhart-Hauptmann-Theater erweitert das deutsche Komödienrepertoire um eine absurd-witzige polnische Facette.

    Von Andreas Herrmann

    Es ist der orgiastische Hahnenschrei von Gregorio, der ihn verrät – und über Wirrungen und Umwege und viel Schmalz neues Glück beschert. Aber eigentlich ist er just am Boden, denn seine junge Frau namens Roma fühlt sich als Mann – nun macht sie ernst–, und er will sich scheiden lassen, um nicht als schwul zu gelten. Im anderen Doppelzimmer einer schicken Privatklinik wartet Julian, 26-jähriger Sohn der Hyperhelikoptermutter Halina. Die scheint seit seiner Zeugung offenbar so sehr Single, dass sie schon beim Genuss von Erdbeerkompottsaft in Wallung gerät. Der Jüngling ist nicht der über alles geliebte Sohn – sondern gleichzeitig Enkel eines italienischen Müllmagnaten, der zum baldigen 80. des Opas alles erben soll. Aber natürlich nicht als Enkelin. Schließlich stammt der Text von „Das Sextett oder Roma und Julian“ vom polnischen Autor Krzysztof Jaroszynski, der nun erstaunlicherweise am Freitag in Zittau hinterm Vorhang zur deutschsprachigen Erstaufführung kam.
    Ob Polen oder Italien: Hauptsache katholisch-konservativ ist hier das entscheidende Credo, damit die Komödie um eine doppelte Geschlechtsumwandlung funktioniert. Die Lösung zur Verhinderung der vermeintlichen Katastrophe wäre eine rasche Besinnung durch wahre Liebe, also echtem Sex. So denken die beiden Alten, die kurz vor der Geburt von Julian dieses Erlebnis (samt Kikeri beim Höhepunkt) teilten und sich nun zufällig wiedersehen. Die burschikose Roma törnt hingegen eher den langhaarigen Julian im Nachbarzimmer an. Und Halina kann sich gut daran erinnern, wie der damalige Torschützenkönig der dritten Liga – hier in Erinnerung an die WM 1982 im Mittelstürmer-Trainingsanzug von Paoli Rossi – zu bezirzen ist, um den Weg frei für die Liebe der jungen Generation zu bekommen.
    Was Gregorio nicht ahnt: Sein kommendes Glück hängt nicht so sehr von seinem finalen Hahnengeschrei und modernen Hormonpräperaten, sondern ganz entscheidend von neuer Fortpflanzungstechnik ab – und seine neue, alte Geliebte hat noch ein zweites elementares Geheimnis auf Lager…
    Renate Schneider spielt die Mutter und Geliebte, hier Halina genannt, als Traumrolle perfekt aus: Mit vermeintlich naivem Sexappeal und mit allen psychologischen Kenntnissen der Frauenzeitschriftenwelt gewappnet, hat sie nach Erfassung der komplexen Situation bald alle Fäden in der Hand und regelt mit List und leichter Tücke alles zum familiären Gusto – damit ihr alle drei plötzlich Anverwandten erhalten bleiben.
    So akzeptiert sie den Rollentausch der Kinder, die ihre Liebe vor und nach der Operation wie wild weiter frönen, wenn auch mit gewissen Anpassungsschwierigkeiten. Martha Pohla als Roma(n) und Stephan Bestier als Julia(n) meistern das sehr dynamisch und hinreichend plakativ, damit es witzig bleibt, aber Regisseur Wolfram verzichtet zum Glück auf vulgäre Übertreibungen, so dass die Figuren auch nach dem Wandel charakterfest und damit glaubwürdig bis sympathisch bleiben, und das ernste Grundthema, vermeintlich im falschen Körper geboren zu sein, nicht persifliert wird. Auch Gastspieler Alberto Fortuzzi hat seine großen komischen Momente fürs Publikum bei der nicht ganz ausverkauften Premiere. Vor allem, weil er als doppelter Ehemann mehrfach gefoppt wird. Drei weitere obskure Wendungen plus die Aufzählung der neuen Familienverhältnisse folgen noch bis zum Schluss der hundertminütigen pausenlosen Farce ohne Längen.
    Nun wird „Das Sextett“ das trinationale Theaterfestival in Zittau am 17. Mai eröffnen. Das Gerhart-Hauptmann-Theater hat sich entschlossen, dieses um einen Tag zu erweitern – und zwar exklusiv für die Studenten der Hochschule Zittau-Görlitz, die per 5-Euro-Studententag nicht nur das wilde Gendering durchschauen und diskutieren dürfen, sondern anschließend mit einer kostenfreien Studentenparty mit der Warschauer Folkband Paula & Karol im Foyer eine Art Festivalpreview feiern. An den Folgetagen warten täglich mindestens drei Höhepunkte, darunter Gastspiele aus vier polnischen und zwei tschechischen Theatern, dabei zum Abschluss am Sonntag auch erstmals Pardubice.
    Fürs „Sextett“ wäre derweil ein rascher Export neißeabwärts nach Görlitz als Europastadt mit polnischer Fangemeinde und in Wolframs neuem Hauptwirkungsort Bautzen wünschenswert, wo eine Woche vor der Premiere dessen vorherige Zittauer Inszenierung von „Alois Nebel“ große Begeisterung hervorrief. Aber auch anderen deutschen Stadttheatern kann man Jaroszynskis Stück nur empfehlen, zumal es durchaus andere Deutungen zulässt als die italienische Variante wie in Zittau. Der Witzgehalt und der Abstraktionsgrad ist den üblichen Quartett-Partnertausch-Spielplanpositionen für die mittelalte Mittelschicht, gewöhnlich aus amerikanischen oder französischen Edelfedern geflossen, durchaus überlegen.
    Nächste Vorstellungen am 28. April sowie 17. Mai (je 19.30 Uhr). Karten: www.g-h-t.de

    SCHAUSPIEL: »SEITE EINS« - Andreas Herrmann - Sächsische Zeitung

    Boulevardreporter auf Scoopjagd

    Das Gerhart-Hauptmann-Theater macht in Zittau „Seite Eins“ von Johannes Kram zum Echt- und Jetzt-Zeit-Drama. Selbst der Autor ist angetan.

    Die Arbeitsweise von Redaktionen ist für viele einerseits ein unbeschriebenes Blatt, andererseits ein rotes Tuch. Dabei wird es oft genug auch fiktional beschrieben, gern per Filmschnulze oder Boulevardkomödie.
    Und nahezu immer als Außendienst. Also ohne die komplexen Prozesse der Planung, Vorrecherchen und Koordinations- und Abstimmungsprozesse im minutiös getakteten Arbeitsalltag. Nun läuft in Zittau „Seite Eins“, per Untertitel beschrieben als „Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“. Dieser heißt Marco, ist freier Reporter eines deutschen Zwölf-Millionen-Blattes, der sich, weil unterbeschäftigt, aber geltungssüchtig, zudem im Netz per Video-Podcast oder -Livechat als Welterklärer geriert.Nun ruft ihn ein unschuldiges, blondes Popsternchen namens Lea Seeberg an, die ein neues Album („Das Leben und ich“) hat und ihn zur Promo braucht. Marco hat weder Ahnung von Musik noch von dessen Business, sein nie ruhendes Smartphone kennt aber alle möglichen Zuträger und Informanten.
    Und er braucht den Scoop – so nötigt er Lea, sich als Geliebte eines Bekannten zu outen, um die Story auf Seite 1 zu bringen. Leider ist dieser nicht der vermutete Millionenerbe einer Industriellenfamilie, sondern heißt nur zufällig so: Statt des großen Erfolges eine klassische Ente! Und eigentlich auch sein Karriereende, wäre nicht das „Schätzchen“ in der Fotoredaktion, welches dann doch noch „schöne Fotos“ von der vermeintlich braven Lea findet und aufkauft …
    Regisseur Toni Burghard Friedrich, in Zittau geboren, in Ostritz aufgewachsen und nach Abitur in Dresden und Studium in Wien seit dieser Spielzeit als fester Regieassistent am Heimattheater zurück,wartet nun – nach mehreren Dresdner Inszenierungen in der Freien Szene – mit einem respektablen Debüt auf, bei dem er gemeinsam mit Ausstatter René Fußhöller die Gegebenheiten des schnieken Zittauer Foyers, vor allem dessen hervorragende Akustik, gut ausnutzt. David Thomas Pawlak, dessen Monolog als geschickter Mix
    vieler Telefonate genau ein Fußballpunktspiel dauert, meistert das souverän – und zeigt die Charakterdeformation zwischen Anspruch („Wir sind die Wahrheit des Volkes und dürfen deshalb alles sagen“) und widerlicher, personenverachtender Wirklichkeit so prägnant, dass es schaudert.
    Nur an zwei Sachen krankt die Grundgeschichte: Neben den mühseligen Abstimmungsroutinen im Redaktionsalltag, die vor allem Freien eine gewisse (in diesem Fall wäre es gesunde) Skepsis entgegenbringen, funktioniert das Musikbusiness heute schon ohne die Promotionfunktion klassischer Medien.
    Dennoch funktioniert die moralische Pointe: Wenn schon nicht Lea, dann muss wenigstens ein anderer über die Klinge springen, weil die Angst vorm Industrieadel beim Verlag dann doch überwiegt. Im herzlichen Premierenapplaus, der sofort in moralinsaure Diskussionen überging, wobei den Meisten nicht bewusst scheint, dass in der gesamten Oberlausitz nur zwei dieser Typen herumhirschen, lauert eine Überraschung: Autor Johannes Kram, bislang mehr Medien- als Theaterexperte, der sein Motiv aus dem bildhaften Wulff-Abschuss sog und die Debatten um sein Stück als Blogger (www.onlinekram.com) aktiv begleitet, war eigens aus Berlin nach Zittau gekommen – und zeigte sich von der neuen Sichtweise durchaus angetan. Dabei läuft der Einmannmonolog, seit der Uraufführung vor zweieinhalb Jahren in Gütersloh mit Ingolf Lück in der Hauptrolle, vor allem in Metropolen erfolgreich – und der Urtext ist bei den Krautreportern öffentlich
    nachlesbar. Auch das lohnt.

    Andreas Herrmann
    Sächsische Zeitung
    10. April 2017
    Foto: Pavel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »SEITE EINS« - Nicole Czerwinka - elbmargarita.de

    Johannes Krams Monolog „Seite Eins“ regt am Theater Zittau zum Nachdenken über gute und schlechte Journalisten an

    Journalisten, das sind doch alles Haie. Immer auf der Pirsch nach der nächsten Sensation, bis die Jagd nach Skandalen in dicken Lettern gedruckt auf der Titelseite endet. Marco jedenfalls ist so einer. Der eitle Protagonist aus Johannes Krams Theatermonolog „Seite Eins“ strickt sich seine Titelstory aus falschen Indizien einfach selbst, opfert dabei ein gerade aufflammendes Popsternchen auf dem Altar der boulevardesken Aufmerksamkeiten – und das alles, um dem Leser das zu bieten, was der doch angeblich am liebsten hat: eine richtig fette Story.

    Der Autor Johannes Kram schrieb sein Stück lange bevor „Lügenpresse“-Rufe allmontäglich durch Dresdens Straßen dröhnten – und stellt damit auf erschreckend unterhaltsame Art jenen Typ Journalisten bloß, der sich dank Pressefreiheit als vierte Macht im Staate wähnt, die Schlagzeile am Ende aber doch höher gewichtet als die Moral. Uraufgeführt wurde es vor drei Jahren am Theater Gütersloh mit Ingolf Lück als Marco, bundesweit folgten weitere Inszenierungen. Am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau führt Toni Burghard Friedrich nun Regie in der ersten sächsischen Auffürhung von „Seite Eins“.
    Textgetreu zeigt er hier einen Journalisten am Rande des Wahnsinns, der sich berufen fühlt, beflissen aufzuklären, anzuprangern, die „Menschen hinter den Geschichten“ zu zeigen und damit – natürlich! – auch zu unterhalten. Was ihm dabei jedoch verloren geht, ist eben jener verantwortungsvolle Blick auf die Menschen, die er zum Mittelpunkt seiner Titelstorys macht. David Thomas Pawlak läuft in der Rolle Marcos (Fotos: PR/­Pawel Sosnowski) am Premierenabend zu Hochform auf. Immer ein Ohr am Telefon wetzt er in Sakko und Schlüppi über die Bühne im Zittauer Theaterfoyer, bringt das gehetzte Journalisten-Ich wortreich und zackig gestikulierend auf die Bühne.
    Und weil die Zeiten längst vorbei sind, in denen sich Journalisten im verrauchten Redaktionskämmerlein verbarrikadieren, um Seite für Seite der Ausgabe von morgen aufzupinseln, baut der Regisseur noch eine zweite Ebene mit ein: Denn Marco telefoniert nicht nur hektisch hin und her, er produziert sich auch selbst: Spricht immer wieder über eine Videoleinwand zum Publikum und erklärt überzeugt von seinem Berufsbild, warum Boulevardjournalismus genauso so sein muss, wie er eben ist: oft radikal, aber ehrlich. Das Publikum wird so auch zum Youtuber, wird live Zeuge einer vertrackten Boulevard-Recherche. Es spielt mit im multimedialen Wettlauf um die Aufmerksamkeit. Ungefragt. Fast wie im richtigen Leben.
    René Fußhöller hat dazu eine schlichte Kulisse geschaffen, die Marcos Mikrokosmos zwischen dem klassischem Schreibtisch und der virtuellen Videoansicht aufspaltet. Marco muss das Haus gar nicht mehr verlassen, um über die Welt zu schreiben. Sein Smartphone reicht ihm als Recherchemittel völlig aus. Gerade aus diesem Wechsel zwischen Onlinewelt und dem realen Arbeitsplatz im Wohnzimmer schöpft der Monolog im ersten Teil jene Dynamik, die den Zuschauer ähnlich wirksam in die Geschichte zieht wie die dicken Buchstaben in Bildzeitungsüberschriften. Nach der Pause lässt Toni Burghard Friedrich den Protagonisten dann aber doch mit der Realität zusammentreffen. Der steht nun im Theaterfoyer an der Bar, umringt vom Publikum – und liest das Ergebnis seiner sogenannten Recherche vor.
    Ein gravierender Fehler in der Faktenlage macht ihn angreifbar. Doch Marco weicht dennoch nicht von seiner Journalismus-Idee ab. Statt sich selbst zu hinterfragen, sucht er flugs nach einer „redaktionellen Lösung“, um den Fehler möglichst unmerklich auszubügeln. David Thomas Pawlak lässt die Medienkritik in einem seiner stärksten Momente an diesem Abend förmlich implodieren, indem er lauthals ausschreit: „Wir sind die Stimme des Volkes“ – und damit die Arroganz des Reporters bitter vorführt. Doch auch der Leser wird dabei nicht nur geschont, denn auch er macht Journalismus. Wer bloß konsumiert und nur liest, was er glauben will, ist ebenso ein Teil des Spiels. Angebot und Nachfrage: Der Mensch verkauft sich als Ware gut. Selbst ein grober Fehler des Reporters lässt sich so am Ende redaktionell kaschieren – ohne, dass jemand Anstoß daran nimmt. Das gibt viel Stoff zum Nachdenken, zunächst aber tosenden Applaus für eine wirklich großartige Regie und Schauspielleistung im Saal. Nur eines sollten wir nicht hierbei vergessen: Es werden nicht alle Storys so geschrieben. Das muss am Ende doch auch einmal gesagt werden!

    SCHAUSPIEL: »Fatima« - Andreas Herrmann - Sächsische Zeitung

    Romeo, Julia und die Rassismuskeule

    Das Gerhart-Hauptmann-Theater beweist mit „Fatima“ Mut und liefert einen kernigen Beitrag zur Kopftuch-Debatte.


    In Abwesenheit wird man am besten gemobbt. So taucht die Titelfigur nie im Stück auf – und steht doch immer im Zentrum, weil permanent über Fatima und ihr Kopftuch geredet wird.

    Die britische Jungautorin Atiha Sen Gupta hat 2009 mit „Fatima“ ein beachtliches und kluges Dramatikdebüt zum Thema Kopftuchsymbol abgeliefert, welches damals am Londoner Hampstead Theatre uraufgeführt wurde und nun durch Diskussionen um die passende Schulbekleidung sowie leibhaftige Flüchtlingsbegegnungen auch im Oberlausitzer Dreiländereck immer virulenter wird.

    Denn darin geht es um vermeintliche Islamisierung und die entsprechenden Gegenreaktionen – auf die die Gesellschaft wiederum nur mit der harten Rassismus keule zu antworten weiß.

    Eigentlich passiert nichts besonderes: Schülerin Fatima ist eine 17-jährige Party maus und die Zwillingsschwester von Mohammed, der überzeugend vom afghanischen Flüchtling Ali Ahmad Ahmadi gespielt wird. Nach den Sommerferien kommt sie zu spät zur Schule. Und: mit Kopftuch, was sich keiner erklären kann. Die Klasse ist gespalten in Fürsprecher und Gegner dieses demonstrativen Bekenntnisses zum Islam. Am meisten irritiert ist ihre große Liebe namens Georg.

    Dieser, großartig in seiner tollpatschigen Wut von Kurt Neumann gegeben, will alles retten – und erreicht immer das Gegenteil. Außerdem meidet Fatima fortan auch die beste Freundin Aisha, ebenso wie sie Muslima, aber doch weiterhin auf- bis abgeklärt allen normalen Jugendsünden auf der Spur und erklärte Kopftuch-Gegnerin (quicklebendig-überzeugend in dieser Rolle: Sarah Wenzel).

    Noch zwei weitere Jungtalente prägen die Inszenierung von Patricia Hachtel, die sich auch ihr eigenes Bühnenbild schuf: Philipp Rausendorf, der als Fred seine ultimative Baseball-Mütze als Ausdruck von Freiheit sieht und die abenteuerlustige Aisha im Blick hat; und Moritz Pfitzner, der als DJ mit Breakdanceeinlage im Wechsel mit Benedikt Falkus für die jugendgemäße Beschallung und etliche kommentierende Mimik sorgt. Patricia Hachtel hat sich dafür im Hintergrund ein Podest mit fünf Türen bauen lassen, deren Vorderseite auch als Tafel taugt, die zunehmend mit persönlichen Parolen bemalt wird. Davor ist Klassen- oder Partyraum.

    Schnell wird klar, dass es eigentlich weder um Radikalisierung oder Rassismus geht, sondern nur um enttäuschte Jugendliebe und die ganz alltäglichen Folgen. Aus diesen Gefühlen heraus entwendet Georg Fatima das Kopftuch und taucht später als Hilfshitler beim lustig-tragischen Kostüm ball der Klasse auf. Damit disqualifiziert er sich endgültig und wird als Rassist gebrandmarkt.

    Maria Weber spielt die hyperkorrekte Lehrerin Frau Heller, die die Klasse zwar zusammenhalten will, aber nicht über ihren Schatten springen kann und den bis zuletzt unheilbar Verliebten Georg wegen seiner Hitler-Show von der Schule werfen lässt.

    Fatimas Mutter (Kerstin Slawek) pafft eine Zigarette nach der anderen und ist als Frauenrechtlerin, die auch Vater Ali vor die Tür setzte, über die Entwicklung entsetzt und droht gar, dass sie auch ihre Tochter nach dem 18. Geburtstag aus der Wohnung werfen will, wenn sie nicht zur Vernunft kommt. Dies ist – neben dem wiederum unerhörten Abschiedsbesuch von Georg bei Fatima, bei dem klar wird, dass nur er alles eingebüßt hat – die berührendste Szene in einer runden Inszenierung ohne jede Längen.

    Es bleibt ansonsten eine gefühlsmäßig asymmetrische und fast folgenlose Art von Romeo und Julia der Jetztzeit, bei der man sich wundert, dass das Stück nicht in den sächsischen Großstädten läuft. Für den (Deutsch-)Unterricht ist „Fatima“ eine großartige Diskussionsgrundlage.
    Andreas Herrmann
    Sächsische Zeitung
    13.03.2017

    SCHAUSPIEL: »Endstation Sehnsucht« - Andreas Herrmann - DNN

    Maskuliner Proletensieg ohne Trumpelei

    Ivar Thomas van Urk inszeniert Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ am Zittauer Hauptmann-Theater


    Als die Görlitzer Stadtväter anno 1946 wahrlich mutig ihrem Theater den Namen Gerhart Hauptmann gaben, dessen Leichnam just von den Russen per Sonderzug von Agnetendorf gen Stralsund und weiter zum Zweitwohnsitz Hiddensee zwecks großem Begräbnis transferiert wurde, schrieben sie den Theatermachern einen Auftrag ins Stammbuch: jährlich einen Hauptmann auf die Bühne zu bringen.

    Davon hat man sich aber schon lange mehr als faktisch distanziert, zumal das Görlitzer Theater als reiner Musiktempel seinen großen Namen in der Phase zwischen den beiden Fusionen mit Zittau (also von 1988 bis 2011) neißeaufwärts ins Dreiländereck abgab. So gab es im dritten Jahrtausend bislang nur drei – künstlerisch allesamt sehr geglückte – Versuche, dem Erbe doch noch zu huldigen: „Bahnwärter Thiel“ in Görlitz, „Die schwarze Maske“ als Gastspiel aus Jelenia Góra und „Die Winterballade“ in Zittau – letzteres pünktlich zum Theatertreffen 2012, das dort vor Ort unter dem Credo des ersten deutschen Realismusgroßmeisters stand.

    Nun, ab Januar 2017, sind die Werke Hauptmanns zwar urheberrechtlich frei, aber bislang keine wirklichen Versuche einer Hauptmann-Renaissance erkennbar – und zwar in ganz Sachsen. Das mag am Druck der Kassenquote liegen, denn der Bildungskanonbürger ist nirgends mehr in der Überzahl, nicht einmal mehr in abopflichtigen Kommentarspalten der Leit(d?)medien.

    Das Zittauer Hauptmann-Theater wagte sich nun erstmals an das Standardwerk des amerikanischen Realismus: Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ feierte Premiere, der in Berlin lebende Holländer Ivar Thomas van Urk liefert das Familiendrama – 70 Jahre nach der Uraufführung am Broadway. Es führt – noch mit Winterkulisse großer, nett beleuchteter Schneehaufen vorm Theater – in die schwüle Hitze von New Orleans, wo Stella und Stanley Kowalski sich einem leidlich glücklichen Proletenleben mit viel Arbeit und Alk sowie harten Kumpanen und ebensolchem Sex ergeben.

    Stan, laut Stella der einzige mit Potenzial für mehr, ist klarer Chef im Haus und auch der seines Poker- wie Bowlingquartetts. Seine Untermieter im kleinen Vorstadthaus an der Straßenbahnendhaltestelle namens Sehnsucht, die Williams einst wirklich vor Ort entdeckte – Eunice und Steve Hubbel, stilecht karg von Sabine Krug und Tilo Werner gegeben –, sind ebenso schlicht in Anspruch wie Alltagsleben.

    Nun schneit plötzlich Stellas ältere Schwester Blanche DuBois herein, hocheitler wie -gebildeter Südstaatenadel, die in ihrer eigenen Traumwelt lebt, sich für unwiderstehlich hält, aber ihren Landsitz und ihren Job als Lehrerin verlor, weil sie sich ab und an mal ein schnelles Affärchen gönnt, was man mit eigenen Schülern nicht machen sollte. Sie verkennt die Zeichen der Zeit ganz und gar und verklärt sich die Welt, wie es ihr gefällt. Nun hofft sie wohl – mehr oder weniger unter Vortäuschung eines Kurzbesuches – auf einen Neuanfang bei Schwester und Schwager, vermasselt aber mangels Eigen- und Fremdreflektion und ausdauerndem Lügen alles. Auch die zarte Bande zum sensiblen Mitch, sehr schön zerrissen wie befangen gespielt von Klaus Beyer, wird dadurch zerstört.

    Die Nacht der Zerstörung
    Über der Begegnung schwebt schier vorhersehbar die Eskalation, denn den Zweikampf mit Stanley, dem polnischstämmigen Kraftbolzen, der ab und an mal im Suff echt gewalttätig wird, kann sie nicht gewinnen. In der Nacht, wo Blanche Tante wird, vergewaltigt sie der selige Vater, also der Schwager, in einer Anwandlung von Strafe. Doch, so die Freudsche Pointe von Williams: Pack schlägt sich und verträgt sich – und die Ursache der Unruhe muss ganz klar weg...

    Van Urk, der Zittau vor anderthalb Jahren einen äußerst respektablen „Nathan“ bescherte, inszeniert das gekonnt stilecht: Die Hoffnungslosigkeit wird auf über zweieinhalb Stunden ausgewalzt, Lichtblicke gibt es nur kurz vor der Pause in der rührenden Szene der Annäherung zwischen Blanche und Mitch sowie in der liebevollen Geduld der jüngeren Schwester, sehr genau und differenziert gespielt von Martha Pohla, die erst zum Schluss schwindet. Die Hauptlast liegt aber auf Kerstin Slawek und David Thomas Pawlak, die sich als Antipoden immer wieder belauern und ganz und gar nichts schenken. Sie spielen das mit vollem Einsatz – man erfährt nur nicht genau, worauf eigentlich ihre Arroganz und seine Brutalität beruhen.

    Das Bühnenbild von Udo Herbster, der schon bei „Alois Nebel“ hier vor einem knappen Jahr auf Schrägheit setzte, zeigt die Kowalski-Wohnung als dunklen, großen, aber nach außen offenen Raum, in dem weit verstreut Bett, Tisch und Bad stehen. Das widerspricht der ursprünglichen, textlich angelegten Enge und macht das Geschehen noch trostloser und unerklärbarer. Das Grundproblem liegt aber woanders und ist nicht grenzlandspezifisch: Die stets immanente Frage, was das Geschehen da vorn mit einem selbst zu tun haben soll (als Crux des Realismus), dürfte den Großteil des Publikums nur peripher tangieren.

    Perspektivwechsel hätte gut getan
    Lüge, Suff, Prügel und Missbrauch ist heuer weder Privileg der Unterschicht, noch gibt es hierzulande ein solidarisches Proletariat, das in Zeiten maximal ausdifferenzierter Freizeitgestaltung vom Saal heraus irgendwelche Bezugspunkte zur Bühne hätte. Und sich allein über die Schablone von vermeintlich Minderbemittelten, die in der Freizeit bowlen oder pokern, moralisch zu erheben, reißt in noch schlimmer als bei Williams gebeutelten Umwelten keinen aus seinem Plüschsessel.

    Es werden keine wirklichen Stränge zum Stückkontext gelegt: Dem industriellen Aufschwung nach dem gewonnenen Weltkrieg, einhergehend mit dem schleichenden Niedergang der ländlichen Gutsherren, auch der angelegte Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie bleibt doch recht unterbelichtet. Vielleicht hätte ein Perspektivwechsel gut getan, um die globale Verrohung und Verbildung des Abendlandes, die gar offiziell „Leichte Sprache“ erfordert und rechten wie linken Populismus erst ermöglicht.

    Wenn man es dann noch, wie das Original, konsequent in den Südstaaten verortet, käme man – ohne jede Dampfhammeraktualisierung – vielleicht einem Erklärungsmuster für jüngere und wie kommende Wahlergebnisse und deren absehbare Folgen und damit gesellschaftlicher Relevanz näher. Falls das Zittauer Publikum – die gefeierte Premiere war nur zu rund zwei Dritteln gefüllt – sich nicht so recht erwärmt, so bleibt der Trost, dass es Williams und Artgenossen nicht nur im Hauptmann-Revier, sondern in ganz Sachsen recht schwer haben.

    Andreas Herrmann
    Dresdener Neueste Nachrichten
    24.02.2017
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Endstation Sehnsucht« - Marcel Pochanke - Sächsische Zeitung

    Welt der Wunden

    Laut und wuchtig geht es an der „Endstation Sehnsucht“ in Zittau zu. Was fehlt, ist ein Faden, der durchs Dickicht führt.


    Er setzt ihr zu. Stößt. Erniedrigt sie. „Ich hol die Polizei!“ Sie ruft es immer wieder. Mit verzweifeltem Ernst. Wütend geht er ihr nach, als sie die Bühne durch einen Seitenausgang verlässt. Etwas später kehren sie wieder, er hat sie auf die Hüfte geladen, sie treibt ihn fröhlich an, jauchzt vor Lust, dann verschwinden sie in die Wohnung oben drüber.

    Drunter, das ist dort, wo Blanche, eine mittellos gewordene junge Lehrerin aus gutem Haus, Zuflucht bei ihrer Schwester Stella (Martha Pohla) sucht und nicht findet. Schutz gibt es einzig in der Badewanne, wo sie sich auch an heißen Tagen stundenlang aufhält und Stanley, den Mann ihrer Schwester, nur noch mehr gegen sich aufbringt. Laut ist er, und zuschlagen kann er auch. In diesem Stadtviertel, wo die Straßenbahnendhaltestelle „Sehnsucht“ heißt, ist der Rohling kein Außenseiter.

    Diesen Ort der Finsternis, an dem Menschenwelten aufeinanderprallen, lässt das Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau entstehen. Tennessee Williams‘ Milieustudie „Endstation Sehnsucht“ ist eines der bekanntesten amerikanischen Theaterstücke, die Verfilmung erhielt 1952 vier Oscars. Das Drama ist zum Klassiker geworden, steckt jedoch voller Fallen für jene, diees heute inszenieren wollen. Erst recht in einer ostsächsischen Kleinstadt, deren soziale Konflikte nur über Umwege mit denen zu vergleichen sind, die im New Orleans der späten 40er angesiedelt sind, wo Aristokratie auf Großstadtdschungel trifft.

    In Zittau, wo das Stück am Freitag Premiere hatte, setzt der holländische Regisseur Ivar Thomas van Urk auf Lautstärke. Ein Wagnis. Eine betagtere Dame, die neben dem Rezensenten Platz genommen hatte, ist ebenso fasziniert davon wie ratlos – und überdies enttäuscht, weil Lautstärke und sich überschlagende Stimmen, dazu kommen Synthesizerklänge, in ihrem Hörgerät viel Rauschen erzeugen. Auf der Bühne, die Udo Herbster als schwarzen Raum mit schwarzen Möbeln geschaffen hat, fliegen nun Stühle und Tische.

    Gewalt, das sind die anderen, solange man sich im Recht fühlt, und das wird man, zumal in den eigenen vier Wänden, doch wohl sagen oder schreien dürfen. Eine sich ursprünglich gebende Gewalt, die den Zuschauern im Zittauer Theatersaal durchaus den Atem nahm, die von David Thomas Pawlak als Stanley überzeugend verkörpert wird, die bei der famos aufspielenden Kerstin Slawek als Blanche wie ferne Erschütterungen auf einer Wasserfläche ankommt, die aber auch ins Leere läuft. Das Ensemble bietet gekonnten Naturalismus, haut sich, so muss man das oft nennen, dabei aber einen Text um die Ohren, der sprachlich unentschlossen bleibt. Williams Text in der Übersetzung von Helmar Harald Fischer ist zu umständlich, um eine Milieustudie à la Gerhart Hauptmann zu sein und zu wenig virtuos, um als Bühnensprache wirklich zu verfangen. Die Feurigkeit der Schauspieler trägt über diese Schwäche hinweg, wirkt dabei aber in Ketten gelegt: Die Inszenierung kommt auffallend statisch daher, vom Leben früh erschöpfte Menschen stehen oder sitzen und erklären sich was. Meinungs-Pingpong. Am Ende sind Triebe das stärkste Motiv des Handelns, alles Erklären wirkt wie Hohn.

    Um Blanche, die Gefallene, dreht sich der Gang der Ereignisse. Obwohl man sich kaum um sie kümmert. Sie hat einen Reiz, und Reize gelten gerade in der Welt des idealbefreiten Lebens im Hier und Jetzt, in die sie nichtsahnend hineingeriet. Blanche, vom „Nervenleiden“ gezeichnet, bereit, in die Anstalt geschafft zu werden, wird zur Gretchengestalt, die sich, im Kerker fröstelnd, dem Erstbesten, der Gutes fühlen lässt, wahnsinnig an den Hals schmeißt. Aber die Schöpfung von Tennessee Williams, seine Ahnung des Weges, den die amerikanische Gesellschaft einschlägt, muss ohne einen Faust auskommen. Was bleibt, ist der Wechsel zwischen Auerbachs Keller und Walpurgisnacht. Gesoffen und gef*** wird viel, und wird vor allem.

    Die Regie von Ivar Thomas van Urk hält sich mit darüber hinausgehenden Kommentaren fast völlig zurück. Ein festerer Zugriff wird hier vermisst, und damit ein Faden, der durch das dunkle Dickicht führt und die üppig vorhandene Relevanz des Stückes stärker herausstreicht. Etwa hier: Blanche wird just an ihrem Geburtstag nicht nur die Perspektive einer Heirat mit Mitch (Klaus Beyer) genommen. Sie bekommt auch ein Busticket geschenkt, zu rück dorthin, wo niemand mehr ist. Abgeschoben. Dann kehren die Männer zurück an den Kartentisch. Keiner, der grundsätzliche Fragen stellt. Kein neuer Gedanke.

    Endstation Sehnsucht in Zittau ist sehenswertes Theater mit starken Momenten. Doch das Stück lässt uns, bei aller Wucht, zu leicht davonkommen. Keine Geste, die den Saal mit der Handlung dort in dem Theaterguckkasten verbindet. Eben noch „Ich hol’ die Polizei“ gerufen, wie Sabine Krug in der beeindruckenden Eheszene mit Tilo Werner, war vielleicht doch alles nicht so gemeint. Irgendwo hat es Fortschritt gegeben, Menschen, die zu zarteren Empfindungen fähig sind. Auch Stella wird das bewusst. Und kriecht doch zurück ins Bett, wo das vertraute, schmerzhafte Ritual von Neuem beginnt.

    Marcel Pochanke
    Sächsische Zeitung
    13.03.2017
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Endstation Sehnsucht« - Lukas Pohlmann - Nachtkritik.de

    Halt dich an deiner Flasche fest

    Blanche DuBois hat Geburtstag und was macht ihr Schwager? Schaufelt sich den Kuchen mit bloßen Händen rein und erklärt sich zum König seiner kleinen Wohnung. Seiner Welt aus Sehnsucht und Bedürfnissen. Aus Alkohol und Abgehängtsein.

    Die Wohnung hat nur zwei Zimmer und die sind in Zittau zur Premiere von Tennessee Williams "Endstation Sehnsucht" am Gerhart Hauptmann Theater sogar Dogville-artig auf einen offenen Raum reduziert. Ein Bett, eine Wanne, eine Essgarnitur und ein Kühlschrank. Keine Privatsphäre in Udo Herbsters Ausstattung. Sinnbildlich für die, die darin wohnen. Nicht nur für ihr distanzloses Aufeinanderhocken. Auch für die Weltbilder und Sichtweisen.

    Blanche kommt vermeintlich nur zu Besuch zur ihrer schwangeren Schwester Stella und ihrem Ehemann Stanley, nistet sich aber ein. Sie verwirrt Stanley und dessen Kumpels durch ihre Anwesenheit und ihr weltfrauliches Auftreten in schicken Kleidern und hütet offensichtlich Geheimnisse. Klar, dass da Kopfkino losgeht. Zumal die Männer in Ivar Thomas van Urks Inszenierung immerfort saufen. Saufen gegen die Hitze, gegen den immer gleichen Trott aus Fabrik und Bowling, gegen die eigene Randständigkeit. Und so wird Stanley schließlich am Rand der zivilisierten Welt Blanche in der Geburtsnacht seines Sohnes vergewaltigen. Und sie schließlich vom Nervenarzt abgeholt. Die Geschichte ist bekannt.
    Frage: Hat die Schauspielleitung des Hauptmann-Theaters etwa hellseherische Fähigkeiten? Diese Spielplanposition muss schließlich überlegt worden sein, noch weit bevor jemand hätte ahnen können, dass ein gewisser D. Trump auch nur republikanische Vorwahlen gewinnen würde. Jetzt plötzlich ist der 1947’er Klassiker nicht nur nettes Schauspielerfutter sondern eine interessante Grundlage, sich mit Kleine-Leute-Träumen auseinanderzusetzen. Mit den Sehnsüchten der irgendwie, wenigstens selbstempfunden, Abgehängten. Wen Stanley wohl im November gewählt hätte?

    Van Urk könnte also tief abtauchen mit seinem Ensemble und die Sehnsüchte sezieren. Aber er erzählt das alles etwas schlicht. Wie das Programmheft lenkt die Inszenierung den Blick auf ein (vermeintliches) Krankheitsbild von Blanche. Deren Depression oder Burnout oder bipolare Störung wird beispielsweise mit einigen Sekunden eingespielter Schreie oder kreischender Musik zu expressiven Ausbrüchen der Schauspielerin Kerstin Slawek verdeutlicht. Und sonst wird eben die ganze Zeit gesoffen. Fast mag man David Thomas Pawlaks Stanley in Schutz nehmen. Wie soll einer zu einem ausgeglichenen Wesen finden, der solche Unmengen Whiskey in sich reinschüttet? Endstation Alkoholsucht.

    Da ist der Kater sinnbildlich. Wie hinter einem Schleier liegt der ganze Abend. Richtige Amplituden bleiben aus. Slawek, Pawlak und Martha Pohla als Stella bleiben merkwürdig blutleer in der endlos behaupteten Hitze von Louisiana. Als würden sie sich die Situationen, in denen ihre Figuren stecken, selbst nicht richtig abnehmen. Warum kommen sie nicht mal aus der Deckung? Natürlich wird da geschrien. Stanley wird handgreiflich gegen Ehefrau und Mobiliar. Stella hat sich in ihr Schicksal ergeben und weiß doch auch mal ihren Mann zu kontern. Natürlich verstrickt sich Blanche in ihrem Lügen-Hoffnungs-Luftschloss. Dabei wird aber vor allem endlos viel geredet. Die Konflikte werden immerfort erklärt statt sie zu zeigen.

    Situationen wie die als Klaus Beyer, dessen Mitch Blanche den Hof macht, die Überforderung durch schier ewiges Standbein-Spielbein Wiegen zu einer absurden Nummer formt, sind selten. Es ist auch nicht hilfreich, dass fast unentwegt Synthesizer-Klänge zur Untermalung dienen. Die machen aus den Szenen ziemlich zähen Brei. Zumal die Spieler die Herausforderung dieser Geräuschkulisse nicht annehmen.

    Betrogene Hoffnung
    Wirklich mehr zu erzählen als das ausgesprochene Wort beinhaltet, schafft eine Szene. Wenn auch nah an der bösen Kitschgrenze: Die Vergewaltigung ist ein starker Theatermoment. Sie bricht den Rhythmus der sonst etwas langatmigen Inszenierung. Ihre Kürze lässt die Einvernehmlichkeit als Möglichkeitsform zu. Und während des Missbrauchs fällt auch für wenige Sekunden roter Glitter vom Bühnenhimmel. Schaurig schön. Da öffnet sich plötzlich ein Assoziationsraum: Nachdenken über Geschlechterrollen und die betrogene Hoffnung auf ein besseres Leben. Und dann ist das Blanche-Intermezzo auch schon vorbei. Sie wird in einer Zwangsjacke aus Handtüchern abgeholt, die Zurückbleibenden jubeln erleichtert und gehen zur Tagesordnung über. Nur unwesentlich versehrter als vorher.
    Wenn das nun auch eine hellsichtige Vision wäre …

    Lukas Pohlmann
    Nachtkritik.de
    13.02.2017
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Eine Sommernacht« - Marcel Pochanke - Sächsische Zeitung

    Bloß keine Liebesgeschichte!

    „Eine Sommernacht“ am Zittauer Theater ist als kluge, begeisternd gespielte Komödie viel mehr als ein Geheimtipp.


    Der Schotte David Greig ist ein vielseitiger, mit Preisen bedachter Theaterautor. Er holt griechische Tragödien in die Gegenwart, er befasst sich mit Europa, Weltkrisen und sozialen Utopien. Eine Liebeskomödie mit Musik ist allerdings auch dabei. Draußen hat es minus zehn Grad, Donald Trump wird soeben ins Amt eingeführt und am Zittauer Theater hat ausgerechnet diese, „Eine Sommernacht“, Premiere. Ja geht es noch?

    Zwei verkrachte Gestalten, die sich über den Weg laufen und Sex haben, zu dem es „kommen muss“, dazu das Versprechen, einander nicht wiederzusehen, dann aber doch die erneute Begegnung – zu Hilfe, das schmiert, das kennen wir doch, das trieft vor Klischees. Wer all das nun milde lächelnd zusammenzählte und auf den Besuch im Zittauer Theater verzichtete, unterlag einem Trugschluss. Greig schafft eine eigene Welt aus klugen Einwänden und Doppelböden, die über das Augenscheinliche erhaben ist. Er setzt seine Geschichte dort an, wo Liebe und all das Drumherum vor allem stattfindet: Im Kopf der Beteiligten. Was zu sagen wäre, was keinesfalls gesagt werden darf, was man(n) seinem kleinen Freund im Schritt schon immer sagen wollte, wie der kontert, wie eine Frau mit möglichem entstehenden Leben in ihr ins Zwiegespräch geht – die Aufzählung dessen, was der Dramatiker wie nebenbei in sein kleines Meisterwerk einbaut, ließe sich fortführen. Wie aus Wollen und Sagen Wirklichkeit wird, das zielt bei Greig weit über die recht banale Geschichte hinaus, die das Programm verspricht.

    Der Zittauer Regisseur Stephan Bestier setzt diese Kleinode famos in Szene, macht dabei aus dem knappen Budget eine Tugend und verzichtet auf allen Schnickschnack: Die Mittel stecken vor allem in der Bühne, die ebenfalls Bestier verantwortet. Ein Steg aus Pressholzplatten wird spärlich, aber akkurat von Plastik-Grasbü-scheln umsäumt, der Do-it-Yourself Charme passt zu den Figuren, die ihr Leben wer weiß wohin lenken müssen – vom Lieben ganz zu schweigen. Also besser nicht.Schon gar nicht den jeweils anderen.

    Der Kleinkriminelle Bob, den Marc Schützenhofer mit begeisternder Spiellust gibt, weiß genug vom Dasein, um es mit einer wie Helena nicht dauerhaft aufzunehmen. Der verleiht Maria Weber eine feine Rastlosigkeit und damit eine Attraktivität, für die ihre über Lebensfallen stolpernde Figur gar nichts kann. Das Premierenpublikum am Freitag feierte beide im Stehen, minutenlang. Weber und Schützenhofer, so war zu hören, hatten in den Proben unheimliche Freude am Zusammenspiel und sich Ausprobieren. Stephan Bestier ließ ihnen viel schöpferischen Raum, ohne dass ihm darüber das Stück entglitten wäre. Man kennt sich aus dem Zittauer Ensemble, dem Bestier seit sieben Jahren als Schauspieler angehört. Seine Regiehandschrift zeugt vom Vertrauen auf das gesprochene Wort. Bei den Liedern aus der Feder von Gordon McIntyre, die Philipp Gräf am Keyboard behutsam begleitet, setzte er den Rotstift an. Vor allem Wiederholungen wurden gestrichen, andere Songs klingen nur an. Die verbliebenen Nummern bilden keine blitzende Revue. Vielmehr erlauben sie kurze Einblicke in Möglichkeiten, sich zu fühlen, vor denen unsere Protagonisten im selben Moment erschrecken. Sie möchten die Geschichte, die hier entsteht, ja lieber nicht erzählen. Keine Liebesgeschichte! Für einen Moment, beim gemeinsamen Lied „There’s only Inches between us“, las sen sie das Katz- und Maus-Spiel bleiben. Und schwupps, fällt die Spannung. Lässt sich Liebe auf der Bühne wahlweise nur als Komödie oder Tragödie darstellen? Der Verdacht liegt nahe, und David Greig nährt ihn nach Kräften. Eine Tragödie bleibt in der „Sommernacht“ aus, wenngleich Bobs wenig kompromissbereiter Boss ihm wegen der gemeinsam durchgebrachten 15000 Pfund auf den Fersen ist. Ende offen.

    Der englische Guardian rätselte beim Erscheinen der Komödie, warum David Greig sie „Schauspiel mit Musik“ genannt hat, und nicht etwa Musical. Weil er besser sein will, weil er besser ist als das, was man von Musicals landläufig erwartet, schlussfolgerte das renommierte Blatt. Dem schließen wir uns an.
    Marcel Pochanke
    Sächsische Zeitung
    23.01.2017
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Der Pantoffel-Panther« - Rainer Könen - Sächsische Zeitung

    Wenn aus dem Riesenhuhn ein Killer werden soll
    Im Zittauer Theater erntete die Premiere der Boulevardkomödie „Der Pantoffel-Panther“ stürmischen Beifall.


    Hasso Krause hat ein Problem. Er hat seinen Job als Vertreter für elegante italienische Leder-Pantoffeln verloren, seine Schulden sind auf eine halbe Million Euro angewachsen. Mahnungen und Pfändungsbescheide stapeln sich im Keller. Seine Gattin Röschen hat von all dem keine Ahnung. Denn aus Scham hat Hasso ihr vorgegaukelt, arbeiten zu gehen. Ihren Hang zu Champagner und Luxus-Klamotten kann er nicht stoppen. Während Röschen von einem luxuriösen Leben im Ruhestand träumt, versucht Krause mit einem skurrilen Hilfsjob Geld zu verdienen. Er macht „in Hähnchen“, wirbt als Riesenhuhn verkleidet für einen örtlichen Hähnchengrill. In dieser fast aussichtslosen Situation taucht der Italiener Luigi auf, der Hasso für den legendären Auftragskiller „Der Panther“ hält und ihm einen gut bezahlten Job anbietet. Zwei Millionen Euro soll Hasso kassieren, wenn er den Mafioso „Das Mammut“ tötet. Klar, dass dieses Angebot Hasso hellhörig macht und er seinen Nachbarn Rüdiger als Komplizen ein spannt.

    Und so nimmt in dem Stück „Der Pantoffel-Panther“ das Chaos an diesem Premierenabend im Zittauer Theater seinen Lauf. Regisseur Axel Stöcker hat das Werk des Autoren-Duos Dietmar Jacobs und Lars Albaum fürs Gerhard-Hauptmann-Theater turbulent in Szene gesetzt. Da wird so ziemlich alles geboten, was klassisches Boulevardtheater ausmacht. Regnen Witze und Pointen wie Konfetti aufs Publikum herab, gibt es die übliche Verwirrungs- und Situationskomik. Dramaturg Gerhard Herfeldt hat die im März dieses Jahres in Bonn uraufgeführte Komödie dazu noch mit viel Lokalkolorit versehen. Das Resultat: Ein Stück, das famoses Schauspielfutter enthält – vor allem für den von Tilo Werner verkörperten Hasso Krause.

    Die Oberlausitz spielt mit Vier Boulevardkomödien haben die beiden renommierten Kabarettautoren geschrieben, die mit dem Adolf-Grimme-Fernsehpreis für ihre Mitarbeit bei der Serie „Stromberg“ ausgezeichnet wurden. Mit anderen Worten: die Herren Albaum und Jacobs sind Experten in Sachen Klamauk, wissen, wie eine Boulevardkomödie funktioniert.

    Dass die Handlung dieser Komödie in Zittau, in der Region spielt, macht dieses flotte Stück für die Zuschauer griffiger. Wenn Löbau, Hirschfelde oder Eichgraben ins komödiantische Spiel aufgenommen werden, kann man sich in die Nöte der Figuren gleich noch besser einfühlen. So haarsträubend die Story und ihre voraus schaubaren Verstrickungen und Verwechslungen auch sind: Tilo Werner macht aus allem etwas, kitzelt selbst noch aus den verstaubtesten Klischees Pointen heraus. Als er vor der Mafia fliehen will, „an einen Ort fernab der Zivilisation“, fragt ihn Freund Rüdiger, warum er denn ausgerechnet nach Niesky wolle. Tosendes Gelächter im Saal.

    Haben die Darsteller anfangs noch etwas Mühe mit den temporeichen Dialogen und der Weite des Bühnenbildes – einem großen Wohnzimmer –, nimmt die Inszenierung nach einer halben Stunde Fahrt auf. Man könnte auch sagen, von dem Moment an, an dem die Mafia in Gestalt von Luigi auf den Plan tritt. Von da an wird der Abend schwungvoll.

    Als Krause von Luigi das Angebot bekommt, das Mammut zu beseitigen, taucht sie sofort auf, die Frage, wie aus einem um die Existenz ringenden Pantoffelhelden ein eiskalter Killer werden soll. Denn Mammut ist ja nicht irgendwer, sondern eine echte Mafiagröße. Luigi, von David Thomas Pawlak dargestellt, gibt den halbseidenen Typen aus diesem Milieu. Es gibt Anleihen beim Filmklassiker „Der Pate“; köstlich zu sehen, wie Krause in einer Szene den Paten mimt.

    Der Rhythmus dieses Premierenabends changiert zwischen Irrsinn und Innehalten. Selbst die wenig überraschenden Momente verwandelt Tilo Werner noch in einen Knüller. Hinzu kommen die Momente, in denen er das Publikum direkt anspricht und zum Komplizen in dem mörderischen Spaß macht.

    Seine Mitspieler geben sich an diesem Abend wacker. Sein Nachbar Rüdiger, formidabel gespielt von Marc Schützenhofer, Sabine Krug als naives Röschen, die erst am Ende die ganze Situation durchschaut, geht zu Werners Überraschung ganz pragmatisch mit der Wahrheit seines Daseins um. Stephan Bestier als Raumausstatter Milan sowie Martha Pohla als Krauses Kollegin Babsi zeigen in ihren Rollen, dass sie das komödiantische Handwerk beherrschen. Allerdings kommt David Thomas Pawlak als Luigi insgesamt ein wenig zu stereotyp daher. Dieser Figur hätte man mehr Kontur gewünscht, um auch in einer boulevardesken Komödie authentisch zu sein.

    Logisch, dass die Geschichte am Ende ins richtige Fahrwasser kommt, vor allem aus Sicht des Protagonisten Hasso Krause. Er kann sogar seinen Job erledigen, ob gleich er sich dazu nicht in einen Killer verwandeln muss. Das Premierenpublikum ist nach der knapp zweistündigen Aufführung begeistert, gibt es am Ende stehende Ovationen.

    Rainer Könen
    Sächsische Zeitung
    07. November 2016
    Foto: Pawel Sosnowski

    SCHAUSPIEL: »Frau Luna« - Jens Daniel Schubert - Sächsische Zeitung

    Frau Luna im Biergarten

    Von der Neiße an die Spree und weiter direkt zum Mond – das Görlitzer Musiktheater macht das alles mal so zum Spaß und an der frischen „Berliner“ Luft.‎‎‎


    Die „Berliner Luft“ im Stadthallengarten Görlitz war vom gerade abgezogenen Regen noch kühl und feucht. Dennoch war am Freitagabend zu ahnen, dass sich mit „Frau Luna“ und den Berliner Typen, die sie in ihren „Schlössern, die im Monde liegen“ besuchen, an lauen Sommerabenden dufte Biergartenstimmung einstellen kann. Linckes Operette wird neben der Rückwand der Stadthalle, das Haus ist seit Jahren wegen Baufälligkeit geschlossen, recht gut erhaltenen Biergartenanlagen und im Schatten hoher Bäume aufgeführt. Die Musiker der Neuen Lausitzer Philharmonie sitzen unter einem Dach, haben sicherheitshalber Wärmestrahler und geben unter der Leitung von Albert Seidl der Berliner Geschichte den nötigen Schwung.
    Der kommt beim Publikum an, das sich schon zur Premiere animieren ließ und begeistert mitklatschte, wann immer sich geeignete Rhythmen dazu fanden.
    Auf der Bühne hat Steffen Piontek die bekannte Geschichte „aus ’em Milieu“ geschickt arrangiert. Die erzählt von armen Leuten, Berliner Typen, alle biedermeierlich arrangiert mit den Zuständen, auf der Suche nach einem kleinen Stück vom großen Glück. Piontek nimmt die Biergartenstimmung auf, greift gerne auch mal in die Klamottenkiste der alten Theaterwitze und lässt seine Darsteller alles sein, nur nicht bierernst.
    So hat Mechaniker Steppke zwar den Job verloren, die Untermietswirtin hat ihm zum Ersten gekündigt und will ihm auch die Hand seiner Liebsten Mietzi, was ihre Nichte Marie ist, für immer entziehen, aber das stört ihn nicht wirklich. Unbeeindruckt lässt er sich Abendbrotstulle und Bier bringen, schmust nebenbei mit seiner Marie und spielt gleichzeitig noch mit einem Modell-Zeppelin. Det is halt so. Und so sehr Steppke Marie liebt, so selbstverständlich nutzt er die Gelegenheit, vor der feschen Chansonette aus dem Vorderhaus zu stolzieren und ihren gockelhaften Galan aufs Abstellgleis zu schieben. Das ist die Frau seiner Träume, die dort als Frau Luna glänzt. Und nach dem aberwitzigen Traumabenteuer, dem Luftschiffflug auf den Mond, wo, silberglitzernd und aufgeblasen, letztendlich die gleichen Typen wie in Berlin zu Hause sind, ist der Sturz aus dem Bett hart. Aber Mietzi tröstet und der Brief vom Grafen Zeppelin verheißt eine große Zukunft im Luftschiffbau.
    Beim Sommertheater darf und sollte die Unterhaltung im Vordergrund stehen. Regisseur Piontek, sein Ausstatter Mike Hahne und Choreograf Winfried Schneider führen die Banalität des Stückes in eine Absurdität an der Grenze zur Albernheit. Was in „Berlin“ noch als typgerechte Überhöhung der Figuren beschrieben werden kann, ist in den verrückt aufgedonnerten Mondkostümen, den Tippelschritten und stereotypen Bewegungen ins Extrem geführt. Das kann nur das Kinderballett toppen, dessen Auftritt als Sternschnuppen viel Applaus auslöste.
    Als Titelfigur zeigt Patricia Bänsch ihre langen, schönen Beine in Glitzerbody mit Fädchenmini und kokettiert mit Federboa und Seidentuch. Thembi Nkosi als ihr Liebhaber stolziert mit Paradeschritt, lässt die Hüften und die Augen rollen und singt schmelzend seine Tenorlieder. Hans-Peter Struppe ist der harmlose Typ von der Polente, der zusammen mit Alison Scherzer als Dienstmädchen und Linckes eingängiger Melodie bettelt: „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe!“.
    Mit viel Charme und fast rührender Unbekümmertheit gibt Michael Berner den Steppke, spielerisch und gesanglich auf den Punkt zusammen mit Anna Gössie, die als sympathische Marie locker über den Ensembles trällert. Als Portier Pannecke schiebt Stefan Bley den vorgeschnallten Bierbauch wirksam über die Bühne, der heimliche Star des Abends ist jedoch, wie in fast allen Inszenierungen dieses Stücks, die Wirtin Pusebach. Die wurde von Bettina Weichert mit Herz und Schnauze, zupackendem Humor und einer gut ausgewogenen Mischung von Klamauk und Ernsthaftigkeit gestaltet. Zur großen Berlin-Revue auf dem Mond fehlt nicht viel und das Publikum singt mit. Jetzt muss bloß noch Petrus mitspielen und einem unterhaltsamen Biergartenabend mit Frau Luna steht nichts im Wege.
    Weitere Vorstellungen:
    25. und 30.06., 1., 2., 13., 14., 15. und 16. Juli
    Kartentelefon 03581 474747

    Fast ausverkaufte Premiere im Görlitzer Stadthallengarten: Paul Linckes Operette „Frau Luna“, die beliebteste Berliner Operette. Aus ihr stammen Ohrwürmer wie „Schlösser, die im Monde liegen“, „Schenk mir doch ein kleines bisschen Liebe“ und der „Berliner Luft“.

    Sächsische Zeitung, 19. Juni 2017
    Von Jens Daniel Schubert Foto: Marlies Kross

    TANZ

    Doppel-Tanzabend: »Sacre« - von D. Pelleg und M. E. Weigert, Musik von L. Berio und I. Strawinsky

    Vor dem ersten Ton ein Kuss
    Der Görlitzer Sommer-Tanzabend „Sacre“ fasziniert mit Einfällen. Doch das Orchester will nicht recht aufwachen.
    von Marcel Pochanke

    Ohne Opfer geht Strawinskys „Sacre“ auch in Görlitz nicht aus. Hingebungsvoll erwarten die Tänzer des Gerhart-Hauptmann-Theaters das Kommende.

    Premiere:
    24.06.2017 Rezensierte Vorstellung:
    24.06.2017

    Sacre nennt das Görlitzer Gerhart-Hauptmann-Theater seinen Sommer-Tanzabend im Stadthallengarten. Es ist ein doppelter, mit dem titelgebenden berühmten Frühlingsopfer von Igor Strawinsky und dem selten getanzten „Rendering“ von Luciano Berio. Ein Wagnis ist es, im publikumsträchtigen Sommer mit Werken, denen das Moderne so (ehr-)furchteinflößend anhaftet, an den Start zu gehen. Dazu sei sogleich bemerkt: Das Wagnis geht auf, die Ränge waren bei der Premiere am Sonnabend prächtig gefüllt und bunt gemischt. Die für „Sacre“ zuständigen Görlitzer Haus-Choreografen Dan Pelleg und Marko E. Weigert müssen ohnehin nicht mehr beweisen, dass sie Anspruch und Publikumserfolg miteinander verbinden können. Auch der neue Tanzabend hat gute Chancen, diese Geschichte fortzuschreiben.
    Gleichzeitig muss man jenen, die etwa Strawinskys Meisterwerk mit hohen Erwartungen verknüpfen, Entsprechendes bieten. Pelleg und Weigert nehmen die Handlung um das Mädchen, das rituell geopfert wird, frisch auseinander. An die Stelle der einen setzen sie ein Paar, das sich schon vor dem ersten Ton küsst und fortan immer wieder unter Aufbietung aller körperlichen Kräfte an der Vereinigung gehindert wird. „Sacre“ in Görlitz will dabei jene Strenge vermeiden, die ihm in seiner hundertjährigen Aufführungsgeschichte oft einchoreografiert wurde. Das ist eine achtbare Entscheidung, birgt aber die Gefahr, das Stück zu entleiben: Dramen statt Drama. Das Publikum staunt und entdeckt, aber es sitzt nicht recht im Boot. Dabei zeigen die Tänzer viel Können und variantenreiche Körpersprache, genährt vom Ideenreichtum der Choreografen. Doch es sind die klaren Bilder, die opfergetränkten Szenen, die den größten Eindruck machen.
    Von der Neuen Lausitzer Philharmonie mit der freilufterfahrenen Judith Kubitz am Pult gehen zunächst wenige Impulse aus. Sacre, dieses Fanal, die mögliche Urkraft der Musik aus einer anderen Welt, klingt mitunter brav und beinahe impressionistisch – also zumindest sehr anders, als vom Komponisten intendiert. Das liegt auch am Bühnenbild von Nicola Minssen, der einen dreiteiligen Holztresen – oder ist es ein Altar? – quer über die Bühne und damit dämpfend vor das Orchester stellt. Dennoch ist „Sacre“ ein ästhetisch anspruchsvolles und ansprechendes Erlebnis, aber eher ein Vorspiel für den eigentlichen Höhepunkt des Abends: „Rendering“.
    Franz Schuberts zehnte und letzte Sinfonie, noch viel unvollendeter als die Unvollendete, aufgegriffen durch einen furchtlosen Komponisten des 20. Jahrhunderts – da ist eine märchenhafte, klassische Vertanzung beinahe wieder eine moderne Brechung. Weigert und Pelleg forderten und formten selten so viel herkömmliche Ballettschule, verpackt in die überraschenden Kostüme von Minssen. Inhaltlich haben sie die Geschichte „von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“, aufbereitet. Kopflose, Bucklige, Einäugige tanzen vor, die Körper der Compagnie dürfen sich ins Monströse tasten, und der, der auszog, charismatisch und ausdrucksstark von getanzt von Martin Schultz Kristensen, wundert sich nicht einmal. Im Duett mit MengTing Liu entstehen Spannung und wirkliche darstellerische Tiefe. Das Ergebnis ist Zuschauertheater, durchaus familienfreundlich, ohne banal zu werden. Bei dieser gelungenen Gratwanderung ist auch die Philharonie unter Judith Kubitz Teil der Seilschaft. Luciano Berios Ausdeutung von Schubert macht den Musikern und ihrer Chefin sichtlich Freude.
    Dieses Mal muss keiner sterben, auch das köstliche Monsterchen nicht, das Choreograf Dan Pelleg selbst tanzen lässt. Aber das ist nicht der Hauptgrund für den lang anhalten Beifall, den das Ensemble des Gerhart-Hauptmann-Theaters für Sacre mit in den Sommerabend nehmen durfte.
    Nächste Vorstellungen: 7., 8. und 9. Juli, jeweils 20 Uhr.


    SZ vom 26.06.2017
    Marcel Pochanke

    TANZ: iHome« - Boris Michael Gruhl - tanznetz

    UNSERE HEIMAT IST DIE NACKTE HAUT
    „iHome“ - das neue Tanzstück am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau


    Dan Pelleg und Marko E. Weigert haben diesen Abend zusammen mit ihrem Ensemble konzipiert. Die 13 Mitwirkenden kommen aus 12 Ländern und bringen vor allem die Erfahrung mit, was es bedeutet, an fernen Orten heimisch zu werden.

    Der Tanz gehört zum besonderen Profil des Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. Einst gab es hier eine Ballettkompanie, getanzt wurde vornehmlich klassisch und neoklassisch. Nach dem Tod des Chefchoreografen Franz Huyer 2005 führte Gundula Peuthert konsequent modernes Tanztheater auf.

    Seit 2010 wird die Kompanie von Dan Pelleg und Marko E. Weigert geleitet. Pelleg kommt aus Israel, wo er Tanz studierte, Weigert wurde an der Palucca Schule ausgebildet. Als Begründer der Berliner Wee Dance Company haben sie einen Namen in der Tanzwelt. Sie konnten den Tanz noch stärker etablieren, besonderen Anklang finden ihre Arbeiten beim jüngeren Publikum. Zudem erweist es sich als klug, dass sie durch ihre choreografische Mitarbeit auch Produktionen des Musiktheaters besondere Akzente geben. Thematisch sind sie oft am Puls der Zeit, so in ihrer Sicht auf ein klassisches Thema wie „Romeo und Julia“, stärker noch in „Die kleine Meerjungfrau“ mit der berührenden Tragik einer jungen Frau, die daran zerbricht, einsam und sprachlos unter Fremden zu sein. Das Eigene und das Fremde, die Heimat und das, was wir dafür halten, darum geht es auch in dem neuen Tanzstück mit dem Titel „iHome“.

    Dan Pelleg und Marko E. Weigert haben diesen Abend in Zusammenarbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern konzipiert und da bieten sich authentische Akzente dieser aktuellen Thematik an. Die 13 Mitwirkenden dieser Produktion kommen aus 12 Ländern, fast alle Erdteile sind vertreten. Sie bringen Lebens- und Kulturgeschichten mit und vor allem Erfahrungen, was es bedeutet, an fernen Orten heimisch zu werden, das Eigene nicht aufzugeben und sich dem Fremden zu öffnen. Vorausgesetzt ein solcher Prozess beruht auf Gegenseitigkeit und das Fremde, das Unbekannte wird nicht als Bedrohung des Eigenen verstanden. Daraus resultierende Konflikte und Alltagserfahrungen, um die es im Kontext gegenwärtiger Herausforderungen geht, nimmt diese neue Görlitzer Tanztheaterproduktion auf und das mitunter sehr direkt, manchmal auch zu direkt.

    Das beginnt schon damit, dass ein offensichtlich fremder Mann, als Straßenmusikant seine Zugehörigkeit demonstriert und auf seiner Geige das „Deutschlandlied“ kratzt, sich dazu zwei Tänzer recht gewaltsam miteinander verhalten, der Musikant dann mit hingeworfenem Kleingeld abgespeist wird. Dann wird eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne gebeten. Das ist natürlich inszeniert, sie trägt eine Burka. Der Moderator ist jovial, nach dem Motto: Haben Sie sich doch nicht so, hier kann jeder mitmachen, wir sind ganz offen, nur musst Du dich nach unseren Normen richten.

    Auf der Bühne von Markus Pysall steht ein großer Aufbau, ein Gebäude, viele Räume, ein Glashaus, da kann man hineinsehen, aber nicht jeder darf hinein. Wer es geschafft hat hineinzukommen, richtet sich ein, bringt die Zeichen seiner „Heimat“ mit: Teddybären, Kissen, Gardinen, Blumenkästen, Staubsauger, auch rituelle Gegenstände ferner Kulturen. So wird dieses Haus zur Festung oder sogar zum Gefängnis.

    Da üben sich zwei Frauen in fernöstlichen Bräuchen, mit Kimono und Teezeremonie. Es gibt einen Tanz, der an indische Klischees erinnert. Eine stürmende Touristengruppe ist scharf auf ein „Selfie“ mit der Frau in der Burka. Und immer wieder der oder die Einzelne und die Gruppe, und die kann dann schon mal zur Horde werden, die mit mächtigen Ghettoblastern auf den Schultern die Bühne stürmt: „Ausländer raus“!

    Mit der Auswahl der Musik und dem Sounddesign von Dan Pelleg sollen musikalisch und tänzerisch die unterschiedlichen „Heimatklänge“ thematisiert werden. Präsent sind vor allem Titel der polnischen Folkloregruppe „Dikanda“ mit eigenen Einflüssen, aber auch aus anderen östlichen Ländern, zudem aus dem Kurdischen und immer wieder aus dem Jiddischen. Es klingt mal fernöstlich, indisch, man vernimmt Klänge der Roma. Doch diese musikalische Heimatsuche birgt auch Gefahren. Der Tanz dazu kann ganz schnell aus- und abgrenzend werden, hier die Gruppe, da die Einzelnen. Hier das Haus mit gläsernen Scheiben, die da drinnen, die da draußen, für alle reicht der Platz nicht. Den eigenen Platz, die Grenzen gilt es zu verteidigen, auch mit Gewalt. Das Programmheft zitiert den bildenden Künstler Alexander Polzin, der auch mit dieser Kompanie schon gearbeitet hat. Er nennt solches Verhalten „Selektion“ und kommt zu dem Schluss: „Das Prinzip Auschwitz umgibt uns nach wie vor.“

    Mutig und engagiert stellen sich die Tänzerinnen und Tänzer mit den unterschiedlichen Mitteln ihrer Bewegungssprache dieser Provokation, was auch gelingt, wenn sie nicht dem Fehler verfallen, eine missverständliche Folklore-Show abzuliefern, oder wenn etwa eine Parade mit geschwungenen Nationalfahnen ein bisschen zu sehr wie die berühmte Faust aufs Auge passt.

    Eine der stärksten Szenen dürfte jene sein, in der eigentlich gar nicht getanzt wird. Wieder diese Frau in der Burka. Eine Stimme aus dem Off, ganz freundlich - so nach der Methode: „Na siehst Du, das geht doch, ist doch ganz leicht...“ - bringt sie dazu, sich gänzlich nackt zu machen. Allein dieser Vorgang ist erschütternd. Und wenn sie dann ihre nackte Haut rettet, dann wird dieser mitunter etwas revueartige Heimatabend doch existenziell. Letztlich ist Heimat nicht der so oft besungene Heimatkitsch: „Unsere Heimat, das sind nicht nur...“. Nein, es ist die nackte Haut, die können wir unter noch so vielen Hüllen verbergen, verstecken, doch wenn es darauf ankommt, gilt es, sie zu retten und eine Entscheidung darüber zu fällen, wann das Haus voll ist, wer das bestimmt und wer den Einlass reguliert. Oder müssen wir diese ganzen Heimatträume begraben, wie es ein Bild am Ende des Abends dieser Görlitzer Heimat-Traum-Tänzer andeutet? Wenn nämlich vor dem Glashaus all diese Behaglichkeitsaccessoires wie Grabschmuck drapiert werden mit flackernden Gedenkkerzen vor Teddybären.

    So fehlt es diesem am Ende vom Publikum mit großer Zustimmung aufgenommenen Tanztheaterabend nicht an assoziativen Bildern. Die stehen mitunter im Gegensatz zur tänzerischen Direktheit. Es sei denn, sie erfährt die Kraft individueller Präsenz und und wird mit überzeugendem, technischem Anspruch getanzt, wie beispielsweise von Jeremy Detscher, Absolvent der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden, und ganz neu, hoffentlich nicht fremd, in der Tanzkompanie des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau.
    Boris Michael Gruhl
    Tanznetz
    13.03.2017
    Foto: Pawel Sosnowski

    TANZ: iHome« - Ute Grundmann - Die Deutsche Bühne

    Zu Hause, ein Glashaus

    Sie tanzen gegen Glaswände. Mal strecken sie sich drinnen, als hätten sie schon ein Zuhause gefunden. Andere schlagen oder treten von außen, als suchten sie im Glashaus eine Zuflucht, eine Heimat vielleicht. Dieses große, silbrige Gestänge mit (Fenster-)Scheiben darin (Ausstattung: Marks Pysall) dominiert die Bühne im Theater Görlitz, wo Dan Pelleg und Marko E. Weigert, die Leiter der Company, ihr neues Tanzstück zur Premiere brachten.

    „iHome“ stellt viele Fragen: Was und wo ist Heimat, wie verbindet, verbündet man sich mit anderen Menschen, wann muss man kämpfen, ist ein neuer Ort nur eine Zuflucht oder schon Heimat? Beantwortet werden diese Fragen tänzerisch und mit viel Musik von der polnischen Folkgruppe "Dikanda" mit bald melancholischen, bald rasanten Klezmer-ähnlichen Tönen und Gesängen. Mal erklingt auch das Fallen eines Groschens oder ein Akkordeon tupft Akzente. Dazu bewegen sich die Tänzer, allein oder zu zweit, im Innern des Glashauses in Boxen, durch die man hindurchgehen kann, ein Einzelner tanzt davor, langsamer als der Rhythmus der Musik, die ebenso wie die Bewegungen immer schneller wird.

    Solche Szenen haben Dan Pelleg und Marko E. Weigert zusammen mit der Company entwickelt, die ihre Erfahrungen mit „iHome“ eingebracht hat. Weigert hat außerdem das Lichtdesign (von Kerzenschimmer bis zu blitzenden Lichtreflexen auf den Scheiben) beigesteuert, Pelleg das Sounddesign. So tragen fünf Männer mit Turbanen und weiten Hosen zwei Haremsdamen herein, ein orientalischer Tanz beginnt, bis die Frauen das Haus betreten. Dort verwandeln sie sich in Frauen im Kimono, tanzen mit Trippelschritten, aber auch markant-eckigen Bewegungen. Das Glashaus wird mit Kissen, Teddybären, Blumenkästen wohnlich gemacht, am Ende wieder leergeräumt und die Dinge zum Altar aufgebaut.

    Da gibt es die Menschenmauer, gegen die ein Einzelner anrennt und weggestoßen wird, er springt dagegen an, die Mauer öffnet sich kurz, schließt ihn aber wieder aus. Immer wieder stützen die Figuren sich oder greifen an, Paare finden und trennen sich wieder, es verknoten und verknäueln sich die Körper. Das sind prägnante Bilder vom Gegen- und Miteinander und von der Viel-Völker-Welt in diesem 100-Minuten-Abend. Doch einiges macht auch ratlos: Da wird eine vollverschleierte Frau aus der ersten Reihe auf die Bühne geholt, ein Mann zerrt an ihrer Burka, als sie sich wert, wird sie von der Bühne „Raus!“-gebrüllt. Später bringt eine schmeichelnde Männerstimme aus dem Off eine Frau dazu, nicht nur die Burka, sondern auch alles andere abzulegen, nackt kraftvoll zu tanzen, bis eine Burka-Gruppe die Bühne beherrscht. Da bleibt der Bezug zum selbstgestellten Thema eher unklar, eine Szene mit lauter Ausländerwitzen ist schlicht überflüssig. Und wenn alle Tänzer ihre Nationalhymnen durcheinander singen, dann Fahnen streng choreografiert schwenken, ergibt das eine schöne Szene des „Alle Menschen werden Brüder“. Die aber auch, wie einiges an diesem Abend („Ausländer raus!“-Rufe aus Ghettoblastern) in den sonst atmosphärisch-dichten Tanzszenen sehr plakativ wirkt.

    Ute Grundmann
    Deutsche Bühne

    KONZERT

    KONZERT: »Farben« — Uwe Jordan — Sächsische Zeitung

    Meisterlicher Auftakt für farbreiches Finale

    Die Neue Lausitzer Philharmonie bringt in Hoyerswerda einen brillanten Ottorino Respighi auf die Konzert-Bühne.


    „Farben“ war das 5. Philharmonische Konzert der Neuen Lausitzer Philharmonie in dieser Saison betitelt, und farbig war es in der Tat – von warmen, satten Tönen über seltsam fahl bleibende Schatten bis hin zu grellen Streiflichtern und einem strahlenden Finale.

    In Hoyerswerda gab’s den letzten von fünf Aufführungsterminen. Man durfte also ein gut eingespieltes Ensemble erwarten. Die Philharmoniker unter dem Gastdirigat von Florian Krumpöck erwiesen sich einmal mehr als Orchester mit hoch differenziertem Klang zwischen fast gehauchten Solo-Stimmen und gewaltigem Tutti.

    Ottorino Respighi gehört zu den Lieblingskomponisten des Autors. Besonders das dreiteilige „Antiche danze ed arie“, „Alte Arien und Tänze“, ist ein Kleinod, ein Meisterwerk. Die Neue Lausitzer Philharmonie eröffnete ihr Konzert mit der Suite Nr. 1 daraus. Was Respighi mit Orchestrierung und freier Bearbeitung aus den zum Teil fast ein halbes Jahrtausend alten Stücken gezaubert hat, ist genial. Schwelgerische Fülle des Wohlklangs, ohne jedoch je das rechte Maß zu verlieren: Feierlich, schwermütig, tänzerisch, verspielt, jubelnd, sinnenfroh, sinnend – alle diese farbigen Nuancen der Komposition erschloss die Philharmonie. Da nun vorerst keine Möglichkeit mehr besteht, das Stück im Saal zu hören, empfehle ich die vorzügliche Aufnahme der „Antiche danze ...“ durch die Sinfonia 21 unter Richard Hickox, erschienen bei Chandos.

    Orientalisch-originell
    Das Konzert setzte fort mit Benjamin Brittens „Les Illuminations“. Die zehn Lieder, vertonte Arthur-Rimbaud-Gedichte, blieben etwas blass. Tenor Thembi Nkosi hatte in den dramatischen Partien hörbar gegen das selbstbewusste Orchester zu kämpfen.

    Nach der Pause folgte Jacques Iberts „Symphonie Marine“: vertrackt-verquer, sehr präzise und humorvoll dargeboten. Zum Kehraus gab’s Maurice Ravels „Märchen“, „Ma Mère l’Oye“, bei der „Die Schöne und das Biest“ sich fanden, jedoch die Krone der „Kaiserin der Pagoden“ gebührte: orientalisch gewürzt mit originellem Schlagwerk und sehr feinem Klang. Stimmiger Ausklang eines Abends, dessen schönste Farben sich aber schon zu Beginn entfalteten.

    Uwe Jordan
    Sächsische Zeitung
    10.03.2017

    KONZERT: »Requiem« — Jens Daniel Schubert — Sächsische Zeitung

    Eine Messe fast wie eine Oper

    Die Neue Lausitzer Philharmonie meistert in ihrer Jubiläumssaison Verdis großes Requiem mit beeindruckenden Klängen.


    Fünf Chöre hat die Neue Lausitzer Philharmonie als Mitwirkende ihres 2. Philharmonischen Konzertes verpflichtet. Nach dem Festkonzert zum Spielzeitbeginn bot es gleich den zweiten Höhepunkt der Jubiläumssaison zum 20-jährigen Bestehen des Orchesters: Verdis „Requiem“. Diese Komposition ist ein Ausnahmewerk, große Oper für ein einziges Gebet mit vielen Facetten, das den Toten gewidmet ist und die Lebenden aufrüttelt, mahnt, tröstet. Verdi findet in den lateinischen Texten der Totenmesse alles, was Menschen bewegt. Freude und Trauer, Verzweiflung und Hoffnung, dramatische Ausbrüche und lyrische Betrachtungen. Als Opernkomponist gießt er diese in eine eindrucksvolle, vielschichtige und mitreißende Musik. Mit fast 90 Minuten Aufführungsdauer und großer Orchesterbesetzung sprengt das Werk jeden liturgischen Rahmen.

    Chefdirigent Andrea Sanguineti am Pult hat das Requiem durchdrungen, folgt den Text interpretierenden Gestaltungsweisen der Komposition genau. Ohne auf übertriebene und äußerliche Effekte zu setzen, leuchtet der Klangkörper die Farben aus, setzt Impulse, bedient Gefühle und schwingt sich immer neu zu mitreißender Dramatik auf. Dazu kommt ein Solistenquartett, das die enormen Anforderungen der großen Partien souverän meistert.

    Patricia Bänsch entfaltete tragfähige Kraft, sich über Chor und Orchester und in den Ensembles zu behaupten, und konnte im Piano mit schönem Klang für sich einnehmen. Lena Belkina ist eine Mezzosopranistin mit dunkler, voller Stimme, die ihrem Gesang viel Seele und tiefes Gefühl mitgibt. Als Tenor war Paolo Lardizzone mit heller, durchdringender Stimme und geradliniger Gestaltung zu erleben. An seiner Seite stand Tobias Schnabel, der den Basspart überlegen, mit profunder Tiefe und weichem Klang in den weniger exponierten Lagen gestaltete. Frappierend war, wie sich die in den solistischen Passagen so unterschiedlich gefärbten Stimmen zu einem homogenen Ensemble fanden. Insbesondere das „Lacrymosa – Pie Jesu“ bleibt in Erinnerung. Das tatsächlich zusammengewachsene große Chor-Ensemble überzeugte mit Wucht beim „Dies irae“, schaffte satten, aber nicht vordergründigen Klang und ließ sich auch bei kniffligen Fugen wie im „Sanctus“ nicht verunsichern. Im Bautzener Theater hielt die Stille nach dem Schlusston lange an, der Beifall begann zu rückhaltend, wollte dann aber nicht enden, gekrönt von Bravos.

    Jens Daniel Schubert
    Sächsische Zeitung
    25.10.2016
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