Léo Delibes’ Ballettklassiker Coppélia oder Das Mädchen mit den Glasaugen aus dem Jahr 1870 erzählt die Geschichte von Franz, der sich in Coppélia verliebt. Franz weiß nicht, dass sie eine mechanische Puppe des Erfinders Dr. Coppélius ist. Wie die anderen Bewohner des Dorfes hält er sie für einen Menschen. Erst Franz’ Verlobte Swanilda deckt die Wahrheit auf, verkleidet sich selbst als Coppélia und führt Franz damit vor Augen, dass echte Liebe wichtiger ist als perfekte Illusion.
Wagner Moreira setzt Coppélia neu zusammen: Zwischen Clubkultur, Orchesterklang und Urban Dance entsteht ein vibrierender Hybrid aus zeitgenössischem Tanz, klassischem Ballett und
mechanischen Bewegungswelten. Im Zentrum des Abends stehen Figuren jenseits normativer Zuschreibungen: ein autistischer Erfinder, der durch Rhythmus statt mit Sprache kommuniziert, eine Puppe, die menschliche Bewegungen perfekt nachzuahmen vermag, und ein Paar, dessen Liebe einer schweren Prüfung unterzogen wird. Mensch und Maschine, Schöpfung und Projektion, Imperfektion und Liebe geraten in ein poetisches Spannungsfeld.
Aus Delibes’ Musik wird ein Soundraum aus Orchestermusik, DJ, Gitarre und Schlagzeug. Bühne und Körper verwandeln sich in ein Labor für Identität, Autonomie und Utopie.
Die Choreografie bewegt sich zwischen präziser Wiederholung und organischer Bewegung, zwischen Struktur und Auflösung. So entsteht ein sinnlich-politischer Tanzabend über die Schönheit des Unvollkommenen – und die Freiheit, sich selbst neu zu erfinden.
Was bedeutet es heute, menschlich zu sein – in einer Welt, die zunehmend von Mechanismen, Projektionen und normierten Bildern geprägt ist?